Wiedner Hauptstraße 56: Neues Haus mit fader Fassade

Die Wiedner Hauptstraße ist bekannt für ihre historischen Gebäude. Jetzt wird hier ein Neubau errichtet – aber mit erstaunlich unambitionierter Architektur. Dabei sind die Wohnungen alles andere als günstig. Beispielsweise kostet eine Wohnung mit 58 m² mehr als eine halbe Million Euro.

Das ist kein Einzelfall. Denn viele Bauträger und Architekten in Wien schaffen es wieder und wieder nicht, langfristig attraktive neue Häuser zu bauen. Was ist los mit dem freifinanzierten Wohnbau in Wien?

So wird der Neubau in der Wiedner Hauptstraße 56 aussehen. (Foto: Werbeplakat auf der Baustelle, 2022)

Neubau ersetzt 80er-Jahre-Bürohaus

An der Adresse stand zuvor ein Bürohaus der Baufirma Swietelsky, errichtet in den 1980er-Jahren:

Bürohaus von Swietelsky in der Wiedner Hauptstraße
Wiedner Hauptstraße 56: Bürohaus aus den 1980ern (Foto: 1997, MA 19/Stadt Wien)

Im Sommer 2022 wurde das Gebäude abgerissen. Aus ästhetischer Sicht sicherlich kein Verlust. Aber doch stellt sich die Frage, ob es in Bezug auf Ressourcen wirklich sinnvoll ist, ein erst rund vierzig Jahre altes Gebäude schon wieder abzureißen. Einen Öko-Stempel wird sich der Neubau also eher nicht verdient haben.

Bürohaus von Swietelsky in der Wiedner Hauptstraße wird abgerissen, Bagger
Wiedner Hauptstraße 56 : Im Juni 2022 wurde das Bürohaus abgerissen.

Einzigartiges historisches Umfeld

Mit dem Abriss hat sich eine seltene Chance aufgetan: An die Stelle des Bürohauses hätte ein hochwertig gestaltetes Wohnhaus mit spannender neuer Architektur treten können. Doch die Pläne sehen etwas anders aus. Das verwundert, denn das unmittelbare Umfeld strotzt nur so vor interessanten Altbauten. Viele Häuser in der Nähe sind sogar deutlich älter als die sonst in Wien so prägende Gründerzeit. Das hat Seltenheitswert. Sollte schöne alte Architektur nicht dazu anregend, auch neu entsprechend schön zu bauen?

Neubau à la 1960er

Bei der Gestaltung des Neubaus ist das Umfeld offenbar völlig unberücksichtigt geblieben. Das ist baurechtlich einwandfrei, denn in Wien gibt es keinen Gestaltungsbeirat, der Neubauentwürfe prüft und Änderungen in Bauplänen einfordern kann. Außerdem sind gestalterische Vorgaben für Neubauten nicht einmal im Ansatz vorgesehen, etwa hinsichtlich Fensterachsen, Fassadenmaterial und der Ausgestaltung der Erdgeschoßzon. Vereinfacht gesagt: In Wien ist bei der Gestaltung von Neubauten fast alles erlaubt. Das einzige, was die Stadt einfordert, ist die Errichtung von Garagenplätzen.

Als Bauträger des Neubaus fungiert die Firma Swietelsky, die ihr Neubauprojekt „Ein Wiedner“ getauft hat. Auf der Webseite des Projekts ist zu lesen:

Ein Wiedner repräsentiert moderne Architektur. Ein Gebäude so einzigartig wie Wieden. Hinter der Fassade zeigt sich auf der Wiedner Hauptstraße ein besonderer Charakter. Ein Neubau mit hohem Anspruch an Wohnen und Leben (…) Die Fassade mit ihren klaren, kubischen Formen ist selbst im bewegten Stadtbild auf der Wieden ein Blickfang.

Werbeplakat des Neubaus in der Wiedner Hauptstraße 56, Baustelle
Wiedner Hauptstraße 56 vor Baubeginn (Foto: 2022)

Teure Wohnungen - schlichte Architektur

Günstig werden die Wohnungen nicht. Anderes wäre bei dieser Lage aber ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Eine 58 m² Wohnung gibt es um mehr als eine halbe Million Euro. Für 92 m² sind es dann schon zwischen 800.000 Euro und über 900.000 Euro – je nach Stockwerk.

Angesichts dieser Preise verwundert die Architektur um so mehr. Die Fenster sind im Stil der 1980er-Jahre gehalten, der breite Erker erinnert an die 1960er. Das Ergebnis wird keine Bausünde. Aber es könnte doch so viel interessanter sein.

Das Beispiel zeigt auch eine auf den ersten Blick unlogische Tendenz: Gebäude mit leistbaren Wohnungen (Genossenschafts- und Gemeindebauten) sind oftmals architektonisch durchdachter als freifinanzierte Neubauten. Denn private Bauträger wollen die Wohnungen oft nur rasch verkaufen, sodass weniger Wert auf hochwertige Gestaltung gelegt wird. Der Neubau in der Wiedner Hauptstraße ist dabei nur ein Beispiel unter vielen (siehe auch Mariahilfer Gürtel 7Rechte Wienzeile 229, Gudrunstraße 1, Graf-Starhemberg-Gasse 14).

Werbeplakat des Neubaus in der Wiedner Hauptstraße 56, "Hier entstehen hochwertige Eigentumswohnungen"
Hochwertige Eigentumswohnungen in "fadem Neubau"? (Foto: 2022)

Wie soll ein Haus aussehen?

WienSchauen berichtet regelmäßig über unattraktive Neubauarchitektur. Die große Frage ist aber: Wie lässt sich ein Gebäude bauen, das zur Umgebung passt, in sich stimmig ist und auch noch in vielen Jahrzehnten die Stadt bereichert?

Aus der Fülle an kreativen Lösungsmöglichkeiten, Zugängen und Traditionen sollen hier einige wenige herausgepickt werden. Mehr wäre im Kontext eines kurzen Artikels ohnehin utopisch. Die folgenden Beispiele sind übrigens absichtlich keine bekannten Gebäude und auch keine Werke von Star-Architekten. Denn einige wenige „High-End-Gebäude“ machen eine Stadt nicht aus – entscheidend ist vielmehr der Durchschnitt.

Alt und "Neu" in Mailand (1960er)

Wie kann sich ein Neubau in eine ältere Umgebung einfügen, ohne dass es zu einem störenden Bruch kommt, der später womöglich noch das Attribut der Bausünde bekommt? Ein Beispiel aus Italien: In einer alten Häuserzeile im Stadtzentrum von Mailand wurde Ende der 1960er-Jahre ein Hotelneubau errichtet. Das Gebäude setzt sich deutlich von den älteren Häusern ab, ohne aber die Harmonie zu brechen. Das gelingt durch die Anpassung an das Farbschema der Umgebung, die Verwendung hochwertiger Fassadenbaustoffe (Stein), einen strengen Fensterraster, eine hervorgehobene Sockelzone und großzügige Geschoßhöhen.

Häuserzeile in Mailand, alte Häuser
Via Agostino Bertani 10 in Mailand/Italien: geplant/erbaut 1965-1970, Architekt: Giulio Minoletti (Foto: 2022)

Maximale Rücksicht im 1. Bezirk (1950er)

Anstatt sich mit aller Kraft vom Altbestand abzuwenden, kann in historisch sensiblen Umgebungen auch mit großer Rücksichtnahme neu gebaut werden. In der Nachkriegsarchitektur wurde das etwa in der Judengasse beim Hohen Markt praktiziert. Der Neubau erinnert äußerlich an die Biedermeierzeit.

Mailand: Neu bauen mit alten Ansätzen (2008)

In einer kleinen Gasse in Mailand (Italien) steht eine Wohnhausanlage, deren Gestaltung an die italienische Architektur vor dem Historismus erinnert. Die Fenster haben zudem eingebaute Fensterläden (Sonnenschutz!), die sich an Vorbildern aus der Jahrhundertwende orientieren.

Wohnhausanlage in Mailand
Via Magolfa 5 in Mailand/Italien: erbaut 2008 (Foto: 2022)

Brügge: Alt und Neu kombiniert (ca. 2015)

Das Hotel in der belgischen Stadt Brügge ist eine heitere Mixtur unterschiedlicher Elemente: Der spitze Giebel verweist auf die spätmittelalterlichen Häusern des Stadtzentrums. Die Fassade ist aus weißem Backstein (am Foto nur bedingt sichtbar), wie in Flandern gängig. Die Fenster sind – auch wenn der Schein trügt – komplett regelmäßig angeordnet. Das augenfälligste zeitgenössische Element sind die rostmetallenen Rahmen.

Ezelstraat 42 in Brügge/Belgien: Hotel, erbaut ca. 2015 (Foto: 2013, Kris Jacobs, VISITFLANDERS, CC BY-NC-ND 2.0)

Klinkerkunst im 3. Bezirk (2018)

Nach dem Abriss des alten Jugendgerichtshofs wurde eine große Wohnhausanlage mit Klinkerfassade nahe dem Kardinal-Nagl-Platz errichtet. Die Fassade ist mit Balkonen, verschieden großen Fenstern und Vor- und Rücksprüngen in der Fassadenfront gegliedert. Das Erdgeschoß ist durch speziell angeordnete Klinkersteine hervorgehoben.

Rüdengasse 7-9, Neubau mit Klinkerfassade und Balkonen, Wien-Landstraße
Auch so kann ein Neubau aussehen: Klinkerfassade, Symmetrie, große Fenster (Foto: Rüdengasse 7-9)

Hochwertig bauen in Utrecht (um 2017)

Die nächsten zwei Fotos sind aus einem Neubaugebiet in Utrecht (Niederlande). Alle Wohnhäuser im Leidsche Rijn Centrum zeichnen sich durch abwechslungsreiche Fassaden aus, fast durchgehend mit Sichtziegeln ausgeführt. Die Erdgeschoßzonen dienen teilweise als Geschäftsflächen.

Wiener Postmoderne (1980er)

Die 80er-Jahre genießen in der Architektur oftmals nicht den allerbesten Ruf – zumindest wenn es um einfache Wohn- und Bürohäuser geht. Aber einige Gebäude haben den Test der Zeit sicherlich bestanden. So wie dieser geradezu fröhliche Gemeindebau im 7. Bezirk, der durch Symmetrie und ein weit hervorkragendes Gesims auffällt.

Wohnhaus im Stil der Postmoderne in Wien
Schottenfeldgasse 37: erbaut 1987-1989, Architektin: Libuse Partyka (Foto: 2021)

Material und Form in Italien (20. und 21. Jahrhundert)

Mit dem Verschwinden des traditionellen Dekors hat die Materialwahl an Bedeutung gewonnen. Wie ohne Fassadenschmuck attraktiv gebaut werden kann, ist in der italienischen Architektur der 1920er bis 1950er gut zu sehen. Die ersten zwei Fotos sind aus Mailand, Fotos Nr. 3 und 4 aus Treviso (nahe Venedig).

Der geschickte Umgang mit Proportionen ist auch bei diesen Wohnhäusern gut zu erkennen:

Hochwertige Materialien und eine interessante Form finden sich auch bei diesem im Jahr 2000 errichteten Gebäude in Mailand. Eine konvexe Mitte mit Holzelementen umschlossen von einem Steinrahmen mit rationalistischen(?) Formen:

Gebäude in Mailand
Largo la Foppa 2 in Mailand/Italien: erbaut 2000 (Foto: 2022)

Die Fassaden dieser 2020 erbauten Wohnhausanlage in Treviso zeichnen sich durch eine Mischung aus Klinker, Putz und Metall aus:

Viale Cesare Battisti 41 in Treviso/Italien, erbaut 2020, Architekt: Francesco Zalunardo (Foto: 2021)

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im November/Dezember 2020.)

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Fotos

  • Leidsche Rijn Centrum (2019, 2020): Nanda Sluijsmans, CC BY-SA 2.0
  • Ezelstraat 42 (2013): Kris Jacobs, VISITFLANDERS, CC BY-NC-ND 2.0

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