Augen zu und bauen

Am Mariahilfer Gürtel 7 im 15. Bezirk wird seit 2020 ein Neubau hochgezogen. Die Umgebung ist mehrheitlich von Gründerzeithäusern geprägt, direkt gegenüber ist die von Otto Wagner entworfene U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße. Die Visualisierung des Neubaus lässt schon erahnen: Das Haus wird in starkem Kontrast zu seiner Umgebung stehen.

Für die äußere Gestalt von Gebäuden gibt die Stadt Wien keinerlei Rahmenbedingungen vor. Auch nicht bei Neubauten in historisch gewachsenen Gebieten oder in Schutzzonen. Ist es an der Zeit, diese Haltung zu überdenken und die Bauordnung zu reformieren?

Visualisierung eines Neubaus, Plakat, Baustelle, Mariahilfer Gürtel
So soll der Neubau am Mariahilfer Gürtel 7 im 15. Bezirk aussehen. (Foto: Baustellenplakat, 2021)

Abriss als Chance

WienSchauen berichtet häufig über erhaltenswerte Altbauten, die trotz hoher Bedeutung für das Stadtbild abgerissen worden sind. Am Mariahilfer Gürtel 7 ist das sicherlich nicht der Fall gewesen. Das Vorgängerhaus war zwar ein Gründerzeithaus – doch ein schlecht erhaltenes und gänzlich ohne Dekor. Der Abbruch solcher Gebäude bietet die Gelegenheit, neuen Wohnraum zu schaffen und das Stadtbild nachhaltig aufzuwerten. Ob letzteres auch am Mariahilfer Gürtel gelingt?

Mariahilfer Gürtel, 15. Bezirk, Wien
Der Altbau an der Ecke Clementinengasse/Gürtel wurde abgerissen. (Foto: 1998, MA 19/Stadt Wien)

Neubau bringt mehr Stockwerke

Für sich genommen gibt das Grundstück am Mariahilfer Gürtel viel her, denn es gilt eine hohe Bauklasse (viel höher als der abgerissene Altbau). Der Abriss war also vonseiten der Behörden und der Politiker, die den Flächenwidmungsplan beschlossen hatten, zumindest indirekt gewünscht.

Dass der Bauplatz nun vom hier tätigen Unternehmen so gut als möglich ausgereizt wird, ist aus wirtschaftlicher Sicht natürlich verständlich und per se auch kein Problem. Bis zu acht Geschoße wird der Neubau hoch werden. In Summe also deutlich mehr vermarktbare Fläche als bei den Häusern in der näheren Umgebung

Maximale Kontraste am Mariahilfer Gürtel

In der Frage der äußeren Gestaltung haben sich Entwickler und Architekten für ein veritables Kontrastprogramm entschieden. Wird der Neubau nur annähernd so, wie es das Werbeplakat verspricht, dann ist harmonische Einpassung nicht das Ziel gewesen. Zwischen ein schlichtes Gründerzeithaus mit fehlendem Dekor und eine Reihe kunstvoll geschmückter Gebäude wird ein Neubau gesetzt, der keinen Bezug zur Umgebung aufweist.

Die Fotostrecke unten zeigt, wo sich das neue Gebäude einfügen wird.

Der Neubau zeichnet sich durch angedeutete Fensterbänder, weiße und graue Farbflächen und eine gestaffelte Gebäudehöhe aus, die an der Ecke zum Gürtel ihren höchsten Punkt erreicht. Weder die Akzentuierung der Ecke, noch die Farben, noch die Anordnung der Fenster, noch die Geschosszahlen, noch die Staffelung der Gebäudehöhen, noch die Dachform sind mit Bezug auf die Umgebung entworfen. Rein rechtlich gesehen ist das natürlich auch nicht nötig.

Visualisierung eines Neubaus, Plakat, Baustelle, Mariahilfer Gürtel
Mariahilfer Gürtel 7/Clementinengasse 1: Visualisierung des Neubaus auf der Baustelle (Foto: 2021)

Stadt Wien: Keine Vorgaben für Neubau-Architektur

Mangels gesetzlicher Grundlagen und transparenter Genehmigungsverfahren ist der Einfluss der Behörden auf die Gestaltung von Neubauten nur sehr begrenzt. Der Gesetzgeber lässt Eigentümern bei der äußeren Gestaltung weitgehend freie Bahn, Rahmenbedingungen für das Bauen in historischer Umgebung gibt es nicht. Auch nicht in Schutzzonen. Was auf den ersten Blick nach Freiheit, Vielfalt und Innovation klingt, erweist sich in der Praxis allerdings nicht selten als das Gegenteil (siehe Beispiele).

Schuldzuweisungen an die Magistrate – zuständig ist die Abteilung für Architektur und Stadtgestaltung – führen also weitgehend ins Leere. Wie sollen die Behörden effektiv eingreifen, wenn die Bauordnung bloß dem Prinzip Laissez-faire folgt? Überdies hat Wien nicht einmal einen Gestaltungsbeirat, der transparent und unabhängig Neubaupläne prüfen und Änderungen einfordern kann.

Was würde Otto Wagner sagen?

Der Neubau am Mariahilfer Gürtel steht nicht nur zwischen teils besser, teils schlechter erhaltenen Gründerzeithäusern. Er steht auch schräg gegenüber der historischen Station Gumpendorfer Straße. Die von Otto Wagner und seinem Büro entworfene Station ist eine unbestrittene Meisterleistung der protomodernen Architektur. Jugendstil und technoide Gestaltung sind bei der ganzen Stadtbahn (heute: Teile von U4 und U6) in kunstvoller Weise vereint.

Stadtbahn Haltestelle Gumpendorfer Straße, Otto Wagner, Zeichnung
Station Gumpendorferstraße (Otto Wagner: Einige Skizzen, Projekte und ausgeführte Bauwerke, Bd. 3, Heft 1, 1899)

Trasse und Stationen stehen auch unter Denkmalschutz. Der Denkmalschutz hat jedoch keinerlei Auswirkungen auf das Umfeld, denn auch in der Nähe von denkmalgeschützten Gebäuden darf ohne gestalterische Einschränkungen neu gebaut werden. Einen Gebietsschutz, der dem Denkmalamt ein Mitspracherecht bei Neubauten im Umfeld von Denkmälern einräumt, gibt es nicht.

Wie wird das neue Gebäude wirken?

Noch steht das neue Gebäude an der Ecke Gürtel/Clementinengasse nicht. Noch lässt sich seine Wirkung auf die Umgebung nur erahnen. Vielleicht wird es auch noch Änderungen im Vergleich zu den Visualisierungen geben?

WienSchauen wird den Baufortschritt begleiten und von Zeit zu Zeit neue Fotos liefern.

Gürtel: Die unterschätzte Straße

Der Gürtel hat keinen besonders guten Ruf. Die verkehrsreiche Straße, die jahrzehntelang und mitunter noch heute das Rotlichtviertel der Stadt beherbergt(e), fungiert als scharfe Trennlinie zwischen den inneren und äußeren Bezirken. Zehntausende Autos brettern Tag für Tag nur wenige Meter von den Fenstern der Anwohner entfernt über die mehr als 13 Kilometer lange Verkehrsader. Auch am bis zu fünf Spuren breiten Mariahilfer und Gumpendorfer Gürtel sind Verkehrsbelastung und Lärmpegel extrem hoch.

Im Gegensatz dazu steht die teilweise hohe Qualität der Bebauung: Historismus und Jugendstil sind immer noch vorherrschend. Auch wenn etliche Häuser schon renoviert worden sind (z. B. Mariahilfer Gürtel 1), befinden sich einige Altbauten in sanierungsbedürftigem Zustand. Die Stadt Wien muss sich um diese Häuser kümmern und Eigentümer bei Sanierungsmaßnahmen unterstützen.

Auch Schutzzonen gegen Abrisse gibt es am Gürtel nahezu keine. Die fehlenden Schutzzonen sind auch ein Grund dafür, warum 2018 ein prachtvolles Historismus-Gebäude am Mariahilfer Gürtel 33, nahe Westbahnhof, abgerissen werden durfte.

Hier einige Impressionen vom Gürtel im südlichen 15. Bezirk:

Bauen im Bestand: Die Architektur der Brüche

Werden in gewachsener oder gar historisch bedeutender Umgebung neue Häuser gebaut, ist besonderes Feingefühl gefragt. Manche Gebäude stehen mitunter Jahrhunderte und so ist jeder Eingriff in ein bestehendes städtisches Gefüge mit einem Risiko verbunden – aber auch mit einer Chance.

Die Grundfragen sind: Handelt es sich um ein Wohnhaus mit einigermaßen leistbaren Wohnungen oder um ein bloßes Anlageobjekt mit Zweiwohnsitzen oder touristischer Kurzzeitvermietung? Hat das neue Gebäude eine nutzungsneutrale Erdgeschoßzone (für Geschäfte, Lokale, Ateliers etc.) oder verschließt es sich gegen das Umfeld?

Zur Ästhetik: Beim Entwurf eines neuen Gebäudes muss auch genau abgewogen werden, wie Alt und Neu zusammenpassen, wie sich frische Akzente in die gewachsene Umgebung einfügen und inwieweit auch mit den Mitteln der zeitgenössischen Architektur eine Anpassung an das Umfeld möglich ist. Ganz bewusste Stilbrüche gelingen vereinzelt (z. B. das Haas-Haus am Stephansplatz), der Normalfall ist das jedoch nicht.

Die Fotostrecke unten zeigt einige Beispiele dafür, wie sich neue Gebäude in das Wiener Stadtbild einfügen. Im Fokus sind typische Wohngegenden und durchschnittliche Lagen. Denn abseits prominenter Stadtviertel und Neubauprojekte (Universitäten, hochpreisige Wohnhäuser, z. T. Stadtentwicklungsgebiete) wird viel deutlicher, in welche Richtung es mit dem Wiener Stadtbild geht.

Gesetzesreformen nötig

Wie könnte die Wiener Baukultur nachhaltig gehoben werden? Dieses umfassende Thema kann hier nur ganz kurz angerissen werden:

  • Auf der einen Seite kann die Stadt Wien aktiv werden, indem gestalterische Rahmenbedingungen für Neubauten in gewachsenen und schützenswerten Umgebungen definiert und gesetzlich verankert werden.
  • Ein unabhängiger und transparenter Gestaltungsbeirat kann geschaffen werden, um verträgliche Gestaltung sicherzustellen.
  • Auch teure Vorschriften wie die verpflichtende Errichtung von Garagenplätzen können liberalisiert oder gestrichen werden, um so im besten Fall Investitionen in hochwertige Gestaltung zu fördern.
  • Für die Erdgeschoßzonen können Mindestraumhöhen und Nutzungsoffenheit festgeschrieben werden.

Brauchen wir eine Renaissance der "alten Moderne"?

Auch von Entwicklern und Architekten kann eine Initiative ausgehen. Hochwertige Neubauarchitektur sollte immerhin auch im Interesse von Privatwirtschaft und Eigentümern liegen. Doch an welche Traditionen ließe sich in puncto äußere Gestaltung anschließen?

Interessant ist einmal mehr Otto Wagner. Aus seinem Werk „Moderne Architektur“ (1895):

Die grandiosen Fortschritte der Kultur werden uns deutlich weisen, was wir von den Alten lernen, was wir lassen sollen, und der eingeschlagene richtige Weg wird uns sicher zu dem Ziele führen, Neues, Schönes zu schaffen.

Wagner baute für die damalige Zeit ausgesprochen „modern“, praktizierte aber nie einen vollkommenen Bruch mit der Vergangenheit. Selbst in seinem Spätwerk nutzte er noch traditionelle Gestaltungsmittel und Ornamente, aber in sehr freier und reduzierter Weise (PostsparkasseNeustiftgasse 40).

Ähnlich verfuhr auch Adolf Loos mit seinem Haus am Michaelerplatz. Im Erdgeschoß wird das markante Gebäude von griechischen Säulen gestützt (oder geschmückt?). In den Obergeschoßen ist die Fassade klassisch verputzt und – fast biedermeierlich – schlicht gehalten.

Auch wenn indes viel Zeit vergangen ist, lässt sich doch aus dieser Mischung aus Neuerung, Rücksichtnahme und kreativem Umgang mit der Vergangenheit für heute lernen. Besonders lohnenswert ist dahingehend ein Blick auf die Architektur aus der Zeit zwischen 1910 und etwa 1930: Die damaligen Architekten waren längst befreit von den engen Grenzen des Historismus. Sie waren bestens ausgebildet, einige waren Schüler von Otto Wagner. Auch die gestalterische Freiheit war hoch, sodass die Bauwerke aus dieser Periode vielfältig und verhältnismäßig individuell sind.

Ob es an der Zeit ist, dass sich Bauherren und Architekten wieder an den Stärken der frühen Moderne orientieren? Inspirationsquellen gibt es in Wien in jedem Fall zur Genüge:

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 15110
 
Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien in der obigen Liste orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Dezember 2020.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen, Fotos

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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