Alt-Wien wird neu: Abriss und Neubau um 1900

Wien verändert sich. Alte Häuser werden renoviert, umgebaut und abgerissen, neue Häuser gebaut. Das war früher nicht anders als heute. Noch bis in die 1930er-Jahre gelang es, durch Abrisse und Neubauten ästhetische und funktionale Verbesserungen zu erzielen. In den Erdgeschoßen war Platz für Geschäfte, die meisten Räume ließen und lassen sich noch heute ganz flexibel nutzen (Wohnen, Büros, Hotelzimmer usw.). Die hohe architektonische Qualität, die damals im Neubau gelang, sucht man heute oft vergebens. 100 Jahre nach der Gründerzeit regiert die Billig-Architektur.

Dieser Artikel zeigt den baulichen Wandel im Wien der Jahrhundertwende. Mit Beispielen aus dem späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert.

1. Innere Stadt

Am Hof 2

1913 wurde an der Ecke zur Bognergasse das Gebäude der Österreichischen Länderbank errichtet, heute das Hotel Park Hyatt Vienna. Der neoklassizistische Bau (auffällig: der große Dreiecksgiebel) wurde von Ernst Gotthilf und Alexander Neumann entworfen. Zuvor hatte sich an dieser Stelle das ehemalige Kriegsministerium befunden, ursprünglich ein Jesuitenkolleg aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Am Hof 11

Der Ledererhof wurde nach dem Abriss mehrerer Gebäude im Jahr 1883 erbaut.

Durch Umbauten und kriegsbedingte Zerstörungen hat sich das Gebäude nur in vereinfachter Form bis heute erhalten (Details hier).

Graben 16

Der Graben im 1. Bezirk ist einer der prominentesten Orte Wiens. Wer kennt nicht die beeindruckenden Häuser, die hier stehen? Weniger bekannt ist vielleicht, dass um 1900 die meisten alten Häuser am Graben weggerissen und durch die noch heute erhaltenen Gebäude ersetzt wurden. Zum Beispiel das Haus am Graben Nr. 16. Das ursprüngliche Gebäude aus dem 14. Jahrhundert wurde zugunsten eines spektakulären Neubaus abgerissen.

Das Architektenlexikon schreibt über das 1909 errichtete Gebäude und seinen Baumeister, Pietro Palumbo:

Während die dreigeschossige Geschäftszone in ihrer klar strukturierten Glasarchitektur den funktionalistischen Theorien Otto Wagners verpflichtet ist, zeigen der Wohnbereich und der Dachaufbau einen Hang zu einem überbordenden Dekorativismus. Insbesondere der aufwändig gestaltete Eckrisalit, der von einem elaborierten Turmaufbau bekrönt wird und mit Mosaiken und figuralen Skulpturen ausgestaltet ist, wird durch diesen Aufwand zu einem attraktiven Blickpunkt einer eleganten Geschäftsstraße.

Graben 18

An der berühmtem Ecke Graben/Kohlmarkt hatte sich noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein vergleichsweise unscheinbares Gebäude befunden. Der wohl im Kern aus dem 16. Jahrhundert stammende Bau wurde 1896 durch einen Neubau des Architekten Josef Hackhofer ersetzt.

Das sogenannte Husarenhaus hat seinen Namen vom oben erwähnten Vorgängergebäude, in dem sich ein Geschäft mit der Bezeichnung Zum Husaren befunden hatte. Auffällig ist die Reiterstatue auf dem Neubau, die einen Husaren darstellt. Die Husaren waren ungarische Kavallerieeinheiten; der Begriff ist bis heute für bestimmte Truppenteile in vielen Streitkräften geläufig.

Freyung 8-9

Auf der seit mindestens dem 15. Jahrhundert bebauten Fläche zwischen Renngasse und Tiefem Graben standen früher mehrere sehr alte Gebäude aus unterschiedlichen Jahrhunderten. In den 1910er-Jahren kaufte die Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe sämtliche Gebäude, ließ sie abreißen und errichtete einen Neubau. Der Entwurf stammt von den renommierten Architekten Ernst Gotthilf und Alexander Neumann, die auch die monumentalen Bankgebäude in der Schottengasse und Am Hof entwarfen.

Den Architekten gelang es, mit dem Neubau eine eindrucksvolle Lösung für den prominenten Bauplatz inmitten deutlich älterer Bebauung zu finden. Klare moderne Formen und eine sehr repräsentative Formensprache sollten wohl einerseits Sicherheit und Selbstverständnis der darin befindlichen Bank unterstreichen, andererseits einen Bruch mit der Umgebung vermeiden. Bemerkenswert sind das weit hervorstehende Gesims und die an die Renaissance angelehnten Fenster im ersten Obergeschoß. Die Steinfassade wirkt besonders hochwertig.

Rotenturmstraße 27 und 29

Wo sich noch im 19. Jahrhundert ein kleiner Platz befand, ist heute das Ende der Rotenturmstraße. (Die äußerste Häuserzeile am Franz-Josefs-Kai wurde im Zweiten Weltkrieg weggeschossen, auf den ehemaligen Grundstücken ist heute der Schwedenplatz.)

Um 1900 wurden die alten Häuser abgerissen und durch die noch heute erhaltenen Gebäude ersetzt.

Das 1900 errichtete Haus in der Rotenturmstraße 27 ist ein Werk des Architekten Viktor Siedek. Rotenturmstraße Nr. 29 wurde von Carl Stephann und August Belohlavek entworfen und zwei Jahre später erbaut.

Stephansplatz 2

An der Ecke von Stephansplatz, Stock-im-Eisen-Platz und Singerstraße stand einst das barocke Lazanskyhaus. Es wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert zusammen mit dem Nachbarhaus abgebrochen. Heute stehen hier zwei Häuser: Links das Haus Stephansplatz 2 (erbaut 1897), rechts Stock-im-Eisen-Platz 2 (erbaut 1883). Architekt beider Häuser war Alexander Wielemans.

Beide Häuser hatten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs schwere Schäden erlitten und wurden nur vereinfacht wiederaufgebaut. Erst viel später wurde die Fassade (nach Originalplänen?) instandgesetzt.

6. Mariahilf

Gumpendorferstraße 78

In der Gumpendorfer Straße 78, zwischen Hirschengasse und Otto-Bauer-Gasse, stand bis in die 1930er das kleine Blümelhaus. Im Rahmen einer Verbreiterung der Straße wurde es abgerissen und durch einen hohen Neubau ersetzt.

Bei dem Neubau handelt es sich um einen von zahlreichen sogenannten Assanierungsbauten des Ständestaats (Austrofaschismus, 1934-1938). Nach damaligen Plänen sollte die Stadt Wien nach und nach für die Bedürfnisse des aufkommenden Automobilverkehrs umgebaut werden. Alte Häuser, die den Verkehr „störten“, wurden kurzerhand abgerissen. Beides – der Umbau in Richtung Verkehrsstadt als auch der Abriss verkehrsbehindernder Häuser – wurde nach Ende des 2. Weltkriegs unvermindert fortgesetzt. (Verbreiterungen von Straßen gab es aber natürlich um und vor 1900 auch schon.)

Der Neubau erinnert in seiner reduzierten Gestaltung schon an die 1950er, was neben der generellen Abkehr vom Ornament in der Architektur auch auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen sein dürfte. Die Fensterfaschen (Rahmungen um die Fenster), der Erker in der Mitte, die Balkone und die sich durch alles durchziehende Symmetrie verleihen dem Gebäude aber eine besondere Eleganz. Der Architekt der Gebäudes, Richard Weisse, hatte einige Jahre zuvor auch einen Gemeindebau in Floridsdorf geplant (Anton-Störck-Gasse 53-55).

Gumpendorferstraße 82

Das kleine Biedermeierhaus (erbaut vielleicht um 1800?) an der Ecke Hirschengasse/Gumpendorfer Straße wurde um 1900 abgebrochen und durch ein großes Wohnhaus mit secessionistischem Dekor ersetzt. Herausragend ist hier die runde Ecklösung und das prominent hervorstehende Gesims.

Der Neubau ist ein Werk von Arnold Hatschek (1865-1931), einem um 1900 gefragten Architekten. Seine am Jugendstil orientierten Formen finden sich sogar noch auf seinem letzten großen Werk – dem Gemeindebau in der Chrobakgasse 3-5 (15. Bezirk, erbaut 1925-1926).

Gumpendorferstraße 120

In der Gumpendorfer Straße 120 stand bis ins frühe 20. Jahrhundert ein kleines Barockschloss. Das sogenannte Batthyany’sche Gartenschlössel traf 1913 der Abriss. Ein Teil der Parzelle wurde zur verlängerten Hornbostelgasse, der Rest neu verbaut. Hier errichtete der Architekt Oskar Czepa (1883-1956) ein im Vergleich modernes Wohnhaus.

Über das einstige Schloss ließen sich keine weiteren Informationen finden.

Das Architektenlexikon beschreibt die Bauten des Architekten Oskar Czepa folgendermaßen:

Oskar Czepa blieb gemeinsam mit seinem Teilhaber Arnold Wiesbauer dem romantischen Secessionismus seines Lehrers Friedrich Ohmann verpflichtet und seine Gebäude strahlen insgesamt einen beinah biedermeierlichen anmutenden Charme aus. Die Fassaden sind meist durch Gesimse, Lisenen, flache Erker oder Bay-Windows gegliedert und in diesen Raster sind sparsam secessionistische Motive, die häufig eine Nähe zur Wiener Werkstätte erkennen lassen, oder figürlicher Dekor in der Art Michael Powolnys appliziert.

Marchettigasse 9

Das kleine Haus in der Marchettigasse 9 im 6. Bezirk wich 1914 einem Neubau mit spätsecessionistischer Fassadengestaltung.

Mariahilferstraße 1B-1C

Das kleine Haus an der Ecke Mariahilferstraße/Rahlgasse, genannt Casa Piccola, bestand schon um 1800. 1830 wurde hier ein berühmtes Kaffeehaus eingerichtet, das auch nach dem Abbruch im neuen Gebäude weiterbestand.

Der Neubau – errichtet 1896-1902 – ist ein Werk der Architekten Theodor Karl Bach und Karl Schumann.

7. Neubau

Burggasse 58

An dieser Adresse hatte sich einst ein Theater befunden. Um 1900 wurde es abgerissen.

Das Nachfolgegebäude wurde von 1901-1902 nach Plänen des Architekten Carl Stephann errichtet. Bemerkenswert sind die reichen historistischen Schmuckelemente, die aus der Gotik schöpfen. Es lassen sich Ähnlichkeiten zur alten Architektur Norddeutschlands und Polens feststellen. Das Gebäude trägt den Namen Industriehof, da sich im Hofbereich Werkstätten befanden.

Burggasse 92-94

Der prachtvolle Neubau, der ein altes Vorstadthaus ersetzt, ist ein Werk des Architekten Ludwig Tischler, fertiggestellt 1903.

Mariahilferstraße 68

Noch um 1900 befand sich an der prominenten Ecke Mariahilferstraße/Neubaugasse ein verhältnismäßig kleines Haus. Es wurde durch ein ungleich höheres Gebäude ersetzt.

Das heutige Gebäude von 1912 (Architekt: Leopold Fuchs) ist in den unteren Stockwerken funktional und reduziert gehalten; die oberen Stockwerke sind zeittypisch dekoriert. Die großen Fenster und die gerundeten Fenster an der Ecke zeigen schon den enormen Abstand zum strengen Historismus des 19. Jahrhunderts, der weniger als 25 Jahre zurücklag. Ein selten prachtvolles Gebäude am Übergang zur sachlicheren Moderne.

Mariahilfer Straße 102

Das alte Haus an der Ecke Mariahilfer Straße/Schottenfeldgasse wurde 1905 durch ein großes Wohn- und Geschäftshaus ersetzt. Architekt war Georg Demski (1844-1918), dessen Architektur im Spannungsfeld von Späthistorismus, Jugendstil und Neobarock angesiedelt ist.

Zum abgerissenen Altbau – Hausname: Zur Stadt München – ist zu lesen:

Es war ein einstöckiger Bau mit breitem Einfahrtstor, hohem Dach und Kreuzgewölben. Anfang 18. Jahrhundert pflegten in diesem Einkehrwirtshaus die Münchner Briefboten zu logieren, weshalb das Haus seinen Namen bekam. An seiner Seitenfront befand sich ein großes Freskogemälde, die Muttergottes darstellend, an das sich die Sage vom „vorbeifahrenden Teufel“ knüpfte (…)

Bis zur Eröffnung der Westbahn (1859) gingen von hier die Postwagen nach Linz und München ab, 1870-1895 die Stellwagen nach Nußdorf. 1878-1905 war die Familie Ohrfandl im Besitz des Wirtshauses (1888 Heinrich Karl Ohrfandl); 1905 wurde das Gebäude demoliert.

Museumstraße 3 und 5

Das 1815 erbaute (und ungewöhnlich breite) Spaliermacherhaus wurde 1910 durch einen beeindruckenden Neubau ersetzt. Das schon im früheren Haus befindliche Café Weghuber hielt sich auch im Neubau noch lange. Das neue Gebäude erinnert an die Architektur von Paris und zeigt die Vorliebe des Architekten für den Neobarock. Dieses Beispiel macht besonders deutlich, wie durch Abriss und Neubau eine ästhetische Verbesserung gelang.

Der Neubau wurde nach Plänen des Architekten Rudolf Erdös (1876-1935) errichtet. Dazu das Architektenlexikon:

Um der Gefahr der Monotonie zu begegnen, unterbrach Erdös die lange Fassade an der Museumstraße, indem er einen Straßenhof konzipierte. Durch den schlossähnlichen Aufbau sowie reiche Dekoration verlieh er dem Gebäude einen äußerst repräsentativen Habitus. Die Ecke zur Neustiftgasse ist breit abgerundet und durch einen mächtigen Rundbogen, der das Fenster im obersten Stockwerk überspannt, monumental überhöht. Das gesamte Gebäude ist durch Risalite, Giebel, Gitterbalkone sowie französische Fenster reich gegliedert und von Dekorformen des französischen Barock bzw. Rokoko sowie plastischen Figuren wie Putti und Hermen geprägt. Der Rundbogen an der Ecke wird von einem weiblichen Genius mit Adler bekrönt.

Das in der Museumstraße liegende Bellariakino gibt es seit 1911.

Neubaugasse 10​

Die Neubaugasse war kurz nach 1900 einer enormen Veränderung unterworfen. Zahlreiche kleine Häuser wurden zugunsten von Neubauten abgerissen. Von der vorgründerzeitlichen Bebauung sind aber noch bis heute einige Reste erhalten.

Abgerissen wurde beispielsweise das Barockhaus Neubaugasse 10. Von 1912-1913 entstand an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus nach Plänen von Leopold Fuchs (1868-1920). Der Neubau zeichnet sich durch große Fenster, einen konvex herausragenden Erker mit Pilastern und ein massives Gesims aus.

Das Barockhaus hatte einen schönen Innenhof, der auch noch kurz vor dem Abbruch einen gepflegten Eindruck machte.

Dieses Beispiel zeigt hervorragend, wie ein Neubau trotz starkem Kontrast zum abgerissenen Altbau das Stadtbild bereichern kann. Anders als bei vielen späteren Bauperioden wurde bei der Planung auf Symmetrie und Details geachtet.

Neubaugasse 19

In der Neubaugasse stand noch bis 1934 ein kleines altes Haus, das deutlich aus der Bauflucht nach vorne ragte. Um die Verkehrssituation zu „verbessern“, wurde es abgerissen und durch ein großes Wohnhaus ersetzt.

Der Abriss „verkehrsbehindernder“ Bauwerke war vor allem im Austrofaschismus (1934-1938) und in der frühen 2. Republik gang und gäbe, vereinzelt aber auch schon früher.

Hier einige Aufnahmen des in den 1930ern abgerissenen Altbaus:

Wie bei anderen Neubau der Zwischenkriegszeit ist auch der Nachfolgebau in der Neubaugasse 17-19 wohl proportioniert. Der am Foto nicht sichtbare grüne Innenhof bzw. Durchgang ist noch heute eine angenehme ruhige Oase, nur wenige Schritte von der belebten Neubaugasse entfernt.

Der Neubau trägt eine Inschrift:

Dieses Bauwerk wurde an Stelle eines den Verkehr behindernden Althauses mit Hilfe des Wiener Assanierungsfonds im Jahre 1937 errichtet. Hauseigentümer: Ing. Franz u. Wilhelmine Katlein. Planung: Arch. Hermann Stiegholzer. Baumeister: Ing. Franz Katlein

Neubaugasse 28

Das kleine Vorgründerzeit hatte sich noch bis ins frühe 20. Jahrhundert erhalten. 1913 wurde an seiner Stelle ein prachtvolles Jugendstilhaus mit im Vergleich modernen Formen errichtet.

Mit der Errichtungszeit kurz vor dem Beginn des 1. Weltkriegs gehört das Haus zu den späteren Jugendstilbauten Wien. Nur wenige Jahre danach endete die private Bautätigkeit in Wien aufgrund der Wirtschaftskrise, stilistisch wurde fortan auf reduziertere und expressiv-moderne Formen gesetzt.

Neubaugasse 38

1912 wurde an der Stelle des kleinen Wohnhauses ein schmuckes Jugendstilhaus errichtet, entworfen von Eugen Felgel (1877-1943).

Die beeindruckende Architektur ist bis heute ausgezeichnet erhalten:

Neubaugasse 44

Bis ins frühe 20. Jahrhundert stand hier noch ein wohl gegen Ende des 18. Jahrhunderts errichtetes Gebäude (Zur goldenen Rose). Zwischen 1902 und 1904 wurde es abgerissen.

Nach dem Abriss wurde an dieser Stelle ein prachtvoller Bau im Stil des Späthistorismus errichtet. Architekt war Karl Stephann (1842-1919), der unzählige noch heute erhaltene Wohn- und Geschäftshäuser in Wien entwarf. Das Gebäude in der Neubaugasse 44 hat sich bis heute fast unverändert erhalten.

Das Architektenlexikon notiert zum Architekten:

Karl Stephann war ein typischer Vertreter des Späthistorismus [um 1890 – ca. 1914], der das Formenvokabular nahezu aller Stile beherrschte und alle Architekturmoden mitmachte. Während sein Frühwerk im Stil der Neorenaissance noch stark von seinem Lehrer Sicardsburg [Architekt der Wiener Staatsoper] geprägt war, wandte er sich bald dem damals gängigen „Altdeutschen Stil“ zu, eine etwas manieristisch überhöhte Übernahme der deutschen Renaissance (…) Nach der Jahrhundertwende zeigte sich Stephann dem neu aufgekommenen Secessionismus [Otto Wagner und Schüler] gegenüber aufgeschlossen (…)

Neubaugasse 64-66

Die 1901 und 1902 entstandenen Aufnahmen zeigen das alte Haus kurz vor dem Abbruch. Wie alt war das Haus? Bereits auf dem Stadtplan von 1773 ist ein Gebäude mit Hof eingezeichnet, das etwa dieselbe Grundfläche eingenommen haben dürfte wie das kurz nach 1900 abgebrochene Haus. Ein Baujahr im 18. Jahrhundert ist also wahrscheinlich.

Der Neubau, ein secessionistischer Straßenhof, stammt aus dem Jahr 1904 und wurde von Rudolf Demski geplant.

Die Architektur des Neubauhofs ist bereits ausgesprochen modern und in ihrer Struktur sehr sachlich. Genutzt wird die Hoffläche heute als Parkplatz – was weder der Architektur noch der mikroklimatischen Situation angemessen scheint.

Neustiftgasse 6

Das Barockhaus in der Nähe des Volkstheaters wich um 1900 einem Neubau. Der sogenannte Dreifaltigkeitshof fällt durch seine secessionistischen Gesten auf, Ähnlichkeiten zur Schule von Otto Wagner sind erkennbar (bspw. zum 1888 von Wagner erbauten „Hosenträgerhaus“ in der Universitätsstraße 12).

Der Dreifaltigkeitshof ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein – damals sehr moderner – Neubau ein attraktives altes Haus ersetzt hat, und damit sogar eine Verbesserung im Stadtbild erreicht wurde.

Neustiftgasse 40

Das Wohnhaus ist ein spektakuläres Spätwerk von Otto Wagner. Es war 1909 nach Abriss eines Barockhauses errichtet worden. Details hier.

Neustiftgasse 55

Das alte Haus mit der Rokoko-Fassade dürfte im 18. Jahrhundert erbaut worden sein.

Im frühen 20. Jahrhundert wurde es durch ein vergleichsweise modernes Zinshaus ersetzt.

Schottenfeldgasse 22

Das alte Haus in der Schottenfeldgasse 22 stammte vielleicht aus der Biedermeierzeit, wurde also wohl um 1800 errichtet. Um 1912 wurde es demoliert und durch ein modernes Jugendstilhaus ersetzt. Ein Teil des Grundstücks blieb nach dem Abbruch unbebaut (der Platz wurde für die Verlängerung der Lindengasse gebraucht).

Der Neubau mit seinen für ihre Zeit typischen Erkern erstreckt sich bis in die Lindengasse hinein. Architekten waren Karl und Wilhelm Schön, Baumeister war Carl Stepanek. Das Architektenlexikon über Karl Schön:

Während seine frühen Realisationen noch von einem unverbindlichen Secessionismus geprägt sind, wie das Wohnhaus in der Kaiserstraße 15, lässt sich in der Folge eine intensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Wiener Moderne, insbesondere Josef Hoffmann und der Wiener Werkstätte, beobachten.

Gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm Schön – wobei Karl aber federführend gewesen sein dürfte – realisierte er in den frühen 10er Jahren eine Reihe von Wohn- und Geschäftshäusern, die von höchster ästhetischer Qualität geprägt sind. Durch den Einsatz der Betonständerbauweise und die Verwendung von Metall und Glas entsprachen die Bauten dem aktuellsten technischen Standard der damaligen Zeit, während die Außengestaltung (geometrische Formen und der sparsame Einsatz von Dekor, der sich zumeist auf die Zone unterhalb des Gesimses und auf den Eingangsbereich beschränkt) oftmals eine große Nähe zur Wiener Werkstätte zeigt.

Schottenfeldgasse 85

Das alte Eckhaus Schottenfeldgasse/Neustiftgasse wurde wohl um 1910 abgebrochen. Um Errichtung eines Neubaus wurde 1911 angesucht, nicht viel später dürfte dann gebaut worden sein.

Das heute noch bestehende Gebäude ist für seine Zeit extrem modern. Die Fassadengestaltung ist bereits sehr sachlich und auf das Notwendigste reduziert. Das Ergebnis ist ein zeitlos eleganter Bau.

Siebensterngasse 42-44

Die beiden kleinen Häuser an der Ecke zur Kirchengasse wurden um 1912 durch einen Neubau ersetzt. Die Pläne des Neubaus entwarfen Oskar Czepa und Arnold Wiesbauer.

Das Architektenlexikon über den Neubau:

Mittels aufwändig dekorierter und überkuppelter Mansardenfenster und äußerst differenziert ausgestalteter Erker wird (…) das Wohn- und Geschäftshaus (…) Siebensterngasse 42 (…) strukturiert. Fensterrahmungen, die zu Schmuckleisten ausgeformt werden, und der Einsatz von figuralem Dekor in der Art der Wiener Werkstätte verleihen dem Gebäude Eleganz und Noblesse.

Zollergasse 9-11

Das dreigeschoßige Wohnhaus in der Zollergasse 11 wurde wohl kurz nach 1900 abgerissen. Ein Foto von Haus Nr. 9 ließ sich nicht finden. Heute steht an dieser Adresse ein prachtvolles Wohnhaus mit historistischen Formen.

Um Neubau wurde 1903 angesucht, ein Jahr später dürfte gebaut worden sein. Architekt war Karl Stigler (1865-1926), dessen Baufirma zahlreiche bekannte Gebäude errichtet hat (z. B. das sozialdemokratische „Vorwärts“-Gebäude in der Rechte Wienzeile).

Zollergasse 13

Das kleine Vorstadthaus nahe der Mariahilfer Straße wurde 1911 wurde einen großen Neubau ersetzt. Architekt des spektakulären Gebäudes war Arthur Baron, der auch das prachtvolle Geschäftshaus an der Ecke Rotenturmstraße/Fleischmarkt im 1. Bezirk entwarf. Herausragend ist die hohe Sockelzone, die durch Metall und Glas kunstvoll hervorgehoben ist – damals ausgesprochen modern.

Das Architektenlexikon:

Mit seiner impliziten Ausformung funktionalistischer Tendenzen gehört Arthur Baron zu einem der bedeutendsten Vertreter der frühen Wiener Moderne der letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Die großen Glasflächen sind wohl zurückzuführen auf die damals aufkommende Betonständer-Bauweise. Da Beton mehr Last trägt als Ziegel können die Mauern dünner sein, was völlig neue gestalterische Möglichkeiten erlaubt.

Das Gebäude in der Zollergasse hat schon damals Aufmerksamkeit erregt und wurde auch in Fachzeitschriften behandelt:

8. Josefstadt

Lerchenfelder Straße 38

Im späten 19. Jahrhundert wurde der Vorgängerbau zugunsten des noch heute erhaltenen Gebäudes abgebrochen.

Lerchenfelder Straße 42

Das Haus an der Ecke von Lerchenfelder Straße und Strozzigasse wurde kurz nach der Jahrhundertwende durch einen prächtigen Historismusbau ersetzt.

Architekt des Neubaus war Emil Schnizer, der in Wien mehrere Gebäude dieses Stils entwarf. Das Architektenlexikon:

1902 erbaute Schnizer das auf drei Seiten freistehende Miethaus in Wien 1, Naglergasse 12 (…) Die Komposition der Fassade erfolgt ähnlich wie beim Haus in der Wipplingerstraße und wiederholt sich beim 1904 erbauten Ginzelmayer-Hof in Wien 8, Strozzigasse 1: Das scheinbar systemlose Ensemble unterschiedlichster Fensterformen und der gezielte Einsatz von Mauervorsprüngen evozieren das Erscheinungsbild eines aus verschiedenen Bauphasen stammenden Altbaus (…) Unverzichtbares Element in Schnizers „altdeutschen“ Gebäuden ist ein runder, turmartiger Eckerker mit kegelförmigem Gaupendach, der als markanter Blickfang im Wiener Stadtraum wirkt.

Neudeggergasse 8

In der Neudeggergasse (nahe Lerchenfelder Straße) haben sich einige bemerkenswerte Häuser aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Auch auf Nr. 8 stand bis ins frühe 20. Jahrhundert ein solches Haus. Es wurden um 1930 abgerissen. Der Neubau hat Seltenheitswert.

Der mit Steinen umrahmte Eingang verweist wohl noch auf den Heimatstil bzw. die Reformarchitektur. Ein solches Gestaltungsmittel findet sich auch auf Gemeindebauten und Schulen des Roten Wien. Die Fenster sind durch Gesimse zusammengefasst – ein typisches Stilmittel der Zwischenkriegszeit. Die Fensterformen sind vielleicht – auch mit den teilweise noch heute vorhandenen Sprossen – an die josephinischen Häuser in der Gasse angelehnt. In Summe handelt es sich um ein einzigartiges Gebäude, das einige traditionelle und vor allem ausgesprochen moderne Elemente verbindet.

9. Alsergrund

Berggasse 25 u. 27

Wo Berggasse und Servitengasse aufeinandertreffen, befanden sich noch im frühen 20. Jahrhundert zwei alte Wohnhäuser. Beide Gebäude wurden irgendwann zwischen 1903 und 1906 abgerissen.

Auch Aufnahmen des einstigen Innenhofs sind erhalten:

1904 wurden die noch heute erhaltenen Neubauten fertiggestellt. Berggasse 25 ist ein Werk des Architekten Jakob Modern, der auch das Nachbargebäude geplant haben dürfte. Der prachtvolle Historismus der Jahrhundertwende zeigt sich hier besonders schön.

Nußdorfer Straße 15

Das schlichte Eckhaus in der Nußdorfer Straße 15 (Ecke Fuchsthallergasse) wich 1909 einem prachtvollen Neubau.

Das neue Gebäude ist ein Werk von Emil Reitmann (1870-1943):

Insgesamt hat Emil Reitmann sehr temperamentvoll secessionistisches Vokabular zu opulenten Fassadengestaltungen verarbeitet. Am Ende seiner Schaffenszeit gelangte er hingegen mit dem aufgreifen neoklassizistischer Elemente zu einer sachlichen Rhetorik. Bei allen Gebäuden zeigt sich seine Begabung, mit äußerst repräsentativen Wohnhäusern das städtische Großbürgertum anzusprechen.

Schwarzspanierstraße 17

An der Ecke Schwarzspanierstraße/Währinger Straße hatte sich einst eine Gewehrfabrik befunden. Sie wurde nach und nach durch universitäre Neubauten ersetzt (1886: Anatomisches Institut an der Währinger Straße). Der Gebäudetrakt an der Ecke hielt sich noch bis ins frühe 20. Jahrhundert. 1911 wurde der Neubau nach dem Abriss der Fabrikgebäude fertiggestellt. Das Gebäude wird heute von der Medizinischen Universität Wien genutzt.

Servitengasse 17

Das ursprüngliche Gebäude wurde um 1902 abgebrochen. Kurz darauf erfolgte der Neubau. Der Name des Architekten hat sich nicht finden lassen.

Die Fassade weist einen zeittypischen barockisierenden Dekor auf, der bis heute ausgezeichnet erhalten ist. Auch das Geschäftslokal ist noch original.

Der Generalumbau Wiens in der Gründerzeit

Die meisten der oben beschriebenen Gebäude wurden in der Gründerzeit (ca. um 1850 – um 1910) erbaut. Der damalige Bauboom und das extreme Bevölkerungswachstum haben zu einer radikalen Transformation des Wiener Stadtbildes geführt. Der Stadtplaner Reinhard Seiß hat in einem Artikel in der Wiener Zeitung einen „Zeitzeugen“ aufgespürt:

Alle Wiener kennen ihn, und niemand wundert sich mehr, wenn er ihm begegnet“, beschrieb der konservative Feuilletonist Raoul Auernheimer 1911 ein „Gespenst“, das schon damals in allen europäischen Metropolen umging, sobald ein Immobilienboom ausgebrochen war: den „Häusertod“ (…) „Aber wehe dem Objekt, für das er sich interessiert! Seine Fundamente mögen noch so fest gefügt, die Mauern noch so stark gebaut sein, unter dem Winken seines knöchernen Fingers bricht es alsbald zusammen und wird in einer Staubwolke begraben.“

Aus demselben Jahrzehnt stammt ein berühmtes Zitat des Schriftstellers Karl Kraus:

Ich muss den Ästheten eine niederschmetternde Mitteilung machen: Alt-Wien war einmal neu.

Zu jener Zeit wurden reihenweise Häuser aus dem 18. Jahrhundert (und vielfach noch ältere) durch größere Neubauten ersetzt. Ganze Bezirksteile wurden binnen weniger Jahre aus dem Boden gestampft (bspw. in Ottakring und Favoriten). Die Gründerzeit war – auch wenn heute nicht mehr sichtbar – auch eine Periode extremer Immobilienspekulation und sozialer Verwerfungen.

Der Wandel, den der oben zitierte Feuilletonist so bitter beschreibt, relativiert sich jedenfalls aus der heutigen Perspektive. Immerhin sind es gerade die Bauten des Historismus und Jugendstil, die wir heute so sehr mit dem alten Wien assoziieren. Der Architekt Friedmund Hueber sagt über die Fassaden jener Zeit:

Aus den Fassaden bestanden die raumbildenden Straßen und Platzwände. Sie waren nicht glatt, es waren den antiken Gestaltungsprinzipien entsprechend Gliederungen vorgeschrieben. Häuser mussten Sockelzonen, eine Hauptzone, ein dreiteiliges Gebälk und darauf eine Attika oder einen Giebel aufweisen (…)

So entstanden trotz der spekulativen Bautätigkeit Gebäude, die keineswegs von Nachteil für das Stadtbild waren. Es ist ein Glücksfall der Geschichte, dass Wien genau zu einer Zeit besonders stark wuchs, als die Architektur an einem Höhepunkt angelangt war. Die hohe Qualität hielt sich noch bis in die Zeit des Roten Wien (Gemeindebauten der 1920er und 1930er), wo oftmals noch dieselben Architekten bzw. deren Schüler tätig waren.

Die Misere im Neubau

Abgerissen und neu gebaut wurde immer schon. Auch die Diskrepanzen zwischen Alt und Neu hat es schon früher gegeben. So wurde um 1900 bereits deutlich höher gebaut als zuvor und auch die Stilsprache der damaligen Neubauten war oft im Verhältnis modern. Doch immer herrschte ein gewisser baukultureller Konsens, eine Art „konstrukiver Konservatismus“ im positiven Sinn.

Dieser Konsens ist ab der Nachkriegszeit verlorengegangen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der heute in Wien oft gebaut wird, ist erdrückend (siehe Beispiele). Viele Bauträger wollen bloß möglichst billig bauen. Investoren und Bauträger sind oft nur an schnellen Renditen interessiert und wollen ihre Gebäude ohnehin nicht langfristig behalten. Viele Projekte wechseln noch in der Planungsphase den Eigentümer, was oft mit architektonischen Verschlechterungen einhergeht. Manchen Architekten wiederum ist offenbar alles egal oder es fehlen schlicht die Fertigkeiten.

Auch politische Gründe spielen in die Misere hinein: Gestalterische Vorgaben in der Bauordnung fehlen, qualitätssichernde Verfahren (unabhängiger Gestaltungsbeirat) gibt es nicht. Die Laissez-faire-Politik im Stadtbild ist unübersehbar. Bei anderen Punkten wiederum ist die Stadtregierung hingegen viel zu restriktiv: Die aus der Nazizeit stammende Garagenpflicht verursacht hohe Baukosten im Neubau – unabhängig von der Nachfrage. Die hohen Ausgaben, die für Garagenplätze nötig sind, wären in attraktive Fassaden und belebte Erdgeschoßzonen nachhaltiger investiert, würden sie denn gesetzlich eingefordert.

Alle angesprochenen Probleme ließen sich freilich politisch lösen. Interesse daran ist aber weit und breit nicht erkennbar. Die Folgen sind allerorts zu sehen.

Viele weitere Beispiele von baulichen Veränderungen in Wien hat Alexander Fried auf seiner Webseite Zeitensprünge.at zusammengestellt. Unbedingt ansehen!

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).
+43 1 4000 81341
 
Der amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Innovation, Stadtplanung und Mobilität. Diese ist u. a. zuständig für die Flächenwidmungs- und Bebauungspläne (Innen-Südwest, Nordost), Stadtentwicklung und Stadtplanung und Architektur und Stadtgestaltung (einschließlich der Festsetzung von Schutzzonen gegen Hausabrisse).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

Fotos

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

Wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, können Sie mich per E-Mail und Formular erreichen. Zum Newsletter können Sie sich hier anmelden.