Neue alte Häuser: Rekonstruktion in Wien

Die Dresdner Frauenkirche, der Markusturm in Venedig, die Warschauer Altstadt – sie alle sind Rekonstruktionen. Überall in Europa stehen wiederaufgebaute Häuser und wiederhergestellte Fassaden. Ursache für die vorangegangenen Zerstörungen waren meist Kriege oder (Natur-)Katastrophen.

Auch in Wien wurden zahlreiche Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise oder ganz wiederaufgebaut, zum Beispiel die Staatsoper. Die allermeisten zerstörten Häuser sind aber nicht rekonstruiert worden, darunter auch sämtliche Synagogen und Bahnhöfe. Auch die komplett zerstörte Häuserzeile am Schwedenplatz und etliche Gebäude an der Ringstraße wurde nie wiederaufgebaut. Neben Kriegsschäden wirken bis heute vor allem destruktive Renovierungsmaßnahmen der Nachkriegszeit nach: Bei unzähligen Häusern wurde der Fassadenschmuck in den 1950ern und 1960ern abgeschlagen.

Wenn nach alten Plänen rekonstruiert wird, dann ist das immer auf die Initiative von privaten Eigentümern zurückzuführen. Die Beweggründe sind unterschiedlich: vom Engagement für das eigene Eigentum bis zur Wertsteigerung von Immobilien. Die Qualität schwankt dabei sichtlich – von vorgefertigten Styroporteilen bis hin zu eigens angefertigtem Stuck ist alles dabei.

Dieser Artikel besteht aus zwei Teilen: In Teil 1 geht es um (Fassaden-)Rekonstruktionen in Wien. Was passiert, wenn Häuser nicht wiederhergestellt werden, wird in Teil 2 exemplarisch angeschnitten.

Hinweis: Dieser Artikel wird laufend ergänzt, zuletzt im November 2022.

Teil 1: Rekonstruktionen

Die hier angeführten Rekonstruktionen erfolgten alle nach 1980. Das betrifft fast ausschließlich wiederhergestellte Fassaden und nicht ganze Häuser. Erfasst sind auch stilgerechte Wiederherstellungen von Dekor, die nicht genau dem historischen Ursprungszustand folgen.

Am Hof 11 (1. Bezirk)

Der sogenannte Ledererhof, der Am Hof zwischen Drahtgasse und Färbergasse liegt, wurde nach dem Abbruch dreier älterer Gebäude im Jahr 1883 errichtet. Charakteristisch sind die reich geschmückte neobarocke Fassade und das markante Dach. 1934 wurden Fassade und Dach bei einem Umbau weitgehend zerstört. Ein frühes Beispiel für „Modernisierungen“, die in der Nachkriegszeit erst voll durchschlugen.

Nach Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde der Ledererhof vereinfacht wiederaufgebaut. Anfang der 1990 erhielt das Gebäude seine ursprüngliche Fassade zurück – zumindest ungefähr. Später ist noch ein massiver Dachausbau dazugekommen. Details hier.

Am Hof 11 mit Dachausbau
Am Hof 11 mit 2010 errichtetem Dachausbau (Foto: 2015, Bwag, CC-BY-SA-4.0)

Salztorgasse 5 (1. Bezirk)

Das Gründerzeithaus an der Ecke Salztorgasse/Gonzagagasse wurde 1861 erbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beschädigt und danach offenbar nur vereinfacht wiederaufgebaut. Oder ist eine unsanfte Renovierung in der Nachkriegszeit der Grund? Die heutige Fassade ist in ihrer Grundstruktur an den originalen Zustand angelehnt, eine exakte Rekonstruktion erfolgte aber nicht.

Der Stuck wurde von der Firma Hungaro Dekor angefertigt.

Schwarzenbergplatz 3 (1. Bezirk)

Die Wiederherstellung kriegszerstörter Häuser war in der unmittelbaren Nachkriegszeit durchaus gängig, später aber kaum noch. Eine Ausnahme bildet die Direktion der Staatsbahnen am Schwarzenbergplatz. Das Gebäude stellte der Eigentümer in den 1980ern auf Betreiben des Bürgermeisters von Grund auf wieder her. Zahlreiche Architekten hatten sich damals explizit gegen die Rekonstruktion gewandt. Details hier.

Wiesingerstraße 8 (1. Bezirk)

Die Fassade des 1907 erbauten Gebäudes war nur stark vereinfacht erhalten. Grund dafür sind vielleicht Kriegsschäden (laut Kriegsschadenplan wurde der ganze Häuserblock beschädigt). Bei einer Sanierung wurde neuer Fassadenschmuck angebracht (Schmuck von der Firma Hungaro Dekor).

Erfolgte die Rekonstruktion nach alten Plänen? Ein Foto des Ursprungszustandes hat sich bisher nicht finden lassen. So muss offen bleiben, wie viel Freiheit sich der Stukkateur genommen hat.

Große Mohrengasse 35 (2. Bezirk)

In der Großen Mohrengasse 35 und 37 wurden 1906 zwei ähnlich gestaltete Gebäude errichtet, beide geplant von Theodor Karl Bach. Die Fassaden beider Häuser sind – wegen destruktiver Umbauten in der Nachkriegszeit? – nicht erhalten. Im Kriegsschadenplan ist jedenfalls kein Schaden eingezeichnet.

Das Gebäude auf Hausnummer 35 erhielt bei einer Sanierung seine ursprüngliche Fassade zurück. Auftraggeber, ausführende Firmen und das genaue Jahr der Sanierung sind nicht bekannt. Die Bauarbeiten erfolgten irgendwann zwischen 1998 und 2014.

Beim bekanntesten Werk von Theodor Karl Bach war übrigens keine Rekonstruktion nötig: Das Wohn- und Geschäftshaus „Casa Piccola“ in der Mariahilfer Straße ist bis heute unverändert erhalten. Es steht an der Ecke zur Rahlstiege, nahe Getreidemarkt und Museumsplatz.

Rustenschacherallee 42 (2. Bezirk)

Die Gebäude im Pratercottage dürfte etwa in den 1910er-Jahren erbaut worden sein. Der Fassadendekor fehlte zum größten Teil. Bei einer Sanierung im Sommer 2022 wurde die glatte Fassadenseite mit passendem Schmuck ergänzt. Da ein Teil des Dekors noch erhalten war, könnte der neue Schmuck durchaus stilgerecht rekonstruiert worden sein. Auch das Dach des Turms wurde wiederhergestellt. Dafür kam Kupfer zur Anwendung – früher ein gängiger Baustoff, der heute vergleichsweise teuer ist. Da sich keine alten Fotoaufnahmen finden ließen, lässt sich aber nicht sagen, wie exakt die Rekonstruktion ist.

Bauherr und ausführende Firmen sind WienSchauen nicht bekannt. Während der Sanierung hingen Plakate der Immobilienfirma JP am Haus – vielleicht also der Auftraggeber?

Untere Donaustraße 27 (2. Bezirk)

Das 1838 erbaute Wohnhaus ist eines der ältesten noch erhaltenen Gebäude am Donaukanal. Nicht erhalten war aber die Fassade. Bei einer Sanierung im Jahr 2015 wurden die fehlenden Fensterverdachungen und die ursprüngliche Gestaltung des Erdgeschoßes ergänzt. Details hier.

Keinergasse 18 (3. Bezirk)

1887 wurden die Häuser Keinergasse 18 und 20 errichtet (Architekt: Theodor Bauer). Es handelt sich um zwei exakt gespiegelte Gebäude mit zur Straße offenem Hof. Die Fassade des Hauses Keinergasse 18 war bis 2011 nur unvollständig erhalten. Bei einer Sanierung wurden die fehlenden Dekorelemente exakt nachgebildet.

Die Rekonstruktion des Dekors übernahm der Stukkateurfachbetrieb Brezina GmbH aus Geras (Niederösterreich). Christian Brezina schildert die Herausforderungen der Sanierung so:

Auf der Straßenseite fehlten sehr viele Dekorteile, die aber auf der langen Seite [im Hof] zum Glück größtenteils vorhanden waren. Diese waren zwar auch teilweise beschädigt, aber zumindest einmal im Original vorhanden. Wir haben von den benötigten Elementen jeweils eines ausgebaut, gereinigt, instand gesetzt und eine Negativgussform hergestellt. Die Abgüsse mussten aus einem speziellen Kalkmörtel hergestellt werden, da der Architekt großen Wert auf eine fachgerechte Sanierung und Wiederherstellung gelegt hat.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Marokkanergasse 9 (3. Bezirk)

Bei dem Haus an der Ecke Marokkanergasse/Zaunergasse fehlte seit zumindest 1955 der Fassadenschmuck. Stilgerechter Dekor wurde aber 2011 neu angebracht. Angefertigt wurden die Fassadenteile von der Firma Hungaro Dekor von Franz Teix.

Eine Fotoaufnahme des Originalzustandes des Hauses hat sich bisher nicht finden lassen. Auch der Grund für die Entfernung des Fassadenschmucks ist nicht bekannt. Im Kriegsschadenplan von 1946 sind jedenfalls Schäden an dieser Adresse verzeichnet.

Erbaut wurde das Haus 1899 oder 1902 (die Angaben schwanken).

Das Foto unten zeigt die Ecke Zaunergasse/Marokkanergasse nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Bildmitte ist noch eine kriegsbedingte Baulücke zu sehen, die später geschlossen wurde. Im Hintergrund ist der 1952 errichtete Gemeindebau (Anton-Schmid-Hof). Ganz links ist das Haus Marokkanergasse 9 – bereits mit vereinfachter Fassade.

Reisnerstraße 34 (3. Bezirk)

Bei dem Gründerzeithaus im Landstraßer Botschaftsviertel wurde irgendwann eine Fassadenfront abgeschlagen. Um etwa 2017 bekam das Haus seinen „alten“ Dekor wieder. Bei den neuen Dekorelementen handelt es sich – zumindest soweit im Erdgeschoß zu ertasten – um einen hochwertigen massiven Baustoff. Auch ein Dachausbau kam hinzu. Die Betonung der Ecke durch einen modernen Aufbau macht einen hochwertigen Eindruck.

Schimmelgasse 7 (3. Bezirk)

Bei diesem Gründerzeithaus war nur der Dekor im Erdgeschoß und im ersten Stock erhalten, ebenso das Gesims. 2020 wurde das Haus saniert, wobei auch die alte Fassade wiederhergestellt wurde. Ob dabei auf Originalpläne zurückgegriffen wurde, ist nicht bekannt. Details hier.

Graf-Starhemberggasse 41 (4. Bezirk)

Das 1882 erbaute Gründerzeithaus bildete ursprünglich eine Einheit mit dem – komplett erhaltenen – rechten Nebenhaus. Bei einer Sanierung (2019-2020) wurden nicht durch die Fassade saniert und das Dach ausgebaut, sondern auch der fehlende Dekor ergänzt. Ausgeführt ist der neue Fassadenschmuck jedoch nicht mit hochwertigem Stuck, sondern bloß mit einer Art Styropor.

Das Gebäude ist ein Werk des Architekten Karl Riess (1837-1931). Von den drei nebeneinanderliegenden Häusern, die Riess in der Graf-Starhemberg-Gasse entwarf, hat sich nur Nr. 43 komplett erhalten. Bei den Häusern links und rechts wurde der Dekor abgeschlagen.

Gründerzeithäuser in Wien-Wieden
Graf-Starhemberg-Gasse 41 (links, rekonstruiert) und 43 (rechts, original) (Foto: 2021)

Auch die Aufnahme unten ist von 2019. Die Fassade wurde kurz darauf saniert.

Das Foto unten zeigt den Zustand nach den Bauarbeiten.

Gründerzeithäuser in Wien-Wieden, Historismus
Graf-Starhemberg-Gasse 41 (rekonstruiert) und 43 (original erhalten) (Foto: 2021)

Schaumburgergasse 1 und 3 (4. Bezirk)

Beide Häuser sind aus der Biedermeierzeit – errichtet 1826. Die originalen Fassaden des 19. Jahrhunderts waren bei beiden Häusern nicht erhalten. Von 2016-2017 erfolgte eine grundlegende Sanierung samt Umbau im Inneren. Dabei wurde auch die Fassade wiederhergestellt. Laut Angabe der Architekten wurde in Abstimmung mit den Behörden eine Fassadengestaltung gewählt, wie sie bei Häusern zu dieser Errichtungszeit üblich war.

Auftraggeber der Sanierung war die Wiener Firma Breiteneder Immobilien. Planer waren Lichtblau Spindler Architekten.

Die ältesten auffindbaren Fotos sind aus der Zeit um 1950. Die Fassaden waren zu diesem Zeitpunkt bereits umgebaut. Der Zustand der Nachkriegszeit hielt sich noch bis 2016 – dem Baubeginn der Sanierung.

Kleine Neugasse 9 (5. Bezirk)

Die Fassade des von 1902-1903 errichteten Jugendstilhauses war nicht erhalten. Bei einer Rekonstruktion wurde sie wiederhergestellt. Das Haus ist ein herausragendes Werk von Emil Hoppe (1876-1957); Baumeister war Rudolf Breuer.

Stumpergasse 36 (6. Bezirk)

Das 1899 erbaute Wohnhaus hatte seine gegliederte Fassade offenbar schon lange eingebüßt. Etwa 2017 wurden die Fassade saniert und neuer Dekor angebracht. Es handelt sich aber augenscheinlich nicht um eine exakte Rekonstruktion, sondern um ein freies Anordnung von Dekorelementen. Da eine Aufnahme des Originalzustands bisher nicht auffindbar ist, bleibt unklar, wie viel Freiheit sich der Restaurator genommen hat bzw. wie nah der nachgebaute Zustand dem Original kommt. Der Fassadenschmuck wurde angefertigt von Franz Teix (Firma Hungaro Dekor).

Neustiftgasse 32-34 (7. Bezirk)

Die Fassade des 1903 erbauten Hauses wurde 2021 aufwendig rekonstruiert. In diesem Haus befand sich im frühen 20. Jahrhundert die berühmte Wiener Werkstätte. Durchgeführt wurde die Rekonstruktion von der Restaurierungswerkstatt Zottmann. Details hier.

Mondscheingasse 12 (7. Bezirk)

Das 1876 erbaute Haus steht an der Ecke Mondscheingasse/Zollergasse. Der Fassadenschmuck war nur auf einer Seite erhalten. Das hat sich um etwa 2003 geändert.

Nach dem Vorbild des noch erhaltenen Dekors erhielten die anderen Fassadenfronten ein neues Kleid. Der Fassadenschmuck wurde von der Wiener Stuckmanufaktur hergestellt.

Die neue Fassade macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Der Unterschied zu früher ist erstaunlich:

Kochgasse 13 (8. Bezirk)

Das 1894 errichtete Wohnhaus an der Ecke Kochgasse/Laudongasse, nahe Volkskundemuseum, wurde 2021 saniert, die Ornamente rekonstruiert. Die Detailplanung und die Fertigung des Fassadendekors hat der Stukkateurbetrieb Brezina aus Geras übernommen. Montage und Farbgebung sind vom Malermeister Prochaska aus Wien. Details hier.

Lerchenfelder Straße 158 (8. Bezirk)

Die Fassade des 1860 erbauten Wohnhaus war offensichtlich nur unvollständig erhalten. Von 2021-2022 wurde neuer Fassadenschmuck angebracht.

Wie hat das Haus einst ausgesehen? Wie exakt ist die Rekonstruktion? Handelt es sich überhaupt um eine originalgetreue Wiederherstellung, oder wurde bloß frei historisierend gebaut? Eine alte Aufnahme, die einen Vergleich erlaubt, hat sich bisher nicht finden lassen.

Bei der Fassadensanierung wurde viel Wert auf Details gelegt. Abgesehen vom neuen Schmuck in den Obergeschoßen wurde auch das Erdgeschoß neu ausgestaltet. Ob aber beim Erdgeschoß nicht vielleicht doch etwas zu tief in die Schmuckschatulle gegriffen wurde? Der Bereich um die Tür wirkt überdekoriert.

Alserbachstraße 11 (9. Bezirk)

Das große dreiseitige Gebäude an der Ecke zur Liechtensteinstraße hatte irgendwann nach 1959 seine historische Fassade eingebüßt – offenbar eine der berüchtigten „Modernisierungen“ der 1960er-Jahre. 2010 wurde bei einer Sanierung des Gebäudes neuer Dekor angebracht.

Wie exakt die Rekonstruktion ist, lässt sich wegen fehlenden Fotomaterials nicht eindeutig sagen. Das Haus wurde 1882 erbaut – in der Zeit eines eher strengen Historismus.

Bei der Sanierung erhielt das Gebäude auch einen Dachausbau, der vom Architekten Heinz Lutter geplant wurde:

Im Jahr 2010 führte ich den Dachausbau in der Alserbachstraße 11 in Wien mit einem Generalunternehmer für ein- und mehrgeschossigen Holzbau durch (…) Die Firma hat Erfolg mit der Fertigbauweise, sie erzielt durch Vorfertigung eine hohe Qualität und ist architektonischen Lösungen gegenüber aufgeschlossen. Alle Fenster und Türen samt Anschlüssen an Wände können im Trockenen viel besser ausgeführt werden als auf der Baustelle.

Ob der Dekor ebenfalls von Lutter ausgewählt wurde, ist nicht bekannt.

Das einzige auffindbare Foto, das das Haus im Originalzustand zeigt, ist eine Luftaufnahme aus den späten 1950er-Jahren:

Das Haus beherbergt auch eine Kuriosität: Aus einem Fenster im ersten Obergeschoß ragt ein Baum heraus, der sogenannte „Baummieter“. Es handelt sich um ein Kunstwerk von Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), das seit 1981 besteht. Der ursprüngliche Baum wurde in der Zwischenzeit durch einen neuen Baum ersetzt.

Türkenstraße 23 (9. Bezirk)

Die Fassade des großen Wohnhauses am Schlickplatz, schräg gegenüber der Rossauer Kaserne, war nicht erhalten. Errichtet wurde das Gebäude etwa im Jahr 1857. Architekt war Leopold Walter, Baumeister Josef Sturany. Letzterer ist bekannt als Begründer einer Baumeisterdynastie. Sein Sohn Johann avancierte zu einem der erfolgreichsten Architekten der Ringstraßenzeit, der sich auch ein Palais am Schottenring (Pläne: Arch. Fellner & Helmer) errichten ließ.

Auf der ersten Aufnahme ist das Haus in der Türkenstraße 23 im Originalzustand zu sehen, auf der zweiten unmittelbar vor der Rekonstruktion.

Das Foto unten, eine besonders alte Aufnahme, zeigt die noch nicht fertiggebaute Türkenstraße beim heutigen Schlickplatz. Die Fassadenteile, die bei der Rekonstruktion Verwendung fanden, wurden von Franz Teix (Firma Hungaro Dekor) angefertigt. Der heutige Zustand kommt dem Original sehr nahe. Die Dreiecksdächer über einigen Fenstern sind Neuschöpfungen.

Gaudenzdorfer Gürtel 47 (12. Bezirk)

Die Fassade des prachtvollen Späthistorismus-Gebäudes wurde nach Kriegsschäden nur vereinfacht wiederaufgebaut. Bei einer Rekonstruktion 2021 ließ der Eigentümer das Gebäude gründlich sanieren. Dabei wurde auch der fehlende Dekor exakt wiederhergestellt. Siehe Artikel hier.

Karl-Löwe-Gasse 26 (12. Bezirk)

Das Haus aus der späten Biedermeierzeit wurde zwischen 2008 und 2020 umfassend saniert. Dabei wurde auch die Fassade komplett erneuert. Details hier.

Hofferplatz 8 (16. Bezirk)

Die Fassadenfront zur Kirchstetterngasse war nicht erhalten. 2020 wurde der fehlende Fassadenschmuck ergänzt. Auch hier ist der Schmuck von der Firma Hungaro Dekor.

Bergsteiggasse 19 (17. Bezirk)

Der alte Fassadenschmuck des im Jahr 1900 erbauten Hauses war nicht erhalten. 2022 wurde das Haus renoviert.

Im Juli 2021 hat die Fassade noch so ausgesehen:

Einige Dekorelemente, darunter Fensterverdachungen und Gesimse, wurden neu angebracht. Um eine Rekonstruktion nach Originalplänen scheint es sich aber nicht zu handeln.

Interessant ist die Veränderung im Erdgeschoß. Die hier noch sichtbare Garageneinfahrt ist bei der Sanierung entfernt worden:

Anstelle des Garagentors wurden ein Fenster und eine Eingangstür im alten Stil eingebaut. Im Inneren wurde zum Zeitpunkt der Fotoaufnahmen noch gearbeitet. Auftraggeber, ausführende Firmen und Infos zum neuen Dekor ließen sich nicht finden.

Haizingergasse 49 (18. Bezirk)

Bei dem von 1899-1900 erbauten Haus an der Ecke Haizingergasse/Lazaristengasse war eine Fassadenfront nicht erhalten. 2021 wurde der fehlende Dekor rekonstruiert. Den Schmuck hat die Firma Hungaro Dekor angefertigt.

Das Haus ist ein Werk des Architekten Johann Kazda (1869-1931), der zahlreiche Gebäude im 18. Bezirk geplant hatte. Sein bekanntestes Werk ist das Cottagesanatorium in der Sternwartestraße 74.

Staudgasse 49 (18. Bezirk)

Ein Teil der nicht erhaltenen Fassade wurde ca. 2018 wiederhergestellt. Details hier.

Weitere Beispiele von Rekonstruktionen sind in Vorbereitung. Haben Sie Infos zu und Fotos von (Teil-)Rekonstruktionen in Wien, würde ich mich über eine Info sehr freuen.

Teil 2: Wenn nicht rekonstruiert wird

Rekonstruktion wird immer wieder kritisiert. Die Ablehnung verwundert, denn einerseits sind viele bekannte Gebäude ebenfalls Rekonstruktionen. Andererseits hat die historische bzw. wiederhergestellte historische Architektur eine Eigenschaft, die heute wieder ganz aktuell ist: Dauerhaftigkeit. Und damit auch: Nachhaltigkeit. Während nicht wenige Häuser späterer Bauperioden (ab der Nachkriegszeit) wenige Jahrzehnte nach der Errichtung unattraktiv wirken und häufig schon wieder komplett umgebaut oder abgerissen wurden, stehen „klassische“ Altbauten immer noch. Eine attraktive äußere Gestaltung ist also auch in Bezug auf Ressourcenfragen interessant.

Bei den folgenden Beispielen wurde nicht rekonstruiert:

Stephansplatz 9-11 (1. Bezirk)

Am Stephansplatz hatte der Zweite Weltkrieg arg gewütet. Gegenüber dem Riesentor des Stephansdoms stehen heute Neubauten (Haas-Haus) bzw. Häuser aus den 1950er- und 1960er-Jahren (Kardinal-Innitzer-Hof, Kennedy-Hof) und nur vereinfacht wiederaufgebaute Häuser (Stephansplatz 9-11).

Schwarzenbergplatz 5 (3. Bezirk)

Die meisten Gebäude am Schwarzenbergplatz hatten den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Auf der Seite des 3. Bezirks wurde nur das Palais Pollack-Parnau zerstört. An der Stelle des 1914 errichteten Gebäudes entstand in den 1950ern ein schlichtes Bürohaus. Das Gebäude wurde wenige Jahrzehnte später wieder abgerissen.

Seit 2008 steht hier ein Neubau mit viel Glas:

Bürogebäude in Wien
Schwarzenbergplatz 5: errichtet 2006-2008 (Foto: 2013, MrPanyGoff, CC BY-SA 3.0)

Burggasse 122A (7. Bezirk)

Das 1909 errichtete Gebäude hat einen radikalen Umbau hinter sich. Bereits 1935 wurde der filigrane Jugendstildekor abgeschlagen und durch stark reduzierte Formen ersetzt. Auch wenn die klare, klassisch-moderne Gestaltung in sich stimmig ist, wurde letztlich doch viel mehr zerstört als neu geschaffen. So ist ein zentrales Gebäude aus dem ohnehin schmalen Werk des Architekten Hans Fenz äußerlich zerstört worden. In Auftrag gegeben hatte das ursprüngliche Gebäude der Bauunternehmer Isidor Wünsch.

Das Beispiel ist auch deswegen interessant, weil es zeigt, wie historische Fassaden nicht nur in und ab den 1950ern abgeschlagen („modernisiert“) wurden, sondern auch bereits in der Zwischenkriegszeit.

Der Zustand nach dem Umbau der 1930er hat sich bis heute nicht allzu viel verändert. Nur noch teilweise erhalten ist heute aber die Erdgeschoßzone. Anstatt eines Geschäftslokals befindet sich links nun eine Garageneinfahrt.

Mariahilfer Straße 120 (7. Bezirk)

Das als Stafa bekannte Kaufhaus hat zahlreiche tiefgreifende Veränderungen hinter sich. Es wurde 1910 als Mariahilfer Zentralpalast erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die alte Fassade demoliert und bis heute nicht wiederhergestellt. Siehe auch den Artikel hier.

Bei keinem späteren Umbau wurde auf die ursprüngliche Architektur zurückgegriffen.

Quellen, Fotos

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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