Neue alte Häuser: Rekonstruktion in Wien

Die Dresdner Frauenkirche, der Markusturm in Venedig, die Warschauer Altstadt – sie alle sind Rekonstruktionen. Überall in Europa stehen wiederaufgebaute Häuser und wiederhergestellte Fassaden. Ursache für die vorangegangenen Zerstörungen waren meist Kriege oder (Natur-)Katastrophen.

Auch in Wien wurden zahlreiche Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise oder ganz wiederaufgebaut, zum Beispiel die Staatsoper. Die allermeisten zerstörten Häuser sind aber nicht rekonstruiert worden, darunter auch sämtliche Synagogen und Bahnhöfe. Auch die komplett zerstörte Häuserzeile am Schwedenplatz und etliche Gebäude an der Ringstraße wurde nie wiederaufgebaut. Neben Kriegsschäden wirken bis heute vor allem destruktive Renovierungsmaßnahmen der Nachkriegszeit nach: Bei unzähligen Häusern wurde der Fassadenschmuck in den 1950ern und 1960ern abgeschlagen.

Wenn nach alten Plänen rekonstruiert wird, dann ist das immer auf die Initiative von privaten Eigentümern zurückzuführen. Die Beweggründe sind unterschiedlich: vom Engagement für das eigene Eigentum bis zur Wertsteigerung von Immobilien. Die Qualität schwankt dabei stark – von bloßen Styroporteilen bis hin zu exakt angefertigtem Stuck-Dekor ist alles dabei.

Dieser Artikel besteht aus zwei Teilen: In Teil 1 geht es um (Fassaden-)Rekonstruktionen in Wien. Was passiert, wenn Häuser nicht wiederhergestellt werden, wird in Teil 2 exemplarisch angeschnitten.

Teil 1: Rekonstruktionen

Die hier angeführten Rekonstruktionen erfolgten alle nach 1980. Das betrifft fast ausschließlich wiederhergestellte Fassaden und nicht ganze Häuser. Erfasst sind auch stilgerechte Wiederherstellungen von Dekor, die nicht genau dem historischen Ursprungszustand folgen.

Am Hof 11 (1. Bezirk)

Der sogenannte Ledererhof, der Am Hof zwischen Drahtgasse und Färbergasse liegt, wurde nach dem Abbruch dreier älterer Gebäude im Jahr 1883 errichtet. Charakteristisch sind die reich geschmückte neobarocke Fassade und das markante Dach. 1934 wurden Fassade und Dach bei einem Umbau weitgehend zerstört. Ein frühes Beispiel für „Modernisierungen“, die in der Nachkriegszeit erst voll durchschlugen.

Nach Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde der Ledererhof vereinfacht wiederaufgebaut. Anfang der 1990 erhielt das Gebäude seine ursprüngliche Fassade zurück – zumindest ungefähr. Details hier.

Am Hof 11 mit Dachausbau
Am Hof 11 mit 2010 errichtetem Dachausbau (Foto: 2015, Bwag, CC-BY-SA-4.0)

Salztorgasse 5 (1. Bezirk)

Das Gründerzeithaus an der Ecke Salztorgasse/Gonzagagasse wurde 1861 erbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beschädigt und danach offenbar nur vereinfacht wiederaufgebaut. Oder ist eine unsanfte Renovierung in der Nachkriegszeit der Grund? Die heutige Fassade ist in ihrer Grundstruktur an den originalen Zustand angelehnt, eine exakte Rekonstruktion erfolgte aber nicht.

Der Stuck wurde von der Firma Hungaro Dekor angefertigt.

Schwarzenbergplatz 3 (1. Bezirk)

Die Wiederherstellung kriegszerstörter Häuser war in der unmittelbaren Nachkriegszeit durchaus gängig, später aber kaum noch. Eine Ausnahme bildet die Direktion der Staatsbahnen am Schwarzenbergplatz. Das Gebäude stellte der Eigentümer in den 1980ern auf Betreiben des Bürgermeisters von Grund auf wieder her. Zahlreiche Architekten hatten sich damals explizit gegen die Rekonstruktion gewandt. Details hier.

Wiesingerstraße 8 (1. Bezirk)

Die Fassade des 1907 erbauten Gebäudes war nur stark vereinfacht erhalten. Grund dafür sind vielleicht Kriegsschäden (laut Kriegsschadenplan wurde der ganze Häuserblock beschädigt). Bei einer Sanierung wurde neuer Fassadenschmuck angebracht (Schmuck von der Firma Hungaro Dekor).

Erfolgte die Rekonstruktion nach alten Plänen? Ein Foto des Ursprungszustandes hat sich bisher nicht finden lassen. So muss offen bleiben, wie viel Freiheit sich der Stukkateur genommen hat.

Untere Donaustraße 27 (2. Bezirk)

Das 1838 erbaute Wohnhaus ist eines der ältesten noch erhaltenen Gebäude am Donaukanal. Nicht erhalten war aber die Fassade. Bei einer Sanierung im Jahr 2015 wurden die fehlenden Fensterverdachungen und die ursprüngliche Gestaltung des Erdgeschoßes ergänzt. Details hier.

Reisnerstraße 34 (3. Bezirk)

Bei dem Gründerzeithaus im Landstraßer Botschaftsviertel wurde irgendwann eine Fassadenfront abgeschlagen. Um etwa 2017 bekam das Haus seinen „alten“ Dekor wieder. Bei den neuen Dekorelementen handelt es sich – zumindest soweit im Erdgeschoß zu ertasten – um einen hochwertigen massiven Baustoff. Auch ein Dachausbau kam hinzu. Die Betonung der Ecke durch einen modernen Aufbau macht einen hochwertigen Eindruck.

Schimmelgasse 7 (3. Bezirk)

Bei diesem Gründerzeithaus war nur der Dekor im Erdgeschoß und im ersten Stock erhalten, ebenso das Gesims. 2020 wurde das Haus saniert, wobei auch die alte Fassade wiederhergestellt wurde. Ob dabei auf Originalpläne zurückgegriffen wurde, ist nicht bekannt. Details hier.

Graf-Starhemberggasse 41 (4. Bezirk)

Das 1882 erbaute Gründerzeithaus bildete ursprünglich eine Einheit mit dem – komplett erhaltenen – rechten Nebenhaus. Bei einer Sanierung (2019-2020) wurden nicht durch die Fassade saniert und das Dach ausgebaut, sondern auch der fehlende Dekor ergänzt. Ausgeführt ist der neue Fassadenschmuck jedoch nicht mit hochwertigem Stuck, sondern bloß mit einer Art Styropor.

Das Gebäude ist ein Werk des Architekten Karl Riess (1837-1931). Von den drei nebeneinanderliegenden Häusern, die Riess in der Graf-Starhemberg-Gasse entwarf, hat sich nur Nr. 43 komplett erhalten. Bei den Häusern links und rechts wurde der Dekor abgeschlagen.

Gründerzeithäuser in Wien-Wieden
Graf-Starhemberg-Gasse 41 (links, rekonstruiert) und 43 (rechts, original) (Foto: 2021)

Auch die Aufnahme unten ist von 2019. Die Fassade wurde kurz darauf saniert.

Das Foto unten zeigt den Zustand nach den Bauarbeiten.

Gründerzeithäuser in Wien-Wieden, Historismus
Graf-Starhemberg-Gasse 41 (rekonstruiert) und 43 (original erhalten) (Foto: 2021)

Kleine Neugasse 9 (5. Bezirk)

Die Fassade des von 1902-1903 errichteten Jugendstilhauses war nicht erhalten. Bei einer Rekonstruktion wurde sie wiederhergestellt. Das Haus ist ein herausragendes Werk von Emil Hoppe (1876-1957); Baumeister war Rudolf Breuer.

Neustiftgasse 32-34 (7. Bezirk)

Die Fassade des 1903 erbauten Hauses wurde 2021 aufwendig rekonstruiert. In diesem Haus befand sich im frühen 20. Jahrhundert die berühmte Wiener Werkstätte. Details hier.

Mondscheingasse 12 (7. Bezirk)

Das 1876 erbaute Haus steht an der Ecke Mondscheingasse/Zollergasse. Der Fassadenschmuck war nur auf einer Seite erhalten. Das hat sich um etwa 2003 geändert.

Nach dem Vorbild des noch erhaltenen Dekors erhielten die anderen Fassadenfronten ein neues Kleid. Der Fassadenschmuck wurde von der Wiener Stuckmanufaktur hergestellt.

Die neue Fassade macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Der Unterschied zu früher ist erstaunlich:

Kochgasse 13 (8. Bezirk)

Das 1894 errichtete Wohnhaus an der Ecke Kochgasse/Laudongasse, nahe Volkskundemuseum, wurde 2021 saniert, die Ornamente rekonstruiert. Die Detailplanung und die Fertigung des Fassadendekors hat der Stukkateurbetrieb Brezina aus Geras übernommen. Montage und Farbgebung sind vom Malermeister Prochaska aus Wien. Details hier.

Lerchenfelder Straße 158 (8. Bezirk)

Die Fassade des 1860 erbauten Wohnhaus war offensichtlich nur unvollständig erhalten. Von 2021-2022 wurde neuer Fassadenschmuck angebracht.

Wie hat das Haus einst ausgesehen? Wie exakt ist die Rekonstruktion? Handelt es sich überhaupt um eine originalgetreue Wiederherstellung, oder wurde bloß frei historisierend gebaut? Eine alte Aufnahme, die einen Vergleich erlaubt, hat sich bisher nicht finden lassen.

Bei der Fassadensanierung wurde viel Wert auf Details gelegt. Abgesehen vom neuen Schmuck in den Obergeschoßen wurde auch das Erdgeschoß neu ausgestaltet. Ob aber beim Erdgeschoß nicht vielleicht doch etwas zu tief in die Schmuckschatulle gegriffen wurde? Der Bereich um die Tür wirkt überdekoriert.

Türkenstraße 23 (9. Bezirk)

Die Fassade des großen Wohnhauses am Schlickplatz, schräg gegenüber der Rossauer Kaserne, war nicht erhalten. Errichtet wurde das Gebäude etwa im Jahr 1857. Architekt war Leopold Walter, Baumeister Josef Sturany. Letzterer ist bekannt als Begründer einer Baumeisterdynastie. Sein Sohn Johann avancierte zu einem der erfolgreichsten Architekten der Ringstraßenzeit, der sich auch ein Palais am Schottenring (Pläne: Arch. Fellner & Helmer) errichten ließ.

Auf der ersten Aufnahme ist das Haus in der Türkenstraße 23 im Originalzustand zu sehen, auf der zweiten unmittelbar vor der Rekonstruktion.

Das Foto unten, eine besonders alte Aufnahme, zeigt die noch nicht fertiggebaute Türkenstraße beim heutigen Schlickplatz. Die Fassadenteile, die bei der Rekonstruktion Verwendung fanden, wurden von Franz Teix (Firma Hungaro Dekor) angefertigt. Der heutige Zustand kommt dem Original sehr nahe. Die Dreiecksdächer über einigen Fenstern sind Neuschöpfungen.

Gaudenzdorfer Gürtel 47 (12. Bezirk)

Die Fassade des prachtvollen Späthistorismus-Gebäudes wurde nach Kriegsschäden nur vereinfacht wiederaufgebaut. Bei einer Rekonstruktion 2021 ließ der Eigentümer das Gebäude gründlich sanieren. Dabei wurde auch der fehlende Dekor exakt wiederhergestellt. Siehe Artikel hier.

Karl-Löwe-Gasse 26 (12. Bezirk)

Das Haus aus der späten Biedermeierzeit wurde zwischen 2008 und 2020 umfassend saniert. Dabei wurde auch die Fassade komplett erneuert. Details hier.

Hofferplatz 8 (16. Bezirk)

Die Fassadenfront zur Kirchstetterngasse war nicht erhalten. 2020 wurde der fehlende Fassadenschmuck ergänzt. Auch hier ist der Schmuck von der Firma Hungaro Dekor.

Staudgasse 49 (18. Bezirk)

Ein Teil der nicht erhaltenen Fassade wurde ca. 2018 wiederhergestellt. Details hier.

Weitere Beispiele von Rekonstruktionen sind in Vorbereitung. Haben Sie Infos zu und Fotos von (Teil-)Rekonstruktionen in Wien, würde ich mich über eine Info sehr freuen.

Teil 2: Wenn nicht rekonstruiert wird

Rekonstruktion wird immer wieder kritisiert. Die Ablehnung verwundert, denn einerseits sind viele bekannte Gebäude ebenfalls Rekonstruktionen. Andererseits hat die historische bzw. wiederhergestellte historische Architektur eine Eigenschaft, die heute wieder ganz aktuell ist: Dauerhaftigkeit. Und damit auch: Nachhaltigkeit. Während nicht wenige Häuser späterer Bauperioden (ab der Nachkriegszeit) wenige Jahrzehnte nach der Errichtung unattraktiv wirken und häufig schon wieder komplett umgebaut oder abgerissen wurden, stehen „klassische“ Altbauten immer noch. Eine attraktive äußere Gestaltung ist also auch in Bezug auf Ressourcenfragen interessant.

Bei den folgenden Beispielen wurde nicht rekonstruiert:

Stephansplatz 9-11 (1. Bezirk)

Am Stephansplatz hatte der Zweite Weltkrieg arg gewütet. Gegenüber dem Riesentor des Stephansdoms stehen heute Neubauten (Haas-Haus) bzw. Häuser aus den 1950er- und 1960er-Jahren (Kardinal-Innitzer-Hof, Kennedy-Hof) und nur vereinfacht wiederaufgebaute Häuser (Stephansplatz 9-11).

Schwarzenbergplatz 5 (3. Bezirk)

Die meisten Gebäude am Schwarzenbergplatz hatten den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Auf der Seite des 3. Bezirks wurde nur das Palais Pollack-Parnau zerstört. An der Stelle des 1914 errichteten Gebäudes entstand in den 1950ern ein schlichtes Bürohaus. Das schwer deplatzierte Gebäude wurde wenige Jahrzehnte später wieder abgerissen.

Seit 2008 steht hier ein Neubau mit viel Glas.

Gebäude am Schwarzenbergplatz
Schwarzenbergplatz 5: errichtet 2006-2008 (Foto: 2013, MrPanyGoff, CC BY-SA 3.0)

Burggasse 122A (7. Bezirk)

Das 1909 errichtete Gebäude hat einen radikalen Umbau hinter sich. Bereits 1935 wurde der filigrane Jugendstildekor abgeschlagen und durch stark reduzierte Formen ersetzt. Auch wenn die klare, klassisch-moderne Gestaltung in sich stimmig ist, wurde letztlich doch viel mehr zerstört als neu geschaffen. So ist ein zentrales Gebäude aus dem ohnehin schmalen Werk des Architekten Hans Fenz äußerlich zerstört worden. In Auftrag gegeben hatte das ursprüngliche Gebäude der Bauunternehmer Isidor Wünsch.

Das Beispiel ist auch deswegen interessant, weil es zeigt, wie historische Fassaden nicht nur in und ab den 1950ern abgeschlagen („modernisiert“) wurden, sondern auch bereits in der Zwischenkriegszeit.

Der Zustand nach dem Umbau der 1930er hat sich bis heute nicht allzu viel verändert. Nur noch teilweise erhalten ist heute aber die Erdgeschoßzone. Anstatt eines Geschäftslokals befindet sich links nun eine Garageneinfahrt.

Mariahilfer Straße 120 (7. Bezirk)

Das als Stafa bekannte Kaufhaus hat zahlreiche tiefgreifende Veränderungen hinter sich. Es wurde 1910 als Mariahilfer Zentralpalast erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die alte Fassade demoliert und bis heute nicht wiederhergestellt.

Bei keinem späteren Umbau wurde auf die ursprüngliche Architektur zurückgegriffen.

Quellen, Fotos

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