Villa aus den 1930ern in Gefahr

Droht der Abriss einer modernen Villa mitten im 13. Bezirk? Das 1931 erbaute Gebäude in der Hofwiesengasse, südwestlich von Schönbrunn, steht schon seit einiger Zeit leer. Auf dem großen Grundstück soll ein Wohnblock gebaut werden. Bedeutet das auch das Ende der im Stil der klassischen Moderne errichteten Villa?

Werden die Behörden das architektonisch wertvolle Gebäude schützen, sollte der neue Eigentümer einen Abriss durchsetzen wollen?

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Hofwiesengasse 29 im 13. Bezirk: Wird die 1931 errichtete Villa abgerissen? (Foto: 2020)

Ikone der 1930er-Jahre

Im Sommer 2020 erreichte WienSchauen eine anonyme Nachricht. Darin berichteten Bewohner des 13. Bezirks vom drohenden Abriss einer modernen Stadtvilla. Besonders besorgniserregend sind folgende – hier nicht nachprüfbare – Beobachtungen:

Das Gebäude ist schon seit längerer Zeit durch kaputte Fenster und Türen, der Witterung ungeschützt ausgesetzt. Durch den neuen Eigentümer werden keine Sicherungsmaßnahmen des Gebäudebestandes durchgeführt.

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Hofwiesengasse 29: Muss die alte Villa einem Wohnblock weichen? (Foto: 2020)

Das markante Gebäude liegt im Bezirksteil Speising, zwischen ORF-Zentrum, Klinik Hietzing und der Maria-Theresien-Kaserne. Ein Teil Hietzings, der durch Gründerzeithäuser, moderne Einfamilienhäuser und kleinere Wohnhausanlagen geprägt ist. Mit ihrer für die Zwischenkriegszeit charakteristischen Architektur hebt sich das Haus in der Hofwiesengasse 29 deutlich von der Umgebung ab.

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Hofwiesengasse 29: Erbaut 1931 nach Plänen von Alois Plessinger. (Foto: 2020)

Die Villa gehört zum Werk des Architekten Alois Plessinger (1894-1968). Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und war Schüler von Franz Knauß (der u. a. die Wiener Volksoper entwarf) und dem bedeutenden deutschen Architekten Peter Behrens.

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Villa in der Hofwiesengasse 29 (Foto: 2020)

Ihre Modernität hat die Villa bis heute nicht eingebüßt. Auf jede Art von Schmuck wurde verzichtet. Das ganze Gebäude ist in durchgehend weißer (heute schon angegrauter) Farbe gehalten. Die Fassade ist fast nur durch die Anordnung und Gestalt der Fenster gegliedert.

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Hofwiesengasse 29: moderne Architektur anno 1931 (Foto: 2020)

Abriss? Umbau? Neubau nebenan?

Ist ein Abriss wirklich geplant? Oder laufen bloß Planungen für einen Umbau? Derzeit liegen keine gesicherten Informationen vor.

Interessant ist folgende Meldung auf der Webseite der Grünen Hietzing. Betroffen ist das Grundstück, auf dem auch die Villa steht:

Auch ein Antrag auf Unterschutzstellung der Linde in der Hofwiesengasse 29-31, wo ein Neubauvorhaben geplant ist, wurde einstimmig beschlossen und wird geprüft.

Unter der Überschrift Muss riesige Linde einem Wohnblock weichen? berichtete auch die Bezirkszeitung im Juni 2020 über das geplante Bauvorhaben.

Da es sich um ein großes Grundstück handelt, das locker Platz für zwei Gebäude bietet, könnte auch einfach der freie Platz neben der Villa neu bebaut werden, die Villa selbst aber stehen bleiben. Jedoch lassen sich in einem Neubau deutlich mehr Wohnungen unterbringen als in einem renovierten Altbau. So könnte durchaus mit einem Abriss der Villa und dem Neubau eines großen Wohnblocks spekuliert werden, der sich über die Breite des gesamten Grundstücks erstreckt.

Satellitenbild der Hofwiesengasse, Speising, Hietzing, Wien, mit Villa Hofwiesengasse 29
Hofwiesengasse: Neben der Villa ist noch ein freier Bauplatz. (Satellitenbild ©ViennaGIS, abgerufen 11/2020)

Villa ohne Denkmalschutz

Gerade bei singulären Gebäuden wie der Villa in der Hofwiesengasse kommt schnell der Gedanke an den Denkmalschutz. Das Bundesdenkmalamt hat erst 2020 geprüft, ob die Villa für den Denkmalschutz geeignet sein könnte – mit negativem Resultat.

Laut Bundesdenkmalamt ist das Gebäude „auf einem mittleren Gestaltungsniveau angesiedelt, das konservative Elemente mit ‚modischen‘ (z. B. das über Eck gezogene Fenster) kombiniert.“

Hier zeigt sich, wie restriktiv (und reformbedürftig) das Denkmalschutzgesetz ist. Auch die personelle Unterbesetzung des Denkmalamts mag dazu beigetragen haben, dass kein Schutz für die Villa gilt.

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Hofwiesengasse 29: erbaut 1931 (Foto: 2020)

Magistrate können Gebäude schützen

Der Denkmalschutz ist das stärkste, aber nicht das einzige Mittel, um wichtige bauhistorische Zeugnisse langfristig zu schützen und zu erhalten:

  • In Wien können Schutzzonen für charakteristische Gebiete festgelegt werden. Zwar sind im 13. Bezirk, besonders in der Umgebung von Schönbrunn, großflächige Schutzzonen eingerichtet, in der Hofwiesengasse aber nicht. Bei der Umwidmung im Jahr 2006 hätte es die Möglichkeit gegeben, auch hier eine Schutzzone zu beschließen. Diese Möglichkeit wurde nicht genutzt.
  • Einzigartig in Österreich ist die in Wien seit 2018 geltende Regelung: Bei jedem vor 1945 erbauten Gebäude müssen die Behörden dem Abriss zustimmen. Abbrüche können untersagt werden, wenn ein Gebäude für das Stadtbild als erhaltenswert gesehen wird. Das ist überhaupt ein Vorbild für ganz Österreich und könnte in sämtliche Landesgesetzgebungen übernommen werden. Einschließlich einer Erweiterung auf später errichtete Gebäude.

Für die Villa gilt also keine Schutzzone. Aber dem Vernehmen nach sieht die zuständige Magistratsabteilung 19 das Gebäude als erhaltenswert an. So besteht zumindest ein gewisser Schutz vor einem Abriss.

Im dunklen Dickicht der Abbruchreife

Doch auch das muss noch nichts bedeuten. Selbst wenn die Behörden den Abriss untersagen, kann ein Eigentümer immer noch abreißen lassen – wenn das Gebäude abbruchreif ist.

„Abbruchreife“ heißt: Ein Eigentümer lässt mittels eines privat beauftragten (und selbst bezahlten) Gutachtens nachweisen, dass sich ein Gebäude nicht mehr wirtschaftlich sanieren lässt. Abgesehen von der Baupolizei und anderen Abteilungen im Wohnbauressort (derzeit geleitet von Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál) hat keine Stelle Einsicht in diese Unterlagen. Unabhängige Prüfungen sind nicht möglich.

So bleibt beispielsweise auch unklar, ob sich die historische I. Medizinische Klinik (erbaut 1911, Abriss 2020) wirklich nicht mehr sanieren ließ. Dasselbe gilt für die zwei Gründerzeithäuser am Leopoldauer Platz, die 2020 trotz Schutzzone abgerissen wurden. Wird dieses Schicksal auch die Villa in der Hietzinger Hofwiesengasse treffen?

Bebauungsplan: Wie Häuser unter Druck gesetzt werden

Besonders aufschlussreich sind die Details des Bebauungsplans. Behörden und Politik haben bei der Umwidmung im Jahr 2006 sehr große Spielräume für den Neubau von Häusern festgelegt.

Neben der fehlenden Schutzzone fallen die umfassenden Möglichkeiten auf, verhältnismäßig große Neubauten zu errichten. Nicht in Bezug auf die Höhe (es gilt eine niedrige Bauklasse), sondern auf die Fläche: Ein Neubau dürfte eine viel größere Grundfläche umfassen, als das Bestandsgebäude. Wer solche Bebauungspläne anfertigt und beschließt, kalkuliert Abrisse schon mit ein.

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Villa in der Hofwiesengasse 29, 1130 Wien (Foto: 2020)

Behörden und Politik müssen handeln!

Die Villa in der Hofwiesengasse ist ein besonderes Zeugnis einer kurzen Periode in der Wiener Architektur (Details unten). Es wäre ein großer Verlust, würde dieses Gebäude einfach zugunsten eines bloßen Wohnblocks geschleift.

Gefragt sind jetzt die Wiener Magistrate und besonders Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál. Nun muss die gesetzliche Erhaltungspflicht durchgesetzt werden, damit es nicht zu einem Abriss kommt.

Auch die Parteien im 13. Bezirk können ihren Teil zum Schutz alter Häuser beitragen: Es braucht in weiten Teilen Hietzings mehr Schutzzonen und einen Bebauungsplan, der Erhalt und Sanierung historischer Bauten fördert, anstatt Abrisse zu begünstigen. Anträge auf Schutzzonen kann jede Partei einbringen. Es ist höchste Zeit.

Wien wird modern

Ein schon auf den ersten Blick auffälliges Gebäude wie das in der Hofwiesengasse entsteht nicht aus dem Nichts, sondern ist in einen spezifischen historischen Kontext eingebettet. Dazu zwei Aspekte:

  1. Die Gestaltung ist geprägt vom Stil der damaligen Zeit und geht u. a. auf Einflüsse von Adolf Loos und Peter Behrens zurück. Architekt Plessinger folgte in vielen Punkten bereits vorhandenen Tendenzen.
  2. Es ist einem staatlichen Förderprogramm zu verdanken, dass auch in der instabilen Zwischenkriegszeit architektonisch bedeutende Gebäude entstehen konnten.

(1) Hoffmann, Loos & Co.

In der Wiener Architektur der 1910er bis 1930er-Jahre stehen sich im Besonderen zwei Positionen gegenüber: Auf der einen Seite Josef Hoffmann, auf der anderen Adolf Loos. Beide im selben Jahr (1870) geboren, beide Schüler von Otto Wagner, beide große Erneuerer der Wiener Architektur – und beide bis heute weltberühmt. Doch ihre Werke könnten unterschiedlicher nicht sein, wie der Vergleich zweier fast zeitgleich erbauter Villen veranschaulicht:

Viele der zwischen 1910 und den späten 1930ern errichteten Villen wirken auch für die heutige Zeit noch modern. Die folgenden Beispiele führen vor Augen, wie gut die Architekten ausgebildet waren:

(2) Der Beginn der Wohnbauförderung

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem Zerfall der Monarchie wurde der verkleinerte Staat durch immer wiederkehrende wirtschaftliche und politische Probleme erschüttert. Trotz allem entstanden damals unzählige Gebäude, die auch heute noch das Wiener Stadtbild bereichern. Den größten Anteil daran haben Gemeindebauten, doch in kleinerem Ausmaß wurde auch weiterhin mit privaten Mitteln gebaut.

Um die Bauwirtschaft anzukurbeln, erließ die Bundesregierung 1929 ein Gesetz zur Wohnbauförderung. Dazu Andreas Suttner in seinem Buch Das schwarze Wien:

Die Strategie zur Finanzierung der Eigentumswohnhäuser war dem der kommunalen Hofverbauung des Roten Wien diametral entgegengerichtet. Sie sollte durchwegs von der Privatwirtschaft und nicht von der Wohnbausteuer der Stadt Wien getragen werden, um so als bauliches Alternativkonzept zu fungieren.

Für die Architektur bedeutete das einen Verzicht auf Dekor, womit …

… das Eigenheim äußerlich seiner chronologischen Einordnung in einen bestimmten Stil enthoben [wurde]. Die äußere Gestalt des Hauses sollte einzig dem Grundriss und den Lichtverhältnissen untergeordnet werden, wobei die sachlich glatten Wände nur eine Funktion des Wohnens ausdrückten.

Das Dach wurde wie der Rest des Hauses möglichst ökonomisch gestaltet. Das Flachdach stellte dabei eine Möglichkeit dar, eine billige Dachlösung mit der Einrichtung einer Dachterrasse zu verknüpfen.

Eingebettet war das Wohngebäude in einem Garten, der zur Erholung dienen sollte und nicht wie beim Stadtrandsiedlungsbau als ökonomische Anbaufläche zum Nebenerwerb. Unter dem Eindruck dieser sachlichen ökonomischen Hausentwürfe wurde die Wiener Werkbundsiedlung 1931 unter der Leitung von ihrem Präsidenten Josef Frank begonnen.

Auch für den Bau des Hochhauses Herrengasse und der Wohnhausanlage in der Salesianergasse (Fotos unten) wurden Fördermittel des Bundes bezogen. Das Wohnbauförderungsgesetz von 1929 ist gleichsam der Urahn der noch heute bestehenden Wohnbauförderung.

Im Roten Wien wurden innerhalb von etwa zehn Jahren über 60.000 Gemeindewohnungen neu errichtet. Die Förderung von Eigenheimen durch das Bundesgesetz von 1929 erreichte jedoch nicht im Ansatz solche Maßstäbe.

Alois Plessinger

Kurz noch einmal zurück zur Hietzinger Villa in der Hofwiesengasse und ihrem Architekten. Alois Plessinger konnte in seiner aktiven Karriere, die sich auf die 1930er bis 1960er-Jahre erstreckte, nur verhältnismäßig wenige Gebäude realisieren.

Mit seinen Fertigkeiten mag das nur bedingt zusammenhängen, denn nach der Wirtschaftskrise 1929/30 brach auch in Wien die Bauwirtschaft ein, die überhaupt nur durch die öffentliche Hand einigermaßen aufrechterhalten wurde. Weiter bergab ging es im Ständestaat/Austrofaschismus ab 1933, als die Errichtung von kommunalen Wohnhausanlagen massiv zurückgefahren wurde (zugunsten von Eigenheimen und Spekulationsbauten). Fast gänzlich zum Erliegen kam der Neubau von Häusern in der Nazizeit.

Bergauf ging es wieder in den 1950ern. Kriegsschäden wurden repariert, Ruinen durch Neubauten ersetzt und Gemeindebauten errichtet. Auch Alois Plessinger war am Bau einiger kommunaler Wohnhausanlagen in Wien beteiligt. Es entstanden zeittypische Gebäude mit reduzierten Fassaden, traditionellen Giebeldächern und Kunst am Bau (Fotos unten).

Diese Gebäuden erreichen wohl nicht mehr das gestalterische Niveau, das noch bei der Villa in der Hofwiesengasse so auffallend ist. Doch während Plessingers Gemeindebauten alle unter Denkmalschutz stehen, könnte das vielleicht wichtigste Werk des Architekten bald der Vergangenheit angehören.

Villa in der Hofwiesengasse 29 in Hietzing, Wien, klassische Moderne, Zwischenkriegszeit, erbaut 1931, Architekt: Alois Plessinger
Hofwiesengasse 29: Renovierung oder Abriss? (Foto: 2020)

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).
+43 1 4000 81341
 
Der amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Innovation, Stadtplanung und Mobilität. Diese ist u. a. zuständig für die Flächenwidmungs- und Bebauungspläne (Innen-Südwest, Nordost), Stadtentwicklung und Stadtplanung und Architektur und Stadtgestaltung (einschließlich der Festsetzung von Schutzzonen gegen Hausabrisse).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

Werke von Alois Plessinger

Fotos

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