Historische Krankenpflegeschule zu Attrappe demoliert

Von der 1872 erbauten Krankenpflegeschule in der Hietzinger Jagdschlossgasse ist nur noch eine schmale Fassadenfront übriggeblieben. Fast das gesamte Gebäude wurde abgerissen – für die Errichtung von Luxuswohnungen. Vermarktet als „revitalisierter Altbau“.

Das Gebäude mitsamt der großen Grünfläche hatte die Stadt Wien im Jahr 2014 an einen Investor verkauft. So ist auch der Park für die Öffentlichkeit verloren.

ehemalige Krankenpflegeschule nach dem Teilabriss, nur noch Fassade übrig, Wien-Hietzing
Jagdschlossgasse 23: Nur mehr eine Fassade ist geblieben. (Foto: Gerhard Hertenberger / Initiative Denkmalschutz, 2022)

Historische Krankenpflegeschule

Die einst sogenannte Privatheilanstalt für Gemüths-, Nerven-, und somatische Kranke in Lainz wurde 1872 im Stil eines Gartenschlosses erbaut. 1913 erwarb die Stadt Wien das Gebäude und richtete darin eine Krankenpflegeschule ein, die bis 2013 bestand. Ab den 1980ern wurde das Gebäude nach und nach renoviert. Bis zum Abbruch im Jahr 2022 dürfte es innen und außen in baulich gutem Zustand gewesen sein. Das Gebäude stand nicht unter Denkmalschutz, was wohl auf das limitierte österreichische Denkmalschutzgesetz zurückzuführen sein dürfte.

historisches Gebäude, Bäume, ehemalige Krankenpflegeschule in der Jagdschlossgasse in Wien-Hietzing
Jagdschlossgasse 23 vor dem Abriss (Foto: 2021)

Gebäude von der Stadt Wien verkauft

Bis 2014 gehörten das Gebäude und das umgebende Areal der Stadt Wien. Dann kam es zur Privatisierung. Zu dieser Zeit regierte im Rathaus eine Koalition aus SPÖ und Grünen. Als Vertreter der Stadt beim Verkauf fungierte der Wiener Krankenanstaltenverbund (heute: Wiener Gesundheitsverbund). Zuständige Stadträtin zum Zeitpunkt des Verkaufs war Sonja Wehsely (SPÖ).

Um einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag wurde das Gebäude an den Bauträger BAI verkauft. Seit 2017 gehört die BAI zum Investor Signa, der auch schon beim Abriss des Leiner-Hauses in der Mariahilfer Straße für Aufsehen sorgte. Hinter dem 2022 begonnenen Um- und Ausbau in der Jagdschlossgasse steht aber der Grazer Bauträger Trivalue, der die Liegenschaft von der BAI erwarb.

Bezirk wollte Schule statt Wohnungen

2022 sprach Mathias Kautzky von der Bezirkszeitung mit den Hietzinger Parteien – und keine Partei war mit der Entwicklung glücklich. Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP) hätte sich für den Standort eine neue Schule gewünscht. Matthias Friedrich von der SPÖ kritisierte, bei dem Projekt stehe „die Gewinnmaximierung im Vordergrund – 400.000 Euro für 45 Quadratmeter sind das Gegenteil leistbaren Wohnens.“ Die FPÖ kritisierte das „Großbauprojekt zum Nachteil der Anrainer.“

Grünareal für Öffentlichkeit verloren

Durch die Privatisierung des 15.000 m² großen Areals ist auch die Option verlorengegangen, eine dauerhaft zugängliche Parkanlage zu schaffen bzw. zu erhalten. Die Grünen in Hietzing erklärten, es sei traurig, „dass nichts aus dem versprochenen öffentlichen Park geworden ist.“ Aber war ein Park je versprochen worden?

Dass nach der Privatisierung eines riesigen Grünareals eine öffentliche Nutzung nicht mehr möglich sein würde, war wohl schon länger klar. Offenbar hatte zumindest die damalige Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) kein Interesse, das Areal im Sinne der Bevölkerung zu nutzen und zugänglich zu halten. Für die Politik wogen die Interessen des Investors offenbar höher als das Gemeinwohl. Eine private Grünfläche einer solchen Größe ist selten – und für Immobilienfirmen natürlich besonders interessant.

Luxuswohnungen und Neubauten kommen

Nicht alle wollten die Umwandlung hin zu exklusivem Eigentum hinnehmen. Für Aufsehen hatte 2017 eine Hausbesetzung gesorgt, die aber rasch von der Polizei beendet wurde. Dann war es lange still um das Gelände. Als 2022 mit den Bauarbeiten begonnen wurde, berichtete Der Standard:

Bald wird das alles verschwunden sein: Der Grazer Bauträger Trivalue will das Hauptgebäude nun sanieren [es wurde aber weitgehend abgerissen, Anm.] und die drei Nebengebäude abreißen und neu bauen. Geplant wird die Revitalisierung von Dietrich Untertrifaller Architekten.

Insgesamt sollen im Floriette 63 Wohnungen mit 45 bis 150 Quadratmetern entstehen. Der Baumbestand auf den 12.000 Quadratmetern Grünfläche rund um die Wohnungen soll so weit wie möglich erhalten bleiben. Eigene Gärten wird es nicht geben, dafür kleine Patios und einen privaten Park.

Mit Stand Juli 2022 sind bereits viele Wohnungen verkauft. Die Preise sind erwartbar für diese Lage: Beispielsweise wird eine 129 m² große Wohnung für fast 1,4 Millionen Euro angeboten. Eine 67 m² große Wohnung mit zwei Zimmern gibt es um 665.000 Euro.

Die Bezirkszeitung über das Bauprojekt:

Zwar müssen [für die Neubauten] viele Bäume gefällt werden, dafür dürfen sich die Häuser mit erwähnten Frauennamen schmücken. Warum Luxuswohnungen? Ein Concierge-Service, großzügige Balkone und Terrassen sowie ein Wasserspiel-, Fitness- und Spabereich samt Kneipp-Becken gehören dort genauso wie Yoga- und Massageräume zum Wohnstandard. Wer’s lieber naturbelassen hat, kann sich aber auch in die rund 1,2 Hektar Parkgarten zurückziehen, die den künftigen Bewohnern ganz privat zur Verfügung stehen werden.

Stichwort „privat“: Die bisher öffentlich zugängliche Grünfläche wurde insbesondere von großen und kleinen Bewohnern der angrenzenden Gemeindebauten in der Waldvogelstraße gern zur Erholung genutzt. Damit ist es ab der Fertigstellung des Bauprojekts Ende 2023 endgültig vorbei (…)

Weitgehender Abriss als "Revitalisierung" vermarktet

Bei der Vermarktung von Immobilien wird oft eine ganz eigene Sprache angewandt. Interessant ist die die Wortwahl auch bei diesem Bauprojekt: Der Bauträger schreibt auf seiner Webseite nämlich von einem „revitalisierten Altbau“. Wie aber kann etwas revitalisiert werden, wenn fast alles abgerissen worden ist? Soll der Abriss bloß in möglichst positive Worte gehüllt werden, um mit dem Flair des scheinbar noch existenten Altbaus für Käufer zu werben?

Kein effektiver Abriss-Schutz in Wien

Dass das alte Gebäude bis auf wenige Fassadenreste abgetragen werden durfte, ist dem schwachen Stadtbildschutz in Wien geschuldet, für den die Stadt Wien unabhängig vom Denkmalschutz zuständig ist. Geschützt ist nämlich – wenn überhaupt – nur die straßenseitige Fassade. Oft ist der gesetzliche Schutz sogar so schwach, dass Gebäude gleich vollständig abgebrochen werden dürfen (Hohenbergstraße 18, Donaufelder Straße 193 u.v.m.). Auch in Ortsbild-Schutzzonen sind weitgehende Abbrüche erlaubt, wie der Fall des Leiner-Hauses zeigt. Andernorts wird in Schutzzonen sogar komplett abgerissen (z. B. Kaiserstraße 31, Krieglergasse 12).

Der Begriff „Stadtbildschutz“ ist dabei fast irreführend, denn es geht beim Schutz alter Häuser um viel mehr: Um den Erhalt der Wohnungen und damit oft auch langjähriger Mietverträge; um den Erhalt der im Gebäude gespeicherten Ressourcen, die durch Abbrüche verlorengehen würden; und um bauhistorisch bedeutende Werke – innen wie außen. Denn auch Stiegenhäuser, Dächer, Höfe, Türen, Fenster und dergleichen können erhaltenswert sein.

In Wien zeigt der Gesetzgeber seit jeher kaum Interesse an all diesen Dingen. Anders ist das in der Stadt Salzburg: Dort ist auch das Innere von Gebäuden durch Schutzzonen erfasst. Ein fast vollständiger Abriss wie bei der Krankenpflegeschule in der Jagdschlossgasse ließe sich damit effektiver verhindern.

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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).
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(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

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