Reinprechtsdorfer Straße: Umgestaltung mit Schwächen

Der nördliche Abschnitt der Reinprechtsdorfer Straße wurde 2023 umgestaltet. Das Ergebnis: viele neue Bäume, mehr Platz für Fußgänger und ein attraktiver gestalteter öffentlicher Raum. Der Durchzugsverkehr und etliche Parkplätze sind hingegen geblieben, die Situation für den Radverkehr ist nicht optimal gelöst.

Reinprechtsdorfer Straße vor und nach dem Umbau
Ein Teil der Reinprechtsdorfer Straße wurde 2023 umgestaltet. (Foto links: 2020, rechts: 2024)

Sterbende Einkaufsstraße im 5. Bezirk

Die Reinprechtsdorfer Straße war noch in den 1980er-Jahren eine passabel funktionierende Einkaufsstraße. Mit der Zeit ging es jedoch bergab, Geschäfte schlossen, die „Verramschung“ setzte der Straße zu. Das kleine Glücksspiel florierte, 2014 habe die Reinprechtsdorfer Straße  mit 88 Automaten die höchste Glücksspieldichte Wiens aufgewiesen, was zu Widerstand aus der Bevölkerung führte.[6] Der Ruf war endgültig dahin.

Mit der Aufwertung größerer Einkaufsstraßen wie der Mariahilfer Straße und der Neubaugasse wurde deutlich, wie sehr die Gestaltung der Reinprechtsdorfer Straße den Anforderungen der Zeit hinterherhinkte: vier Spuren für Kfz, viel Autoverkehr, keine Bäume – nicht gerade einladend. Die Belastung durch den durchfahrenden Verkehr, der je nach Abschnitt zwischen 35% und 50% ausmachte, war hoch.[1] Weitere Infos zur Reinprechtsdorfer Straße vor der Umgestaltung sind hier zu finden. Eine Fotodokumentation von 2020 ist hier.

Straße in Wien-Margareten, Autos, Fußgänger, Baustelle
Reinprechtsdorfer Straße bei der Schönbrunner Straße - vor dem Umbau (Foto: 2021)

Verkehr als Einbahnstraße

Die ersten Pläne für eine Umgestaltung sind noch aus der Zeit der Rot-Grünen Rathauskoalition, in der die Grünen das dafür zuständige Planungsressort leiteten. Angedacht war eine Begegnungszone mit Gegenverkehr.[2] Mit dem Koalitionswechsel 2020 wurden die Pläne überarbeitet. Das brachte eine Einbahn, mehr Bäume, aber auch das Ende für weitreichendere Überlegungen. Kritik kam von den in die Opposition verbannten Grünen:

Durch die Einbahnlösung hat die SPÖ und Bezirksvorsteherin Silvia Jankovic (…) die Wünsche der Bürger:innen missachtet. Wer in die Innenstadt will, kann nicht mehr von der Reinprechtsdorfer Straße mit der Buslinie 14A wegfahren, da die Reinprechtsdorfer Straße nur mehr stadtauswärts befahren werden kann. Die nächste Haltestelle des 14A ist jetzt erst in der Ramperstorffergasse aufzufinden. (…) Auch der Wunsch nach einer nachhaltigen Verkehrsberuhigung auf Höhe des Siebenbrunnenplatzes ist bisher ignoriert worden. Durch die Einbahnführung hat sich der Verkehr in unsere Wohngrätzl verlagert. [3]

Die Sinnhaftigkeit einer Einbahnlösung wird durch eine 2021 verfertigte – und lange nicht veröffentlichte – Studie gestützt, der zufolge das Verkehrsaufkommen im ganzen Bezirk bei einer der untersuchten Varianten um bis zu 14% gesenkt werden kann:

Grundsätzlich bewirken alle neun [in der Studie untersuchten] Varianten insgesamt Verbesserungen für den 5. Bezirk. Wird die Reinprechtsdorfer Straße jedoch nur halb als Einbahn geführt, sind die Abnahmen (gefahrene km im Bezirk und Reisezeit) nur etwa halb so groß wie bei den Varianten einer vollen Einbahn. Bei einer vollen Einbahnführung (im konkreten Fall Fahrtrichtung stadtauswärts) sind die Wirkungen am stärksten. [1]

Ein weiterer Vorteil einer Einbahnstraße könnte der dadurch gewonnene Raum für mehr Baumpflanzungen sein, da die Fahrbahn schmäler ist.

ÖVP, SPÖ und FPÖ für Transit durch Nebengasse?

Die Einbahnführung stößt einigen Anwohnern an der parallel verlaufenden Ramperstorffergasse übel auf, die seither verstärktem Autoverkehr ausgesetzt ist:

Aufbauend auf einem Bürger*innenbeteiligungsverfahren (2014-2016) und einer Planungsphase (2017-2020) wurden Pläne für Margareten geschmiedet: vorgesehen war die Reinprechtsdorfer Straße, wie bisher als zweispurig Fahrbahn – in beide Richtungen – zu führen und zusätzlich verkehrszuberuhigen. Der Durchzugsverkehr, quasi die Verlängerung der Triesterstraße, wäre damit unterbunden worden. In der Bezirksvertretungssitzung am 16.3.2021 hat die SPÖ-Margareten einen Antrag eingebracht, diese Pläne zu verwerfen: drei Bezirksräte der SPÖ-Margareten (…) ignorieren die Wünsche der Bevölkerung und agieren gegensätzlich. [7]

In der Bezirkspolitik soll es mit Anfang 2024 Bestrebungen von SPÖ, ÖVP und FPÖ geben, das Abbiegen von der Wiedner Hauptstraße in die Ramperstorffergasse dauerhaft zu gestatten. Basis sei ein Antrag der ÖVP.[8] Das würde die örtliche Verkehrsbelastung verstetigen und den Empfehlungen der oben erwähnten Studie zuwiderlaufen. Aus der Studie:

Die Variante V2-2 (volle Einbahnführung mit Entfall Linksabbieger Wiedner Hauptstraße # Ramperstorffergasse) zeigt hierbei die größten Abnahmen (Verbesserungen) bei gleichzeitig geringen Veränderungen im untergeordneten Straßennetz. Diese Variante reduziert das Verkehrsaufkommen im ganzen Bezirk um -14%. Insgesamt können damit in Margareten täglich ca. 6.400 Kfzkm vermieden und 320 KfzStd. eingespart werden! [1]

Hat SPÖ Verkehrsberuhigung verhindert?

Um die Lebensqualität auch in der dichten Stadt zu gewährleisten, führt an Maßnahmen zum Verkehr kein Weg vorbei. Der Kfz-Verkehr nimmt an den allermeisten Orten zu viel Fläche in Anspruch – zumeist drei bis vier Spuren pro Straße (Fahr- und Parkspuren), die dann für andere Verkehrsmittel, für breitere Gehsteige, Plätze und Begrünung fehlt. Hinzu kommt die Lärmbelastung. Nicht notwendige Autofahrten müssen verhindert, öffentliche Verkehrsmittel und Radverkehr verbessert werden. Für einen inmitten hochrangiger Straßen liegenden Bezirk wie Margareten ist das besonders relevant.

Die entscheidende Frage in Bezug auf die Reinprechtsdorfer Straße ist: Warum wurde in der oben erwähnten Studie nicht auch eine Unterbrechung des Durchzugsverkehrs – abgesehen von der Buslinie – untersucht? Eine Unterbrechung, die den Transit durch den Bezirk verunmöglichen und die Autofahrten auf Anrainer und Zufahrten beschränken könnte? Dazu TU-Wien-Verkehrswissenschaftler Ulrich Leth auf X/Twitter im November 2023:

Interessant ist aber, was nicht [in der von der Stadt beauftragten Studie] drinnensteht – bzw. was gar nicht im Auftrag enthalten war: was passiert, wenn die Durchfahrt durch die Reinprechtsdorfer Straße komplett gesperrt wird, mit dem Siebenbrunnenplatz als Grätzlzentrum. Das wurde auf Bezirkswunsch NICHT untersucht! (…) Der Bezirk hat sich also auf Basis unvollständiger Informationen für eine Variante entschieden, die politisch gewünscht war. Mögliche sinnvolle(re) Alternativen wurden gar nicht untersucht.

Letztlich läuft die Diskussion auf eines hinaus: Der 5. Bezirk braucht ein umfassendes Verkehrskonzept, das den Autoverkehr soweit benachrangt, dass Fahrten nur noch für Anrainer, Handwerker und Lieferanten usw. attraktiv sind, aber nicht mehr für den Transitverkehr.

Autoverkehr und parkende Autos in der Reinprechtsdorfer Straße
Pkw-Transit: Die Durchfahrt in Richtung Matzleinsdorfer Platz ist weiterhin möglich. (Foto: 2024)

Umbau

Margareten wird künftig besser an das U-Bahn-Netz angebunden sein. Die U2 wird über die Pilgramgasse und den Bacherplatz bis zum Matzleinsdorfer Platz fahren. Mitten drin: Die Reinprechtsdorfer Straße. Die Bauarbeiten für die Verlängerung der U-Bahn gaben den Startschuss für Änderungen an der Oberfläche. 2023 wurde der Umbau am Abschnitt zwischen Schönbrunner Straße und Siebenbrunnenplatz abgeschlossen. Der übrige Teil wird in einigen Jahren umgestaltet.

2023: Umbau fertig

Im Oktober 2023 wurde die auf einer Länge von 400 Metern umgestaltete Reinprechtsdorfer Straße eröffnet. 2024 lockert das Grün der neuen Bäume schon das ehemals graue Straßenbild auf. Der Umbau erfolgte unter Stadträtin Ulli Sima und Bezirksvorsteherin Silvia Jankovic (beide SPÖ).

Viele neue Bäume

Im Abschnitt zwischen Schönbrunner Straße und Siebenbrunnenplatz wurden 32 Bäume gepflanzt. Alle Bäume sind von begrünten Baumscheiben umfasst, die von Schotter bedeckt sind.

Straße in Wien-Margareten, Bäume, Autos, Leute, Bushaltestelle, alte Häuser
Reinprechtsdorfer Straße zwischen Schwarzhorngasse und Arbeitergasse - nach dem Umbau (Foto: April 2024)

In einigen Jahren werden die Bäume groß genug sein, um ein durchgehendes Kronendach mit der entsprechenden Beschattung zu bilden. Straßenbäume sind keineswegs bloß eine Frage der Ästhetik. Sie leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Schutz vor Hitze.

Reinprechtsdorfer Straße nach der Umgestaltung, Bäume, alte Häuser, Kreuzung, gepflasterte Gehsteige, Geschäfte
Reinprechtsdorfer Straße bei der Bräuhausgasse (rechts) (Foto: April 2024)

Einbahn, breitere Gehsteige, Parkplätze

Gefährlich schmal waren die Gehsteige auf der Reinprechtsdorfer Straße zuvor nicht. Besonders angenehm und ästhetisch ansprechend – Stichwort: Asphalt – aber auch nicht. Dazu hatte auch die Schieflage in der Verteilung des öffentlichen Raums beigetragen. Die zwei Fahr- und zwei Parkspuren für den motorisierten Individualverkehr hatten entsprechend Raum gefordert.

Die Fahrbahn wurde beim Umbau verschmälert, es gilt nun eine Einbahn. Ebenfalls reduziert wurde die Anzahl der Parkplätze. Eingerichtet wurde eine Kurzparkzone – markiert auf dutzenden Schildern. Auf eine durchgehende Entfernung der Parkplätze und eine Beschränkung auf Haltezonen (für Lieferanten, Handwerker usw.) ist verzichtet worden. Damit wurde die Chance vergeben, den für eine Einkaufsstraße so wichtigen Fußgängern mehr Platz einzuräumen. Dieser Kompromiss ist für einen Bezirk, in dem es im Verhältnis zur Einwohnerzahl nur wenige Pkw gibt, nicht nachvollziehbar.

parkende Autos, Geschäfte, Baum, Wohnhäuser
Parkplätze auf der umgebauten Reinprechtsdorfer Straße (Foto: 2024)

Gehsteige und Parkplätze wurden mit hellem Naturstein gepflastert. Das ist für Wien, wo meist asphaltiert oder mit Betonstein gearbeitet wird, unerwartet hochwertig.

Pflastersteine
In der Reinprechtsdorfer Straße wurden Granitsteine verlegt. (Foto: 2023)

Die Gehsteigkante – der Höhenunterschied zwischen Fahrbahn und Gehsteigen – wurde beim Umbau stark verringert, was die Straße barrierefreier macht. Für Personen mit Rollstühlen, Kinderwägen und dergleichen ist das Passieren nun einfacher. Aufgestellt wurden zudem „9 neue Bänke, 14 Einzel-Sessel und 32 Einzelsitze.“[4] Auch Bügel zum Abstellen von Fahrrädern wurden montiert.

Für den Radverkehr nicht optimal

Die Reinprechtsdorfer Straße ist als Verbindung zwischen Wienzeile und Gürtel Teil des Radverkehrsnetzes. Sie kann von Radfahrern in beide Richtungen befahren werden.

Auto steht an einer roten Ampel in einer Straße in Wien
Reinprechtsdorfer Straße bei der Arbeitergasse - nach dem Umbau (Foto: April 2024)

Unverständlich ist, dass mutwillig gefährliche Situationen für Radfahrer in Kauf genommen werden: Durch ein- und ausparkende Autos könnten Radfahrer zwischen Fahrzeuge geraten. Auch die Gefahr durch plötzlich aufgerissene Autotüren („dooring“) besteht.

Radfahrer fahren bergab durch die Reinprechtsdorfer Straße
Radverkehr ist gegen die Einbahn - bergab - möglich. Mögliche Gefahren bilden die rechts eingerichteten Parkplätze. (Foto: 2024)

Ein kurzer Abschnitt bei der Schönbrunnerstraße ist als baulicher Radweg ausgeführt (Foto unten).

Radweg, Margareten
Radweg auf der Reinprechtsdorfer Straße (Foto: September 2023)

Immerhin wurde die parallel laufende Kohlgasse 2023 zur „fahrradfreundlichen Straße“ umgebaut, wobei auch Bäume gepflanzt wurden.[5] Ein baulich ausgeführter Radweg ist das aber nicht. Für Personen, die nicht mit dem Rad zwischen fahrenden und parkenden Autos fahren wollen, ist diese Verbindung keine gute Option.

So hat sich die Reinprechtsdorfer Straße verändert

In der folgenden Fotostrecke werden Aufnahmen von 2020 solchen von 2024 gegenübergestellt. Dazwischen liegt der Umbau.

Schönbrunner bis Margaretenstraße

In diesem kurzen Abschnitt befindet sich der einzige baulich ausgeführte Radweg in der Reinprechtsdorfer Straße (links bzw. bergab).

Bei der Margaretenstraße

Die Kreuzung bei der Margaretenstraße wurde aufgewertet. Die Flächen für Fußgänger sind vergrößert, jene für den Autoverkehr reduziert worden.

Der Gehsteig wurde an der Ecke (siehe unten) vorgezogen, die Parkplätze zugunsten von Bäumen reduziert.

Zwischen Margaretenstraße und Arbeitergasse

Hier fallen die breiteren und ästhetisch ansprechenderen Gehsteige auf. Durch das Einrichten von Parkplätzen wird aber viel Fläche wieder weggenommen. Kfz parken nun auf Granitpflaster statt auf Asphalt.

Um die Arbeitergasse

Das Straßenbild hat sich durch den Umbau deutlich verändert. Viele Parkplätze sind geblieben. Für Radfahrer steht bergab ein Radstreifen zwischen fahrenden und parkenden Kfz zur Verfügung.

Zwischen Arbeitergasse und Siebenbrunnengasse

Der Umbau endet kurz vor der Siebenbrunnengasse bzw. dem Siebenbrunnenplatz. Der Platz und der übrige Abschnitt der Reinprechtsdorfer Straße werden erst in einigen Jahren umgebaut. Bei dieser Gelegenheit könnten die Erfahrungen aus dem ersten Bauabschnitt mitgenommen werden, um vielleicht noch umfassender umzubauen. Wäre es möglich, den Transitverkehr doch noch wegzubekommen? Das sollte eine Studie klären. Ohne vorhergehende politische Denkverbote.

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien in der obigen Liste orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Jänner 2021.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

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