Ein Spaziergang durch die Reinprechtsdorfer Straße

Die Reinprechtsdorfer Straße ist vielleicht die unattraktivste Straße innerhalb des Gürtels. Die heruntergekommene Einkaufsstraße im 5. Bezirk ist grau, laut und ungepflegt. Und doch hat sie viel Potenzial.

– Eine Fotodokumentation, entstanden 2020.

Reinprechtsdorfer Straße in Wien, Fahrbahn, Asphalt, Autos, Häuser
Reinprechtsdorfer Straße im Jahr 2020: Asphalt, Parkplätze, keine Radwege, keine Begrünung

Seit dem Frühjahr 2021 wird an einem neuen U-Bahn-Tunnel durch den 5. Bezirk gebaut. Künftig wird die U2 vom Rathaus über die Neubau- und Pilgramgasse bis zum Matzleinsdorfer Platz fahren, später einmal bis zum Wienerberg. Im Zuge der Bauarbeiten wird auch die Reinprechtsdorfer Straße umgestaltet. Bezirksvorsteherin Silvia Janković (SPÖ) will die konkreten Pläne demnächst vorstellen.

WienSchauen hat den bevorstehenden Umbau zum Anlass genommen, die über einen Kilometer lange Straße (siehe Karte) genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine detaillierte Analyse des öffentlichen Raums ist in einem eigenen Artikel zu finden. Hier folgt die dazugehörende Fotostrecke.

Von der Schönbrunner Straße aufwärts

Wer an eine Einkaufsstraße denkt, dem wird wahrscheinlich kaum die Reinprechtsdorfer Straße in den Sinn kommen. Zumindest in Ansätzen gibt es so etwas wie eine funktionierende Geschäftsmeile noch im nördlichen Abschnitt der Straße, in der Nähe zum 6. Bezirk. An den Kreuzungen mit der Schönbrunner Straße und Margaretenstraße haben sich etliche Geschäfte und Lokale gehalten, belebt ist es auch beim Siebenbrunnenplatz.

Der öffentliche Raum ist aber alle andere als einladend gestaltet: Der meiste Platz ist für Fahrbahnen und Parkplätze reserviert. Auf den Gehsteigen ist durchgehend grauer Asphalt verlegt. Bäume oder begrünte Flächen gibt es fast keine. Seit den 1970ern scheint sich dahingehend nicht viel verändert zu haben.

Angesichts dieser Aufnahmen würde man nicht vermuten, dass es im 5. Bezirk nur wenige Autos im Verhältnis zur Einwohnerzahl gibt. Der meiste PKW-Verkehr dürfte also auf den Transit zurückzuführen sein – nicht auf die Bewohner des Bezirks.

Asphaltwüste Siebenbrunnenplatz

Der Siebenbrunnenplatz liegt etwa auf halbem Weg zwischen Gürtel und Wienzeile. Der direkt an die Reinprechtsdorfer Straße grenzende Platz ist eine einzige große Asphaltfläche. Abgesehen von der lieblosen Optik wird hier auch klar, wie der öffentliche Raum in Zeiten der Klimakrise nicht sein sollte. Es sind genau solche urbanen Hitzeinseln, die uns in den immer heißeren Sommermonaten das Leben schwermachen.

Trotz allem ist der Siebenbrunnenplatz an den meisten Tagen sehr belebt, was auf den Fotos unten jedoch nicht zur Geltung kommt. Die hohe Bevölkerungsdichte und die vielen Ethnien und Sprachen des Bezirks sind dann besonders spürbar.

Ob der Platz in die angrenzenden Gassen hinein vergrößert werden könnte? Vielleicht würde sich auch ein kleiner dauerhafter Markt ausgehen?

In Richtung Gürtel

Je weiter südlich und je näher zum Matzleinsdorfer Platz und Gürtel, desto breiter wird die Reinprechtsdorfer Straße. Genutzt wird diese zusätzliche Fläche aber weder für Bäume noch für großzügigere Gehsteige. Auch baulich von der Fahrbahn getrennte Radwege gibt es keine. Dass hier einige Geschäftslokale leer stehen, muss nicht verwundern. Bäume bzw. Grünflächen finden sich überhaupt nur in manchen Seitengassen und vor einem Gemeindebau.

Matzleinsdorfer Platz: Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Ist der Matzleinsdorfer Platz der unwirtlichste Ort Wiens? Wer nach einem Beispiel für den absoluten Vorrang sucht, den die Zeit nach 1945 dem Automobil eingeräumt hat – hier wird man fündig. Ob sich selbst ein solcher Stadtraum langfristig aufwerten lässt? Dazu wird es auf jedem Fall mutige Politiker und gute Stadt- und Verkehrsplaner brauchen.

Die Reinprechtsdorfer Straße früher

Die Entwicklung der Reinprechtsdorfer Straße ließe sich vielleicht als Niedergang beschreiben – in der Architektur, der Gestaltung des öffentlichen Raums und dem Angebot an Geschäften. Oder aber als Siegeszug des motorisierten Individualverkehrs, der den Menschen so viel Bewegungsfreiheit wie nie zuvor gebracht hat – mitsamt allen Folgen.

Die politische und wirtschaftliche Lage, die Technik, die Kunst und das Verhalten der Menschen verändern sich mit den Jahren und Jahrzehnten. So wirken auch die alten Fotoaufnahmen der Reinprechtsdorfer Straße wie ein Blick in eine fremde Stadt. Dabei stehen etliche Häuser von damals immer noch.

Nicht mehr vorhanden sind heute die Schienen, die es noch bis etwa in die 1970er gab. Straßenbahnen, das vielleicht urbanste aller Verkehrsmittel, verkehren in der Reinprechtsdorfer Straße schon lange nicht mehr.

Weitere Infos zur Reinprechtsdorfer Straße gibt es hier.

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 05111
 
Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien in der obigen Liste orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Jänner 2021.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich aus eigenen Mitteln finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

Wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, können Sie mich per E-Mail und Formular erreichen. WienSchauen hat auch einen Newsletter:

Nach der Anmeldung erhalten Sie ein Bestätigungsmail.