Gudrunstraße: Abriss oder Renovierung?

10. Bezirk, nur wenige Schritte vom Keplerplatz und Viktor-Adler-Markt entfernt. An der Ecke Gudrunstraße/Humboldtgasse befindet sich ein prächtiges Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert. 2019 hingen über Monate hinweg Banner einer bekannten Abbruchfirma an der schmuckvollen Fassade. Steht das Gründerzeithaus vor dem Abriss?

(aktualisierter Artikel, ursprünglich erschienen im September 2019)

Gründerzeithaus mit Dekor, Wien-Favoriten, Balkon, Fenster
Humboldtgasse 42-44/Gudrunstraße 120: Was wird aus dem schönen Gründerzeithaus? (Foto: Jänner 2020)

Gebäude im Stil des Historismus

Favoriten, der bevölkerungsreichste Bezirk Wiens, ist immer noch stark durch die Gründerzeit (ca. 1848-1918) geprägt. Alleine zwischen 1890 und 1910 hat sich die Einwohnerzahl nahezu verdoppelt. So überrascht es wenig, dass sich bis heute noch viele Häuser aus dieser Zeit erhalten haben.

Ein typisches Beispiel für die Architektursprache jener Zeit ist das Haus in der Gudrunstraße 120, das genau zwischen dem alten Keplerplatz und dem neuen Helmut-Zilk-Park liegt. Das sich über zwei Parzellen erstreckende Gebäude wurde im Jahr 1870 erbaut, im Stil des damals vorherrschenden Historismus. Anders als viele andere Gebäude in Favoriten wurde es im 2. Weltkrieg nicht zerstört, sodass auch noch die originale Fassade zum großen Teil vorhanden ist.

Fassade in der Humboldtgasse original erhalten

Bei den Renovierungen in der Nachkriegszeit wurde auf den Erhalt alter Fassaden oft keinen Wert gelegt. Tausende Gründerzeithäuser in Wien büßten damals ihren Fassadenschmuck ein. Nur selten werden heutzutage die vor Jahrzehnten demolierten Fassaden rekonstruiert (u. a. in der Schimmelgasse im 3. Bezirk).

Auch beim Wohnhaus Ecke Gudrunstraße/Humboldtgasse wurde irgendwann in der ferneren Vergangenheit ein Teil der Fassade abgeschlagen. Doch der Großteil des Schmucks ist noch vorhanden. Die ganze Fassade auf der Seite der Humboldtgasse ist im originalen Zustand des 19. Jahrhunderts.

Gründerzeithaus in der Gudrunstraße/Humboldtgasse, Plakat einer Abrissfirma, Dekor, Autos, Leitungen
Die Seite zur Humboldtgasse ist noch original aus dem 19. Jahrhundert. (Foto: 2019)

Abriss oder Renovierung?

Die Lokale im Erdgeschoß sind ausgezogen, das Haus ist unbewohnt. Eigentlich ein sicheres Zeichen für bevorstehende Bauarbeiten.

Humboldtgasse 42-44: Gründerzeitfassade aus dem 19. Jahrhundert (Foto: 2019)

Bereits beim Erscheinen dieses Artikels (September 2019) war nicht klar, was mit dem Haus passieren würde. Von einer Baufirma war jedenfalls nichts zu sehen.

Dass ausgerechnet ein bekanntes Wiener Bau- und Abbruchunternehmen (das übrigens zur Baufirma PORR gehört) seine Banner am Haus aufhängte, ließ sofort an einen bevorstehenden Abriss denken.

Die Baupolizei erklärte jedenfalls im September 2019, dass nicht um Abriss angesucht wurde.

Gesetz gegen Abrisse erst 2018 verschärft

Lange Zeit waren historische Gebäude in Wien vor Abrissen nur unzureichend geschützt. Eine bloße Meldung an die Baupolizei genügte um selbst kostbare Gründerzeithäuser dem Erdboden gleichzumachen (z. B. in der Heigerleinstraße und Thaliastraße im 16. Bezirk).

Vor Abrissen sicher waren alte Häuser nur in eigens von der Stadt Wien eingerichteten Schutzzonen. Doch in der Gudrunstraße gibt es weit und breit keine Schutzzone. Überhaupt finden sich im 10. Bezirk fast keine Schutzzonen, obwohl die rechtliche Grundlage dafür bereits 1972 geschaffen wurde. Ein Umstand, der auch auf viele andere Bezirks Wiens zutrifft und unzählige Abrisse erhaltenswerter Häuser in den letzten Jahrzehnten nach sich gezogen hat (siehe: Verlorenes Wien).

Ein effektiver Schutz vor Abrissen besteht erst seit Sommer 2018: Abbrüche vor 1945 errichteter Gebäude brauchen nun eine Genehmigung der Behörden. Wird ein Haus aufgrund seiner äußeren Erscheinung als erhaltenswert eingestuft, kann der Abriss untersagt werden. Dieses Gesetz wurde mit den Stimmen vor SPÖ, Grünen und FPÖ beschlossen. ÖVP und NEOS stimmten dagegen.

Es ist dieses Gesetz, das Häuser wie das in der Gudrunstraße 120 schützen sollte. Was wird also mit dem Haus geschehen? Kommt tatsächlich ein Abbruch? Oder wird bloß im Inneren umgebaut?

Gründerzeithaus mit Dekor, Wien-Favoriten, Balkon, Fenster
Humboldtgasse 42-44/Gudrunstraße 120: Was wird aus dem schönen Gründerzeithaus? (Foto: Jänner 2020)

Im September 2019 ist dieser Artikel auf WienSchauen erschienen (und im Oktober 2020 aktualisiert worden). Auch über ein Jahr danach hat sich an der Situation nichts geändert. Zwar sind die Plakate des Abbruchunternehmens schon lange nicht mehr zu sehen, doch das Haus ist nach wie vor leer. Zu Bauarbeiten ist es bisher nicht gekommen.

Einen ähnlichen Fall gibt es übrigens auch im 16. Bezirk, Lienfeldergasse 27: Auch dort steht ein Gründerzeithaus leer und auch dort sind Plakate einer Abbruchfirma zu sehen. Passiert ist auch dort bisher nichts.

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(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Vielen Dank an die Betreiber der Facebook-Seite Cityscapers Vienna für die Fotos (von 2019)!

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