Endstation Beton

Wien hat seit 2014 einen Hauptbahnhof. Während der für sein extravagantes Dach bekannte Bahnhof sogar zum schönsten Bahnhof des Jahres 2018 gewählt wurde, gibt es in der direkten Umgebung weniger Grund zur Freude: Weite Asphaltflächen, tote öffentliche Räume, viel Verkehr und alles Grau in Grau– Ein Rundgang.

"Autobahn" durch die Stadt

Seit der Eröffnung 2014 nutzen täglich rund 145.000 Personen den Wiener Hauptbahnhof. Als Aushängeschild der Stadt und vielfach erster Eindruck für Wien-Touristen kommt dem Bahnhof eine herausragende Bedeutung zu.

Zwischen Bahnhof und 4. Bezirk liegt der bis zu acht Fahrspuren breite Gürtel, über den Tag für Tag rund 40.000 Fahrzeuge brettern.

Der Übergang zwischen 4. und 10. Bezirk: Für Gehsteige verwenden andere Städte schöne Pflastersteine, Wien grauen Asphalt.

Verfahrener Südtiroler Platz

Wer sich vom Südtiroler-Platz über den Gürtel in Richtung Hauptbahnhof aufmacht, hat mehrere Ampeln zu überwinden. Der Blick ist stellenweise durch breite Lüftungsanlagen versperrt. Österreichs größter Bahnhof könnte fast übersehen werden.

Auf bis zu fünf Fahrspuren braust der motorisierte Verkehr am Bahnhof vorbei in Richtung Stadtzentrum. Während gerade bei einem Bahnhof ein erhöhtes Verkehrsaufkommen unvermeidlich sein dürfte, stellt sich die Frage, ob weniger Spuren wirklich zu Staus geführt hätten. Oder hat der Bau breiter Straßen den Autoverkehr überhaupt erst gefördert?

Asphalt und Beton soweit das Auge reicht

Nur wenige Schritte vom Haupteingang des Bahnhofs entfernt, Richtung Matzleinsdorfer Platz: Weite Beton- und Asphaltflächen, im Hintergrund die sogenannten Waldmanngründe, auf denen sich lange ein Busbahnhof befunden hatte.

Grauer Bodenbelag umgibt den Hauptbahnhof. Der erste Eindruck lässt an ein Industriegebiet oder einen Autobahnknoten denken – und weniger an einen vergleichsweise zentrumsnahen Platz.

Wie würde es wohl aussehen, wären hier bunte Pflastersteine zum Einsatz gekommen? Und wären die Stangen z.B. dunkelgrün oder hellbraun gestrichen? Und Tröge mit Pflanzen aufgestellt?

Massiver Verkehrslärm

Unzählige Fahrspuren, Masten, Ampeln und Schilder bilden den Südtiroler Platz. Mit einer Lautstärke von über 75dB werden auf Dauer gesundheitsgefährdende Pegel erreicht.

Vom Hauptbahnhof in Richtung Stadtzentrum: Obwohl hier fast überall Wohnhäuser stehen, gilt für den motorisierten Verkehr freie Fahrt. Ob solche Lärmemissionen – die Fahrbahn ist nur wenige Meter von den Häusern entfernt – auch in ländlichen Gegenden oder im „Speckgürtel“ einfach hingenommen würden?

Trauriger Vorplatz

Zahlreiche Buslinien kreuzen den Hauptbahnhof. Wer einen Bus braucht, darf auf einer grauen Beton- und Asphaltfläche warten (siehe unten).

Auf dem folgenden Foto war kein Bildbearbeitungsprogramm am Werk, um die Farben zu entfernen.

Asphaltwüste Wiedner Gürtel

Weite Asphaltflächen gibt es auch vor den Bürotürmen am Wiedner Gürtel. Obwohl der Haupteingang des Bahnhofs direkt um die Ecke liegt, ist der öffentliche Raum hier geradezu leer und verlassen.

Das Bürogebäude direkt neben dem Haupteingang zum Bahnhof hat im Erdgeschoß zum Teil nicht einmal Fenster.

Der Eingang zum Bürohaus „Icon Vienna“ ist frisch asphaltiert.

Tote Erdgeschoßzonen

Die Erdgeschoßzone am Wiedner Gürtel: Keine Restaurants, keine Geschäfte, keine Begrünung, viel Asphalt.

Neben anthrazitfarbenen Stangen, grauem Beton, dunklem Asphalt und grau-glänzenden Bürohäusern prägen auch hier blecherne Lüftungsanlagen den öffentlichen Raum.

Zerstörte Prachtstraße

Der Wiedner Gürtel war einst eine Prachtstraße. Davon ist nicht viel geblieben. Selbst minimale Zugeständnisse an die historische Bedeutung des Gürtels wie historisierende Straßenlaternen oder eine Pflasterung der Gehsteige fehlen.

Durch den Bau neuer Abbiegespuren ist die Fahrbahn jetzt noch breiter als früher. Immerhin wurden einige Bäume neu gepflanzt.

Im 4. Bezirk ist die Argentinierstraße eine Einbahn mit einer Fahrspur, im 10. Bezirk hat sie die Breite einer Schnellstraße (Foto unten).

Eine Asphaltdecke zieht sich über den gesamten öffentlichen Raum.

Historische Gebäude abgerissen

Der „demolierte Wiedner Gürtel“ am Foto unten: Der Neubau links ersetzt ein 2015 abgerissenes Gründerzeithaus, Baujahr 1888. Dem Dachausbau des Eckhauses rechts fiel eine alte Kuppel von 1876 zum Opfer. Der Neubau mit den Bullaugen-Fenstern wurde an Stelle eines 2016 abgebrochenen Gründerzeithauses, Baujahr 1877, errichtet.

Argentinierstraße: Keine Geschäfte, keine Lokale, viel Grau

Die Argentinierstraße hat bis zu sechs Spuren – je zwei Fahrspuren und eine Parkspur pro Richtung. Ob es nicht möglich gewesen wäre, den enormen Straßenquerschnitt für mehr Grünflächen zu nutzen?

Unten: Der Gehsteig wird durch eine Ampel unterbrochen. Hier ist die Einfahrt zur Garage.

Der hintere Bahnhofseingang – vielfach das erste Bild, das Aussteigende von Wien bekommen. Auf keiner einzigen Straße im Neubaugebiet gilt Tempo 30. Entsprechend hoch ist bisweilen der Lärmpegel.

Neben dem Bahnhofseingang: Das angebaute Bürohaus schottet sich förmlich nach außen ab, die Erdgeschoßzone bleibt ungenutzt (Foto unten).

Die Bahnsteige des Hauptbahnhofs sind rund 450 Meter lang. Bedeutend länger sind die grauen Fassaden der Trasse.

Das Foto unten zeigt den südöstlichen Teil des Bahnhofs. Im Hintergrund sind die neuen Wohn- und Hotelbauten zu sehen, die entlang der Arsenalstraße an der Grenze zum 3. Bezirk liegen. Der Bodenbelag im Vordergrund dürfte aus Beton sein – und nicht etwa aus (Pflaster-)Steinen.

Alfred-Adler-Straße: Mehr Autoverkehr garantiert

Der 3., 4. und 10. Bezirk sind jetzt für alle Verkehrsteilnehmer direkter miteinander verbunden – mit den bekannten Folgen durch den steigenden PKW-Verkehr. Die neue breite Alfred-Adler-Straße (Foto unten) verbindet 3. und 10. Bezirk miteinander und trennt den Bahnhof vom Helmut-Zilk-Park.

Tote Räume am Bahndamm

An der „Favoritner Mauer“ liegen kaum nutzbare öffentliche Flächen.

Auf der Rückseite des Bahnhofs gibt es einige wenige Bäume. Da hier aber weder Geschäfte, Lokale noch sonstige Einrichtungen sind, bekommen die meisten Reisenden diesen Teil der Bahnhofsumgebung nie zu Gesicht.

Einkaufszentrum am Bahnhof wirbt mit Parkplätzen

Das Einkaufszentrum des größten Bahnhofs Österreichs wirbt mit Parkplätzen. Ob es nicht effektiver wäre, die rund 145.000 Personen, die Tag für Tag am Bahnhof umsteigen, auf die Geschäfte aufmerksam zu machen?

Großer Bahnhof mit winziger Fahrrad-Garage

Neben 630 PKW-Stellplätzen hat der Hauptbahnhof auch eine Garage für 1.150 Fahrräder – vergleichsweise wenig: Beispielsweise bietet der Zentralbahnhof im niederländischen Utrecht im Verhältnis zur Einwohnerzahl rund 58-mal so viele Radabstellplätze wie der Wiener Hauptbahnhof:

Wien

1.889.000 Einwohner

1.150 Radabstellplätze

0,6 Radabstellplätze je 1000 Einwohner

Utrecht

352.936 Einwohner

12.500 Radabstellplätze

35 Radabstellplätze je 1000 Einwohner

Breite Straßen trennen Bahnhof vom Bezirk ab

Die Rückseite des Bahnhofs ist von den nahen Hotels und Wohnhäusern durch eine breite Straße getrennt (Foto unten). Abgesehen von einigen Bäumen ist wieder alles grau und für eine Bahnhofsumgebung zuweilen erstaunlich menschenleer.

Auch am Hintereingang ist die dominierende Farbe einmal mehr Grau, wenn auch zumindest eine Pflasterung verlegt wurde. Die Sitzgelegenheiten im Vordergrund sind aus Sichtbeton. Laut einer Studie wird Sichtbeton von vielen Menschen mit den Begriffen „hässlich“, „uninteressant“ und „eintönig“ assoziiert. Trotzdem wird bei der Stadtmöblierung immer wieder auf diesen Baustoff zurückgegriffen.

Favoritenstraße nicht an den Bahnhof angebunden

Wer aus dem Bahnhof kommt, würde kaum vermuten, dass sich keine zwei Minuten entfernt eine der längsten Einkaufsstraßen Wiens befindet. Doch die Chance, die Favoritenstraße durch den Hauptbahnhof neu zu beleben, haben die Stadtplaner nicht genützt. Stattdessen fungiert die verkehrsreiche Sonnwendgasse als Barriere zwischen Bahnhof und Fußgängerzone (Foto unten).

Die einzige Verbindung zwischen Bahnhof und Favoritenstraße ist eine schmucklose Gasse.

Die als „Wohnstraße“ ausgeschilderte Johannitergasse ist stark durch Parkplätze geprägt. Dabei bräuchte es nur eine einladende Begegnungs- oder Fußgängerzone mit Bäumen und einer schönen Pflasterung, um die Favoritenstraße besser an den Bahnhof anzubinden. Vielleicht ändert sich etwas am aktuellen Zustand, wenn der Bauplatz links (ehedem Standort des Aussichtsturms „Bahnorama“) bebaut wird.

Bei der Gestaltung des öffentlichen Raums scheint auf Fußgänger vergessen worden zu sein.

Die breite Sonnwendgasse trennt die Rückseite des Bahnhofs vom „alten“ Favoriten ab (Foto unten).

Das beeindruckende Rautendach kommt erst an der Südseite des Bahnhofs richtig zur Geltung – also just an jener Stelle, wo der öffentliche Raum besonders unattraktiv ist.

Zurück beim Haupteingang: Auch hier Sitzgelegenheiten aus Sichtbeton, graue Stangen, fehlende Begrünung.

Fazit: Eine vergebene Chance

Seit fünf Jahren hat Wien einen Hauptbahnhof. Während der Bahnhof trotz fehlender klassischer Bahnhofshalle seine Funktion erfüllt und gut angenommen wird, fällt das Fazit für die direkte Umgebung ernüchternd aus: Trotz aller Beteuerungen seitens der Stadtpolitik ist selbst hier alles auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet. Nicht nachvollziehbar ist auch die kalte, graue, geradezu lieblose Gestaltung. Es hat den Anschein, als sollte der öffentliche Raum mit allen Mitteln ein modernes Erscheinungsbild bekommen – und doch wurde genau das Gegenteil erreicht. Das Neubauviertel zwischen Favoritenstraße und Gürtel hat stellenweise den Charme eines Industriegebiets. Öffentliches Leben spielt sich hier kaum ab. Wie der Bahnhof ist auch die Umgebung vor allem eines: Ein Transitort, der funktional ist, der Stadt aber sonst nicht viel zurückgibt. Auch einige neue Bäume können darüber nicht hinwegtäuschen.

Es hätte auch anders sein können

Dabei wäre es auch ganz anders gegangen. Stellen wir uns eine Alternative vor: Die neuen Straßen im ganzen Areal sind schmal, es gibt viele Bäume und Grünflächen. In den meisten Straßen gilt Tempo 30, was die lärmgeplagten Ohren der Städter freut. Schöne Freiflächen, Restaurants und ein neuer Markt beleben den öffentlichen Raum und locken auch die Bewohner der umgebenden Bezirke zum Bahnhof. In den Erdgeschoßzonen liegt ein kleines Geschäft neben dem anderen. Durch Fassadenbegrünungen gibt es keine ungenutzten kahlen Flächen mehr; dafür ist es in den immer heißeren Sommern erträglicher, weil kühler. An den Wänden der langen Trasse begeistern großflächige Kunstwerke die Schaulustigen, die eigens dafür angereist sind. Ansprechende Materialien wie Klinkerstein prägen die Fassaden von Bahnhof und Bürohäusern. Die vielen Lampen und Stangen sind mit ihrem freundlichen grünen Anstrich eine Hommage an die 1950er. Alle Flächen für Fußgänger sind mit hochwertigen Steinen gepflastert. Zeitgenössische Architektur und Stadtplanung zeigen, dass sie auch einfach schöne Resultate liefern und den Faktor Wohlbefinden berücksichtigen können.

Es ist anders gekommen. Mit dem Ergebnis werden wir für die kommenden Jahrzehnte leben müssen. So bleibt zu hoffen, dass die Planer zumindest für die Zukunft daraus gelernt haben. Beispiele für hochwertige öffentliche Räume gibt es zuhauf (siehe Fotostrecke unten). Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.

Gestaltung und öffentliche Räume im In- und Ausland

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(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Quellen und weitere Infos

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