Prizeotel: Der Hotel-Block vom Hauptbahnhof

Eine Hotelkette hat beim Wiener Hauptbahnhof ein Hotel mit minimalistischer Architektur eröffnet. Das Prizeotel präsentiert sich äußerlich als großer Block mit kleinen Fenstern und spärlichen Farbakzenten. Das Gebäude ist sicherlich keine schreiende Bausünde. Das Problem liegt vielmehr in der völligen Ausdruckslosigkeit und dem fehlenden Anspruch, spannende Architektur für den interessanten Bauplatz zu schaffen. Zwei Fragen stellen sich:

  • Warum haben die Architekten und Investoren eine solche Gestaltung für den vergleichsweise prominenten Standort gewählt?
  • Weshalb gibt sich die Stadt Wien keine Instrumente, um die Baukultur zu fördern und verträgliche Neubau-Architektur sicherzustellen?

Dieser Artikel wurde im Juni 2021 veröffentlicht. Eine Überarbeitung samt neuen Fotos erfolgte im September 2022.

Hotel neben dem Hauptbahnhof in Wien
Prizeotel am Wiener Hauptbahnhof (Foto: 2022)

Großer Block in bester Gegend

Seit 2012 hat Wien einen Hauptbahnhof. Im Zuge des Bahnhofsbaus hat sich das riesige Areal zwischen Schloss Belvedere, Wiedner Gürtel und Favoritenstraße grundlegend gewandelt. Die bekanntesten neuen Gebäude sind die Zentralen von Erste Bank und ÖBB, die Bürobauten neben dem Hauptbahnhof und – nur wenige Gehminuten entfernt – das Sonnwendviertel mit seinem großen Park.

Die Gegend um den Hauptbahnhof ist auch bei Hotelbetreibern beliebt. Zu den zahlreichen schon vorhandenen Hotels zwischen Gürtel und Sonnwendviertel kam 2021 ein neues mit fast 300 Zimmern dazu. Dazu schrieb Invester United Benefits GmbH, der Entwickler des Hotelneubaus in der Karl-Popper-Straße 7:

Mit der Errichtung des Projekts innerhalb des städtebaulich bedeutenden Gesamtprojektes „Wien-Hauptbahnhof“, kommt es zu einer Österreich-Premiere: Erstmals wird mit prizeotel die neue Economy-Design-Marke der REZIDOR Hotelgruppe in Wien Einzug halten (…)

"Ungewöhnliches Design"

Auch die Gestaltung des Hotels wird explizit hervorgehoben:

Für das ungewöhnliche Design des Hotels zeichnet sich, wie auch bei den übrigen prizeotels, Karim Rashid verantwortlich.

Hotel in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs an der Ecke Karl-Popper-Straße/Alfred-Adler-Straße
Prizeotel in der Karl-Popper-Straße 7 (Foto: 2022)

Designer verspricht Verschönerung

Karim Rashid ist ein US-amerikanischer Designer, mit Preisen überhäuft und auch im Bereich (Innen-)Architektur tätig. Rashid über seine Arbeit:

I believe that we could be living in an entirely different world – one that is full of real contemporary inspiring objects, spaces, places, worlds, spirits and experiences. Design has been the cultural shaper of our world from the start. We have designed systems, cities, and commodities. We have addressed the world’s problems. Now design is not about solving problems, but about a rigorous beautification of our built environments (…)

My real desire is to see people live in the modus of our time, to participate in the contemporary world, and to release themselves from nostalgia, antiquated traditions, old rituals, kitsch and the meaningless. We should be conscious and attune with this world in this moment. If human nature is to live in the past – to change the world is to change human nature.

Die in Hamburg beheimatete Kette Prizeotel konnte den Designer für die Gestaltung ihrer Hotels gewinnen. Rashids Input dürfte sich aber auf die Innenräume beschränkt haben.

Gebäude von Wiener Architekturbüro entworfen

Die äußere Gestaltung des Hotels hat das Wiener Architekturbüro HNP architects (Heinz Neumann & Partner) übernommen. Das Büro hat auch den Wohnturm geplant, der nebenan gebaut wird. Beim Prizeotel fragt sich: Waren die Vertreter der Hotelkette und die verantwortlichen Architekten zuvor überhaupt schon einmal in der Gegend? Die Architekten vermutlich schon, denn ihr Büro liegt im 19. Wiener Gemeindebezirk.

Der Leiter der Entwicklungsabteilung der Hotelkette, die seit 2019 zum US-Riesen Radisson gehört, sagte jedenfalls zum neuen Gebäude:

Neben einem stylischen Design legen junge urbane Reisende in europäischen Großstädten Wert auf eine optimale Verkehrsanbindung, um schnell und unkompliziert zu den wichtigsten Hotspots zu gelangen. Das prizeotel Wien-City befindet sich nur 350 Meter vom neuen Wiener Hauptbahnhof entfernt und unterstreicht perfekt unseren Markenkern als Hotelkette, die mitten in der Stadt ein ‚Affordable High Design’-Erlebnis garantiert.

Hotelkette: Kein Kommentar zur Architektur

Warum wurde eine solche Architektur für diesen durchaus relevanten Standort hinter dem Hauptbahnhof gewählt? Diese Frage hat WienSchauen dem Entwickler und der Hotelkette gestellt. Doch weder von Invester United Benefits noch von Prizeotel ist eine Antwort gekommen.

Eröffnung 2022

2021 wurde dieser Artikel verfasst, ein Jahr – und eine Aktualisierung samt neuen Fotos – später hat das Hotel seine Pforten eröffnet. Architekt Oliver Oszwald von HNP erklärte bei der Eröffnung des Hotels:

Für das erste prizeotel Österreichs haben wir unter Einhaltung höchster ESG-Standards des United Benefits Holding Konzerns eine besondere Architektur entsprechend dem multifunktionalen Stadtteil um den Hauptbahnhof gestaltet. Leicht versetzt angeordnete Fensterflächen beleben die Fassadengestaltung – verstärkt wird dieser Eindruck durch teilweise schräge Leibungen, welche ein dynamisches Schattenspiel unterstützen (…)

Hotel in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs, Frontalblick auf die Fassade
Prizeotel nach der Fertigstellung (Foto: 2022)

Bewusster Minimalismus? Unabsichtliche Monotonie?

Bei der Architektur des Neubaus (in der Visualisierung) stechen folgende Punkte ins Auge:

  • Verhältnismäßig kleine Fenster
  • Große Mauerflächen ohne gestalterische Details
  • Unruhe durch abwechselnd versetzte Fenster je Stockwerk
  • Fehlende auflockernde Elemente wie Erker, vor- und zurückspringende Bauteile, Balkone, ausgestaltete Dachflächen/Gesimse
  • Keine farblichen Akzente, sondern Changieren zwischen weiß und grau
  • Keine hochwertigen Materialien wie Klinker, Holz oder Stein

Hauptbahnhof: Das egale Nebeneinander

Der Hotelneubau in der Karl-Popper-Straße 7 ist nur ein kleiner Baustein in einem Stadtviertel, das als Einheit bloß den nahen Hauptbahnhof hat. Verbindende Elemente in der Architektur gibt es nicht. Der öffentliche Raum ist weitgehend lieblos gestaltet, grau und von Asphalt geprägt. Ansprechende Aufenthaltsräume und schöne Flächen für Gastronomie und Geschäfte fehlen. Obwohl viele Straßen extrem breit sind, spielt sich im öffentlichen Raum fast kein Leben ab. Auf belebte und nutzungsoffene Erdgeschoßzonen wurde fast komplett verzichtet – obwohl Behörden und Politiker das ganz einfach per Bebauungsplan festlegen hätten können.

Somit kann das Umfeld des Hauptbahnhofs von den zehntausenden Passagieren, die den Bahnhof Tag für Tag frequentieren, kaum profitieren. Auch eine attraktive Anbindung an die lange Fußgängerzone in der Favoritenstraße ist schlicht inexistent. Auf der anderen Seite wiederum liegt der verkehrsbelastete Wiedner Gürtel – eine massive Barriere in Richtung Innere Stadt.

Es ist erstaunlich, dass sich Stadtplanung und Architektur auf diesem so zentralen Areal auf bemerkenswert niedrigem Niveau bewegen (teilweise abgesehen vom Sonnwendviertel). Ein karges funktionalistisches Paradigma herrscht vor: Straßen als Transitorte, Gebäude zum Wohnen oder Arbeiten, Flächen für Hotels, Abstellflächen für Privat-PKW (trotz zahlreicher Parkgaragen). Mehr nicht. Die Gegend wirkt wie eine Spielweise von Investoren, eine Summe von Einzelinteressen. Und das Ganze mit riesigen Grundstücken und Gebäuden ohne Abwechslung und Kleinteiligkeit.

Fragen der Ästhetik und der Öffnung nach außen scheinen überhaupt nie eine Rolle gespielt zu haben. Auch neue Flächen für Kunst und Kultur fehlen, von einem Markt ganz zu schweigen. Und mit der nahen Gösserhalle wurde auch einer der letzten Veranstaltungsorte der Umgebung zum Büro demoliert.

Impressionen von der Gegend um den Hauptbahnhof:

Der Stadtplaner Reinhard Seiß schrieb in der Wiener Zeitung über Neubauten in Wien:

So entstehen allenthalben Neubaugebiete, ohne dass diese Bausteine des zeitgenössischen Wien irgendwann einmal ein schlüssiges Ganzes ergeben könnten. Insbesondere nicht, wenn die einzelnen Gebäude nichts mehr miteinander zu tun haben wollen und in Summe nur noch ein zufälliges Nebeneinander Komplexe bilden, wenn die überbreiten Straßen dazwischen sie folglich auch nicht mehr verbinden und als Begegnungsräume der beiderseits lebenden Menschen fungieren, sondern sie beinahe burggrabenartig voneinander trennen.

„Stadt“ oder zumindest attraktive Quartiere mit ansehnlichen Straßenräumen werden so nicht entstehen. Ganz zu schweigen von einem Wien, das in diesen Teilen noch einen Wiedererkennungswert hätte und sich von gesichtslosen Städten ohne jede baukulturelle Tradition unterscheiden würde

Mit umsichtiger Planung hätte am Hauptbahnhof ein lebendiges schönes Stadtviertel entstehen können. Jetzt ist es zu spät. In nicht allzu ferner Zukunft wird das Pendel dann bestenfalls in Richtung Stadtreparatur ausschlagen. Die Neubauten lassen sich zwar nicht mehr „reparieren“, aber zumindest beim öffentlichen Raum kann angesetzt werden. Der Bedarf ist schon wenige Jahre nach der Errichtung enorm (siehe Artikel).

Was ist los mit der zeitgenössischen Architektur?

Warum sehen viele Neubauten so aus, wie sie eben aussehen? Jeder an der Planung beteiligte Akteur hat daran seinen Anteil:

  • Sinn für Baukultur ist unter vielen Entwicklern und Eigentümern viel zu wenig verbreitet. Oftmals geht es bloß um Verwertung von Grundstücken bzw. Immobilien, ohne dass langfristig Interesse am gebauten Objekt vorhanden zu sein scheint.
  • Viele Architekturbüros planen gänzlich ohne Bezug auf die gebaute Vergangenheit. Harmonische Einordnung in den Bestand wird offenbar als Einschränkung betrachtet, Brüche mit der Umgebung werden hingegen als positiv verkauft. Es herrscht ein verkrampfter Modernismus vor, der jedes Mal das Rad neu erfinden muss oder in einem starren Funktionalismus ohne jedwedes „malerische Interesse“ verhaftet ist. Gestaltungsmerkmale: Graue Farbe, Sichtbeton, Stahl, Blechverkleidungen und Plattenbauoptik.
  • Behörden und Politik geben keinerlei gestalterische Rahmenbedingungen für Neubauten vor. Ein unabhängiger Gestaltungsbeirat zur Qualitätskontrolle fehlt.

Laissez-faire per Gesetz

Der Gesetzgeber lässt Eigentümern bei der äußeren Gestaltung weitgehend freie Bahn, selbst Rahmenbedingungen für das Bauen in historischer Umgebung (Schutzzonen, Weltkulturerbe-Zonen) gibt es nicht. Was auf den ersten Blick nach Freiheit, Vielfalt und Innovation klingt, erweist sich in der Praxis allerdings oft als das Gegenteil. Die Beispiele sind Legion.

Schuldzuweisungen an die Magistrate – zuständig ist die Abteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19) – führen aber weitgehend ins Leere. Wie sollen die Behörden effektiv eingreifen, wenn die Bauordnung bloß dem Prinzip Laissez-faire folgt?

Dazu Reinhard Seiß:

Während in Wien „bewusste Brüche“ mit einer städtischen Struktur mitunter als „belebende Irritationen“ verkauft werden, akzeptieren Investoren und Planer im Münsterland beispielsweise den für die Region typischen Backstein als in sensiblen Zonen vorgeschriebenes Baumaterial selbst für moderne Objekte, um so das charakteristische Stadtbild beziehungsweise die traditionelle Kulturlandschaft zu erhalten.

Beim Ausbau von Hamburgs Hafencity – wahrlich kein Projekt rückwärtsgewandter Stadtromantiker – erhalten die planenden Architekten von der Entwicklungsgesellschaft konkrete Vorschläge zu Materialien und Farbtönen ihrer Fassaden. Auch in Münchens Neubaugebieten macht ein Kollegium angesehener Architekten der Kollegenschaft präzise Vorgaben bis hin zur Putzbeschaffenheit ihrer Häuser, während die Planungsbehörde für den öffentlichen Raum in der gesamten Stadt eine einheitliche Pflasterart vorschreibt.

Selbst in Österreich, vornehmlich im Westen des Landes, finden sich Kommunen, die eine klarere baukulturelle Haltung einnehmen, was weder den amtierenden Politikern noch den Bauherren zum Schaden gereicht – und tendenziell interessantere Architektur hervorbringt.

Ein Gestaltungsbeirat muss her!

Es ist an der Zeit, um über einen Gestaltungsbeirat für Wien nachzudenken. Ein Beirat aus Experten, die alle Neubau- und Umbau-Entwürfe prüfen und auch ändern können. Und das alles transparent und nachvollziehbar. Ohne Abhängigkeiten von politischen Parteien. Ohne wirtschaftliche Einflussnahme. Das Ziel muss sein: Die Baukultur in Wien zu heben. Denn was jetzt gebaut wird, steht noch viele Jahrzehnte.

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 10111
 
Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Dezember 2020.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

Wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, können Sie mich per E-Mail und Formular erreichen. Anonyme Nachrichten können Sie hier hinterlassen. WienSchauen hat auch einen Newsletter (Anmeldung hier).