Wohnen hinter Gittern

Wien ist Weltmeister im geförderten Wohnbau. Wien beweist, dass auch in hervorragenden Lagen wie dem Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof leistbare neue Wohnungen entstehen können. Doch eines dieser geförderten Wohnhäuser fällt mit einer sehr eigenwilligen Ästhetik auf: Vor Fenstern und Balkonen prangt ein grauer Raster aus Stahl, die dahinterliegende Fassade beschränkt sich auf einfärbigen Putz.

Warum haben sich Architekten und Bauherren für eine solch harte Gestaltung entschieden? Darf geförderter Wohnbau nicht auch freundlich und ansprechend sein, wie im Roten Wien der 1920er und 1930er-Jahre?

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Wohnhaus in der Maria-Lassnig-Straße 2 im Sonnwendviertel, Wien-Favoriten (Foto: 2021)

In diesem Artikel geht es um die Architektur des Wohnhauses in der Maria-Lassnig-Straße 2 im 10. Bezirk. Die zentralen Aussagen:

  • Soziales Vorzeigeprojekt: Das Wohnhaus bietet günstige Mieten und Platz für medizinische und soziale Einrichtungen.
  • Ergebnis eines Wettbewerbs: Der Entwurf für das Gebäude hat einen Wettbewerb mit Fachjury durchlaufen.
  • Renommierte Architekten: Das planende Architekturbüro ist eigentlich bekannt für seine attraktiven Gebäude.
  • Problemfall Neubau: Noch im frühen 20. Jahrhundert wurden in Wien weltbekannte moderne Gebäude errichtet, die Architektur war vielfältig und anspruchsvoll. Auch im sozialen Wohnbau. Warum gelingt das heute oftmals nicht mehr?

Per Wettbewerb zum Gitterhaus

Sozialer Wohnbau auf hohem Niveau

Das Sonnwendviertel im Süden des Hauptbahnhofs ist eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Wiens. Wo noch bis 2010 ein Frachtenbahnhof den 3. und 10. Bezirk voneinander trennte, wird seit Jahren fleißig gebaut. Im Zentrum liegt der neu angelegte Helmut-Zilk-Park. Mit acht Hektar ist die Grünfläche größer als der Stadtpark.

Park, Favoriten, Wien, Fußgänger
Helmut-Zilk-Park, östliches Sonnwendviertel (Foto: 2020)

Um den Park gruppieren sich zahlreiche Wohnhäuser, die meisten davon mit leistbaren Mieten oder von Baugruppen errichtet. Auch das Wohnhaus, um das es in diesem Artikel geht, gehört dazu. Schon bei der Planung des Gebäudes wurde ein sozialer Schwerpunkt vereinbart. So sind darin etwa ein Zentrum für Autismus-Therapie, ein Ambulatorium für Kinder und ein Wohnprojekt für gemeinschaftliches Leben im Alter untergebracht.

Errichtet wurde das Haus von der Genossenschaft EWG (im Teileigentum der Wiener Städtischen Versicherung), den Entwurf lieferte das Architekturbüro Baumschlager Eberle.

Augen zu und genehmigt?

Der Plan für das Gebäude ist durch einen Bauträgerwettbewerb gegangen. Abgehalten wurde der Wettbewerb vom wohnfonds_wien, der zum Wohnbauressort der Stadt Wien gehört. So läuft das Verfahren ab:

Bauträger und ArchitektInnen entwickeln gemeinsam mit ExpertInnen Realisierungskonzepte für die ausgelobten Bauplätze. Eine interdisziplinäre Fachjury ermittelt die Siegerprojekte. Die GewinnerInnen erwerben die Bauplätze mit der Verpflichtung, die jurierten Projekte zu realisieren.

Ob die auffällige äußere Gestaltung schon beim Wettbewerb ein Thema war? Gab es vielleicht Einwände der Jury? Oder ging es bei dem Auswahlverfahren in erster Linie um soziale Belange?

Wohnhaus in der Maria-Lassnig-Straße, Sonnwendviertel, am Helmut-Zilk-Park, Favoriten, Wien, Alfred-Adler-Straße
Der 2019 errichtete Neubau liegt im östlichen Sonnwendviertel, hinter dem Hauptbahnhof. (Foto: 2020)

Die Architektur der Härte

All die funktionalen und sozialen Vorzüge des Hauses sollen an dieser Stelle keinesfalls in Abrede gestellt werden. Die Schaffung leistbarer Wohnungen und Raum für soziale und medizinische Einrichtungen sind absolut zu begrüßen. Wenn es aber ein Problem gibt, dann liegt das im Bereich der Ästhetik und der Wirkung auf den umliegenden Stadtraum.

Zumindest in der Theorie klingt die Architektur aber durchaus spannend, wie im Journal Architekturwettbewerbe zu lesen ist:

Das nun fertiggestellte Wohnhaus organisiert Lichthöfe, Stiegenhaus- und horizontale Erschließungen in einem engmaschigen Netz über einem trapez­förmigen Grundriss. Kleinere Wohnflächen, dafür mehr Gemeinschaftsräume – so das Konzept dieses Wohnbaus (…)

Der Wohnbau aus Betonfertigteilelementen präsentiert sich an den Fassaden in einem Wechselspiel von streng gerasterten Sichtbeton-­Fertigteilloggien und strukturierten, in grau gehaltenen Putzflächen.

In der Praxis sieht das dann so aus:

Stahlschmuck und Blickblockade

Das Gitter, das vor Balkone und Fenster geschoben ist, erfüllt offenbar keine unmittelbare Funktion, sondern dient einzig der Optik. Vereinfacht gesagt: Es handelt sich um Fassadenschmuck. Während Architekten in früheren Zeiten ihre Fassaden durch Fenstergiebel, florale Muster, Gesimse gliederten, geschieht das heute mittels eines metallenen Gitters.

Ein Rankgerüst dürfte das Gitter übrigens nicht sein. Zu weit entfernt sind die Stangen von vielen Fenstern und richtig schneiden ließen sich etwaige Kletterpflanzen auch nur mit großer Mühe.

Wird das Gitter als Fassadenschmuck betrachtet, dann fällt auf: Der Schmuck stört eigentlich, denn die Stangen befinden sich direkt vor den Fenstern und Balkonen. Sie beeinträchtigen also den Blick nach draußen. Ob das nun für die einzelnen Bewohner wirklich ein Problem ist oder mit der Zeit gar nicht mehr auffällt, lässt sich natürlich nicht sagen. Geschmäcker und Prioritäten sind bekanntlich verschieden.

Wieder zum Vergleich: Auch an Altbauten haftet mitunter üppiger Dekor, der jedoch Funktion und Ausblick nicht behindert. Hinter manch aufwendiger Fassade steckt meist ein eher einfaches Gebäude. Aber mit hohen Räumen und flexibler Nutzbarkeit.

Function follows form?

Zuerst die Funktion, dann die Form. Die äußere Gestalt soll sich von ihrer Funktion bzw. dem Nutzen herleiten, so der bekannte Leitsatz in der Architektur. Ohne auf die damit verbundenen Details und Schwierigkeiten einzugehen, lässt sich dieses Paradigma auch auf das Wohnhaus im Sonnwendviertel anwenden. Die zentrale Frage: Stört die Form, da der Ausblick teilweise eingeschränkt wird?

Eine noch darüber hinausgehende Frage: Ist der fast nicht mehr sagbare Begriff der Schönheit vielleicht auch eine Funktion, die zu erfüllen ist? Dürfen Häuser des 21. Jahrhunderts eigentlich auch schön sein? (Oder hängt der Verfasser dieses Artikels einem veralteten Ästhetikbegriff nach?)

Das Architekturbüro mit den schönen Häusern

Das Haus in der Maria-Lassnig-Straße 2 wurde von Baumschlager Eberle entworfen. Das 1985 gegründete Architekturbüro mit Hauptsitz in Vorarlberg ist international tätig und für seine hochwertigen Bauten bekannt. Angesichts dieser Beispiele überrascht die wenig attraktive Gestaltung des Hauses im Sonnwendviertel umso mehr.

"Neobrutalismus" in Wien

Der als „Brutalismus“ bekannte Baustil entwickelte sich ab den 1950ern und zeichnet sich durch die Verwendung von rohem Beton aus. Ein Beispiel ist die spektakuläre Wotrubakirche in Liesing. Während harte Brüche und eine auf Effekt ausgerichtete Architektur bei Kirchen oder Museen weitgehend problemlos sind, wird man bei Wohnhäusern wohl eher andere Maßstäbe anlegen. Denn hier spielt sich das tägliche Leben von Menschen ab und so kommt auch die Psychologie mit ins Spiel.

Eine Stilrichtung mit der Bezeichnung „Neobrutalismus“ gibt es natürlich nicht. Aber sieht man sich einige Neubauten in Wien an, könnte das Wort fast notwendig werden: Statt bloßem Beton sind die Gebäude in nacktes Blech oder glänzende Platten gehüllt, auch Sichtbeton findet sich. Die „Nacktheit“ der Materialien und der teilweise oder gänzliche Verzicht auf übliche Baumaterialien wie Ziegel, Holz und Putz werden zu den bestimmenden Faktoren der äußeren Gestaltung. Zu finden etwa in Ottakringin der Seestadt Aspern und nun auch im Sonnwendviertel.

Vom alten Roten Wien lernen

Leistbares Wohnen und hohe ästhetische Ansprüche schließen einander keineswegs aus. Das beweisen die Gemeindebauten der 1920er und 1930er. Das sozialdemokratische Wohnbauprogramm der Zwischenkriegszeit ist mit seinen kommunalen Wohnhäusern in Wien omnipräsent.

Das Bestreben der Stadtverwaltung zielte darauf ab, durch den kommunalen Wohnbau ausreichend Wohnraum zu schaffen und zugleich die Wohnkultur zu heben (…) Während bei den alten, gründerzeitlichen Miethäusern die Bauparzellen bis zu 85 Prozent verbaut worden waren, wodurch sich finstere Wohnungen, gruppiert um enge Lichthöfe, ergaben, betrug die Bebauungsdichte bei den neuen Gemeindebauprojekten höchstens 50 Prozent (…)

Als vorherrschende Bebauungsform setzte sich der mehrgeschossige Blockwohnbau durch. Häufig nutzte man freie Baulücken in der Stadt. Als Argumente für die Bevorzugung des innerstädtischen Blockwohnbaus gegenüber der Stadterweiterung durch Stadtrandsiedlungen führte man die hohen Kosten für die Bodenerschließung und Verkehrsanbindung dezentraler Bauflächen bzw. generell den Mangel an ausreichenden Siedlungsflächen an. Zudem waren auch ideologische Bedenken gegen die Errichtung von Einfamilienhäusern laut geworden.

Zur Architektur:

Trotz der einheitlichen Vorgaben entstanden im Rahmen des Gemeindewohnbaus sehr abwechslungsreiche und architektonisch fortschrittliche bauliche Lösungen. Zwischen 1919 und 1934 wurden über 190 verschiedene Architekten (unter ihnen Hermann Aichinger, Karl Ehn, Hubert Gessner, Robert Oerley und Heinrich Schmid) von der Gemeinde Wien beauftragt, für 379 Kommunalwohnprojekte die Planungsarbeiten zu leisten.

Teils sahen sie sich mit der Aufgabe konfrontiert, Baulücken kreativ zu nutzen, teils konnten sie riesige Areale als sogenannte „Superblocks“ gestalten, Hausanlagen mit oft mehr als tausend Wohnungen, die zusammen ein weitgehend autarkes Gemeinschaftswohnen ermöglichten.

Sozialer Anspruch, "konservative" Gestaltung

Die alten Gemeindebauten, die heute selbstverständlich zum architektonischen Erbe Wiens gehören, genossen in der Fachwelt lange kein besonders hohes Ansehen. In Kritiken aus den 1930ern bis 1950ern wurden sie als ästhetisch rückständig bezeichnet.

Dieses Urteil überrascht nicht, denn zu dieser Zeit war der Funktionalismus in seiner schärfsten Ausprägung en vogue, Dekor und Bezug auf Tradition hingegen verpönt. Die damalige Avantgarde hatte ganz andere Ziele: Die funktionale Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen und den Umbau zur „autogerechten Stadt“. Einer der führenden Architekten der 1930er bis 1950er, Le Corbusier, war der Wegbereiter des „Plattenbaus“. Bereits 1925 arbeitete er am Konzept der „Wohnmaschine“ – ein Großwohnhaus, das unabhängig von der spezifischen Umgebung überall auf der Welt in immer gleicher Weise in beliebiger Zahl gebaut werden sollte. Wäre es nach seinen Plänen gegangen, wären überhaupt Teile der Altstadt von Paris zerstört und durch Wohnhochhäuser und breite Straßen ersetzt worden. Für Algier (Algerien) plante Corbusier, der obendrein Sympathien für den Faschismus hegte, u. a. eine Autobahn auf Stelzen über der Altstadt. Der Plan wurde nicht realisiert.

Angesichts dieser Tendenzen ist es mehr als erfreulich, dass das Rote Wien und seine Baumeister/innen (auch zwei Frauen waren als Architektinnen tätig) einen eigenen Weg eingeschlagen hatten. Die Kombination aus hohem sozialen Anspruch und teilweise „konservativer“ Gestaltung ist ein Erfolgsmodell, das heute wieder aktuell ist.

Ist es vielleicht an der Zeit, dass sich der geförderte Wohnbau wieder mehr an seinen Ursprüngen orientiert? Braucht es eine Renaissance der frühen Moderne (wie auch im Artikel über den Neubau am Mariahilfer Gürtel 7 vorgeschlagen)?

Eine reformierte Bauordnung, die ortsübliche Gestaltung für Neubauten und einen gestalterischen Rahmen vorgibt, wäre ein Anfang. Ebenso die Schaffung eines transparenten und unabhängigen Gestaltungsbeirats. Die Mitglieder des Gestaltungsbeirats sollten im besten Fall von außerhalb Wiens oder Österreichs sein, keine wirtschaftliche Abhängigkeit von der Stadt haben und aus unterschiedlichen Fächern – einschließlich Denkmalpflege – kommen. Alleine dadurch ließen sich neue „bestürzende Neubauten“ wahrscheinlich von vornherein verhindern.

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Dezember 2020.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen, Fotos

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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