Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Der demolierte Wiedner Gürtel

Vom herben Ost-Charme des alten Südbahnhofs ist am Wiedner Gürtel nichts mehr zu spüren. Um den neuen Hauptbahnhof ist ein neues Stadtviertel aus Glas und Stahl entstanden und immer noch wird fleißig weitergebaut. Doch auch der alte Teil des Wiedner Gürtels hat sich dramatisch gewandelt: Innerhalb weniger Jahre wurden eine historische Kuppel demontiert, ein riesiger Dachausbau auf ein denkmalgeschütztes Haus gesetzt und zwei Gründerzeithäuser überhaupt gleich komplett abgerissen. – Ein Überblick.

Wiedner Gürtel 22 - 2019 (2)
Links: Wiedner Gürtel 22 (Neubau nach Abriss 2015)

Prachtstraße der Gründerzeit

Auf alten Aufnahmen ist der Wiedner Gürtel kaum wiederzuerkennen: Eine Häuserzeile mit Stuckfassaden, gepflasterte Straßen, aufwändige Straßenlaternen und viele Bäume. Von der heutigen Blechlawine keine Spur. Als Gegenüber zum alten Südbahnhof wurden die Häuser in der oberen Wieden entsprechend kunstvoll im Stil der Zeit gestaltet.

Von den Bomben im 2. Weltkrieg blieb auch der Wiedner Gürtel nicht verschont. Der alte Südbahnhof wurde mehrfach getroffen, keineswegs aber zerstört. Trotzdem riss man den monumentalen Gründerzeitbau hernach komplett ab und ersetzte ihn durch einen Neubau (der wiederum 2010 abgebrochen wurde).

Wiedner Gürtel unter Druck

Auch zahlreiche Wohnhäuser am Wiedner Gürtel trugen schwere Kriegsschäden davon, einige wurden zerstört. Trotzdem hatten sich beispielsweise an der Ecke zur Argentinierstraße vier Häuser lange Zeit fast original erhalten. Zwei dieser Gründerzeitbauten fielen erst vor wenigen Jahren der Abrissbirne zum Opfer.

Wiedner Gürtel: Zwei Abrisse, eine demontierte Kuppel (Foto links ©Boehringer Friedrich)

Die Abrisse sind auf die fehlenden Schutzzonen zurückzuführen. Bei Schutzzonen handelt es sich um von der Stadt Wien festgelegte Zonen, in denen historische Gebäude nur in Ausnahmefällen abgerissen werden dürfen. Am Wiedner Gürtel gilt nur für ein einziges Gebäude eine Schutzzone (siehe Karte unten).

Abrisse und Schutzzonen am Wiedner Gürtel
Abrisse und Schutzzonen am Wiedner Gürtel

Bullaugen statt Gründerzeitfassade

“Der Wiedner Gürtel verliert sein Gesicht”, titelte die Initiative Denkmalschutz empört, als 2016 die Abbruchmaschinen das Gründerzeithaus auf Nr. 16 schleiften. Es war eines der ältesten Gebäude dieses Gürtelabschnitts.

Dabei hätte eine Schutzzone gegen Abrisse schon 2007 eingerichtet werden können, als der Flächenwidmungsplan am Wiedner Gürtel aktualisiert wurde. Doch weder die Bezirksparteien noch der Gemeinderat setzten sich für diese effektive Form des Abbruch-Schutzes ein. Auch in den fast zehn Jahren bis zum Abriss hatte keine einzige Partei einen Antrag auf eine Schutzzone gestellt. 

1877 im Stil des strengen Historismus erbaut gehörte das Zinshaus ursprünglich dem SPÖ-nahen Verband Wiener Arbeiterheime, der es aber verkaufte, wie Grünen-Bezirksrat Manfred Itzinger schildert. Die für das alte Haus viel zu hoch angesetzte Bauklasse erzeugte wirtschaftlichen Druck und stellte zusammen mit der fehlenden Schutzzone die Weichen in Richtung Abbruch. Jetzt ragt an der Adresse ein Hotel mit spiegelglatter Fassade und einem überlebensgroßen Schriftzug in die Höhe.

“Ästhetischer Totalschaden”

Es ist einer der meistgelesenen Beiträge auf WienSchauen: Die Demontage der historischen Kuppel beim Gründerzeitbau Wiedner Gürtel 18. Fast 140 Jahre hatte sich das alte Haus weitgehend im Originalzustand erhalten – bis 2018, als bei einer massiven Aufstockung die historische Kuppel einfach entfernt wurde. Wie das ganze Haus stammte sie noch aus dem Jahr 1876.

wiedner-gürtel-18-1900-2017-2019
Wiedner Gürtel 18 im Wandel der Zeit

Als “ästhetischen Totalschaden” bezeichnete der Journalist Bernhard Baumgartner das Projekt. Die für Architektur zuständige Magistratsabteilung sah das Stadtbild durch den Dachausbau jedoch nicht gestört. Da auch für diese Adresse keine Schutzzone gilt, blieb den Behörden vielleicht auch nichts anderes übrig, als die Demontage zu erlauben.

Ein ÖVP-Antrag auf mehr Ensembleschutz für den Gürtel im Dezember 2017 kam viel zu spät. Trotz breiter Zustimmung in der Bezirksvertretung ließ sich das Türmchen am Eckhaus, das zu der Zeit bereits hinter Gerüsten verborgen war, nicht mehr retten.

wiedner-gürtel-18-2019
Wiedner Gürtel 18 ohne Kuppel

Aus für Historismus-Gebäude

Nur wenige Meter weiter der nächste Abriss: Auf Hausnummer 22 stand bis 2015 ebenfalls ein vollständig erhaltenes Gründerzeithaus (links am Foto unten). Die Pläne für das das 1888 erbaute Gebäude stammten vom renommierten Architekten Oskar Merz, der zahlreiche Zinshäuser in Wien realisierte.

Wiedner Gürtel 22 (links)  im Jahr 1997 (Foto: MA 19, Stadt Wien)
Wiedner Gürtel 22 (links) im Jahr 1997 (Foto: MA 19, Stadt Wien)

Für den Nachfolgebau (Foto unten) zeichnet sich ein bekannter Bauträger verantwortlich, der seit Jahren in ganz Wien aktiv ist und sich auf den Neubau von Wohnungen spezialisiert hat.

Wiedner Gürtel 22 - 2019
Neubau Wiedner Gürtel 22 (links) im Jahr 2019

Mega-Dachausbau auf denkmalgeschütztem Haus

Das monumentale Gebäude am Wiedner Gürtel 12 lässt die Pracht des alten Gürtels erahnen: 1906-1907 für den Pensionsfonds der k.k. privaten Südbahngesellschaft errichtet und heute unter Denkmalschutz strahlt es seit der Sanierung vor einigen Jahren wieder seinen alten Glanz aus. Wenn da nicht der Dachausbau wäre, der recht lieblos auf das alte Gebäude geklotzt wurde.

Wie so oft ist ein Dachausbau nicht per se das Problem, sondern die Frage, wie sich die neuen Stockwerke ins Gesamtbild einfügen. Dass sich auch vergleichsweise umfangreiche Dachausbauten durchaus selbstbewusst und anspruchsvoll realisieren lassen, zeigt das Beispiel Hotel Kummer: Das alte Hotel an der Ecke Mariahilfer Straße/Neubaugasse wird derzeit umgebaut und aufgestockt. Die Visualisierungen machen einen vielversprechenden Eindruck.

Gesetzesverschärfung gegen Hausabrisse

Am Wiedner Gürtel zeigt sich, welche Folgen das Fehlen von Schutzzonen haben kann. Wenn es auch bis heute zu keiner Vergrößerung der Schutzzone gekommen ist, so hat doch die Stadtregierung im letzten Jahr geradezu eine Großtat in Sachen Altstadterhaltung vollbracht: Die verschärfte Bauordnung gegen Hausabrisse, die mit den Stimmen von SPÖ, Grünen und FPÖ beschlossen wurde.

Gemäß dem verschärften Gesetz dürfen alte Häuser nur noch dann abgerissen werden, wenn sie historisch bzw. architektonisch nicht schützenswert sind. In der Praxis heißt das: Häuser mit intakten Gründerzeitfassaden sind gegen Abbrüche jetzt viel sicherer als früher – selbst wenn sie nicht in einer Schutzzone stehen.

Trotzdem gibt es weiterhin Schlupflöcher: So kann etwa langsames Verfallen(lassen) immer noch nicht effektiv verhindert werden. Beispiele: Zwei Biedermeiermäuser in der Breite Gasse (7. Bezirk) und Freundgasse (4. Bezirk), sowie die historischen AKH-Kliniken (9. Bezirk).

Für die beiden abgerissenen Gründerzeithäuser am Wiedner Gürtel kommt die Gesetzesänderung zu spät. Doch noch gibt es auch auf diesem Gürtelabschnitt einige Gebäude, die nun durch das verschärfte Gesetz geschützt sind (Foto unten). Wenn nicht eine künftige Stadtregierung den Abriss-Schutz wieder kippt.

Wiedner Gürtel 24-32
Wiedner Gürtel 26-32 (erbaut um 1900)

So stimmten die Parteien ab

Eingebracht von: SPÖ, Grüne

Dafür: SPÖ, Grüne, FPÖ

Dagegen: ÖVP, NEOS

Beschlossen am 28.6.2018 im Wiener Landtag. Details siehe Kasten unten. Medienreaktionen: Bericht im Standard, Bericht im Kurier.

Antrag eingebracht von: ÖVP

Dafür: ÖVP, SPÖ, Grüne (teilw.), FPÖ

Dagegen: Grüne (teilw.), NEOS

Beschlossen in der Bezirksvertretung Wieden am 14.12.2017. Hinweis: Es handelt sich noch nicht um die tatsächliche Festsetzung einer Schutzzone, sondern nur um den Wunsch des Bezirks. Da der Antrag nach den beiden Abrissen (Nr. 16 und 22) und auch schon während des Dachausbaus (Nr. 18) gestellt wurde, können nicht mehr viele Häuser in eine neue Schutzzone kommen.

Verschärftes Gesetz gegen Abrisse in Wien

Neu: Für Abrisse vor 1945 erbauter Häuser braucht es jetzt eine Zustimmung der Magistratsabteilung für Architektur (MA 19). Abrisse sind nur noch dann erlaubt, wenn kein “öffentliches Interesse” im Sinne des Stadtbildes besteht.

Früher: Vor Juni 2018 galt diese Genehmigungspflicht für Abrisse nur innerhalb von Schutzzonen. Dadurch sind über Jahre hinweg unzählige erhaltenswerte Häuser abgerissen worden, da es immer noch viel zu wenige Schutzzonen gibt.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Wie genau feststellt wird, wann ein Haus abgerissen werden darf und wann nicht, bleibt unklar. Beispielsweise wurde im Fall des “blauen Hauses” ein privates Gutachten akzeptiert, das dem Gründerzeithaus seinen Wert absprach. Es durfte zugunsten eines Möbelhauses abgerissen werden. Auch ist in vielen Fällen unklar, wie die Magistrate entscheiden, denn Bekanntgaben der als erhaltenswert und nicht erhaltenswert beurteilten Häuser gibt es nicht. Daher lässt sich auch nicht genau feststellen, welche Häuser durch das neue Gesetz gerettet werden konnten.

Schutzzonen beziehen sich auf eine Anzahl von Gebäuden, die im Sinne eines historischen Ensembles zusammengehören. Die Schutzzonen sollen das gewachsene Stadtbild vor der Zerstörung bewahren. Dieser Ensembleschutz ist rechtlich beim Bundesland Wien angesiedelt und kann daher auch von der Stadtregierung geändert werden. Die Schutzzonen ergänzen also den Denkmalschutz, der Bundessache ist.

Neu: Auch Gebiete mit heterogenem Baubestand – beispielsweise Mischungen von Gründerzeithäusern, Biedermeierhäusern und Neubauten – können jetzt in eine Schutzzone kommen. Vereinfacht wird somit auch der Schutz der Nachkriegsarchitektur. Schutzzonen sind von besonderer Bedeutung, da auch alle Ziergegenstände und Fassadenelemente gegen grobe Veränderung und Entfernung geschützt sind.

Früher: Bis Juni 2018 mussten Gebäude innerhalb von Schutzzonen stilistisch sehr ähnlich sein und in unmittelbarer Nähe zusammenstehen. Dadurch konnten viele Gebäude – auch das Haus in der Radetzkystraße – nicht in die Schutzzone kommen.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Auch bei rezenten Erweiterungen von Schutzzonen wurden etliche gut erhaltene Häuser nicht berücksichtigt (Beispiel: Kaisermühlen). Auch werden Häuser z.T. aus der Schutzzone wieder herausgenommen, etwa in Mariahilf oder Kalksburg. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Neu: Die sogenannte “technische Abbruchreife” wird verschärft. Das heißt: Erhaltenswerte Häuser dürfen nur noch dann abgerissen werden, wenn die Erhaltung unwirtschaftlich oder technisch unmöglich ist.

FrüherBislang ließen sich Gebäude – auch in Schutzzonen – oft mit dem Argument der “technischen Abbruchreife” abreißen. Laut Initiative Denkmalschutz genügten privaten Gutachten, um solche Abrisse durchzusetzen.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Wie die Baupolizei im Einzelfall feststellt, ob ein Gebäude abbruchreif ist oder nicht, ist weiterhin nicht transparent. Neutrale Beobachter – beispielsweise NGOs – haben keine Parteienstellung bei Abbruchverfahren. Wie und wann die Baupolizei tatsächlich den Erhaltungszustand von Gebäuden kontrolliert und Bauaufträge erteilt, um die Abbruchreife abzuwenden, ist kaum feststellbar. Die Nichtdurchsetzung der Erhaltungspflicht führte bereits zu zahlreichen Abbrüchen. Beispiel: Das Gründerzeithaus Bauernmarkt 21 im 1. Bezirk konnte so lange verfallen, bis der Eigentümer es 2017 abreißen durfte – trotz Schutzzone und UNESCO-Weltkulturerbe.

Folgen & Like:
Menü schließen