Gründerzeithaus verfällt
Viele Wiener Bezirke sind geprägt durch Gebäude aus der Gründerzeit. Gemeint sind damit jene Häuser, die zwischen etwa 1850 und 1918 erbaut wurden. Auch das Gebäude an der Ecke Rienößlgasse und Kleine Neugasse, unweit der Wiedner Hauptstraße, gehört dazu. Errichtet wurde es 1893. Über 120 Jahre später steht das Haus immer noch und ist bewohnt. Aber nicht alles ist eitel Wonne: Das Lokal im Erdgeschoß des Hauses steht leer, die Fassade ist schon lange nicht saniert worden. Problematisch dürfte vor allem der Zustand im Inneren sein. Im April 2022 berichtete die Bezirkszeitung:
Blei im Wasser, eine abbröckelnde und beschmierte Fassade, kaputte Türen, regelmäßige Wasserrohrbrüche: Die Beschwerdeliste der Mieter in der Rienößlgasse 24 ist lang (…) Laut den Langzeitmietern gibt es einen Grund dafür: Der neue Besitzer und die zuständige Hausverwaltung würden sich schon seit Jahren nicht mehr um die Behebung der Mängel kümmern (…) Manche der Alt-Mieterinnen und -Mieter befürchten, dass man sie aus ihrem jahrelangen Zuhause durch das Nichts-Tun rausekeln will (…)
Ein weiteres Problem ist die kontinuierlich abbröckelnde Hinterhoffassade (…) Die Behörde hielt die Hausverwaltung dazu an, die Fassade aus Sicherheitsgründen zu sanieren. Laut den Mieterinnen und Mietern wurde diese jedoch lediglich grob abgeschlagen und aufgespritzt und sehe jetzt noch schlimmer aus als vorher. Deswegen hätte die Hausverwaltung von der Baupolizei bis Juli Zeit, um die neuen Schäden an der Hinterhoffassade zu sanieren (…)
Eigentümer ist die im 2. Bezirk registrierte Einhundertsechste WT Holding GmbH. Der Geschäftsführer der Firma ist auch Vorstand einiger Privatstiftungen. Die Firma ist im hundertprozentigen Eigentum des in Luxemburg angemeldeten Unternehmens Presidential Real Estate Development Holdings Sarl. Im Firmenbuch der Einhundertsechste WT Holding scheint als Eigentümer ein in Großbritannien lebender Mann auf, der in mehreren europäischen Staaten als Immobilieninvestor tätig ist.
In Newsletter der Stadtzeitung Falter vom 5.2.2024 ist zu lesen:
Im Grundbuch ist als Eigentümer anfangs eine EA Einhundertsechste WT Holding GmbH eingetragen, die sich inzwischen in RGV24 GmbH umbenannt hat. Dahinter steht eine Immobilienholding in Luxemburg und hinter dieser wiederum eine Briefkastenfirma in der Karibik.
Bezirk will Schutzzone
Die Bewohner des Hauses wandten sich auch an die Politiker im Bezirk. Im März 2022 stellte die SPÖ in der Bezirksvertretung einen Antrag für eine Vergrößerung der Schutzzone. Alle Parteien stimmten zu. In der Begrünung des Antrags heißt es:
Mit der Erweiterung der Schutzzone sollte in diesem Gebiet das baukulturelle Erbe geschützt und einer profitorientierten Abriss- und Umbaustrategie entgegengewirkt werden.
Damit der Bebauungsplan geändert werden kann, müssen aber erst die Magistrate tätig werden. Zuständig ist das Planungsressort von Stadträtin Ulli Sima (SPÖ).
Theoretisch sollten Häuser in Schutzzonen jedenfalls besser gegen Abrisse geschützt sein. In der Praxis ist das aber oft nicht der Fall, denn das Wiener Baurecht ist so lückenhaft, dass sich Abrisse in Schutzzonen immer noch leicht durchsetzen lassen (Beispiele: Gentzgasse 4, Krieglergasse 12, Leopoldauer Platz 9 und 11). Gesetzesreformen sind überfällig, um diesen Missstand zu beheben.
Bewohner klagten für Erhalt
Im November 2022 berichtete die Bezirkszeitung erneut über das Haus:
In einer Sammelklage vor dem Bezirksgericht, welche die Bewohner vor mehr als einem Jahr eingereicht haben, fordern sie unter anderem [von der Hausverwaltung], dass die notwendigen Erhaltungsarbeiten endlich durchgeführt werden und ein Lift installiert wird (…) Manche der Bewohnerinnen und Bewohner holen sich deswegen Wasser vom Brunnen oder kaufen es, um es dann anschließend viele Stufen hoch in ihre Wohnung zu tragen. Eigentlich haben sie bereits im September 2021 in erster Instanz recht bekommen, doch die Gegenseite hat im November 2021 Rekurs eingelegt (…) [I]m Haus wird befürchtet, dass man die Bewohnerinnen und Bewohner rausekeln möchte, um hier Luxuswohnungen zu bauen.
Werden die Schäden endlich repariert?
[I]mmerhin hat man inzwischen die Gasleitungen erneuert. Und jetzt gerade, in der Kälte, wird die Hinterhoffassade neu verputzt und gemalt. Die Baupolizei hat eine Frist gesetzt bis Jänner 2023. Immerhin. Die Straßenfassade soll eventuell nächstes Jahr neu verputzt werden. Nichts Neues gibt es von den lecken Steigleitungen, also die Wände im Haus sind feucht.
Werden Mieter überwacht?
Im Newsletter der Stadtzeitung Falter vom 5.2.2024 war zu lesen, dass offenbar eine Detektei beauftragt wurde:
Indizien dafür verstecken sich in der Hauptmietzinsabrechnung 2021. Zum einen wird den Hausparteien dort eine Reihe von Kosten aufgebrummt, die eigentlich der Eigentümer tragen müsste – rund 10.000 Euro an Steuerberatungskosten beispielsweise. Ein Posten ist aber besonders dubios: „Dedektei”, steht da, es folgen die Namen von zwei Mietern. Und in Rechnung gestellt werden dafür immerhin 1.094,40 Euro. Hat die Hausverwaltung zweien der Bewohner Schnüffler an den Hals gehetzt – und die Hausgemeinschaft auch noch selbst für die Bespitzelung zahlen lassen? Laut Hauptmietzinsabrechnung fielen die Kosten für die „Dedektei” im Corona-Jahr 2021 an.
Weitere Infos
- Newsletter vom Falter (5.2.2024)
- Die Vernachlässigung der Rienößlgasse 24 geht munter weiter (meinbezirk.at, 8.11.2022)
- Mieter mit Schäden von Hausverwaltung alleine gelassen (meinbezirk.at, 12.4.2022)
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