Schutzzone versagt! Abriss für Altbau in Währing

Der Altbau in der Gentzgasse 4 wird abgerissen – trotz Ortsbild-Schutzzone. Das ist kein Einzelfall. Laufend gehen historische Gebäude innerhalb von Schutzzonen verloren. Geschuldet ist das dem lückenhaften Wiener Baurecht.

Biedermeierhaus in der Gentzgasse 4 in Wien-Währing
Gentzgasse 4: historisches Gebäude vor Abriss (Foto: 2022)

Abriss trotz Schutzzone

Seit den 1970er-Jahren gibt es Ortsbild-Schutzzonen in Wien. Damit sollen historisch wertvolle Gebäude vor Abriss und groben Veränderungen geschützt werden. Doch der von der Politik behauptete Schutz funktioniert einfach nicht. Wieder und wieder versagt die Schutzzone. Jetzt trifft es ein Haus in der Gentzgasse, nahe Gürtel.

Biedermeierhaus in der Gentzgasse 4 in Wien-Währing
Gentzgasse 4 (Foto: 2022)

Wann wurde das Haus in der Gentzgasse 4 erbaut? Wer war der Architekt? Wie viel an dem Haus ist noch im Originalzustand? Antworten darauf ließen sich nicht finden. Höhe und Fassadengliederung lassen an eine Errichtungszeit im frühen 19. Jahrhundert denken.

Hausfassade im 18. Bezirk
Gentzgasse 4 (Foto: 2022)

Bei dem Altbau handelt sich sicher nicht um das bedeutendste Gebäude in der Umgebung. Dennoch steht das Haus in einer Schutzzone. Folglich betrachten es die Behörden – zuständig ist die MA 19 – als schutzwürdig. Doch wie so oft wurde die MA 19 umgangen.

Auf Anfrage erklärte die Baupolizei, der Eigentümer habe auf Abriss aufgrund von „Abbruchreife“ angesucht. Der Abriss wurde daraufhin genehmigt. Zuständig für Abbruchverfahren sind die Magistratsabteilungen 25 und 37, die zu Stadträtin Kathrin Gaál (SPÖ) gehören.

Eingangstüren in einem Biedermeierhaus in Wien-Währing
Gentzgasse 4 (Foto: 2022)

Abbruch leicht gemacht

Auch in Schutzzonen darf abgerissen werden, wenn der bauliche Zustand eines Gebäudes so schlecht ist, dass eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich möglich ist. Genau hier tut sich das entscheidende Problem auf: Nachgewiesen wird die Abbruchreife durch vom Eigentümer beauftragte und bezahlte Gutachten. Zudem werden von den Behörden hohe technische Anforderungen an Altbauten gestellt. De facto werden weit über 100 Jahre alte Häuser bautechnisch mit Neubauten verglichen. Dass ein Gebäude keine Normen erfüllen kann, die es zu seiner Errichtungszeit noch nicht einmal im Ansatz gab, versteht sich von selbst. So sind Abrisse von historischen Gebäuden verhältnismäßig einfach möglich. Abgesehen davon fehlt es auch an Sanierungsförderungen durch die Stadt Wien.

Nach außen schmückt sich Wien mit Schutzzonen und einem UNESCO-Weltkulturerbe – gleichzeitig werden reihenweise Zerstörungen erlaubt, sogar im Weltkulturerbe. Viele erhaltenswerte Gebäude sind der „Abbruchreife“ schon zum Opfer gefallen: Bauernmarkt 21, Franz-Josefs-Kai 47 (beide im 1. Bezirk), Krieglergasse 12 (3. Bezirk), Kaiserstraße 31 (7. Bezirk), Hohenbergstraße 18 (12. Bezirk), Hernalser Hauptstraße 59 und 61 (17. Bezirk) und unzählige mehr.

Fassade eines Biedermeierhauses in Wien-Währing
Gentzgasse 4 (Foto: 2022)

Gentzgasse: Bausünden nach Abrissen

Schon in der Vergangenheit wurden historische Gebäude in der Gentzgasse abgerissen. Komplettiert wurden diese Stadtbildverluste in zwei Fällen noch durch eine rücksichtslose Gestaltung der Neubauten. Tote Erdgeschoßzonen und blinde Flächenmaximierung sind in Wien eine Normalität, die im gründerzeitlichen Umfeld noch stärker auffällt.

Gentzgasse 53

Gentzgasse 67

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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

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