Währinger Bad: Schützt Gesetz vor Abriss?

Das alte Währinger Bad hat 2019 endgültig zugesperrt. Den schönen Gründerzeitbau, in dem sich das Tröpferlbad befand, verkaufte die Stadt Wien an die Bundesimmobiliengesellschaft. Obwohl das Gebäude in einem ausgezeichneten Zustand ist, gab es Pläne für einen Totalabriss, um die benachbarte Schule zu erweitern. Dabei gilt hier sogar eine Schutzzone, die gerade dazu da ist, historische Gebäude langfristig zu erhalten. 

Wie im Oktober 2020 bekannt wurde, dürfte ein kompletter Abriss jedenfalls vom Tisch sein. Doch wie wird ein möglicher Umbau aussehen? Wird die hübsche Fassade vollständig erhalten bleiben?

Tröpferlbad in Wien-Währing (18.Bezirk), Klostergasse 27
Währinger Bad in der Klostergasse 27: Gerettet vor dem Abriss? (Foto: 2019)

Badehaus aus der Gründerzeit

Die Geschichte der Wiener Tröpferlbäder beginnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mitten in den Boomjahren der Gründerzeit. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung vervierfachte sich die Bevölkerung Wiens von über 500.000 im Jahr 1846 auf mehr als 2 Millionen 1910. Um die katastrophalen Wohn- und Hygieneverhältnisse zu verbessern, richtete die Stadt spezielle öffentliche Bäder ein. Das erste dieser sogenannten Volksbäder eröffnete 1887, bis 1914 folgten 18 weitere.

Das Währinger Bad, das direkt am Marie-Ebner-Eschenbach-Park liegt, war eines dieser alten Volksbäder. 1898 unter Bürgermeister Karl Lueger eröffnet war es bis 2019 durchgehend in Betrieb. Neben der schönen Fassade ist auch das Stiegenhaus mit dem kunstvollen Geländer original erhalten.

Architektonisch interessant ist der markante Mittelrisalit mit den großen, vielleicht schon Formen des Jugendstils vorwegnehmenden Fenstern. Im kleinen Türmchen ist ein reich verziertes rundes Fenster im obersten Geschoß eingebaut. Die Fassade folgt dem Historismus des späten 19. Jahrhunderts und ist entsprechend stark gegliedert und detailreich geschmückt.

Tröpferlbad in Wien-Währing (18.Bezirk), Klostergasse 27
ehemaliges Währinger Bad in der Klostergasse 27 (Foto: 2019)

Erst 1995 generalsaniert

Außen und innen präsentiert sich das Gebäude heute in ausgezeichnetem Zustand. Einen großen Anteil daran dürfte die erst 1995 unter Bürgermeister Michael Häupl durchgeführte Generalsanierung haben, wie auf einer Plakette zu sehen war (Fotos unten). Die Plaketten wurden 2019 entfernt.

Das Gebäude ist in den über 120 Jahren seines Bestehens weder massiv verändert noch beschädigt worden. Auch den 2. Weltkrieg hat es ohne Schäden überstanden. Doch 2018 wurde beschlossen: Das alte Tröpferlbad muss schließen. Es sei zu unrentabel geworden. Mit der Schließung geriet auch das kunstvolle Gebäude, in dem es sich befand, in Gefahr. 

Fassade des Währinger Bads, Wien
ehemaliges Währinger Bad in der Klostergasse 27 (Foto: 2019)

Übrigens haben alle Währinger Bezirksparteien der Schließung zugestimmt, wie das Protokoll der entsprechenden Sitzung zeigt:

aus dem Protokoll der Bezirksvertretungssitzung vom 20.9.2018

Bundesimmobiliengesellschaft wollte Abriss

Die Stadt Wien hat das Gebäude an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) verkauft, ein im Eigentum der Republik Österreich stehendes Unternehmen. Das Grundstück soll als Erweiterung für das daneben befindliche Gymnasium dienen. Doch der neue Eigentümer dachte offenbar nicht an den Erhalt des Gründerzeitgebäudes, wie noch 2018 gegenüber der Bezirkszeitung geäußert:

Anstelle des Währinger Bads planen wir den Bau eines Turnsaals für das Gymnasium Klostergasse. 

Um einen Abriss wurde aber zumindest 2019 nicht angesucht, wie von der Baupolizei zu erfahren war.

Abriss trotz Schutzzone?

Ganz so einfach wäre es mit einem Abriss aber ohnehin nicht, denn das Gebäude befindet sich in einer Schutzzone. Laut Gesetz sind Abbrüche von Häusern in Schutzzonen nur dann erlaubt, wenn „an der Erhaltung des Bauwerkes infolge seiner Wirkung auf das örtliche Stadtbild kein öffentliches Interesse besteht“. Das trifft auf das Währinger Bad keinesfalls zu.

Zudem wurde im Jahr 2018 der Schutz historischer Gebäude mit einer Gesetzesnovelle generell verschärft. Dazu eine Presseaussendung der Stadtregierung:

Die so genannte technische Abbruchreife wird de facto abgeschafft und damit wird das „absichtliche Verfallenlassen“ von Häusern, um sie dann aus technischen Gründen abbrechen zu können, kaum mehr möglich sein.

Selbst bereits fix einkalkulierte Abrisse wurden durchaus nicht genehmigt, wie das Beispiel in der Liechtensteinstraße 100-102 (9. Bezirk) zeigt: Für den Bau eines Studentenheims sollte ein Gründerzeithaus abgerissen werden. Der Abriss wurde untersagt, das Haus bleibt.

So sagte Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál (SPÖ) 2018:

Wien muss Wien bleiben. Gerade für eine moderne und wachsende Metropole ist es wichtig, dass wir unsere schönen und historisch gewachsenen Grätzl bewahren. Das ist uns bisher sehr gut gelungen – in keiner anderen Stadt in Europa sind so viele Gründerzeithäuser erhalten geblieben und mit Mitteln der Stadt saniert worden wie in Wien. Das soll auch so bleiben. Mit der neuen Regelung in der Bauordnung schieben wir den zunehmenden Begehrlichkeiten von Immobilienspekulanten, mit Abbrüchen viel Geld zu machen, einen Riegel vor.

Im 18. Bezirk stellen die Grünen die Bezirksvorstehung. Robert Zöchling, Bezirksvorsteher-Stellvertreter, sagte im Frühjahr 2019 zur Bezirkszeitung:

Wenn das Gebäude stadtbildrelevant ist, ist es zu schützen. Das Bad wird künftig für die Schule in Verwendung sein – wie genau, wird man nach dem Entscheid der MA 19 sehen.

Am Zug war dann die Magistratsabteilung 19 (Architektur und Stadtgestaltung), die zum Ressort von Birgit Hebein (Grüne) gehört. Wenn die zuständigen Beamten den Abbruch untersagen, muss das Gebäude bleiben.

Ein Abriss wäre aber trotzdem im Prinzip möglich, wenn das Gebäude als „abbruchreif“ angesehen wird. Da die Abbruchreife einerseits durch private Gutachten festgestellt wird, andererseits das ganze Abbruchverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit und bar jedweder neutraler Beobachter stattfindet, ist letztlich unklar, inwieweit ein Haus wirklich nicht mehr sanierbar war oder nicht (siehe: I. Medizinische Klinik, Leopoldauer Platz 9 u. 11).

Im Falle des Währinger Bads erschien es zumindest recht eigenartig, dass offenbar bereits frühzeitig Planungen für einen Neubau liefen, während noch gar nicht klar war, ob einem Abbruch des Gebäudes überhaupt zugestimmt würde.

Bad wird ausgeräumt

Im September 2019 wurde die gesamte Einrichtung im Inneren entfernt, einschließlich Brausen und Möbeln. Was mit dem Gebäude geschehen sollte, war zu der Zeit noch nicht entschieden, wie der ORF berichtete:

Das brauchbare Inventar kommt in anderen städtischen Bädern zum Einsatz. (…) Was mit dem Gebäude an sich passiert ist derzeit noch unklar. Die angrenzende AHS Klostergasse platzt aus allen Nähten und soll bis 2023 erweitert werden. Ob dafür das ehemalige Tröpferlbad Währing abgerissen oder umgebaut wird, wird noch zwischen Stadt Wien und der Bundesimmobiliengesellschaft, der das Haus jetzt gehört, verhandelt.

Gründerzeithaus gerettet?

Nachdem von den Verhandlungen monatelang nichts an die Öffentlichkeit gedrungen war, ließ die Währinger Bezirksvorstehung – Bezirkvorsteherin Silvia Nossek (Grüne) – im Oktober 2020 mit einer Einigung aufhorchen:

Das Gymnasium Klostergasse benötigt schon lange einen neuen Turnsaal. Doch immer wieder hakte es aufgrund der Rahmenbedingungen und der vielfältigen Beteiligten. „Durchs Reden kommen die Leut zam“, dachte sich unsere Bezirksvorsteherin Silvia Nossek und brachte Schule, Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), MA19, Bundesdenkmalamt und Wiener Netze an einen Tisch, um gemeinsam eine brauchbare Lösung zu erarbeiten.

Und siehe da: Der neue Turnsaal kann auf dem Dach des Wiener Netze-Gebäudes errichtet werden. Und für die Verbindungen zwischen jetzigem Schulgebäude, Gebäude des ehemaligen Währinger Bads und dem neuen Turnsaal wurden brauchbare Rahmenbedingungen für den nun anstehenden Architekturwettbewerb definiert. Dieser findet jetzt im Herbst statt, der Planungsprozess startet dann mit dem neuen Jahr. 

Das heißt: Der ursprüngliche Plan, das Gründerzeithaus abzureißen und an seiner Stelle den Turnsaal zu errichten, ist hinfällig. Dass das Gebäude erhalten bleibt, bestätigt die Bezirksvorstehung ausdrücklich:

Ausschnitt aus der Facebook-Seite der Bezirksvorstehung Währing
Auf der Facebook-Seite der Bezirksvorstehung Währing wird der Erhalt des Gebäudes bestätigt. (9.10.2020)

Damit dürfte also zumindest ein kompletter Abriss vom Tisch sein. Die nächsten Fragen sind: Was bleibt beim Umbau erhalten und was nicht? Werden die Gründerzeitfassade und das schöne Türmchen zur Gänze bleiben? Wird auch das Stiegenhaus mit seinem schönen Geländer erhalten werden?

Sobald es dahingehende Neuigkeiten gibt, wird dieser Artikel wieder aktualisiert.

Wiener Tröpferlbäder: Da waren's nur noch vier

Von den historischen 18 Tröpferlbädern sind nur vier als Sauna- und Brausebäder bis heute in Betrieb. Das allererste Tröpferlbad Wiens (Mondscheingasse 9 im 7. Bezirk ) wurde in den 1930ern abgerissen und durch einen architektonisch durchaus interessanten Gemeindebau ersetzt (Fotos unten). Auch das Volksbad Mariahilf gibt es schon lange nicht mehr.

Die alten Gebäude des Thaliabads in Ottakring traf die Abrissbirne in den 1980ern – ein schwerer Verlust. Heute steht hier ein unauffälliges Neubau-Wohnhaus samt kleinem Brausebad.

Vom 1906 erbauten Bad in der Floridsdorfer Weisselgasse Nr. 5 (Ecke Brünner Straße) erinnert zumindest noch ein kleiner Rest der alten Fassade. Das auf Pläne des Jugendstil-Architekten Friedrich Dietz von Weidenberg zurückgehende Gebäude wurde erst vor wenigen Jahren weitgehend abgerissen:

Mehr Glück hatte das 1926 erbaute Apostelbad im 3. Bezirk. Das architektonisch besonders interessante Badehaus ist bis heute in Betrieb und steht unter Denkmalschutz. Auch das Penzinger Bad (Baujahr 1905), das von außen stark an sein Währinger Pendant erinnert, ist immer noch geöffnet. Ebenfalls erhalten sind die Tröpferlbäder am Einsiedlerplatz und in der Hermanngasse 28.

Das Meidlinger Ratschkybad und das Volksbad Wieden gibt es heute zwar nicht mehr, die Gebäude stehen aber immer noch und werden anderweitig genutzt.

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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

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