Vom Ottakringer Landhaus zum Designer-Blech

Anfang 2018 kam das plötzliche Ende für das Ottakringer Landhaus. Anrainer, Gäste und Stadtbildschützer protestierten gegen den Abriss des beliebten Gasthauses. Medien berichteten. Wenige Tage später folgten Tatsachen: An einem Samstagmorgen fuhren die Abbruchbagger vor, um das alte Fuhrwerkerhaus zu demolieren.

Dieser Fall rief der Bevölkerung schlagartig ins Bewusstsein, wie es mit der Altstadterhaltung in Wien bestellt war. Immerhin trat ein halbes Jahr danach das neue Gesetz zum Schutz alter Häuser in Kraft.

Zwei Jahre später ist der Neubau fertig. Der Kontrast zu den Nebengebäuden könnte kaum größer sein. Wahrscheinlich die coolste Fassade in ganz Ottakring! wirbt eine Immobilienfirma auf ihrer Homepage.

Das Thema Stadtbildschutz ist brisant. Zwei Aspekte, die Wien besonders betreffen:

  • Inwieweit sollen Neubauten, die innerhalb von Gründerzeitvierteln entstehen, mit Bezug zu ihrer Umgebung gestaltet werden? Braucht es in der Bauordnung konkrete Kriterien wie etwa Materialität, Fassadengliederung, Fensterachsen und Farbabstimmung?
  • Welche Bedeutung haben Bauten, die als Identifikations- und Sozialräume für die Öffentlichkeit wichtig sind? Wie können diese Räume langfristig erhalten werden?
Ottakringer Landhaus vor dem Abriss, Neubau, Albrechtskreithgasse 38, 1160 Wien
Albrechtskreithgasse 38: 2018 wurde das Ottakringer Landhaus abgerissen, seit 2020 steht hier ein Neubau.

Das Ottakringer Landhaus

Das Ottakringer Landhaus, gelegen im Grätzl zwischen Kongressbad, Hernalser Hauptstraße und Wattgasse, stand für Qualität und soziales Leben. Zwölf Jahre lang wurden hier traditionelle Spezialitäten zubereitet und ausgesuchte Weine serviert. Austern, Punsch, Maroni, Martini-Gansln, Rind und Fisch vom Bio-Bauern. 2017 war der Regionalsender W24 zu Besuch.

Ottakringer Landhaus, Gasthaus in einem alten Fuhrwerkerhaus, rustikale Fassade, vor dem Abriss 2018, Albrechtskreithgasse 38
Ottakringer Landhaus: eine Gastwirtschaft in einem alten Fuhrwerkerhaus (Foto: Jänner 2018)

Die Kulinarik-Webseite Steiners Diners schrieb über das Landhaus:

In der Wiener Vorstadt erwartet den Gast ein wahres kulinarisches Kleinod: Das Ottakringer Landhaus, berühmt für seine Backhenderln, den köstlichen Maishenderln aus der Steiermark! Im 150 Jahre alten und ebenso liebevoll wie aufwendig renovierten Fuhrwerkerhaus sind die Tore 7 Tage die Woche geöffnet – das Ottakringer Landhaus kennt keinen Ruhetag.

Fuhrwerkerhaus aus dem 19. Jahrhundert

Das Gasthaus befand sich in einem alten Fuhrwerkerhaus, das nach 1950 mehrmals umgebaut worden war. Seine äußere Erscheinung entsprach zuletzt wohl kaum noch dem originalen Zustand des 19. Jahrhunderts. Aber trotzdem es handelte sich im Kern um ein in Ottakring selten gewordenes frühes Gründerzeithaus. Anders als etliche Häuser in der Umgebung war das Landhaus architekturhistorisch kaum relevant – aber als Gasthaus für viele Menschen umso bedeutender.

Die Geschichte der Adresse ist nur spärlich dokumentiert. In den 1910er-Jahren hatte hier ein kleines Bauunternehmen seinen Sitz, in den 1940ern offenbar eine Wagenfirma. Beides verweist auf die Bedeutung des 16. Bezirks als eines der alten Industrie- und Handwerkszentren Wiens.

Gasthaus wird verkauft

Das Ende des hübschen Gasthauses kam auch für die Stammgäste plötzlich. Im Februar 2018 sagten die Betreiber, die auch Besitzer des Hauses waren, Pfiat Euch zu ihren Gästen:

Liebe Freunde vom Ottakringer Landhaus, nach 12 wunderbaren Jahren müssen wir leider Adieu sagen. Wir danken Euch für Eure Treue und die vielen schönen Stunden hier draussen in der Vorstadt.

Von gesundheitlichen Gründen, die den Ausschlag in Richtung Verkauf gaben, ist zu lesen. Dass durch den Bebauungsplan ein Abriss und Neubau besonders lukrativ gewesen ist, mag ebenfalls dazu beigetragen haben, so die Journalistin Nina Kreuzinger im Falter:

Bereits im Herbst hatte das Bekanntwerden der Abrisspläne bei Anrainern und Gästen für Aufregung gesorgt. Damit hatte niemand gerechnet; vor nicht allzu langer Zeit war renoviert, in neue Sanitäranlagen investiert worden.

Das Übernahmeangebot sei äußerst attraktiv gewesen, heißt es. Schließlich ist die Liegenschaft von besonderem Wert: Die gewidmete und damit mögliche Bauhöhe übertrifft bei weitem die des historischen Gebäudes.

Zu diesem Zeitpunkt stand das Haus bereits im Besitz der BK Immo, eines zur Grazer Wechselseitigen Versicherung gehörenden Bauträgers. Der neue Eigentümer hatte anderes vor, als das Gasthaus weiter zu betreiben, wie 2018 gegenüber der Bezirkszeitung bekanntgegeben:

Wir sind ein professioneller, nachhaltig agierender Bauträger – entsprechend verantwortungsvoll werden wir mit dem Bauplatz in der Albrechtskreithgasse umgehen. Es soll neue Lebensqualität entstehen, rund 20 hochwertige Wohnungen, ein energieeffizienter Wohnbau mit architektonischen Highlights

Wenige Tage später rollten die Abrissbagger an und machen das Haus dem Erdboden gleich. Dazu Claus Süß von der Initiative Denkmalschutz zum ORF:

Das Besondere an diesem Haus war, dass es einer der letzten Reste der Vorstadt oder Vorortestruktur Wiens war. Diese ebenerdigen Häuser aus der Gründerzeit sind nur mehr ganz selten in Wien zu finden.

Keine Schutzzone gegen Abrisse eingerichtet

Ein Haus ist schnell abgerissen – vor allem, wenn keine rechtlichen Schutzmaßnahmen getroffen worden sind. Zwei Möglichkeiten hätte es gegeben:

  1. Der Denkmalschutz, der an strenge Kriterien geknüpft ist, wäre beim vielfach umgebauten Landhaus nicht das Mittel der Wahl.
  2. Eine Schutzzone, die charakteristische Häuserensembles erhalten kann, hätte eher in Frage kommen können.

Schutzzonen werden von der Stadt Wien eingerichtet. Im Fall des Ottakringer Landhauses bestand bei der Umwidmung im Jahr 2002 die Möglichkeit, eine Schutzzone für die vielen hier befindlichen Gründerzeithäuser festzulegen. Doch kein einziges Haus in den 31 Baublöcken ist in die Schutzzone gekommen, obwohl bei vielen Gebäuden noch die komplett originalen Fassaden des 19. Jahrhunderts erhalten sind.

Der Bebauungsplan wurde übrigens mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und FPÖ angenommen, nur die Grünen stimmten dagegen (siehe Wortprotokoll). Ob den Mandataren bewusst war, welche Konsequenzen das Fehlen von Schutzzonen haben kann?

Alleine aufgrund des nötigen Zeitaufwands, sich in Bebauungspläne einzulesen, ist zu bezweifeln, dass eine nähere Beschäftigung überhaupt stattgefunden hat. Es wäre aber in jedem Fall wünschenswert, wenn sich die Gemeinderäte mit den Inhalten der Dokumente, die durch ihre Stimme Rechtskraft erlangen, auch wirklich auseinandersetzen.

Wie solche Umwidmungen vor sich gehen, beschreibt Nina Kreuzinger:

Die Umwidmungsverfahren erfolgen meist unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit. „Über deren Auswirkungen sind sich die Bürger meist nicht bewusst“, sagt Denkmalschutz-Experte Landerer. „Sie entscheiden meist über Abriss oder Erhalt historischer Bauten.“

Das Procedere läuft in etwa so ab: Auf Bezirksvertretungsebene tagt der Bauausschuss, während einer öffentlichen Auflagefrist von sechs Wochen können auch seitens der Bürger Stellungnahmen zu Planentwürfen abgegeben werden. Im Idealfall werden diese vom Bauausschuss behandelt, bevor die Bezirksvertretung wiederum seine Stellungnahme in den Gemeinderat weiterleitet. Manchmal ist diese nämlich auch aufgefordert, noch vor Ablauf der öffentlichen Auflagefrist seine Empfehlung abzugeben.

Über die Entscheidung abgestimmt wird letztlich im Gemeinderat. In den Protokollen sind einzig Beschlüsse nachzulesen. Begründungen und Gutachten werden auf Anfrage weder schriftlich noch mündlich näher erläutert.

Auf Altstadterhaltung vergessen?

Zuständig für die Bebauungspläne samt Schutzzonen sind die Magistratsabteilungen 19 (Architektur und Stadtgestaltung) und MA 21 (fertigt die Flächenwidmungs- und Bebauungspläne an). Beide Abteilungen gehören zum Planungsressort, das damals Stadtrat Rudolf Schicker (SPÖ) unterstellt war. Es wäre die Aufgabe dieses Ressorts gewesen, die Einrichtung von Schutzzonen zu beauftragen. Auch der Bezirk hätte einen entsprechenden Wunsch äußern können. Immerhin ist seit einer Studie von 1996 bekannt, dass viele Häuser in Ottakring schützenswert, aber noch nicht geschützt sind (siehe Plan unten).

Als 2018 schon die Abrissmaschinen am Werk waren, berichtete die Tageszeitung Die Presse:

Auch beim Ottakringer Landhaus sei laut MA 19 eine Schutzzone geprüft worden – doch sei laut der Wiener Bauordnung kein erhaltenswertes Ensemble gegeben gewesen, weil es dafür mindestens drei kultur- oder architekturhistorisch interessante Objekte brauche.

Wenn sich diese Aussage auf die Umwidmung von 2002 bezieht, warum wurde dann in der gesamten Umgebung kein einziges Haus in die Schutzzone aufgenommen? Immerhin finden dort sich zahlreiche Ensembles, die genau diesen genannten Kriterien entsprechen. Darunter viele original erhaltene Gründerzeithäuser, die im Gegensatz zum Landhaus auf jedem Fall erhaltenswert sind.

Hat die Magistratsabteilung eine falsche Auskunft gegeben? Fehlte damals einfach der Auftrag, Schutzzonen einzurichten? Sollte Bauträgern und Investoren nicht mittels Ensembleschutz die Arbeit „erschwert“ werden?

Wahrscheinlicher ist: Der Schutz historischer Gebäude war Behörden und Politikern vielleicht einfach gleichgültig. Oder die Entscheidungsträger waren sich der Möglichkeiten, die die Stadt per Bebauungsplan hat, schlicht nicht bewusst.

Ottakringer Landhaus, Gasthaus, Eingang, Albrechtskreithgasse, Wien
Ottakringer Landhaus in der Albrechtskreithgasse 38, wenige Wochen vor dem Abriss (Foto: Jänner 2018)

Bauordnung wird verschärft

Nach dem Abriss des Landhauses wurde auch der Politik klar, wie dringend Reformen nötig waren:

Allerdings sei man sich in der Stadt bewusst, dass man es mit einer Gesetzeslücke zu tun habe und die Bauordnung geändert werden solle. So solle künftig der Abbruch eines Gebäudes außerhalb einer Schutzzone, das vor 1945 errichtet worden ist, nur mehr nach Vorlage bei der MA 19 möglich sein.

Genau das ist einige Monate – und etliche Abrisse – später auch beschlossen worden (Bauordnungsnovelle 2018). Maria Vassilakou, damals grüne Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin, sagte anlässlich der Reform:

Mit dem Beschluss im Landtag stellen wir sicher, dass kein historisch wertvolles Gebäude ohne Prüfung durch die Stadt abgerissen werden kann, nur weil es nicht in einer Schutzzone steht. Abrisse wie der des Ottakringer Landhauses gehören dann der Vergangenheit an.

Kaltes Blech statt warmer Küche

Über ein Jahr nach dem Abriss des Landhauses begann die Errichtung des Nachfolgebaus. Seit 2020 ragt in der Albrechtskreithgasse 38 ein Gebäude aus Blech und Glas in die Höhe; nichts mehr erinnert an das frühere Gasthaus. Platz für ein Lokal gibt es im neuen Gebäude nicht. So ist auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt in Ottakring verloren gegangen. Der Bauträger schreibt über den Neubau:

Modernes Neubauprojekt mit 24 Anlegerwohnungen bzw. Eigentumswohnungen Nähe Kongressbad! 

Die "coolste Fassade" von Ottakring?

Die Bilder, die den Neubau zeigen, sind keine computererzeugten Grafiken, sondern stellen tatsächlich die gebaute Realität dar.

Gründerzeithäuser und ein Neubau in der Albrechtskreithgasse, Ottakring, Fassadendekor, Aluminium-Fassade, parkende Autos
Albrechtskreithgasse 38: Fremdkörper im Gründerzeitensemble? (Foto: 2020)

Was hervorsticht ist eine Front aus Aluminiumplatten, die als „moderne Straßenfassade in Alucobond“ beworben wird. Also ein Baustoff, wie er eben nicht typisch für Ottakring bzw. Wien ist. Architekten und Bauträger scheinen genau das gewollt zu haben.

Neubau zwischen Gründerzeithäusern, 1160 Wien, Albrechtskreithgasse, Blech, dunkle Fassade, Glas
Neubau in der Albrechtskreithgasse 38, Baujahr 2020 (Foto: 2020)

„Darf es ein Hopfen-Smoothie sein? Ottakring mit Stil!“ – So wirbt eine Immobilienfirma für das neue Gebäude. Besondere Aufmerksamkeit bekommt wiederum die blecherne Front, die zwischen zwei alte Häuser (erbaut 1904 und 1914) gesetzt wurde:

Wahrscheinlich die COOLSTE FASSADE in ganz Ottakring!

Albrechtskreithgasse 38 (Neubau) und Römergasse 65 (Gründerzeithaus, errichtet 1914), Wien, 16. Bezirk
starke Kontraste: Albrechtskreithgasse 38 (erbaut 2020), Römergasse 65 (rechts) (Foto: erbaut 1914)

Der nämliche Immobilienmakler ist von dem Gebäude freilich restlos überzeugt:

Das (mehrfach ausgezeichnete) Architekturbüro ad2 Architekten zeichnet für die moderne Architektur verantwortlich – der Neubau bekommt straßenseitig eine Alucobond-Fassade und wird ganz sicher ein toller Hingucker in der Albrechtskreithgasse! Dazu kombiniert der Bauträger BK Immo – ein Bauträger im Konzern der Grazer Wechselseitigen Versicherung – eine sehr hochwertige Qualität in der Ausstattung.

Das Haus, das mit seiner Umgebung bricht

Ein „Hingucker“ ist der Neubau definitiv – doch auch auf positive Weise?

Auffällig sind in jedem Fall die monochrome Farbgebung, die verwendeten Materialien (Blech, Glas) und die Anordnung der Fenster. Wären nicht die Loggien, es könnte sich vielleicht auf den ersten Blick um eine Fabrik oder ein Lager handeln.

Der springende Punkt ist folgender: In der gewachsenen Stadt steht ein Gebäude niemals für sich alleine. Um ein Gebäude also zu beurteilen, muss immer das Umfeld mitbetrachtet werden. In welchem architektonischen Kontext das Gebäude steht, wie die benachbarten Häuser aussehen, welche Besonderheiten den Bezirk und das Gelände ausmachen.

Gerade in dieser Hinsicht könnte der Neubau in der Albrechtskreithgasse zum Problem werden, denn einfügen will sich dieses Gebäude ganz offensichtlich nicht. Überhaupt hat es fast den Anschein, als wären die beiden Architekten, die im beschaulichen Weiden (Burgenland) ihr Büro haben, niemals vor Ort gewesen.

Es sind vier Aspekte, die das Spannungsfeld zwischen Neubau und Umfeld charakterisieren:

(1) Das Blech und die Kälte

Fassaden in Wien werden traditionellerweise verputzt – und das seit hunderten von Jahren. Daneben gibt es auch vereinzelt Klinkerfassaden (Sichtziegel), die oft bei gewerblichen Bauten (Fabriken) zur Anwendung kamen. Beiden Materialien sind erdige Farbtöne gemein.

Der Neubau in der Albrechtskreithgasse bricht durch seine graue Blechfassade mit dieser Tradition.

Fenstertypen von zwei Altbauten und einem Neubau in Wien-Ottakring
Albrechtskreithgasse: Die Fassade des Neubaus nimmt keinen Bezug auf die benachbarten Häuser. (Fotos: 2020)

Ob damit nicht der Fehler früherer Jahrzehnte wiederholt wird, als einfach bezugslose Bauten mit oft grauer Metallverkleidung ins gewachsene Stadtbild gesetzt wurden (z.B. Josefstädter Straße 80)? Also Bauten, von denen einige bereits wieder abgerissen wurden, beispielsweise am Franz-Josefs-Kai 51 (erbaut 1968, Abriss 2019) und in der Praterstraße 1 (erbaut 1962, Abriss ca. 2006).

(2) Die Quadratur der Fenster

Die Häuser aus der Gründerzeit (ca. 1848-1918) sind einander erstaunlich ähnlich, besonders in den Außenbezirken, wo um 1900 binnen weniger Jahre ganze Stadtviertel hochgezogen wurden. Diese Ähnlichkeit, die durchaus auch ökonomische Gründe hat, ist es, die solche Häuser für uns so attraktiv erscheinen lässt.

Auch die Gebäude in der Ottakringer Albrechtskreithgasse, die den Neubau flankieren, folgen diesem Muster. Den hier üblichen Fensterachsen widersetzt sich das neue Gebäude.

Neubau und Altbauten in der Albrechtskreithgasse, Ottakring, Wien, Fensterachsen
Neubau in der Albrechtskreithgasse 38: Bruch mit den ortsüblichen Fensterachsen (Foto: 2020)

Hohe schmale Fenster oder Doppelfenster prägen die Gründerzeitbauten Wiens. Bis in die 1960er zieht sich dieses Muster. Beim Neubau in der Albrechtskreithgasse 38 haben die Architekten auf kleine quadratische Fenster gesetzt. Die Räume dahinter erhalten also sogar weniger Licht als bei den über hundert Jahre älteren Nachbarhäusern.

Neubau und Altbauten in der Albrechtskreithgasse, Ottakring, Wien, Vergleich von Fensterformen/-größen
Der Neubau bricht mit den Fensterformen und -größen der Nachbarhäuser. (Foto/Grafik: 2020)

Der Trend zu über die ganze Fassade gezogenen quadratischen Fenstern beginnt etwa in den 1960ern und ist seither eher ein Garant für wenig vorteilhafte Ästhetik (z. B. Josefstädter Straße 105, Wiedner Gürtel 22, Sonnwendgasse 8Rosasgasse 13).

(3) Nur nicht zu hohe Räume

Altbauten werden von Bewohnern besonders ob ihrer hohen Räume geschätzt. Im Vergleich zu den Nachbarhäusern wird die geringere Raumhöhe im Neubau deutlich.

Vergleich der Geschoßzahlen eines Neubaus mit zwei Altbauten in Wien-Ottakring, Albrechtskreithgasse 38
Der Neubau in der Albrechtskreithgasse 38 hat niedrigere Raumhöhen als die Altbauten. (Foto/Grafik: 2020)

Dieser Umstand ist zwei Faktoren zuzuschreiben:

  • Der Bebauungsplan, den die Stadt Wien festlegt, bestimmt die maximale Bauhöhe, aber nicht die maximale Anzahl der Geschoße. Das ist ein Anreiz dafür, möglichst viele Geschoße in ein neues Gebäude zu pressen. Alleine dadurch kommt es schon zum Bruch mit der Umgebung (ganz abgesehen von der niedrigen Erdgeschoßzone und der geringen Flexibilität der Räume).
  • Mehr Stockwerke bedeutet mehr Fläche bedeutet mehr Gewinn für den Bauträger. Eine einfache wirtschaftliche Rechnung, die auch beim Abriss alter Häuser eine Rolle spielt.

(4) Glätte vs. Stuckatur

Das Gründerzeithaus in der Seitenberggasse 62 (Foto unten links) wurde 1904 errichtet. Wie damals üblich ist Stuck um die Fenster und am Gesimse angebracht worden. Der Neubau schafft auch diesbezüglich den größtmöglichen Bruch.

Gründerzeithaus und Neubau, Ottakring, Wien, Stuckfassade, Blech, Glas
Stuck vs. Blech: Seitenberggasse 62 (erbaut 1904), Albrechtskreithgasse 38 (erbaut 2020) (Foto: 2020)

Aus den allerletzten Jahren der Monarchie ist das Haus in der Römergasse 65 (am Foto unten rechts). Bei der Errichtung im Jahr 1914 erhielt es nur noch spärlichen Dekor. Oder wurde der Fassadenschmuck irgendwann teilweise entfernt? Jedenfalls ist am Beispiel dieses Hauses erkennbar, dass mit geringen Mitteln immer noch ein attraktives Äußeres geschaffen werden kann.

Neubau (Fassade aus Blech und Glas) neben Altbau (Gründerzeithaus, Baujahr 1914), Wien, 16. Bezirk, Vergleich zwischen zwei Fassaden, Albrechtskreithgasse 38
maximale Gegensätze: Albrechtskreithgasse 38 (erbaut 2020), Römergasse 65 (erbaut 1914) (Foto: 2020)

Nun wird kaum jemand eine gänzlich historisierende (also mit Dekor versehene) Fassade für den Neubau einfordern, doch wäre hier nicht ein Kompromiss möglich gewesen? Sodass zumindest irgendein Bezug auf den Bestand hergestellt wird? Selbst in den 1950ern ist das gelungen (z. B. der Gemeindebau in der Judengasse 4 im 1. Bezirk).

Die heimatlosen Wiener Neubauten

Wenn es also ein Problem gibt, dann ist das weniger der Abriss des Landhauses, sondern vielmehr die Gestaltung des Neubaus. Trifft genau das zu, was Nina Kreuzinger in der Wiener Zeitung beschrieb?

Wie Fremdkörper wachsen Betonblöcke inmitten historischer Häuserensembles in die Höhe, meist ohne Rücksicht auf Fensterachsen, Material, Farbabstimmung.

Die Architekten des Neubaus sind jedenfalls in guter Gesellschaft. Immerhin herrscht in Wien seit langem der Trend vor, absichtlich Brüche zu produzieren. Ob die Frage nach harmonischer Einordnung bei der Planung überhaupt einmal gestellt worden ist? Oder geht es nur darum, die eigenen Designvorstellungen um jeden Preis durchzusetzen und sich auf diese Weise gegen die Konkurrenz zu behaupten? Gab es vonseiten des Auftraggebers kein Interesse an einer rücksichtsvolleren Gestaltung?

So steht das Gebäude in der Albrechtskreithgasse 38 also in einer Reihe mit folgenden Neubauten:

Zu diesem Trend sagt der Stadtplaner und Publizist Reinhard Seiß:

Viele hiesige Bauherren und ihre Architekten erachten die „künstlerische“ Freiheit in Bezug auf die Gestaltung ihrer Objekte heute geradezu als Grundrecht – und jedwede Einschränkung durch die Baubehörde als anmaßende Gängelung.

Andernorts unterliegt das Bauen deutlich stärker einer gesellschaftlichen Verpflichtung sowie einer Verantwortung gegenüber dem gewachsenen Umfeld.

Keine Vorschriften für die Gestaltung neuer Häuser

Dass ein Bauträger versucht, so viel Fläche wie möglich zu bauen und zu verkaufen, ist wenig überraschend. Problematisch wird es aber, wenn auch bei straßenseitigen Fassaden wenig Rücksicht auf die Umgebung genommen wird. Es wäre auch die Aufgabe der Stadt Wien, für eine verträgliche äußere Gestaltung und den besseren Schutz historischer Gebäude zu sorgen.

Angesprochen auf die Qualität von Neubauarchitektur, aufdringliche Werbetafeln und unattraktive Balkone sagte der Leiter der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19):

Doch letztendlich sind wir keine Geschmackspolizei, sondern bewerten in unserer Abteilung einzig und allein den gestalterischen Beitrag im Kontext des Stadtbildes.

Ist die Wiener Magistratsabteilung für Architektur also (rechtlich?) nicht in der Lage, das Wiener Stadtbild zu schützen und einen maßvollen Weiterbau zu garantieren? Wäre es vielleicht auch sinnvoll, einen unabhängigen Gestaltungsbeirat einzurichten, der alle Entwürfe für neue Häuser begutachtet und auch Änderungen einfordern kann?

Die folgenden Beispiele legen in jedem Fall nahe, dass eine Reform der Bauordnung überfällig ist:

Architektur mit Stil: Die alten Neubauten

Bei der Frage nach verträglicher Gestaltung geht es nicht darum, simple Kopien alter Häuser einzufordern oder Innovation zu ersticken. Viele Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, wie trotz Betonung der Funktion und starker Zurücknahme dekorativer Elemente immer noch überaus attraktive Häuser entstanden sind. Von Otto Wagners Spätwerk in der Neustiftgasse über die Zwischenkriegszeit bis zu den Bauten um 1950.

Noch in den 1980ern ist es immer wieder gelungen, ansprechende Gebäude im gewachsenen Gefüge zu errichten. Zum einen durch einen Passus in der Bauordnung, der bei Neubauten in Schutzzonen die Rücksichtnahme auf das Umfeld forderte (1987 ersatzlos gestrichen). Das hat auch beim Neubau des Innenministeriums eine Rolle gespielt:

Österreichisches Innenministerium am Minoritenplatz, 1010 Wien
Innenministerium am Minoritenplatz, erbaut in den 1980ern (Foto: 2012, gemeinfrei)

Andererseits gab es in den 1980ern international den Trend zur Postmoderne. Viele Gebäude dieser Zeit zeichnen sich durch die Neuinterpretation klassischer Gestaltungsmittel wie Erker, Giebel und stärker gegliederter Fassaden aus. Das hat durchaus kuriose Resultate hervorgebracht (z. B. Schottenfeldgasse 37Gumpendorfer Straße 134-136).

Besonders kreativ war etwa Architekt Wilhelm Holzbauer beim Neubau in der Mariannengasse 5 im 9. Bezirk, wo er das Erdgeschoß, ein Gesimsband und die Farbgebung eines Altbaus hinüber in den Neubau gezogen hat (Foto unten).

Altbau und Neubau in der Mariannengasse in Wien-Alsergrund, Wilhelm Holzmeister (Architekt des Neubaus)
Mariannengasse 5 (rechts): erbaut 1984, Architekt: Wilhelm Holzbauer (Foto: 2019)

Neu bauen mit ästhetischem Mehrwert

Mit dem gewachsenen Umfeld verträgliches Bauen beschränkt sich nicht auf frühere Zeiten. Auch in den letzten Jahren sind noch Gebäude entstanden, die auf ihre Weise die Umgebung durchaus bereichern (z.B. Rüdengasse 5, Billrothstraße 49a, Rotenmühlgasse 50 und 53).

In der gegenwärtigen Architektur scheint es aber generell vielfach verpönt zu sein, alte Formen wiederaufzunehmen und weiterzuentwickeln. Die behutsame Einpassung von Neubauten in gewachsene Umgebungen ist überhaupt kein Thema. Hat sich eine Art neue Orthodoxie herausgebildet, die irgendwann zwischen den späten 1950ern bis 1970ern quasi steckengeblieben ist? Ist das Ornament auch fast 100 Jahre nach Adolf Loos ein „Verbrechen“? Lässt sich nicht ein viel entspannterer Umgang mit der gebauten Vergangenheit finden?

Einen eigenen Weg beschreitet etwa der deutsche Architekt Tobias Nöfer:

Dau­er­haf­tig­keit, Nütz­lich­keit und Schön­heit – die­se Ur­tu­gen­den der Ar­chi­tek­tur ha­ben nicht an Ak­tua­li­tät ver­lo­ren, auch wenn sie vor Jahr­tau­sen­den for­mu­liert wur­den. (…) Heu­te und in Zu­kunft muss sich Ar­chi­tek­tur an ih­nen mes­sen las­sen.

Of­fen­sicht­lich sind sie heu­te nicht mehr die selbst­ver­ständ­li­che Grund­la­ge für das, was als Ar­chi­tek­tur pu­bli­ziert wird. (…) Der Preis für die Frei­heit un­se­rer Dis­zi­plin ist die Auf­lö­sung des ar­chi­tek­to­ni­schen Qua­li­täts­be­griffs. Von der Ver­wir­rung muss die Ar­chi­tek­tur sich be­frei­en, will sie ihre Au­to­no­mie be­haup­ten und nicht zu ei­ner Kunst ver­kom­men, die nur noch der Au­tor ver­steht. (…)

Das Spiel mit den Form­ge­wohn­hei­ten, das An­thro­po­mor­phe in der Bau­kunst, die Ar­beit mit dem Ge­ni­us loci, der fei­ne Un­ter­schied zwi­schen Be­stand und Er­gän­zung: nicht die ra­di­ka­le son­dern, all­mäh­li­che Trans­for­ma­ti­on und Re­pa­ra­tur der ur­ba­nen Stadt.

In der Praxis sieht das beispielweise so aus:

Neubau in Berlin, Bergmannstraße 5-7, Architekten: To­bi­as Nöfer, Ge­org Graetz
Bergmannstraße 5-7 (Berlin): erbaut 2008, Architekten: To­bi­as Nöfer, Ge­org Graetz (Foto: 2008, Gabriele Kantel)

Auch der Hamburger Architekt Matthias Ocker greift auf klassische Formen zurück. In der Zeitung Die Welt:

Damit meint [Ocker] nicht, dass ein Haus dem anderen gleichen muss. „Ganz im Gegenteil“, sagt Ocker und verweist auf die ungemeine Vielfalt historischer Stadtbilder: „Da stehen sich häufig Gebäude aus ganz verschiedenen Epochen gegenüber, und trotzdem wirkt die Stadt wie aus einem Guss.“

Wichtig sei, dass die Häuser in Form und Gestalt miteinander korrespondierten und nicht wie viele heutige Bauten die Korrespondenz mit der Nachbarschaft schlichtweg verweigerten. In diesem Zusammenhang beklagt der Hanseat die „Beliebigkeit etlicher moderner Gebäude, deren Architektur oft genug nur einer kurzweiligen Mode unterliegt“.

Und während in deutschen Städten, aber auch in Polen, im Krieg zerstörte Häuser und Stadtviertel von Grund auf rekonstruiert werden, genießt der Erhalt und maßvolle Weiterbau des in Wien zum Glück viel weniger beschädigten Stadtbildes keine besondere Priorität. Das war nicht immer so, wie etwa der Wiederaufbau des Gebäudes am Schwarzenbergplatz 3 im Jahr 1983 unter Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) veranschaulicht.

Wie könnte das neue Ottakring aussehen?

Zum Schluss noch einmal zurück nach Ottakring: Der Bezirk mit seinen über 100.000 Einwohnern wird auch in Zukunft wachsen und auch in Zukunft werden hier neue Gebäude entstehen. Wollen Investoren, Bauherren und Architekten ihre Häuser nicht nur schnell und ohne Bezug in den Bezirk klotzen, könnte ein offenes Auge nicht schaden.

Immerhin hat der 16. Bezirk architekturhistorisch viel zu bieten. Kleine Häuser aus der Vorgründerzeit, aufwendig gestaltete Zinshäuser aus dem späten 19. Jahrhundert und schöne Gemeindebauten aus dem Roten Wien der Zwischenkriegszeit. Einen besonderen Charme geben dem Bezirk die zahlreichen mit Sichtziegel verkleideten Gebäude. Wäre nicht vielleicht u. a. dieses Gestaltungsmittel ein schöner Ausgangspunkt, wenn es um den Entwurf neuer Ottakringer Häuser geht?

Kontakte zu Stadt & Politik

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+43 1 4000 03110

Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

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