Sophienspital: Gebäude nach nur 24 Jahren wieder abgerissen

Das 1999 fertiggestellte Gebäude des ehemaligen Sophienspitals am Neubaugürtel wurde 2023 abgerissen. Anstelle des Krankenhaustrakts wird eine große Wohnhausanlage mit geförderten Wohnungen errichtet.

Trakt des Sophienspitals am Neubaugürtel mit Klinkerfassade und Kirchturmspitze im Hintergrund, vorne fahrende Autos
Das 1999 erbaute Gebäude am Neubaugürtel wurde 2023 abgerissen. (Foto: 2021)

Neuer Krankenhaustrakt abgerissen

Am Gürtel im 7. Bezirk erinnert nichts mehr an das vom Architekten Martin Kohlbauer errichtete Gebäude, das als Erweiterung des Sophienspitals diente. Das Spital wurde 2017 abgesiedelt, die Gebäude danach zwischengenutzt. 2023 wurde der Trakt am Neubaugürtel, schräg gegenüber vom Westbahnhof, abgerissen. Das Gebäude war weder baufällig noch eine wie immer geartete Bausünde. Im Gegenteil: Die mit dunklem Klinker verkleidete Fassade zum Gürtel war sehr hochwertig und eines der wenigen Beispiele für neuere Klinkerarchitektur in Wien.

Der Stadtforscher Norbert Mayr schrieb 2020 über das Gebäude:

Der 1999 eröffnete Neubau von Martin Kohlbauer wertete den Park zwischen den bestehenden Bauwerken sehr positiv auf, er bildet eine wichtige, bewusst ausformulierte und gestalterisch ambitionierte Lärmbarriere zum verkehrsintensiven Gürtel. Der Pavillon ist mit den beiden historistischen Bestandsbauten respektvoll zurückhaltend verbunden und verdient über die Stadtgrenzen hinaus Anerkennung als baukulturell anspruchsvolles Beispiel einer Nachverdichtung.

Kreuzung an der Ecke Neubaugürtel/Stollgasse in Wien, fahrende Autos, Straßenlaternen, Kirchturm, historischer Pavillon
Im Juni 2023 war das Gebäude bereits weg.

Sophienspital

Das 1880 eröffnete Sophienspital bestand aus mehreren historischen Gebäuden, die 1999 durch einen Neubau ergänzt wurden. Bauherr war der zur Stadt gehörende Wiener Krankenanstaltenverbund (heute: Wiener Gesundheitsverbund). Anlässlich der Errichtung schrieb Christian Kühn, Vorstand der Architekturstiftung Österreich und Professor an der TU Wien:

[Architekt Martin] Kohlbauers Entwurf arbeitet mit dem Motiv einer mehrfach abgestuften, den Park zum Gürtel hin begrenzenden Wand aus dunklem Klinker. Patientenzimmer liegen gartenseitig, Nebenräume sind zur Straße hin orientiert. (…) An einem Ende löst sich der Baukörper in eine Glaskonstruktion auf, die in mehreren Stufen hinter die Baulinie zurückspringt, während die Mauer als niedriger Paravent am Gürtel weitergezogen ist. Dazwischen entsteht ein schmaler baumbestandener Hof, der den Park auch vom Gürtel her spürbar werden läßt.

Trakt des Sophienspitals am Neubaugürtel mit Klinkerfassade und Kirchturmspitze im Hintergrund, vorne fahrende Autos
Trakt des Sophienspitals am Gürtel: 1999-2023 (Foto: 2020)

Der Bau, so Kühn, habe mehr als 125 Millionen Schilling gekostet, was damals etwa 9 Millionen Euro entsprach. Inflationsbereinigt wären das 2023 über 16 Millionen Euro. Eine beträchtliche Investition, die aber nicht nachhaltig angelegt war, wie deutlich geworden ist. Das zwei Jahre vor dem Abbruch entstandene Foto (siehe unten) zeigt die Rückseite des Gebäudes, im Vordergrund ist der Sophienpark – eine nun öffentliche Parkanlage.

Park auf einem ehemaligen Krankenhausgelände in Wien-Neubau
Sophienpark (Foto: 2021)

Bestand ohne Schutz

Der Erhalt von Gebäuden kann derzeit nur via Denkmalschutz und Ortsbildschutz sichergestellt werden. Der Denkmalschutz kann auch das Innere und von außen nicht sichtbare Gebäudeteile erfassen. Beim Ortsbildschutz in seiner Wiener Variante zählt ausschließlich die Sichtbarkeit von außen, sodass weitgehende Zerstörungen im Inneren erlaubt werden, solange ein Fassadenrest stehen bleibt. Denkmalschutz kann auch erst für wenige Jahrzehnte alte Gebäude gelten, wohl vor allem bedingt durch die personelle Lage im Denkmalamt werden aber im Verhältnis nur wenige Gebäude neu unter Schutz gestellt. Der Ortsbildschutz in Wien reicht in den allermeisten Fällen nur bis vor 1945. Zwar können auch später errichtete Gebäude noch in die Schutzzone kommen, doch passiert das nur selten und unsystematisch.

Als erhaltenswert können Gebäude nach der derzeitigen Gesetzeslage nur nach ästhetischen und (architektur-)historischen Kriterien eingestuft werden. Andere Faktoren bleiben außen vor: die in Gebäuden enthaltene graue Energie (die zum Bau erforderlichen und im Bau gespeicherten Ressourcen), die Frage, wie sich bestehende Gebäude nachnutzen (z.B. Wohnungen statt Büros) und wie sie sich umbauen, ausbauen und aufstocken lassen. So konnte auch ein noch nicht einmal dreißig Jahre altes Bürohaus im 2. Bezirk ungehindert abgerissen werden:

Bürohaus wird abgerissen, Baustelle, Bagger, Bauzaun, Wien-Leopoldstadt, Nordbahnhofgelände
Das Bürohaus der Zürich-Versicherung in der Lassallestraße 7 wurde abgerissen. (Foto: Christian Schwab, Mai 2023)
Der Umgang mit Architektur und verbauten Ressourcen ist erstaunlich und nicht mehr zeitgemäß. Immerhin ist die Bauindustrie für einen hohen Ressourcenverbrauch und entsprechende Treibhausgase verantwortlich. Umbauen und Sanieren sollte also der Normalfall werden, Abriss und Neubau die Ausnahme. Die 2023 gegründete Allianz für Substanz schreibt auf ihrer Webseite:
Der Schutz bestehender Substanz vor dem Abriss und die radikale Minimierung von Neubau sind notwendige Maßnahmen zur Reduktion unnötig verursachter Treibhausgasemissionen und ein wichtiger Schritt in Richtung Pariser Klimaübereinkommen. Das verbleibende CO2-Restbudget ist prioritär für eine rasche und damit vor 2040 vorgezogene Energiewende (Klimaneutralität) auf Basis erneuerbarer Energieträger zu nutzen.

Ensemble aus Backstein

Auch unabhängig von der Ressourcenfrage ist der Abbruch bedauerlich, denn das Gebäude fügte sich hervorragend ins Stadtbild ein. In Wien durchaus nicht selbstverständlich, ist die äußere Gestaltung doch häufig auf Bruch und Abgrenzung zum Umfeld ausgelegt (siehe: Bestürzende Neubauten). Wohl nicht ohne Grund hatte Architekt Martin Kohlbauer dunklen Klinker für die Fassade seines Gebäudes gewählt. Direkt daneben befindet sich eine historische Mauer, die zur Lazaristenkirche gehört. Beide sind mit dunklen Sichtziegeln ausgeführt. Mit dem Abbruch des Neubaus ist dieses Ensemble zerstört worden.

Andere Gebäude bleiben erhalten

Der Trakt am Gürtel wurde abgerissen, die anderen Gebäude des ehemaligen Krankenhauses werden neu genutzt, der Park bleibt öffentlich zugänglich. Die bestehenden Gebäude werden umgebaut, daneben kommen Neubauten. Neben zahlreichen geförderten Wohnungen sind ein Kindergarten, ein Café, Co-Working Spaces und ein Veranstaltungssaal in Planung.

Der Erhalt der nicht denkmalgeschützten Gebäudeteile soll keineswegs von Anfang an ausgemachte Sache gewesen sein. Wenn kein Denkmalschutz gilt (Denkmalschutz ist Bundessache), sind Gebäude in Wien potenziell immer gefährdet, wie sich anhand des Abrisses einer historischen AKH-Klinik gezeigt hat.

Neubau nach Abriss

Die Wohnungen am ehemaligen Sophienspital werden von der WBV-GPA (Wohnbauvereinigung für Privatangestellte) und der SPÖ-nahen Sozialbau AG errichtet. Der Neubau folgt, wie das abgebrochene Gebäude, einem Entwurf des Architekten Martin Kohlbauer, diesmal zusammen mit PGOOD Architekten. Errichtet werden geförderte Mietwohnungen. Das Architekturbüro PGOOD beschreibt die Eckpunkte so:

Neubau zum Gürtel – turmartige Punkthäuser (bis zu 35m hoch) auf 2 geschossigem Sockel, Überspannung und (Zusammen-)Fassung mit Photovoltaikdeck – perforierte Schließung auf Niveau des EGs und 1. Stocks; Öffnungen in den oberen Ebenen durch Abstände zwischen den Punkthäusern für Licht und Luft; Arkade in der zurückgesetzten EG Zone zur Attraktivierung des öffentlichen Raums (Gehsteig)

Ist diese Veränderung also „gut oder schlecht“? Verschiedene Aspekte sind abzuwägen:

  • Der Erhalt von verbauten Ressourcen und für das Stadtbild relevanten Gebäuden muss einen hohen Stellenwert haben.
  • Die Errichtung von neuen Gebäuden in gut erschlossener Lage ist wünschenswert, da keine neue Infrastruktur gebaut werden muss.
  • Die Möglichkeit des Baus vieler geförderter Wohnungen in zentraler Lage ist eine Seltenheit. Die Errichtung ist also im öffentlichen Interesse.
  • Die hohe Verkehrsbelastung –  durchgehender Lärm – macht die Balkone zum Gürtel weitgehend unbrauchbar. (Eine Reduktion auf Tempo 30 am Gürtel, der überwiegend an Wohngebieten liegt, wäre anzudenken.)
  • Inwiefern sich das Gebäude auf die von der Westbahn kommende Kaltluftschneise auswirkt, ist nicht klar. Es sollte keinesfalls zu einer Stauung der Kaltluft und in der Folge einer weiteren Aufheizung des dahinterliegenden Bezirks kommen.
  • Die große Baumasse schlägt sich mit der Umgebung. Der Neubau ist vom restlichen Bezirk isoliert und steht höhenbezogen bloß in Korrespondenz zu den stadtbildlich katastrophalen Zubauten zum Westbahnhof.
  • Der Bruch mit der Umgebung wird nicht nur über die Höhe vollzogen, sondern auch durch die Breite und die Gestaltung der Fassade.
  • Da es sich um einen geförderten Wohnbau handelt, fehlten sicherlich die Geldmittel für eine materiell hochwertige Klinkerfassade.
  • Klinkerfassaden altern besser und sind beständiger als Putzfassaden. Fassadenputz wird rasch unansehnlich, das noch verstärkt an verkehrsreichen Straßen.

Die Chance, ein attraktives Ensemble mit der nebenliegenden Lazaristenkirche zu schaffen, wurde nicht ergriffen. Durch eine Anpassung des Fassadenmaterials, der Farbe, der Fensterform und der Bauhöhe hätte das gelingen können. Der Blick vom Westbahnhof auf den 7. Bezirk wird sich jedenfalls deutlich verändern.

Lazaristenkirche, Westbahnhof, U-Bahn-Station
Blick von der Halle des Westbahnhofs auf den Neubaugürtel (Foto: 2021)

Kurz nach der Jahrhundertwende hat es gegenüber dem Westbahnhof übrigens noch so ausgesehen:

historische Aufnahme des Gürtels in Wien, Sophienspital, Lazaristenkirche
Gürtel mit Sophienspital und Lazaristenkirche (Foto: 1904-1908, Wien Museum, Inv.-Nr. 205442, CC0)

Kontakte zu Stadt & Politik

www.wien.gv.at
post@bv07.wien.gv.at
+43 1 4000 07114

Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Jänner 2021.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Jänner 2021.)

Infos

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich aus eigenen Mitteln finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

Wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, können Sie mich per E-Mail und Formular erreichen. WienSchauen hat auch einen Newsletter:

Nach der Anmeldung erhalten Sie ein Bestätigungsmail.