Rekonstruktion Neustiftgasse 32-34: Wo einst die Wiener Werkstätte war

Im 7. Bezirk wurde Kunstgeschichte geschrieben. Im frühen 20. Jahrhundert befanden sich im Haus in der Neustiftgasse 32-34 die Räumlichkeiten der Wiener Werkstätte. Künstler wie Josef Hoffmann, Kolo Moser und Gustav Klimt zählten zu den Mitgliedern der berühmten Künstlervereinigung, die Gebäude, Möbel und verschiedenste Alltagsgegenstände entwarf.

Während die Kunst der Wiener Werkstätte bis heute international bekannt ist, geriet das Gebäude am Augustinplatz in Vergessenheit. Auch die alte Fassade war nicht erhalten. Zumindest das hat sich 2021 geändert. Bei einer Sanierung der Fassade wurden auch alle Ornamente rekonstruiert. Eine gewaltige Aufwertung.

Historische Architektur wiederhergestellt

Der 7. Bezirk ist architekturhistorisch hochinteressant. Viele Gebäude aus Zeit zwischen etwa 1800 und 1918 haben sich hier erhalten, die meisten noch in unverändertem Zustand. Biedermeier, Historismus, Jugendstil und die frühe Moderne reihen sich nahtlos aneinander.

Die Unsitte der 1950er- und 1960er-Jahre, bei Sanierungen Stuck von alten Häuser abzuschlagen, hat in Neubau glücklicherweise weniger starke Folgen hinterlassen. Aber etliche Häuser hatte es doch erwischt, darunter jenes in der Neustiftgasse 32-34. Auf einer Aufnahme aus den 1950ern (hier ganz links) ist noch der Originalzustand zu erkennen. Es waren also nicht die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die zum Verlust geführt hatten. Der verhängnisvolle Umbau erfolgte 1961.

Sechzig Jahre später wurde dieser Makel behoben. Bei einer beeindruckend exakten Sanierung wurde die Fassade des 1902-1903 erbauten Hauses rekonstruiert. Der ganze Platz ist nun besonders aufgewertet, nachdem zuvor schon das gegenüberliegende Gebäude und das rechte Nachbarhaus in der Kellermanngasse renoviert worden waren.

Das Nachbarhaus rechts (Kellermanngasse 3) wurde von 2017-2018 renoviert. 2021 folgte das Haus in der Neustiftgasse.

Die nächsten beiden Aufnahmen zeigen das Haus vor der Sanierung. Im Vordergrund ist der Augustinbrunnen

Durchgeführt wurde die Rekonstruktion von der Restaurierungswerkstatt Zottmann.

Im Rücken Augustins hat sich binnen zweier Jahre vieles verändert. Das erste Foto ist wenige Monate vor Baubeginn entstanden, das zweite knapp vor dem Ende der Sanierung.

2019 sah es an der Ecke Neustiftgasse/Kellermanngasse so aus:

Mit der Rekonstruktion ist das Ensemble am Augustinplatz wieder vollständig.

historische Gebäude am Augustinplatz, Neustiftgasse 32-34
Neustiftgasse 36-36A (erbaut 1876), 32-34 (1830), 30 (um 1800) (Foto: 2022)

Noch 2018 war der Übergang zum Nachbarhaus Kellermanngasse 3 (rechts) ziemlich hart:

Bei der Sanierung wurde auch das kleine Denkmal an der Ecke neu gestrichen.

renovierte Häuser in der Kellermanngasse an der Ecke Neustiftgasse
links: Neustiftgasse 32-34 (renoviert/rekonstruiert 2021), rechts: Kellermanngasse 3 (erbaut 1830, saniert 2017-2018) (Foto: 2022)

Das goldene Denkmal zeigt einen türkischen Reiter. Es erinnert an Kara Mustafa Pascha, den Großwesir des osmanischen Reiches während der Belagerung Wiens (1683), der an dieser Stelle sein Zelt aufgeschlagen haben soll. Laut dem Historischen Lexikon der Stadt Wien hat sich das Zelt hingegen auf der Schmelz (15. Bezirk) befunden.

Das Denkmal ist ein Hauszeichen, das auf dem davor an dieser Stelle stehenden Gebäude angebracht war. Der Bauherr des 1903 errichteten Neubaus überließ die alte Figur dem Museum der Stadt Wien und ließ eine Kopie anfertigen. Diese Kopie wurde 2021 restauriert und ist nach wie vor am Haus angebracht.

Denkmal eines Reiters am Haus Neustiftgasse 32-34
Denkmal an der Ecke Neustiftgasse/Kellermanngasse (Foto: 2022)

Bei der Rekonstruktion wurde auf jedes Detail Rücksicht genommen. Soweit erkennbar handelt es sich bei den neuen Ornamenten nicht bloß um beliebige Fertigteile, sondern um genau an das Haus angepasste Verzierungen. Alle Details wurden berücksichtigt: Gesimse (lange waagrechte Elemente), Pilaster („angedeutete Säulen“) und der rundum verzierte Erker (hervorstehender Bauteil an der Ecke). Selbst filigranste Muster an den Fenstergiebeln sind zu erkennen.

Rekonstruktion nach Originalplänen?

Das nächste Foto ist 1909 entstanden. Dieser Zustand wurde 2021 weitgehend wiederhergestellt.

In der Mitte des Platzes steht der 1908 errichtete Augustinbrunnen. Die alte Figur war im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen worden; die jetzige ist aus den 1950ern. Augustin – wohl bloß eine Legende – soll ein Bänkelsänger im 17. Jahrhundert gewesen sein, als die letzte schwere Pestepidemie über Wien fegte. Das bekannte Lied „O du lieber Augustin“, das die Leiden jener Zeit thematisiert, kam erst um 1800 nach Wien.

Nach Erscheinen dieses Artikels sind zwei interessante historische Aufnahmen aufgetaucht. Josef Auer, der ein großes Fotoarchiv betreibt, hat freundlicherweise zwei alte Fotos zur Verfügung gestellt. Die erste Ansicht zeigt eine Aufnahme durch die Neustiftgasse:

Die nächste Aufnahme zeigt das Haus wenige Jahre nach seiner Erbauung. Ganz links ist das Firmenschild der Wiener Werkstätte zu erkennen.

Kurz vor der Anfertigung der obigen Vergleichsfotos (Februar 2022) wurden übrigens sämtliche Bäume am Augustinplatz gefällt. Als Grund wird vonseiten der Stadtregierung der Bau der U-Bahn angegeben. Die Bezirksvorstehung wollte besonders den Erhalt eines einzelnen großen Baumes erreichen. Das war aber entweder nicht möglich – oder es wurden von der zuständigen Behörde einfach Tatsachen geschaffen, um die Diskussion zu beenden. WienSchauen hat freilich keinen Einblick in die komplexen Planungsprozesse des U-Bahn-Baus. Daher kann hier auch nicht gesagt werden, ob die Entfernung der Bäume vermeidbar war oder nicht. Auffällig ist aber, wie auf Fußgängerflächen rasch Baustellen errichtet werden – im Straßenraum oder auf Parkplätzen aber vielleicht nicht immer so gerne.

1903 erbaut

Seit der Rekonstruktion ist auch die ursprüngliche Gliederung des Gebäudes wieder klar erkennbar. Die oberen beiden Geschoße sind gestalterisch abgesetzt. Es handelt sich aber nicht – wie in der ersten Version dieses Artikels vermutet – um die Aufstockung eines älteren Hauses.

Eigentümer der Liegenschaft war Jakob Badl, der vor und um 1900 als Bauherr zahlreicher Häuser in Wien und anderen Städten aufscheint. 1901 hatte Badl die Liegenschaft in der Neustiftgasse gekauft und dann den Neubau beauftragt.

Beim Neubau wurde auf das Nebenhaus in der Kellermanngasse Bezug genommen. Dieses um 1830 errichtete Gebäude erinnert an die Werke von Josef Kornhäusel (1782-1860), wie die Kunsthistorikerin Renate Wagner-Rieger anmerkte.

Häuser in Wien-Neubau, saniert, Altbauten
Neustiftgasse 32-34 (links), Kellermanngasse 3 (rechts) (Foto: 2022)

Es war einmal das "Türkenhaus"

Das aktuelle Haus ist nicht das erste Gebäude, das an der heutigen Adresse Neustiftgasse 32-34 steht. Der Kunsthistoriker Andreas Winkel vom Wien Museum erläutert gegenüber WienSchauen:

Der für den Neubau der Neustiftgasse 32-34 abgetragene Vorgängerbau, das sogenannte Türkenhaus, wurde 1790 vollendet. Dieses Haus ist auf dem bekannten Stich von Vasquez um 1835 abgebildet, außerdem in einem Zeitungsartikel von 1903 (Illustr. Wiener Extrablatt), der über den Abriss des Türkenhauses berichtet.

In einem Artikel des Wien Museums schreibt Winkel:

Im Juni 1909 verzeichnete das Inventarbuch des Historischen Museums der Stadt Wien den Eingang zweier Schenkungen des Neubauer Lederhändlers und Hausbesitzers Jakob Badl: einen „Türke[n] zu Pferd, steinerne Plastik von dem demol. Hause: VII. Schottenhofgasse 1“, sowie ein Aquarell „Ansicht des demol. Hauses VII. Schottenhofgasse 1 mit Umgebung“.

Badl hatte das im Jahr 1790 vollendete und im josephinischen Plattenstil fassadierte Eckhaus, das „Zum Türken“ oder „Türkenhaus“ genannt wurde, im Jahr 1901 erworben (…) Schon 1902/03 ersetzte er es durch das heute noch bestehende Haus Neustiftgasse Nr. 32-34, dessen rückwärtiger Trakt ehemals die Wiener Werkstätte beherbergte. Mit der Beauftragung des (offenbar nach einer Fotografie) angefertigten Aquarells des demolierten Hauses folgte Badl einer schon im 19. Jahrhundert entstandenen und um 1900 auch in der Presse eine Hochblüte erlebenden Tradition, alte Gebäude vor ihrer Demolierung bildlich zu dokumentieren (…)

Die Wiener Werkstätte

Noch einmal zurück zur Wiener Werkstätte, die im frühen 20. Jahrhundert im Haus in der Neustiftgasse ihre Büros und Produktionsstätten hatte. Die Kunsthistorikerin Anne-Katrin Rossberg schreibt auf der Webseite des Museums für Angewandte Kunst:

Mit dem Ziel, dem erstarrten Historismus einen Neuanfang entgegenzusetzen, beschlossen der Architekt Josef Hoffmann, der Grafiker und Maler Koloman Moser und der der Moderne aufgeschlossene Mäzen Fritz Waerndorfer 1903 die Gründung der heute weltberühmten Vereinigung für Kunsthandwerk Wiener Werkstätte (1903–1932). Diese „Productivgenossenschaft von Kunsthandwerkern“ sollte in allen Bereichen des alltäglichen Bedarfs – Möbel, Architektur, Porzellan, Glas und Mode – in engem Kontakt zwischen Künstler und Konsument künstlerisch hochwertiges Kunsthandwerk hervorbringen. Mit ihrem interdisziplinären Anspruch auf ganzheitliche Durchdringung aller Lebensbereiche und ihren zukunftsweisenden Entwürfen prägte die Wiener Werkstätte nachhaltig die Designgeschichte und gibt bis heute wesentliche Impulse in ästhetischen Fragen.

Auf der Webseite des Hauses der Geschichte:

Gemeinsam mit der Secession und der Kunstgewerbeschule waren die KünstlerInnen der Wiener Werkstätte in den Bereichen Architektur, Möbeldesign, Glas und Porzellan und Mode tätig. Trotz hohen Frauenanteils – zu nennen ist beispielsweise die Keramikkünstlerin Vally Wieselthier – sind es bis heute vorwiegend die männlichen Künstler, vor allem die Gründungsmitglieder Josef Hoffmann und Koloman Moser, die über große Bekanntheit verfügen. Nach künstlerisch wie ökonomisch erfolgreichen Jahren kam es als Auswirkung der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1932 zum Ende der Wiener Werkstätte.

Die immer prekärere wirtschaftliche Lage in der Zwischenkriegszeit machte auch vor der Wiener Werkstätte nicht halt. Anlässlich eines Ausgleichs mit den Gläubigern schrieb die Tageszeitung Die Stunde 1926:

In der Neustiftgasse hatte die Wiener Werkstätte ihre Ateliers aufgeschlagen. Sie begann gleich nach der Gründung neben Möbeln, Keramiken, Buchbinderarbeiten, Goldschmiedearbeiten, Stoffe zu machen und Kleiderwerkstätten einzurichten. Fritz Wärndorfer gründete obendrein noch ein Kabarett, die damalige Fledermaus, deren künstlerische Ausstattungsreste heute noch in der Femina zu sehen sind. Die Künstler der Werkstätte bauten das Kabarett nach den Entwürfen Josef Hoffmanns aus, die Bar mit den farbigen Kacheln, jeder Kachel hatte ein eigenes Gesicht, wurde bald populär, man bewunderte sie und machte sich zugleich lustig.

Zu den eifrigsten Bekämpfern der künstlerischen Richtung der Wiener Werkstätte, die zu ihrem Beginn in Wien mehr Gegner als Freunde hatte, gehörte Adolf Loos, der zurzeit, da Josef Hoffmann noch in den Anfängen der Sezession befangen war, aus England die Formeln der Zweckkunst nach Wien importierte und hier das Café Museum nach englischem Muster einrichtete. Trotz aller Schwierigkeiten hatte die Werkstätte doch Erfolg. Ihre spezifische Kunst eroberte das Wiener Cottage.

Die reichen Wiener Industriellen ließen sich ihre Häuser von Josef Hoffmann und seinen Schülern bauen; auch die Inneneinrichtungen wurden von der Wiener Werkstätte ausgeführt. Die Anwendungen der Schwarz-Weiß-Technik auf Raumdekoration war ein charakteristisches Merkmal dieser neuen dekorativen Kunst, die sich von Tisch, Bett, Kasten bis zum Eßbesteck ausbreitete.

Adolf Loos, bekannt durch seine Ablehnung des Ornaments, gehörte zu den größten Kritikern der Wiener Werkstätte. Auch vor Polemik schreckte der berühmte Architekt nicht zurück, wie die Arbeiter-Zeitung 1927 schilderte. Demnach …

… hielt Architekt Adolf Loos im Großen Musikvereinssaal einen Vortrag, den er das „Wiener Weh“ nannte und in dem er mit der Wiener Werkstätte, die er damit meinte, „Abrechnung“ zu halten gedachte. Der Vortrag ging oft weit über das Maß einer objektiven Kritik hinaus und stieß daher stellenweise auf den lebhaften Widerspruch der Anhänger unseres in der Wiener Werkstätte seinen Mittelpunkt besitzenden Kunstthandwerkes

Daraufhin richtete die Geschäftsführung der Wiener Werkstätte einen geharnischten Brief an Loos:

In einem (…) im Großen Musikvereinssaal abgehaltenen Vortrag haben Sie über die Wiener Werkstätte eine Menge von angeblichen Tatsachen verbreitet, deren Unwahrheit Ihnen bekannt sein mußte. Da Sie geschmackvollerweise die Kultur und Kunst der Papuaneger weit über die deutsche Kunst und Kultur stellen, werden wir mit Ihnen über den Kunstwert der Erzeugnisse der Wiener Werkstätte nicht streiten. Sie haben aber offenbar selbst gefühlt, daß Ihre angebliche künstlerische Kritik nicht ausreicht, Ihr Ziel, die Vernichtung der Wiener Werkstätte, zu erreichen. Deshalb versuchen Sie es mit einer Kreditverleumdung. Sie erzählten, daß die Wiener Werkstätte ein Sterbender sei, daß ihre Erzeugnisse im Ausland abgelehnt werden und daß der Ruin der Werkstätte aus deren Hauptbuch zu erkennen sei. Wir Unterzeichneten erklären ausdrücklich, daß diese Behauptungen erlogen sind. Wahr ist, daß unser Absah im In- und Ausland — insbesondere in dem von Ihnen geschmähten Deutschland — gestiegen und unsere geschäftliche Situation gefestigt ist. Das beweisen unsere Bücher, über deren Inhalt Sie unwahre Angaben verbreiten (…)

Anmerkung: Adolf Loos, der mit „Ornament und Verbrechen“ bis heute die Köpfe so mancher Architekten beherrscht, hat seine eigenen Prinzipien selbst nicht allzu genau genommen. So glänzt etwa das 1911 erbaute Looshaus am Michaelerplatz (1010 Wien) durch traditionelle Säulen und hochwertigen Marmor. Sein nie gebauter Entwurf für ein Hochhaus in den USA lässt sich überhaupt als zum Gebäude mutierter Klassizismus charakterisieren. Die ostentative Ablehnung des Ornaments ist letztlich auch bloß ein Dogma.

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