Otto-Wagner-Spital: Historisches Gebäude abgerissen

Das Otto-Wagner-Spital am Steinhof ist ein weltweit einzigartiges Häuserensemble aus dem frühen 20. Jahrhundert. Zu den 26 großen Pavillons gehören auch etliche Wirtschaftsgebäude, die in einem ähnlichen Stil und zu gleichen Zeit errichtet wurden. Eines dieses Gebäude – die ehemalige Fleischerei – ließ die Stadt Wien im Oktober 2021 teilweise abreißen. Und was, während Diskussionen laufen, das Areal von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklären zu lassen.

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Ein Teil der historischen Fleischerei des Otto-Wagner-Spitals wurde demoliert. (Foto: Bürgerinitiative Steinhof erhalten)

Das einzigartige Otto-Wagner-Spital

Das ehemalige Otto-Wagner-Spital ist mit seinen prachtvollen Pavillons, dem Theater und der Kirche am Steinhof eines der bedeutendsten Jugendstilensembles der Welt. Die von den Architekten Carlo von Boog und Franz Berger angefertigten Entwürfe wurden von Otto Wagner maßgeblich überarbeitet. Die Klinik ist ein Musterbeispiel für die ästhetisch-funktionalen Spitzenleistungen der frühen Moderne.

Das Bundesdenkmalamt schreibt über die Anlage:

Die Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ wurde zwischen 1904 und 1907 erbaut. Es handelt sich um eine terrassenförmig angelegte, symmetrische Anlage bestehend aus 26 Krankenpavillons beidseitig einer Hauptachse mit Verwaltungsgebäuden, Theater und der alles überragenden Kirche. Die secessionistische Spitalsanlage gilt als die bedeutendste der Jahrhundertwende in Wien und wurde nach den damals modernsten Gesichtspunkten ausgeführt. Die von Otto Wagner entworfene Kirche – dieser ist auch für den Grundriss der Gesamtanlage verantwortlich – ist einer der wichtigsten secessionistischen Kirchenbauten in Österreich

Einige Pavillons werden in den kommenden Jahren für Universitätszwecke adaptiert. Die Central European University – eine Privatuniversität – wird hier einen neuen Standort eröffnen. Weniger rosig sieht es aber am östlichen Teil des Areals aus, wo 2021 ein historisches Gebäude teilweise abgerissen wurde.

Steinhof: Historisches Areal unter Druck

Seit langer Zeit kämpfen Bürger, allem voran die Initiative Steinhof erhalten, gegen die Verbauung der Steinhofgründe und für den Erhalt von Bäumen und historischen Gebäuden. Einige höchst unattraktive Neubauten wurden aber trotz Protesten bereits errichtet. Basis für diese Neubauten ist der Bebauungsplan aus dem Jahr 2006, der mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossen worden war.

Nach einem von Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) eingesetzten Mediationsverfahren und weiteren Protesten von Bürgerinitiativen kam 2020 unter Rot-Grün eine neuerliche Änderung des Bebauungsplans. Reichlich spät, denn die Schäden ließen sich da bereits nicht wiedergutmachen. Immerhin wurden aber etliche (aber nicht alle) als Bauland gewidmeten Flächen wieder zu Grünland geändert, was auch von der Opposition begrüßt wurde. Die Bezirkszeitung berichtete:

Drei Papiere waren es, die in der vergangenen Gemeinderatssitzung zum Thema Otto-Wagner-Areal diskutiert und dann mehrheitlich beschlossen wurden: die Ansiedlung der Central European University (…), die neue Flächenwidmung und damit eine, wie SPÖ und Grüne betonten, reduzierte Bebaubarkeit des Areals und dann noch die infrastrukturelle Erschließung des Standorts, um ihn gut nutzen zu können.

Das Areal wird (…) zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt Wien bleiben, ausschließlich für Wissenschaft, Kultur und Soziales genutzt werden und für die Bevölkerung weiterhin frei zugänglich sein.

Kleines Gebäude mit großem Wert

Im Erläuterungsbericht zum oben erwähnten Plan kommt auch das Gebäude vor, das ein Jahr später teilweise demoliert wurde:

Westlich des Heizwerkes soll das Objekt der ehemaligen Fleischerei, das sich nach dem Ergebnis des Entwicklungsplanungs­verfahrens in restauriertem Zustand für Kinder- und Jugendeinrichtungen oder ähnliches eignen würde, innerhalb der Bauklasse I berücksichtigt werden.

Die Initiative Denkmalschutz befürchtete schon 2020 den Abriss:

Auf Grund des derzeit schlechten Bauzustandes ist zu befürchten, dass diese hier im Erläuterungsbericht gewählte Formulierung des Konjunktivs „… eignen würde“, rein der Beruhigung der Öffentlichkeit dienen soll und das Gebäude selbst längst für den Abriss vorgesehen ist, zumal sich das Gebäude aktuell in einem augenscheinlich sehr schlechten Bauzustand befindet.

Das Gebäude wurde bereits 1994 im Zuge eines damaligen Abbruchansuchens vom Bundesdenkmalamt aus dem Denkmalschutz entlassen (…), doch steht mittlerweile die baukulturelle Bedeutung dieses Einzelgebäudes im Wirtschaftsareal spätestens seit der Forschung durch Sabine Plakolm-Forsthuber und Caroline Jäger-Klein außer Frage.

historisches Wirtschaftsgebäude des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof in Wien, Fleischerei, Sichtziegel, Jugendstil
Gebäude der ehemaligen Fleischerei am Steinhof (Foto: 2013, © Erich J. Schimek)

"Außergewöhnlicher baukünstlerischer Wert"

2012 schrieb die Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber über die ehemalige Fleischerei und die Bauten in ihrer Umgebung:

Keinesfalls kann hier von einer, wie das BDA schreibt: ‚nicht baukünstlerischen, sondern rein zweckmäßigen Überlegung‘ gesprochen werden, im Gegenteil, es sind exemplarische Bauten, wo Funktion und Form einander kongenial ergänzen und deshalb auch prominente ‚Zeitzeugen‘ der Wiener Moderne (…)

Da es sich hier um ‚Sonderbauten‘ handelte – im Unterschied z.B. zu den Pavillons, von denen, je nach Belag zwei bis vier nahezu idente Bauten errichtet wurden – waren in diesem Bereich die Planungen besonders genau und aufwendig (…) Die Bezeichnung des gesamten Ostareals als ‚Wirtschaftshof‘ ist daher irreführend und dient m. E. lediglich dazu, den architektonischen Wert dieser Bauten herabzusetzen.

Abschließend merkt Plakolm-Forsthuber an, dass …

… die Einzelgebäude wie Gebäudegruppen im Ostbereich der Anstalt unabdingbar mit der Gesamtanlage verbunden sind und ein Ensemble von außergewöhnlichem baukünstlerischen Wert darstellt.

historisches Wirtschaftsgebäude des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof in Wien, Fleischerei, Sichtziegel, Jugendstil
ehemalige Fleischerei im Jahr 2013 (Foto © Erich J. Schimek)

Denkmalamt: Gebäude nicht schützenswert

Das Bundesdenkmalamt hatte eine andere Auffassung, wie aus einer Stellungnahme von 2012 hervorgeht:

Das Areal des ehemaligen Wirtschaftshofes (…) [liegt] außerhalb der Kernzone (…) Hier befinden sich in unregelmäßiger Anordnung Wirtschaftsgebäude und größere Freiflächen, die immer schon als Platz-„Reserve“ gedacht waren (…) Weiters finden bzw. befanden sich ganz im Osten dieses Areals zwei stark veränderte Wirtschaftsbauten sowie später errichtete Bauten, die keinen Denkmalcharakter aufwiesen, und folglich aus dem Denkmalschutz entlassen wurden.

Die unterschiedlichen Einschätzungen von Denkmalamt und anderen Experten lassen sich vielleicht so erklären:

  • Die Fleischerei ist im Vergleich zu den großen Pavillons, dem Jugendstiltheater und der Kirche am Steinhof klarerweise weniger aufwendig gestaltet worden. Ihre Bedeutung ist im direkten Vergleich geringer.
  • Aber sie ist Teil eines historisch, architektonisch und planerisch zusammenhängenden Areals, das in seinem ganzen Umfang einzigartig und schützenswert ist. Demnach ist auch das kleine Wirtschaftsgebäude bedeutend und erhaltenswert. (Ähnlich ist das bei Ortsbild-Schutzzonen, die es in ganz Wien gibt. Innerhalb solcher Zonen können auch für sich genommen weniger auffällige Gebäude durchaus eine Bedeutung haben und schutzwürdig sein.)

Das Problem mit dem Denkmalschutz

Die ehemalige Fleischerei stand bis 1994 unter Denkmalschutz. Doch das Denkmalamt hob den Schutz auf. Das verweist auch auf viel grundlegendere Probleme:

  • Das Bundesdenkmalamt ist an das sehr limitierte Denkmalschutzgesetz gebunden.
  • Das Denkmalschutzgesetz ist so formuliert, dass die allermeisten Gebäude nicht geschützt werden können.
  • Eine Reform des Denkmalschutzgesetzes ist Sache der Bundesregierung. Doch seit vielen Jahren passiert dahingehend gar nichts, trotz wechselnder politischer Zuständigkeiten.
  • Das Bundesdenkmalamt ist stark unterbesetzt und kann sich um viele potentiell schützenswerte Gebäude gar nicht kümmern. (Dieser Aspekt kommt im Fall der Fleischerei aber nicht zum Tragen.)
  • Die Renovierung denkmalgeschützter Gebäuden muss steuerrechtlich und durch direkte Förderungen unterstützt werden. Derzeit ist das nicht der Fall.
historisches Wirtschaftsgebäude des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof in Wien, Fleischerei, Sichtziegel, Jugendstil
ehemalige Fleischerei im Jahr 2013 (Foto © Erich J. Schimek)

Fleischerei wird abgerissen

Noch 2020 erklärte die Geschäftsführerin der Wien Holding gegenüber der Bürgerinitiative Steinhof erhalten:
Insgesamt besteht die Absicht, das Gebäude – obwohl es nicht unter Denkmalschutz steht – zu erhalten. Die konkrete zukünftige Nutzung wurde noch nicht festgelegt.

Die Präsidentin des Bundesdenkmalamts sagte 2020 zur Bürgerinitiative:

Die ehem. Fleischerei wurde 1994 seitens des Bundesdenkmalamts als nicht erhaltenswert eingestuft und daher aus dem Denkmalschutz entlassen. Allerdings hat das von der Stadt Wien installierte Expertengremium zur Entwicklung des Ostareals auf Betreiben des Bundesdenkmalamtes empfohlen, den Bestand des Gebäudes zu sichern und für eine neue Nutzung zu adaptieren und zu restaurieren.

All das half wenig. Anfang Oktober 2021 rückten die Abrissbagger an und demolierten einen Teil des Gebäudes.

"Schande für die Stadt"

Die Bürgerinitiative Steinhof erhalten schrieb auf ihrer Webseite:

Die „alte Fleischerei“, vor Jahren aus dem Denkmalschutz entlassen (!), stand lange Zeit leer, wurde dem Verfall preisgegeben und wurde durch die Gesiba-Bauarbeiten in den letzten 2 Jahren weiter beschädigt, sogar als Materiallager für die Bauarbeiten mißbraucht; die letzten Monate gab es sogar eine Unterminierung des Fundaments des ebenerdigen Längstrakts, der jetzt abgerissen wird: So kann natürlich die „wirtschaftliche Abbruchreife“ verursacht werden! (…)

Mit diesem Teilabbruch ist die WERTIGKEIT dieses letzten Gebäudes, das an die seinerzeitige Autarkie dieses Gesamtkunstwerks erinnert, zerstört. Es ist in der Tat eine Schande für diese Stadt und überhaupt unser Land, dieses wunderbare Jugendstil-Juwel Steinhofgründe so unmöglich zu verbauen.

Bei der im obigen Zitat erwähnten Gesiba handelt es sich um eine Wohnbaugesellschaft im Besitz der Stadt Wien. Diese Gesellschaft baute im Auftrag der Stadt Wien die ästhetisch höchst problematischen Neubau-Wohnhäuser am Steinhof.

Stadt Wien: Kein Interesse an (historischer) Architektur?

Der Fall der Fleischerei am Steinhof zeigt: Abrisse historischer Gebäude werden nicht bloß von privaten Investoren betrieben. Auch die politischen Verantwortlichen bei der Stadt Wien legen zuweilen eine erstaunliche Sorglosigkeit an den Tag, wenn es um historische Gebäude und generell um Architektur geht. Das wurde bereits 2020 offenkundig, als eine riesige historische Klinik beim AKH einfach abgerissen wurde – obwohl die eigenen Magistrate das Gebäude als erhaltenswert beurteilt hatten. Daran änderte auch die erst 2018 verschärfte Bauordnung nichts, mit der ein besserer Schutz für alte Wiener Häuser versprochen worden war.

Die Stadt Wien nimmt oftmals nur dort Rücksicht auf historische Gebäude, wo es nicht anders geht: bei aufrechtem Denkmalschutz. Der Denkmalschutz fällt unter die Zuständigkeit des Bundes, nicht der Länder. Er zwingt also die Stadt Wien, Gebäude zu erhalten. So wurden etwa die denkmalgeschützten ehemaligen Frauenkliniken des AKH, die auch im Besitz der Stadt stehen, mustergültig saniert. Dieses Beispiel zeigt, dass es auch anders gehen kann – ohne Abrisse.

Die Stadtregierung muss sich ihrer Verantwortung für den gesamten historischen Häuserbestand und für die langfristige Entwicklung des Stadtbilds bewusst werden. Deswegen braucht es dringend Reformen:

  • Mehr Schutz vor Abrissen durch die Eindämmung bzw. Streichung der „Abbruchreife“ in der Wiener Bauordnung
  • Mehr finanzielle Unterstützung für Eigentümer, die alte Häuser sanieren
  • Einrichtung eines Gestaltungsbeirats und Vorschriften für die äußere Gestaltung von Neubauten (damit künftig keine „bestürzenden Neubauten“ mehr gebaut werden)

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im März 2021.)
+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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