Bezirkszentrum Kagran: Warum zerstören, was nicht kaputt ist?

Nach nur rund fünfzig Jahren will die Stadt Wien das Bezirkszentrum Kagran schon wieder abreißen lassen. Das verwundert, schreibt die Stadt doch gerade explizit einen Fokus auf Nachhaltigkeit und die Schonung von Ressourcen ins Baurecht hinein. In der Novelle zur Bauordnung heißt es: „Ressourcenschonung in der Bestandsstadt kann insbesondere durch Weiternutzung und Erhaltung des Bestands und Vermeidung von Neubauten erreicht werden.“

Auch die nicht immer geliebten Gebäude der 1960er und 1970er haben eine zweite Chance verdient. Das ehemalige Bezirksamt könnte umgebaut, begrünt und neu genutzt werden – als Raum für alle.

Bezirkszentrum Kagran mit ehemaligem Bezirksamt, Sträucher, Bäume, Meitnergasse
Bezirkszentrum Kagran am Schrödingerplatz: erbaut um 1970 (Foto: 2023)

Ein Baustein der Nachkriegsstadt

Auf den ersten Blick mag die Sache einfach sein: klobige Form, Fassaden aus Beton, braune und graue Farben. Kann das Bezirkszentrum von Kagran tatsächlich erhaltenswert sein? Reduziert auf die Ästhetik wird es die Herzen der Mehrheit wohl nicht gewinnen. Doch wer sich hinters auswuchernde Donauzentrum begibt und genauer hinsieht, entdeckt einen interessanten Gebäudekomplex, der beispielhaft für die Stadtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Die Österreichische Gesellschaft für Architektur schreibt auf ihrer Webseite:

Ausgestattet mit Bezirksamt, VHS, Jugendzentrum und einer kleinen Ladenzeile, stellt das Bezirkszentrum Kagran einen Höhepunkt der Kultur-, Bildungs- und Stadtplanungspolitik der Nachkriegszeit dar, der den polyzentralen Leitlinien von Roland Rainer geschuldet ist.

Roland Rainer, der Architekt der Stadthalle, war um 1960 Leiter der Stadtplanung. „Unter seiner Führung wurden die Weichen für die Schaffung von Zentren in der Peripherie, die Verdichtung des Stadtrandes und den Einsatz für den Grünraum in der Stadt gestellt“, so das Architektenlexikon.

Ein Stück Rainer’sches Wirken ist in Kagran nun bedroht. Das Amtshaus wurde aufgegeben, statt eines Gebäudes im Besitz der Stadt Wien werden Büros im Hochhausviertel „Vienna TwentyTwo“ angemietet. Nach einer großzügigen Umwidmung, die die Errichtung von Büros, eines Hotels und teurer Eigentumswohnungen erlaubt hat, darf sich der Investor nun über kontinuierliche Mieteinnahmen aus der öffentlichen Hand freuen. Ähnlich wie in Wien Mitte, wo das dort untergebrachte Finanzamt Miete an einen Privateigentümer zahlt.

Zentrum Kagran, Meitnergasse, Gebäude der 1960er-Jahre
ehemaliges Amtshaus des Bezirks Donaustadt (Foto: 2023)

Mit dem Bau des Zentrums Kagran war im Jahr 1969 begonnen worden, planende Architekten waren Heinrich Mathá, Karl Leber, August Kremnitzer und Gottfied Fickl. Das Projekt hätte ursprünglich viel größer werden sollen, nur ein kleiner Teil wurde letztlich errichtet. Der Kunsthistoriker Johann Gallis und der Forscher Lukas Vejnik:

Im Sinne der Entwicklung Wiens zu einer polyzentrischen Stadt sollten, nach dem Vorbild der historischen Wiener Vororte, neue Subzentren entstehen. Das wohl prominenteste realisierte Beispiel dieser Entwicklung ist das von Wolfgang und Traude Windbrechtinger geplante „Ekazent“ in Hietzing. Auch in Kagran, einem der zentralen städtebaulichen Entwicklungsgebiete der Zeit, war ein solches Bezirkszentrum, wenn auch in weit größeren Dimensionen als in Hietzing, vorgesehen. An der Schnittstelle zwischen Wagramer Straße und Donaustadtstraße sollte ein urbanes Zentrum mit Läden, Markt, Amtshaus, Mittelschule, Kino, Saalbau und weiteren Bauten der Gemeinschaft und des Konsums entstehen.

Bezirkszentrum Kagran, 1960er-Jahre-Architektur, Bürohaus
Bezirkszentrum Kagran mit Freifläche: erbaut um 1970 (Foto: 2023)

Außen ist das Gebäude durch große Waschbetonelemente geprägt. Aus der Wiener Zeitung:

Die jungen Architekten nutzten die Formensprache ihrer Zeit. Sichtbeton, große Fensterflächen, überdachte Bereiche an der Ladenzone und ein großzügiger Innenhof, der über die Volkshochschule und das Amtshaus frei zugänglich ist. Gestalterisch durchaus gelungen. Doch mittlerweile ist die Anlage in die Jahre gekommen. Baumängel machen sich bemerkbar.

Gebäude der 1960er-1970er in Kagran
Bezirkszentrum Kagran: Verbindungstrakt mit Hof (Foto: 2023)

Der Eingang zu Bücherei und Jugendzentrum ist durch einen Kunstwerk hervorgehoben:

Bernoullistraße, Bücherei Donaustadt, VHS Veranstaltungszentrum, Jugendtreff Donaustadt, Kunst am Bau
Bezirkszentrum Kagran (Foto: 2023)

Zu ebener Erde präsentiert sich das Gebäude ausgesprochen modern: Die Erdgeschoße sind mehrheitlich offen und transparent. Eine Kolonnade (ähnlich einer Arkade, nur mit geradem Gebälk) umläuft Teile des Gebäudes, Fußgänger sind vor Regen und – immer relevanter – Hitze geschützt. Die massige Betonkonstruktion macht eine unerwartet leichte Figur. „Fußläufige Erschließung, überdachte Außenräume und Durchfahrten für Radfahrer schaffen Freiräume mit abwechslungsreichen Qualitäten für Passanten“, so Johann Gallis und Lukas Vejnik.

Kolonnadengang des Bezirkszentrums Kagran in 1220 Wien
Kolonnade und Erdgeschoßzone (Foto: 2023)

Kann Beton denn Sünde sein?

Leicht haben es die Bauten der 1960er und 1970er nicht. Im Gegensatz zur bürgerlichen Architektur der Gründerzeit und den sozialdemokratischen Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit ist die Ästhetik stärker von Konstruktion und Funktion bestimmt, neue Materialien und Bautechniken haben ein ganz anderes Erscheinungsbild hervorgebracht. Das mag bei Experten Begeisterung hervorrufen, in der breiten Bevölkerung vermutlich weniger. Aber reicht das, um diese Bauten durch die Bank als nicht erhaltenswert abzustempeln und dem Abriss anheimzugeben?

Vielleicht lässt sich sagen, dass mit einer solchen Ästhetik heute nicht mehr gebaut werden sollte. Dass anderen Materialien und freundlicherer Gestaltung der Vorzug gegeben werden sollte, wie auch auf diesem Blog immer wieder gefordert wird. Das heißt jedoch nicht, dass die Nachkriegsarchitektur samt und sonders einfach abgerissen werden sollte. Viele Gebäude der frühen Zweiten Republik sind sehr erhaltenswert. Das wird oft erst dann bewusst, wenn solche Gebäude demoliert (Fabrik in Aspern) oder destruktiv umgebaut wurden (Sozialversicherung in der Wiedner Hauptstraße). Es braucht bisweilen den nötigen zeitlichen Abstand, um Vorzüge und Nachteile von Architektur besser einschätzen zu können. Das wird auch an der einstigen Geringschätzung des gründerzeitlichen Fassadendekors deutlich, der in den 1950ern und 1960ern bei tausenden Häusern – viele davon damals kaum älter als 50 Jahre – kaum ohne Not zerstört wurde. Sogar einige Stadtbahn-Stationen von Otto Wagner wurden damals abgerissen.

Meitnergasse, VHS, ehemaliges Bezirksamt, Sträucher, Straßenlaternen
Bezirkszentrum Kagran - interessantes Detail: zwei Wasserspeier (Foto: 2023)

Architektur als Wegwerfware?

Selbst wenn ein älteres Haus heutigen Sehgewohnheiten nicht mehr recht zusagt, geht es immer noch um die Ressourcenfrage. Häuser lassen sich auch umbauen, sanieren und neu nutzen. Aus einem Artikel in der Zeitung Augustin mit Fokus auf das Bezirkszentrum Kagran:

[Die Architektin] Elise Feiersinger vermisst bei politisch Verantwortlichen die Bereitschaft, umfassende Bestandsanalysen zu beauftragen: «Klar kosten diese etwas, aber ein Gebäude abzureißen, kostet auch ­etwas.» Die Öffentlichkeit müsste den Mut aufbringen, «harte Fakten zu verlangen, hier ist alles messbar, wie die CO2-Emissionen, und man kann die Kosten gegenüberstellen (Neubau vs. Sanierung).»

Johann Gallis, ebenfalls im Augustin:

In der Bewertung des Bestandes wurden immer nur Teilaspekte, wie der Heizwärmebedarf, herangezogen. Wenn man aber die ‹Graue Energie› miteinrechnet, also die gesamte Energie, die schon verwendet wurde, für die Baustelle, für das Bauen selber, für die Benutzung etc., dann schaut es ganz anders aus.

Auch die Gruppen Bauten in Not und Docomomo Austria plädieren für den Erhalt:

Neben den Bezügen zu den städteplanerischen Ideen Roland Rainers, den räumlichen Qualitäten für das Viertel und dem authentischen Bauzustand ist das Bezirkszentrum Donaustadt nicht zuletzt aufgrund der Anpassbarkeit seiner Struktur an neue Raumnutzungen im Sinne des Slogans „Denkmalschutz ist Klimaschutz” dringend zu erhalten. In der Donaustadt kann eine auf soziale Nachhaltigkeit setzende Stadtpolitik und ein zukunftsorientierter Denkmalschutz gemeinsam neue Maßstäbe für einen klimabewussten Umgang mit dem Erbe der jungen Zweiten Republik setzen.

Ganz anders wird das im Wiener Wohnbauressort gesehen: „Aufgrund des Umfanges der bei einer Sanierung erforderlichen nachhaltigen und umfassenden Maßnahmen und der baulichen Rahmenbedingungen wurde von einer Generalsanierung Abstand genommen“, heißt es von dort laut Wiener Zeitung.

Fassade eines Bürohauses aus den 1960er-Jahren, mit Sichtbeton, Waschbeton, Rollos und Scheinwerfern
Fassade mit Waschbetonelementen (Foto: 2023)

Abriss und hohe Neubauten geplant

Die Stadt Wien hat mit dem Areal viel vor. 2011 wurde es als Zielgebiet der Stadtentwicklung festgelegt. Ein städtebauliches Leitbild wurde erarbeitet und 2018 beschlossen. Eine Umwidmung steht bevor, laut Wiener Zeitung sind Wohntürme geplant, „für den öffentlichen Raum verbleiben Restflächen“. Die Hälfte der Wohnungen sollen freifinanziert sein. Unter solch hohem wirtschaftlichen Druck ist es nicht verwunderlich, wenn von den Bestandsgebäuden nichts übrig bleiben wird. Allein, ein Abriss steht konträr zu den in der Bauordnungsnovelle formulierten Absichten:

Ressourcenschonung in der Bestandsstadt kann insbesondere durch Weiternutzung und Erhaltung des Bestands und Vermeidung von Neubauten erreicht werden. Neben der Reduktion des materiellen Ressourcenverbrauchs können dadurch auch Emissionen von neuem „embodied“ CO2 vermieden werden. Durch den Erhalt bestehender Bausubstanz kann damit auch ein entscheidender Beitrag zum Klimaschutz bzw. zur Erreichung des Ziels der Klimaneutralität 2040 geleistet werden.

Nachkriegsarchitektur: Studie fertig, Gesetz fehlt

So wird also geplant, ohne überhaupt den Bestand berücksichtigt zu haben. Dabei hätten die Verantwortlichen nur einen Blick in die Liste der von der Stadt Wien beauftragten Studien werfen müssen. Darin findet sich eine Studie zur Bewertung der Architektur zwischen 1945 und 1979. Beteiligt waren Experten aus Wien und Brünn. In Wien waren BWM Architekten, Barbara Feller, Jan Tabor und Wehdorn Architekten dabei. Noch fehlt aber eine Gesetzesänderung, um diese Methodik in die Praxis umzusetzen. Es braucht eine Bestimmung im Wiener Baugesetz, damit der Erhalt von Nachkriegsarchitektur tatsächlich möglich werden kann. Besondere Einzelgebäude sollten geschützt werden können.

Adaptieren statt Demolieren!

Bei Abrissen wird in Gebäuden gespeicherte Energie – die „graue Energie“ – zu einem beträchtlichen Teil zerstört, der Neubau braucht wieder neue Rohstoffe. Die Bauindustrie ist generell eine CO2-intensive Branche, weswegen immer mehr Architekten auf Umbau und Neunutzung vorhandener Gebäude pochen. Sogar das Neubauen an sich wird infrage gestellt, solange es Alternativen gibt. Auch mit dem Zentrum Kagran könnte im Sinne von Re-use verfahren werden. In der Wiener Zeitung:

Größeren Sanierungsbedarf gebe es [laut der Stadtforscherin Carina Sacher] bei Dach und Fenstern. Doch diese Mängel seien mit vertretbarem Aufwand behebbar. Eine Sanierung sei in Hinblick auf die hohe architektonische Qualität der Gesamtanlage mit ihrem idyllischen Innenhof jedenfalls empfehlenswert. Abriss und Neubau würden zudem erheblich höhere Klimabelastungen verursachen.

Johann Gallis:

[D]ie Qualität dieser Architektur ist ihre Stahlbetonskelettbauweise, was dem Gesamten eine irrsinnige Flexibilität gibt. Die Innenwände sind versetzbar, ohne statische Probleme zu bekommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass solche Bauten noch nicht mit Technik überfrachtet sind. Eine Umnutzung wäre also kein Problem.

Das Zentrum Kagran könnte eine Pionierrolle für den nachhaltigen Umgang mit Nachkriegsarchitektur einnehmen. Expertinnen und Experten könnten ermitteln, welche Teile des Gebäudes erhaltenswert sind, wo Sanierung und Umbau ansetzen können und was alleine aufgrund technischer Anforderungen geändert werden muss.

Zentrum für neues Stadtviertel?

Neue Stadtviertel brauchen Zentren, wo sich Menschen treffen, kennenlernen und wo es Platz gibt für Kunst und Kultur, Austausch und Experiment. Solche Orte entstehen selten am Reißbrett. Um so tragischer, wenn die Stadt Wien einen solchen Ort, den es mit der Nordbahnhalle im 2. Bezirk gab, einfach zerstört. Die paternalistische Haltung, die einer sozialdemokratischen Regierung gar nicht gut steht, will sagen: wir wissen es besser, lasst uns einfach machen. Gekoppelt mit einem Wust an Intransparenz (geheim gehaltene Studien) und einer PR-Maschinerie, die die Devastationen am Stadtrand (Bau der vierspurigen Stadtstraße) ins ferne Hinterland zu rücken versucht, wird eine überkommene Haltung sichtbar, die nicht mehr in die heutige Zeit passt. Die Stadt, die wir alle sind, braucht Räume, in denen wir abseits von Konsum und Kommerz zusammenkommen können. Ein solcher Ort könnte das Bezirkszentrum Kagran mit seinem Vintage-Chic werden.

Die Gebäude könnten saniert und begrünt, größere fensterlose Flächen könnten künstlerisch ausgestaltet werden. Aus dem grauen Äußeren könnte eine grüne und bunte Hülle werden. Für Neubauten bliebe immer noch Platz nebenan. Statt dem großen Parkplatz könnten Wohnhäuser gebaut werden, womit sich auch die nötige Dichte für ein Stadtteilzentrum ergäbe. Ein alter Kern und rundherum viel Neues. Was spricht dagegen?

Bezirkszentrum erhalten, Neubauten statt Parkplatz - eine Option für Kagran? (Karte: © ViennaGIS, bearbeitet von G.S.)

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich aus eigenen Mitteln finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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