Mariahilfer Gürtel 1: Jahrhundertwende runderneuert

2018 wurde der Altbau am Mariahilfer Gürtel 1 im 15. Bezirk von Grund auf saniert. Seither erstrahlt das Jugendstilhaus in neuem Glanz. Die Sanierung ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie sich alte Häuser mit schonenden Maßnahmen und viel Liebe zum Detail für die Zukunft erhalten lassen.

Das Haus kann auch eine Erinnerung für die Stadt Wien sein: Der Gürtel wartet seit Jahrzehnten auf eine substanzielle Aufwertung. Eine Reduktion des Kfz-Verkehrs, die Widmung von Schutzzonen gegen Hausabrisse und die verstärkte Förderung von Altbausanierungen könnten dazu beitragen, dass aus der jetzigen Barriere einmal eine lebenswerte „zweite Ringstraße“ wird.

Blech und Gründerzeit am Mariahilfer Gürtel

Das Wohnhaus am Mariahilfer Gürtel an der Ecke zur Sechshauser Straße wirkt fast ein bisschen deplatziert: Die Verkehrsbelastung ist hoch, der öffentliche Raum unattraktiv und einige Häuser in der Umgebung sind sichtlich renovierungsbedürftig. Rudolfsheim-Fünfhaus ist kein reicher Bezirk und der Gürtel ist alles andere als eine trendige Wohngegend.

Aber einige Immobilienentwickler haben die Potenziale des Bezirks erkannt: Zur Mariahilfer Straße ist es kein allzu langer Fußmarsch, die U6 ist direkt vor Ort und mit dem Rad ist auch das Schloss Schönbrunn nicht weit weg. Überhaupt ist der 15. Bezirk – und insbesondere der Gürtel – architektonisch hochinteressant. Häuser aus der Zeit vor und um 1900 prägen das Stadtbild, manche besser, manche schlechter erhalten.

Otto Wagner als Vorbild?

Prominent ist auch die denkmalgeschützte U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße, ein Werk von Otto Wagner. Das Stationsgebäude war nur wenige Jahre vor dem Haus am Mariahilfer Gürtel 1 erbaut worden.

Ob sich der Architekt bei der Planung vielleicht sogar am Werk von Otto Wagner orientiert hat? Stilistische Ähnlichkeiten sind auffällig, aber doch entsprechen beide Gebäude dem Trend der Zeit. Der Historismus war ab den 1890ern allmählich zu Ende, die Secession – der Wiener Jugendstil – kam auf.

Jugendstilhaus saniert

Noch bis 2018 fiel das Jugendstilhaus am Mariahilfer Gürtel nicht weiter auf. Die letzte Renovierung lag sichtlich lange zurück, die Autoabgase hatten der Fassade merklich zugesetzt. Aber der aufwendige Dekor hatte die Jahrzehnte weitgehend unbeschadet überdauert. Hier eine Aufnahme vor der Sanierung:

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Mariahilfer Gürtel 1 vor der Sanierung (Foto: 2011, Thomas Ledl, CC BY-SA 3.0)

Bei der Sanierung wurde weit umfassender vorgegangen, als in Wien sonst üblich. Dazu die Tageszeitung Der Standard (2018):

Seit März ist die Fassade nun wieder strahlend weiß mit goldfarbenen und mintgrünen Jugendstilelementen. „Wir haben uns alte Pläne aus dem Bauakt gesucht“, sagt Thomas Urbanek, einer der Projektentwickler. Die Vorbesitzer lebten in Israel und England und konnten sich, so Urbanek, lange nicht entscheiden, was sie mit dem Haus anfangen wollten. Jahrzehntelang wurde dann gar nichts gemacht (…)

Bei der Sanierung wurde Wert auf das Beibehalten der Altbauelemente gelegt: auf dem Boden Parkett, an der Decke Stuck. Und im Eingangsbereich mancher Wohnungen befindet sich ein Bassena-Becken, bei dem sich die Bewohner früher am Gang Wasser ihr Wasser holten.

Weiter im Standard:

Die Rückmeldungen auf die Sanierung seien durchwegs positiv gewesen, so Urbanek. Vor zwei Jahren habe es in der Branche noch viele Skepsis bezüglich der aufwendigen Sanierung eines Gürtelhauses gegeben.

Der neue Glanz werde dem Haus nun mindestens 15 Jahre erhalten bleiben, glaubt Urbanek. Trotz starken Verkehrsaufkommens vor der Haustür: „Natürlich dunkelt die Fassade nach, aber der Stil und die Farben bleiben.“

Am Gürtel gebe es noch viele weitere schöne Häuser, die unterschätzt werden, ist der Projektentwickler überzeugt: „Der Gürtel war immer schon die zweite Prachtstraße Wiens.“ Der Verkehr sei in 20 Jahren kein Thema mehr: „Dann wird jeder sagen: ‚Hätte ich doch am Gürtel gekauft.‘“

Auch einen Dachausbau hat das Gebäude im Anschluss an die Sanierung bekommen.

Die Kehrseite des Immo-Booms

Das Jugendstilhaus am Mariahilfer Gürtel ist ein Musterbeispiel für eine erfolgreiche Sanierung. Der Eigentümer hat der Stadt damit langfristig etwas zurückgegeben.

Aber es gibt auch das Gegenteil: Einige Hausnummern hinauf in Richtung Westbahnhof kam es 2018 zu einem folgenschweren Abriss. Ein Gebäude mit komplett erhaltener Historismus-Fassade wurde nur wenige Tage vor der Verschärfung der Bauordnung restlos demoliert. Ähnliches hatte sich einige Jahre zuvor schon am Wiedner Gürtel zugetragen. In beiden Fällen waren es die fehlenden Schutzzonen, die die Abbrüche überhaupt erst ermöglicht hatten. Bis heute gilt fast nirgends am Gürtel eine Schutzzone.

Abriss, Bagger, Historismus, Schutt
Mariahilfer Gürtel 33: erbaut vor 1918, Abriss 2018

Gürtel: So kann eine Aufwertung gelingen

Will die Stadtregierung den Gürtel nachhaltig aufwerten und lebenswerter machen, wird es sinnvoll sein, an folgenden Schrauben zu drehen:

  • Einrichtung von Schutzzonen gegen Hausabrisse
  • Anpassung der Bauklassen an die tatsächliche Höhe der Häuser, Beschränkung der Geschoßzahl (bei erhaltenswerten Gebäuden) zur Verhinderung von Abrissen und „Spekulation“
  • Reform der Bauordnung, um harmonische Einordnung von Neubauten in Altbau-Gebieten sicherzustellen
  • Ausweitung der geförderten – also durch die Stadt Wien unterstützten – Sanierung
  • Aufstockung des Altstadterhaltungsfonds (zur Förderung von Sanierungen in Schutzzonen)
  • Senkung der Höchstgeschwindigkeit am Gürtel
  • Pflanzung von Baumreihen zwischen Häusern und Fahrbahn
  • Prüfung, ob bzw. inwieweit Fahrspuren reduziert werden können (um das Durchfahren für Kfz zu de-attraktivieren)
  • Aufwertung der Grünflächen, Auflassen von Nebenfahrbahnen und Parkplätzen
  • Belebung von Gürtelbögen und Erdgeschoßzonen

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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

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