Kardinal-Nagl-Platz: Umbau mit beschränkter Wirkung

Der Kardinal-Nagl-Park im 3. Bezirk wird umgestaltet. Kosten: eine Million Euro. Allzu viel ändert sich dadurch aber nicht, denn das Hauptproblem bleibt ungelöst: Der Park ist nämlich umgeben von Fahrbahnen und Parkplätzen. Durch den großen Abstand zu den Häusern können sich Gastronomie und Geschäfte nur eingeschränkt entwickeln. Weite Flächen sind mit Asphalt versiegelt. Und das wird auch so bleiben.

Es ist ein Beispiel unter vielen, das zeigt: Mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, weniger Asphalt und eine bessere Anpassung an den Klimawandel werden von vielen Politikern nicht gewollt. Von den großen Worten in Bundes- und Stadtregierung bleibt in der Praxis meist wenig übrig.

parkende Autos am Kardinal-Nagl-Platz, Wien-Landstraße
Kardinal-Nagl-Platz: parkende Autos umgeben den Park - das wird auch so bleiben (Foto: 2020)

Park wird umgestaltet

Der Kardinal-Nagl-Platz liegt zwischen Landstraßer Hauptstraße, Schlachthausgasse und Donaukanal. Vielen ist er wahrscheinlich vor allem durch die gleichnamige U3-Station bekannt. Die letzte umfassende Umgestaltung des Parks, der den größten Teil des Platzes ausmacht, ist schon lange her: 1991, im Rahmen der Verlängerung der U3.

Heute wird der Park täglich von vielen Menschen frequentiert, die Bänke sind gut genutzt, ebenso der Würstelstand, der Spielplatz und die vielen Tische. Der Park ist ein gutes Beispiel für ein meist recht friedliches Mit- und Nebeneinander vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.

Auf den Fotos unten – entstanden während der Corona-Maßnahmen – kommt die intensive Nutzung kaum zum Ausdruck. Zumindest die bauliche Gestaltung ist gut sichtbar: Schon deutlich in die Jahre gekommen, nicht unbedingt schön. Aber auch nicht gänzlich heruntergekommen oder kaputt.

Bürger dürfen mitreden

2020 wurden im Auftrag der Bezirksvorstehung Ideen und Wünsche der Bevölkerung für eine Umgestaltung gesammelt. Übernommen hat das die Lokale Agenda – ein Verein für Bürgerbeteiligung, dessen Vorstand sich aus Rathauspolitikern zusammensetzt. Die Stadt Wien:

Insgesamt wurden bisher 1.000 Anregungen zur Neugestaltung gemacht. Ein neues Highlight sind beispielsweise die Naschhecken beim Kinderspielplatz. Die Kinder lernen nicht nur, wie sich die Hecken im Laufe der Jahreszeiten verändern, sondern können sie gleich vor Ort verkosten. Ebenfalls werden die Platanen durch kleine Plattformen noch mehr in Szene gesetzt. Neue Sitzgelegenheiten sollen zum Plaudern einladen.

Eines der beteiligten Planungsbüros schreibt zur Umgestaltung:

Entwurfsleitend ist der wunderbare Altbaumbestand, der durch Holzdecks und offene Liegewiesen in Szene gesetzt wird. Der Kinderspielplatz wird vergrößert, neue Sport- und Bewegungsgeräte kommen hinzu. Ein neuer Bodenbelag sowie ein Wasserspiel und Nebelstelen verleihen dem Park einen offenen, modernen Charakter und kommen den neuen Anforderungen der NutzerInnen und des Klimaschutzes entgegen.

Umgestaltung in engen Grenzen

All die Bemühungen und die Verbesserungen, die durch die Bürgerbeteiligung erreicht werden, sollen an dieser Stelle nicht kleingeredet werden. Das eigentliche Problem liegt anderswo: Die Grenzen der Umgestaltung wurden offenbar von vornherein von der Bezirksvorstehung abgesteckt. Der eigentliche Platz – also auch die umgebenden Straßen – bleibt zur Gänze außen vor. Entschieden von den Parteien im 3. Bezirk.

  • Es kommt zu keiner wesentlichen Reduktion von Asphalt.
  • Es werden keine Parkplätze für Begrünung und Radabstellanlagen umgebaut.
  • Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung (und damit: Verkehrssicherheit) werden nicht getroffen.
  • Der eigentliche Platz wird nicht an die Häuser (und damit: an die Geschäfte und Lokale) herangerückt.

Mehr Bodenversiegelung als vorher?

Im Vergleich zum Ist-Zustand im Jahr 2021 zeigen sich keine grundlegenden Änderungen. Zumindest nicht auf den Visualisierungen. Auffällig ist:

  • Die intakte Pflasterung wird komplett entfernt. Ein neuer Bodenbelag aus Natursteinen kommt. Eine hochwertige Optik – aber ist das Auswechseln wirklich nötig? Der bisherige Belag ist nicht kaputt.
  • Der Entwurf sieht stellenweise sogar mehr versiegelte Flächen vor als bisher. Also genau das, was die Stadtregierung eigentlich verhindern will.

Ein Park als Verkehrsinsel

An einem Punkt wird gar nicht gerüttelt: den Flächen, die für den Autoverkehr reserviert sind.

Kardinal-Nagl-Platz: Der Park ist umgeben von Fahrbahnen und Parkplätzen

Der Park ist umgeben von Asphaltflächen, raumfordernden Parkplätzen und Fahrspuren. Doch an eine nachhaltige Umgestaltung des gesamten Platzes wagt man sich nicht. Sind Begrünung und mehr Platz für Fußgänger nur dann willkommen, wenn sie niemandem wehtun?

Dabei wird auch eine große Chance für die lokalen Wirtschaftstreibenden, aber auch für die Anrainer vertan: Die Belebung des öffentlichen Raums. Also bessere Bedingungen für Lokale und Geschäfte. Solange der Platz vor den Häusern vom Pkw-Verkehr dominiert wird, bleibt dieses Potenzial ungenutzt.

Fahrbahnen, Parkplätze und Asphalt bleiben

WienSchauen fragte bei der Bezirksvorstehung: Warum wird die Umgebung nicht in den Umbau integriert?

Die Antwort:

Die lokale Agenda wurde beauftragt in erster Linie den Parkbereich zu planen. Es wurde seitens des Herrn Bezirksvorstehers kein Verbot erteilt die umliegenden Straßen in die Überlegungen miteinzubeziehen. Vorgegeben werden musste hingegen ein Kostenrahmen von 1 Million Euro welcher einzuhalten ist. Daher erscheint die Umgestaltung aller angrenzenden Straßen unwahrscheinlich (…)

Für große Umbaumaßnahmen reichen die Budgets der Bezirke nicht aus. Deswegen springt in solchen Fällen das Rathaus ein. So ging die nächste Frage an das Planungsressort von Stadträtin Ulli Sima (SPÖ): Gibt es vom Rathaus finanzielle Unterstützung für einen Umbau der Straßen (Verkehrsberuhigung etc.) am Kardinal-Nagl-Platz?

Die Antwort:

Da es noch keinen Projektvorschlag von Seiten des Bezirks gibt, kann ich diese Frage nicht beantworten. Es kommt auf das konkrete Projekt und dessen Ausgestaltung an, ob und welche Fördermöglichkeiten es gibt.

Kurz gesagt: Die Politik im 3. Bezirk wollte keine Veränderung. Das zeigt sich auch im Protokoll des finalen Entwurfs für den Park. Darin ist auch folgende Frage aus der Bevölkerung angeführt:

Wieso wurde keine Begegnungszone (mit 20kmh Geschwindigkeitsbeschränkung) im parkumliegenden Verkehrsraum gleich mit eingeplant?

Die Antwort: Das erfordere eine „politische Entscheidung“.

Die Planer können letztlich nicht mehr tun, als die zuständigen Politiker zulassen. Also sind weder die Lokale Agenda, die den Beteiligungsprozess organisiert hat, noch die Landschaftsplaner in die Kritik zu nehmen. Sie haben getan, was möglich war.

Politik: Mehrheit gegen größeren Park

Es gab durchaus Vorschläge, den Platz umfassender umzubauen. Zweimal versuchten die Grünen im Bezirksparlament, eine Vergrößerung des Parks per Antrag zu erreichen:

  1. Im September 2020, kurz vor der Wien-Wahl. Der Antrag fand keine Mehrheit. SPÖ, FPÖ, ÖVP, NEOS, Team Strache und Wien Anders (heute: Links) stimmten dagegen.
  2. Im Februar 2021: Die SPÖ schickte den Antrag (mit Zustimmung aller Parteien) in eine Kommission. Im Juni 2021 wurde der Antrag erneut behandelt und schließlich mit breiter Mehrheit abgelehnt: SPÖ, FPÖ, ÖVP, NEOS, Team Strache und die Bierpartei stimmten gegen die Vergrößerung des Parks.

Gehsteig: die Restfläche der Stadtgestaltung

Wir alle sind auf gute und ausreichend breite Gehsteige angewiesen, gleich, welche Verkehrsmittel wir sonst benutzen. Zufußgehen ist gesund, platzsparend und ohne Kosten verbunden.

Trotzdem ist die Gestaltung vieler Gehsteige alles andere als optimal. So gehören durchschnittlich rund zwei Drittel des Straßenraums in erster Linie dem Autoverkehr (Beispiele hier). Die Mindestgehsteigbreite von zwei Metern wird manchmal nicht eingehalten. Doch selbst diese zwei Meter sind an etlichen Stellen deutlich zu schmal – besonders in Verbindung mit Hindernissen am Gehsteig (Verkehrszeichen, Mistkübel, übergroße Pkw).

Wenig Kardinal-Nagl-Platz fürs Zufußgehen

Der Kardinal-Nagl-Park ist ein angenehmer Erholungsort in einem Bezirk, in dem der Autoverkehr absoluten Vorrang genießt. Auch in der direkten Umgebung des Parks wird das deutlich:

  • Während für Parkplätze viel Fläche aufgewendet wird, sind die Gehsteige teilweise nicht besonders breit.
  • An einer Stelle wird der Gehsteig durch Müllcontainer (die nicht in der Parkspur stehen) verengt.
  • Die v. a. für den Kfz-Verkehr nötige Infrastruktur ist auf dem Gehsteig platziert (Verkehrszeichen, Ladestation für E-Autos).
  • Durch Schrägparkplätze werden die Gehsteige teilweise verschmälert: Vielerorts ragen Fahrzeuge weit in den Gehsteig hinein.

Stadtplanung per Lenkrad

Die Grafiken unten zeigen die Querschnitte zweier Straßen am Kardinal-Nagl-Platz. Mehr als drei Viertel der Gesamtbreite sind in erster Linie für den Kfz-Verkehr reserviert – selbst für Wien ein hoher Wert. Zumindest wird hierorts der geringe Platz für Fußgänger durch den großen Park ausgeglichen.

Veränderung immer noch möglich

Ende 2021 wird der Kardinal-Nagl-Park umgestaltet. Eine grundlegende Änderung kommt nicht. Beide Anträge der Grünen auf eine Vergrößerung scheiterten. Trotzdem sind eine Vergrößerung des Parks und eine Verkehrsberuhigung der umliegenden Straßen in Zukunft immer noch möglich. WienSchauen wird das Thema weiterverfolgen.

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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