Jahrhundertwende-Villa verfällt

Eine prachtvolle Villa in der Landstraßer Hauptstraße steht leer und verfällt zusehends – trotz Denkmalschutz. Was wird aus dem einzigartigen Gebäude und dem großen Garten?

Villa Mautner-Jäger, Landstraßer Hauptstraße 140-142, Wien
Villa Mautner-Jäger in der Landstraßer Hauptstraße 140-142 (3. Bezirk)

Ein Unikum in Wien

Wie aus der Zeit gefallen wirkt die alte Villa in der äußeren Landstraßer Hauptstraße. Das Gebäude, das mit seinen barock-klassizistischen Formen markant aus der gründerzeitlichen Umgebung heraussticht, hat wahrlich schon bessere Tage gesehen. Der Verputz ist stark verwittert, die Ornamente bröckeln, Kletterpflanzen schlingen sich hoch bis zum Dach. Der auf den ersten Blick fast romantische Anblick darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der starke Bewuchs der kunstvollen Fassade wohl kaum zuträglich ist. Auch die teils zersplitterten Fenster und das freiliegende Mauerwerk zeigen: Hier verfällt ein historisches Gebäude.

Die Villa Mautner-Jäger mitsamt dem schmalen Nebenhaus ist ein beispielhaftes Produkt der Belle Époque. Erbaut wurde sie im Jahr 1902 für Hertha Jäger (1879-1970), die aus der Unternehmerfamilie Mautner Markhof stammte, und ihren Mann Gustav (1865-1938), einem Professor für theoretische Physik. Hertha Jäger, die in den 1920ern als alleinige Eigentümerin der Villa aufscheint, dürfte einen Salon geführt haben, wie zahlreiche Zeichnungen des Malers Anton Kling belegen. Sie war ein führendes Mitglied des 1902 gegründeten Bundes Österreichischer Frauenvereine.

Die Pläne für die Villa lieferte der berühmte Architekt Franz Neumann, der u.a. Bauwerke wie die Habsburgwarte am Hermannskogel, die Kuffner-Sternwarte und die Arkadenhäuser am Rathausplatz entworfen hat. Bekannt für seine aufwändigen späthistoristischen Fassaden war Neumann der Überzeugung, „dass die Formen der Vergangenheit konsequent fortentwickelt und weitergebildet werden müssen, damit die Architektur zu zeitgemäßen Formulierungen gelangt.“

Villa weckt Begehrlichkeiten

„Ein mehr als unanständiges Angebot“ – titelte die Wiener Straßenzeitung Augustin im Jahr 2011 und berichtete von einem wahren Kleinkrieg, der sich hinter den schmucken Mauern abgespielt haben soll: Nach einem Todesfall (Hertha Jäger?) wurde die Villa auf mehrere Erben aufgeteilt. Nach und nach gelang es einer großen österreichischen Bank, die Mehrheit an der Liegenschaft zu erwerben. In den 1990ern trafen sich die Bank und die verbliebenen Bewohner wiederholt vor Gericht. Noch 2008 soll es zu einem Zwischenfall mit anschließender Besitzstörungsklage gekommen sein.

In der Zwischenzeit ist es jedenfalls zu einem Eigentümerwechsel gekommen: Das gesamte Grundstück steht nun im alleinigen Besitz einer Firma, die einem großen Wiener Immobilienunternehmen zuzuordnen ist, wie die Baupolizei auf Anfrage mitteilte. Dahinter steht ein österreichischer Milliardär, der vor allem in Immobilien investiert. Die Villa selbst ist seit Sommer 2019 zur Gänze unbewohnt.

Garten als "Asset"?

Dass eine Bank und eine Immo-Firma Interesse an der Villa hatten bzw. haben, erklärt vielleicht ein Blick von oben. Hinter dem Gebäude an der Landstraßer Hauptstraße liegt eine über 1000 Quadratmeter große Grünanlage – die vielleicht exklusiv zur Villa gehört (siehe Foto unten)?

Rundherum geschützt durch Gebäude und angrenzend an einen noch größeren Garten, bietet sich hier eine luxuriöse Ruheoase, wie sie in einer solchen Lage selten zu finden ist. Ob vielleicht gar mit der Errichtung eines Neubaus hinter der Villa spekuliert wird? Wenn ja, wird das nicht ganz so einfach, denn aktuell ist hier ein Parkschutzgebiet. Ohne eine Umwidmung darf also nichts gebaut werden.

Schäden müssen repariert werden

Rein rechtlich hat die Villa den bestmöglichen Schutz: Es gelten Denkmalschutz und Schutzzone. Somit besteht auch eine entsprechende Erhaltungspflicht. Der Eigentümer muss das Gebäude in „gutem, der Baubewilligung und den Vorschriften dieser Bauordnung entsprechendem Zustand erhalten“ (§129 Wiener Bauordnung). Die Baupolizei hat eigenen Angaben zufolge Bauaufträge zur Behebung der Schäden erlassen. Wann die Reparaturarbeiten beginnen werden, ist nicht bekannt.

So bleibt zu hoffen, dass der Denkmalschutz stark genug ist, um die Villa langfristig zu erhalten, und dass nicht ein jahrelanger Leerstand droht, wie etwa bei den Biedermeierhäusern in der Breite Gasse und Freundgasse. Oder wie beim Gründerzeithaus Hetzgasse 8, das jahrelang (bis heute?) vor dem Abriss gestanden ist.

Mit der Villa Mautner-Jäger hat der aktuelle Eigentümer ein ganz besonderes Haus erworben, das in Wien seinesgleichen sucht. Damit geht auch eine große Verantwortung einher. Ob die alte Villa dereinst in einem solchen Glanz erstrahlen wird wie Franz Neumanns andere Bauten?

Architekt Franz Neumann: Weitere Werke

2020: Warten auf die Sanierung

An dieser Stelle endete der ursprüngliche Artikel vom Dezember 2019. Doch auch sechs Monate später hat sich der Zustand des Gebäudes nicht erkennbar verändert. Der langsame Verfall geht weiter – trotz Denkmalschutz, trotz Schutzzone und obwohl die Baupolizei bereits eingeschaltet ist.

Steht die Sanierung vielleicht unmittelbar bevor? Oder heißt es weiter warten?

Fassade der Villa Mautner-Jäger, Landstraßer Hauptstraße 140-142, 1030 Wien, Jugendstil
Villa Mautner-Jäger in der Landstraßer Hauptstraße 140-142 (Mai 2020)

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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

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