Jahrelanger Verfall: Behörden machtlos?

„Ein Biedermeier-Haus abzureißen, statt zu restaurieren, ist ein Verbrechen an der Stadt. Vielleicht gehört auch der Denkmalschutz renoviert“, schriebt Peter Michael Lingens bereits 2014 im Profil. Auch in der Zwischenzeit hat sich wenig getan. Immer noch steht das um 1800 erbaute Haus in der Breite Gasse 15 leer und verfällt. Und das seit 20 Jahren – direkt hinter dem Museumsquartier.

Biedermeierhaus Breite Gasse 15 in Wien mit Graffiti, Autos, Schienen, Neubau (7. Bezirk)
Verfällt seit Jahren: Breite Gasse 15 (Foto: 2019)

Eigentümer will Neubau

Der Eigentümer, ein Rechtsanwalt, erklärte, das Haus sei abbruchreif und er wolle stattdessen einen Neubau errichten. Dazu soll auch das Nachbarhaus auf Nr. 13 demoliert werden. Doch beide Häuser stehen in einer Schutzzone, daher ist ein Abbruch nicht ohne Weiteres möglich.

Vor Jahren stellten die Grünen in der Bezirksvertretung Neubau einen Antrag auf Unterschutzstellung durch das Denkmalamt. Trotzdem findet sich bis heute kein Eintrag in der Denkmalliste – also immer noch kein Denkmalschutz. Ganz anders sieht es zwei Hausnummern weiter aus: Das Barockhaus Breite Gasse 11 steht unter Denkmalschutz und präsentiert sich in tadellos renoviertem Zustand.

Breite Gasse 15 in Wien-Neubau (7. Bezirk) mit Graffiti, Leerstand, Autos
Breite Gasse 15: erbaut um 1800, erfällt (Foto: 2017)

Baupolizei machtlos?

Darf man ein Haus einfach dem Verfall anheimgeben? Zumindest laut Wiener Bauordnung gilt eine Erhaltungspflicht: „Der Eigentümer (…) hat dafür zu sorgen, dass die Bauwerke (…) in gutem, der Baubewilligung und den Vorschriften dieser Bauordnung entsprechendem Zustand erhalten werden.“

Wie verträgt sich das mit dem Zustand des Hauses in der Breite Gasse? Liegt nicht eine Verletzung der Bauordnung vor? Warum kann keine Ersatzvornahme durchgeführt werden, also eine durch das Magistrat angeordnete Sanierung?

Spittelberg: Häuser sollten alle abgerissen werden

steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbEinige Jahrzehnte ist es her, da stand die historisch einzigartige Bebauung am Spittelberg, zu dem auch die Breite Gasse gehört, auf Messers Schneide: In den 1970ern sollten sämtliche Häuser abgerissen und durch moderne Büro- und Wohnbauten ersetzt werden. Die lange heruntergekommenen alten Häuser galten als unsanierbar und nicht erhaltenswert.

Doch es kam anders: Widerstand in der Bevölkerung formierte sich. Die Stadt lenkte schließlich ein. Der Spittelberg wurde zum Vorzeigeprojekt der „sanften Stadterneuerung“. Heute blüht das Grätzl, nur nicht in der Breite Gasse.either steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-Abrissbirn

Häuserzeile in der Breite Gasse in Wien
Häuser in der Breite Gasse, links das denkmalgeschützte Haus Nr. 11 (erbaut Ende 17. Jh.)

Wenig Geld für Altstadterhaltung

steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneSeither steht das Spittelbergerviertel als Symbol für die Erhaltung historischer Bausubstanz – derstandard.at/2051945/Spittelberg-Umgestaltung-statt-AbrissbirneMit knapp über 2 Mio. Euro pro Jahr fördert die Stadt Wien die Sanierung historischer Gebäude. Angesichts der tausenden Häuser, die alleine in den zahlreichen Schutzzonen stehen, fragt sich, wie ein solcher Betrag auch nur ansatzweise ausreichen kann.

Gerade alte Häuser in schlechtem Zustand lassen sich ohne Förderung oft nur schwerlich sanieren. Aus diesem Grund hat sich eine Initiative gebildet, die unter anderem eine Aufstockung des Altstadterhaltungsfonds fordert. Auch eine Petition wurde eingereicht.

Eine Lösung könnte die Zweckwidmung der Ortstaxe sein. Jährlich steigt die Anzahl der Übernachtungen von einem Rekord zum nächsten. Ist es nicht gerade im Sinne von Touristen und Tourismuswirtschaft, wenn die einzigartigen Wiener Altbauten erhalten bleiben und nicht nach und nach der Spitzhacke zum Opfer fallen?

Biedermeierhaus Breite Gasse 15 in Wien Neubau, Inschrift "Zur heil. Dreyeinigkeit"
"Zur heil. Dreyeinigkeit" (über dem Hauseingang)

Weitere Infos: Artikel im Standard, Profil, Bezirkszeitung, Baugeschichte.at, Artikel über den Spittelberg im Standard

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).
+43 1 4000 81341
 
Der amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Innovation, Stadtplanung und Mobilität. Diese ist u. a. zuständig für die Flächenwidmungs- und Bebauungspläne (Innen-Südwest, Nordost), Stadtentwicklung und Stadtplanung und Architektur und Stadtgestaltung (einschließlich der Festsetzung von Schutzzonen gegen Hausabrisse).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

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