Begegnungszone Wollzeile: Man muss nur wollen

Der Stephansplatz hat eine neue Pflasterung, die Rotenturmstraße wird zur Begegnungszone und der Schwedenplatz soll auch bald schöner werden. Nur die Wollzeile führt trotz der guten Lage immer noch ein Schattendasein. Dabei könnte die immer noch von parkenden Autos und grauem Asphalt geprägte Straße so viel schöner sein. – Ein historischer Vergleich und eine Wunschliste für die Zukunft.

Die bewegte Geschichte einer Wiener Straße

Die Wollzeile hat eine lange Geschichte: Erstmals erwähnt im 13. Jahrhundert und benannt nach den dort ansässigen Wollhändlern, lag sie in der Zeit der Babenberger noch außerhalb des befestigten Stadtgebiets. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts führte sie vom Stadtzentrum direkt zum Stubentor, das im Zuge des Ringstraßenbaus abgetragen wurde. Von der alten barocken Bebauung sind noch einige Häuser geblieben: Das Erzbischöfliche Palais (Ecke Rotenturmstraße) und die Gebäude auf Nr. 7, 13 und 20, die zum Teil schon über 300 Jahre alt sind.

Große Veränderungen und Zerstörungen brachten Ständestaat/Austrofaschismus (1933-1938) und Nationalsozialismus (1938-1945): Alte Häuser wurden abgerissen und durch Neubauten mit karger Fassadengestaltung ersetzt. Selbst das aus dem frühen 18. Jahrhundert stammende Palais Paar fiel dieser Maßnahme 1938 zum Opfer. Ziel war es, Wien zur Verkehrsstadt für den aufkommenden Individualverkehr umzubauen. Alte Gebäude, die Hindernisse und Engstellen darstellten, wurden zugunsten breiterer Straßen abgebrochen.

Der markanteste Unterschied zwischen früher und heute sind aber zweifellos die vielen Parkplätze, die die Wollzeile heute für Fußgänger wenig attraktiv machen:

Die schmucken Straßenlaternen an den Fassaden der Wollzeile dürften um 1930 entfernt worden sein. Auch die alte Straßenpflasterung wurde durch Asphalt ersetzt. Bis heute zieht sich eine graue Asphaltdecke über die beliebte Einkaufsmeile.

Wenig Veränderung seit 60 Jahren

Der Aufstieg des Individualverkehrs ab den 1950ern macht sich auch in der Wollzeile bis heute bemerkbar: Abschnittweise sind fast zwei Drittel des gesamten Querschnitts für fahrende bzw. parkende KFZ reserviert – trotz mehrerer Parkgaragen in der Umgebung. Auch 60 Jahre später hat sich dieser Zustand kaum verändert (siehe Fotovergleich unten).

Als fußläufige Verbindung zwischen dem Bahnhof Wien Mitte und dem Stephansplatz gehört die Wollzeile zu den touristisch am stärksten frequentierten Wegen der Inneren Stadt. Im Vergleich zur Kärntnerstraße oder Herrengasse wirkt ihre Gestaltung aber mitunter nicht mehr ganz zeitgemäß: In der Wollzeile gibt es mehr als 74 Parkplätze, aber keinen einzigen Baum, keine Grünflächen und kaum Sitzbänke. Die vielen Fußgänger werden buchstäblich an den Rand gedrängt.

Gerade im dicht verbauten Gebiet fällt der hohe Platzbedarf für Parkplätze besonders auf: Pro abgestelltem Fahrzeug werden immerhin rund 10 m² öffentlicher Raum benötigt. So sind in Summe über 740m² in der schmalen Wollzeile nur für das Parken reserviert. Dabei sind private PKW rein statistisch ganz 23 Stunden am Tag „Stehzeuge“. Sie werden 95% der Zeit gar nicht genutzt.

Autos in der Wollzeile, Wien, Innere Stadt
74 Fahrzeuge stehen in der Wollzeile (Momentaufnahme im Mai 2019)

Begegnungszone: Von der "Kampfansage" zur Normalität

Noch gehört die Wollzeile dem Individualverkehr. Bis zum Umbau der Mariahilfer Straße zur Fußgänger- bzw. Begegnungszone war das auch der unangezweifelte Normalzustand fast aller Wiener Straßen. Selbst Teile des historischen Stadtzentrums dienen heute noch als Parkplätze, beispielsweise vor dem Traditionscafé Landtmann.

Doch so umstritten Maria Vassilakous Großprojekt Mariahilfer Straße auch war – es hat Veränderung gebracht. Zahlreiche Begegnungszonen sind seither entstanden, beispielsweise in der Herrengasse (1. Bezirk), Lange Gasse (8. Bezirk) und Schleifmühlbrücke (Naschmarkt). Auch die dahingehend skeptischen Parteien ÖVP und FPÖ fordern bereits erste Begegnungszonen, etwa für die Kettenbrücke (6. Bezirk).

Die Kombination aus fußgängerfreundlicher Gestaltung mit Durchfahrmöglichkeit für PKW scheint sich zu bewähren – so sehr, dass Anrainer sogar bereit sind, dafür in die eigene Tasche zu greifen: Nach dem von lokalen Geschäftsleuten finanzierten Umbau der Herrengasse zur Begegnungszone (Foto unten) soll auch der Michaelerplatz ein neues Gesicht bekommen. Auf Wunsch der Anrainer.

Über 3000 Garagenplätze in der Umgebung

Wohin also mit den parkenden Autos in der Wollzeile? Für alle, die nicht auf den PKW verzichten können, stehen schon jetzt über 3000 Stellplätze in den Parkgaragen der Umgebung bereit. Zudem sind unzählige öffentliche Verkehrsmittel in der Nähe: U1, U3, U4 und mehrere Straßenbahn- und Buslinien. Nur ein paar Minuten entfernt ist auch der Bahnhof Wien Mitte, wo es eine Direktverbindung zum Flughafen gibt.

Wollzeile als Begegnungszone?

So könnte die Wollzeile einmal aussehen: Durch den Wegfall von Parkplätzen könnte Raum für alle gewonnen werden. Fußgänger, Radfahrer, Geschäfte und Lokale würden profitieren. Anwohner hätten den Vorteil geringerer Lärmbelästigung, da in Begegnungszonen weniger und langsamer gefahren wird. Auch die Verkehrssicherheit ist in Begegnungszonen höher. Die Zufahrt mit dem Auto wäre immer noch möglich. Und für Gewerbetreibende könnten eigene Lieferzonen und -zeiten eingerichtet werden – wie jetzt schon in anderen Begegnungs- und Fußgängerzonen.

Noch sind es nur die Grünen in der Inneren Stadt, die eine Begegnungszone für die Wollzeile favorisieren. Sie fordern sogar ein gänzlich neues Verkehrskonzept für den 1. Bezirk mit mehr Fußgänger- und Begegnungszonen und eingeschränkter Zufahrt für Nicht-Anrainer.

Derzeit werden generelle Zufahrtsbeschränkungen für den 1. Bezirk geprüft. Nachdem trotz anfänglichem Widerstand der ÖVP-geführten Bezirksvorstehung nun die Rotenturmstraße zur Begegnungszone umgebaut wird, ist für die Wollzeile vielleicht auch noch nicht das letzte Wort gesprochen.

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. (Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im Dezember 2020.)
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Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Weitere Infos:
  • Die Infos zu den Abrissen im Ständestaat/Austrofaschismus stammen aus dem Buch „Das Schwarze Wien“ von Andreas Suttner (2017).
  • Parkgaragen: 199 Stellplätze gibt es im Parkhaus Stephansplatz, 240 in der Garage Cobdengasse, 60 in der Seilerstätten-Garage, 149 in der Garage Weihburggasse, 377 in der Parkring-Garage, 330 in der Garage am Georg-Coch-Platz, 850 in der Garage am Franz-Josefs-Kai, 88 in der Garage Gonzagagasse, 120 in der Garage am Hohen Markt, 245 in der Stadtpark-Garage, 272 in der Garage Invalidenstraße und 91 in der Garage des Justizzentrums Wien Mitte. Das sind in Summe 3021 Garagenplätze in der Umgebung der Wollzeile. Garagen in Privathäusern sind nicht berücksichtigt.

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