AKH: Historische Kliniken verfallen!

„Wo Wien am schönsten ist? “ – „Am Dach des AKH! Da sieht man es nicht!“

Der Witz, der in den 1980ern die Runde machte, bezieht sich auf den skandalgebeutelten Neubau des Allgemeinen Krankenhauses, der wohl wirklich keine Schönheit ist. Ein Blick vom Dach könnte sich aber tatsächlich lohnen, denn im Schatten des riesigen Spitals versteckt sich ein besonders erschreckendes Beispiel dafür, wie hierzulande mit der Architektur der Vergangenheit umgegangen wird: Zwischen AKH-Türmen und Lazarettgasse verfallen zwei über 100 Jahre alte historische Kliniken langsam aber sicher vor sich hin – und das seit vielen Jahren. Werden diese Zeugen aus den letzten Lebensjahren der Monarchie bald zur Gänze verschwinden?

Hinweis: Der Abriss der in diesem Artikel erwähnten I. Medizinischen Klinik hat im April 2020 begonnen. Alle Infos dazu gibt es hier.

I. Medizinische Klinik, AKH, Wien-Alsergrund, Architekt: Emil Förster, erbaut 1909-19013
Verfällt: Ehemalige 1. Medizinische Klinik (erbaut 1909-1911)

Geplant von berühmtem Baumeister

Die beiden verfallenden Klinikgebäude sind Teil der sogenannten „Neuen Kliniken“, die von 1909 bis 1923 am Gelände des heutigen („neuen“) AKH errichtet wurden. Die ersten Entwürfe der Kinderklinik und 1. Medizinischen Klinik wurden maßgeblich von Emil von Förster überarbeitet. Auf ihn geht das heutige Aussehen der Kliniken zurück, einschließlich der sachlichen, aber ausdrucksstarken Jugendstilornamente.

Förster, ein Stararchitekten der Jahrhundertwende, war in Wien beileibe kein Unbekannter: Unter den dutzenden Häusern, die nach seinen Plänen erbaut wurden, sind unter anderem das Palais Dorotheum und das heutige Hotel Regina. Die beiden AKH-Kliniken bilden den Abschluss seines umfangreichen Werks. Förster starb 1909, noch vor Beginn der Bauarbeiten.

Ehemalige Kinderklinik des Wiener AKH, Architekt Emil Förster, Alsergrund (9. Bezirk)
Verfällt: Ehemalige Kinderklinik (erbaut 1909-1911)

Viele historische Kliniken bereits abgerissen

Das AKH war nicht immer der aus Hochhäusern und grauen Betonbauten zusammengesetzte Spitalskoloss von heute. Schon lange nicht mehr zu sehen sind die vielen historischen Kliniken und Pavillons, die in der Zeit nach 1945 nach und nach abgerissen wurden (siehe Vergleich unten). So überlebte die 1853 nach Plänen von Ferdinand Fellner d. Ä. erbaute riesige Klinik Wagner-Jauregg immerhin bis 1974. Zahlreiche kleinere Pavillons wurden noch bis in die 1980er-Jahre abgebrochen. Auch das prunkvolle Portal, wo einst Kaiser Franz Joseph den Grundstein für die „Neuen Kliniken“ gelegt hatte, ist schon lange Geschichte.

Nur etwa die Hälfte der historischen Bebauung ist noch erhalten. Die ehemaligen Frauenkliniken mit ihren prächtigen Jugendstilfassaden wurden vor einigen Jahren mithilfe des Altstadterhaltungfonds umfassend renoviert und beherbergen heute die Krankenhausverwaltung und Teile der Medizinischen Universität.

Karte
Das AKH im Jahr 1935 (Karte: Austria-Forum, bearbeitet)

Denkmalschutz aufgehoben

Öffentliche Gebäude stehen in den allermeisten Fällen unter Denkmalschutz, so wie auch die ehemaligen Frauenkliniken und das ganze alte AKH. Wie ist es also zu erklären, dass der Denkmalschutz für die beiden verfallenden Kliniken schon im Jahr 1987 einfach aufgehoben wurde, obwohl die Fassaden original und intakt sind? Warum gibt es keine öffentlich zugänglichen Dokumente, die diesen Schritt erläutern? Wer steht hinter der Aufhebung?

Gefährdung seit 2012

„Im aktuellen Planentwurf zur Flächenwidmung am Alsergrund haben die Aktivisten der Initiative Denkmalschutz eine wahre Bombe gefunden“, titelte das Nachrichtenportal Vienna.at schon 2012. Und es stimmt: Am Plan sind die Gebäude nicht mehr eingezeichnet. Rechnet auch die Stadt Wien nicht mehr mit einer Sanierung? Ist der Abriss hinter den Kulissen schon ausgemachte Sache? Will man sich einfach still und leise der historischen Bausubstanz entledigen?

I. Medizinische Klinik, AKH Wien, Architekt Emil Förster, Alsergrund (9. Bezirk)
Verfällt: Ehemalige 1. Medizinische Klinik (erbaut 1909-1911)

Abbruch-Schutz versus Verfall

Wie weit darf man ein Gebäude eigentlich verfallen lassen? Laut Bauordnung gilt eine Erhaltungspflicht: „Der Eigentümer (…) hat dafür zu sorgen, dass die Bauwerke (…) in gutem, der Baubewilligung und den Vorschriften dieser Bauordnung entsprechendem Zustand erhalten werden.“

Im Fall der ehemaligen 1. Medizinischen Klinik (Foto unten) scheint das offensichtlich nicht mehr eingehalten zu werden. Fenster fehlen, Mauerwerk liegt frei, überall bröckelt der Verputz, auf dem Dach wachsen seit Jahren Bäume. Lässt sich da noch von Erhalt sprechen?

Noch eine andere Frage stellt sich: Seit Juli 2018 gilt in Wien eine Genehmigungspflicht für Abrisse von Altbauten. Historisch und architektonisch wertvolle Gebäude sollen so vor dem Abbruch geschützt werden. Auch die beiden Kliniken fallen unter dieses Gesetz. Ganz so leicht wird es mit dem Abriss also nicht. Oder spekuliert man ohnehin auf Abbruchreife und lässt den Zahn der Zeit die Arbeit erledigen?

I. Medizinische Klinik, AKH Wien, Architekt Emil Förster, Alsergrund (9. Bezirk)
Verfällt: Ehemalige 1. Medizinische Klinik (erbaut 1909-1911)

Der Verfall in Bildern