Zerstörte Hoffnung

Die Nordbahnhalle war ein Gemeinschafts- und Kulturzentrum im 2. Bezirk. Monatelang haben Anwohner, Künstler und Stadtplaner gegen den Abriss protestiert – vergeblich, denn die Stadt Wien schickte die Bagger vor und ließ die Halle teilweise abreißen. Als nur wenige Wochen später ein Brand ausbrach und schwere Schäden anrichtete, war das Schicksal der Halle besiegelt. Jetzt ist von der Nordbahnhalle nichts mehr übrig.

Nordbahnhalle nach dem Teilabriss 2019, denkmalgeschützter Wasserturm
Im September 2019 wurde die halbe Nordbahnhalle abgerissen.

Grätzlzentrum unerwünscht

Die Nordbahnhalle ist ein Überbleibsel des aufgelassenen Güterbahnhofs, auf dessen Fläche gerade eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Wiens Form annimmt. Die geplanten Wohnbauten sind um die sogenannte “freie Mitte” angelegt. Genau in diesem zukünftigen Park befand sich die Nordbahnhalle. Von 2017 bis 2019 lief unter Leitung der TU Wien ein Projekt zur Zwischennutzung mit Ausstellungen, kulturellen Events und Konzerten. Doch eine dauerhafte Nutzung war nie geplant.

Monatelang versuchte die IG Nordbahnhalle – ein Zusammenschluss von Anwohnern, Künstlern, Stadtplanern und Besuchern – das drohende Ende der Halle abzuwenden. Ziel war eine langfristige, nicht-kommerzielle Nutzung von Halle und denkmalgeschütztem Wasserturm. Doch die Stadt hat andere Pläne: Die Umgebung des Wasserturms soll begrünt, Straßenbahnschienen verlegt werden. Und da war die Halle im Weg. Im September wurde der südliche Teil der Halle geschleift, wie auf WienSchauen.at berichtet.

Destruktion statt Diskussion

“Die Wiener Stadtregierung wirbt offensiv für mehr Beteiligung ihrer Bürger. Doch sobald diese aktiv werden, sperrt sie sich”, schrieb die Wiener ZeitungDie Aktivisten der IG Nordbahnhalle hatten sich mit Petitionen an die Stadt Wien gewandt. Trotz tausender Unterschriften für den Erhalt der Halle prallten die Forderungen an der Stadtregierung ab.

Laut Kurier hatte Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) mit dem Kulturressort und den ÖBB eine weitere einjährige Zwischennutzung vereinbart. Doch die Fläche der Nordbahnhalle sei bereits für neuen Grünraum reserviert. Eine durchschaubare Taktik: Die Stadtregierung spielte Natur und Grünraum gegen das Gemeinschafts- und Kulturzentrum aus, um für ihre Abbruchpläne zu werben. Dabei nahm die Halle schon vor dem Teilabriss nur rund drei Prozent des geplanten Parks ein.

Kompromiss wäre möglich gewesen

Gerade in Städten, wo der Raum begrenzt ist und viele unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, ist es umso wichtiger, einen Ausgleich zu schaffen. Im Fall der Nordbahnhalle wäre ein Kompromiss denkbar einfach möglich gewesen. Die verbliebene Halle hätte bestehen bleiben und dem neuen Viertel – immerhin 20.000 Bewohner im Endausbau – als kultureller Fixpunkt dienen können. Die wenigen Bäume und Grünräume, die dadurch nicht angelegt hätten werden können, wären bestimmt dort willkommen, wo sie ohnehin viel dringender gebraucht werden: In den Gründerzeitvierteln außerhalb des Gürtels, in denen mitunter ganze Straßenzüge quasi ausschließlich aus Asphaltflächen und Parkplätzen bestehen. Die dortigen Bewohner sind durch den Mangel an Begrünung den immer extremeren Hitzewellen im Sommer schutzlos ausgeliefert. Jeder neue Baum hätte dort einen umso stärkeren Effekt, während es am Nordbahnhofgelände schon jetzt reichlich Begrünung gibt.

Brand zerstört Hoffnung

“Heute ist die Halle abgebrannt. Seit Anfang Oktober hat die IG Nordbahnhalle darauf gedrängt, dass die Halle nach dem Teilabriss gesichert und verbarrikadiert wird, um Vandalismus zu verhindern. Letzte Woche hat die ÖBB endlich die notwendige Sicherung vorgenommen. Es war also nur schwer möglich, in die Halle zu gelangen. Ende der Woche waren wir vor Ort, um die Sicherung der Halle zu überprüfen. Wir sind schockiert und bestürzt über diese Brandkatastrophe, die nun Fakten schafft und eine für die Stadtplanung unliebsame Debatte mit hoher Wahrscheinlichkeit beendet.” – IG Nordbahnhalle, 10.11.2019

Über die Ursache des Brandes, der an einem Sonntag im November der leeren Halle ausbrach, begannen bald heftige Spekulationen. Bereits am nächsten Tag schrieb der “Kurier” von möglicher Brandstiftung, doch ist die Ursache bis heute nicht geklärt.

Fakten schufen einmal mehr die Stadt Wien und die ÖBB: Die stark beschädigten Reste der Halle wurden im Dezember 2019 abgetragen. Jetzt erinnert nur mehr der denkmalgeschützte Turm an das einst bunte Treiben im 2. Bezirk. Wien ist um ein Gemeinschaftszentrum ärmer geworden.

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Hinweis: Dieser Artikel erschien unter dem Titel “Halbierte Hoffnung” am 26.10.2019. Nach Brand und Abriss der verbliebenen Halle erfolgte eine Aktualisierung, einschließlich neuer Fotos.

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