Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Praterstraße: Einst Prachtboulevard, jetzt Stadtautobahn

Die Praterstraße hat wohl schon bessere Zeiten gesehen. Auf vier Fahrspuren braust der Verkehr lautstark mitten durch den 2. Bezirk und vorbei an vielen historischen Gebäuden. Obwohl der Praterstraße als Verbindung zwischen Stadtzentrum und Prater eine einzigartige Bedeutung zukommt, wurde sie lange Zeit nur wenig beachtet. Doch schon bald könnte sich das Gesicht der grauen “Stadtautobahn” entscheidend verändern, denn der Bezirk plant eine Umgestaltung.

Wie hat sich die Praterstraße im Laufe der Zeit gewandelt? Und was könnte sich künftig für den Autoverkehr ändern?

Praterstraße im Jahr 2019: Blumenbeet zwischen vier Fahrspuren

Eine alte Prachtstraße

„Die Praterstraße ist einer der prächtigsten Boulevards der Stadt”, ist sich Uschi Lichtenegger (Grüne) sicher, die seit drei Jahren Bezirksvorsteherin der Leopoldstadt ist. Eine Neugestaltung soll vor allem den nichtmotorisierten Verkehr im Blick haben: “Verbesserungen für FußgängerInnen, aber auch für alle anderen VerkehrsteilnehmerInnen: Mehr Platz, mehr Sitzgelegenheiten, mehr Grün, bessere Querungsmöglichkeiten, weniger Konflikte mit dem Radverkehr, sind nur einige der Wünsche der BürgerInnen, die an uns herangetragen worden sind.“

Basis für die derzeit in Ausarbeitung befindlichen Pläne seien eine Vielzahl an Bürgerveranstaltungen und Untersuchungen rund um eine Attraktivierung der Praterstraße, teilen Grüne und SPÖ mit. Im Frühjahr 2019 sollen die ersten Pläne präsentiert werden, damit 2020 mit dem Bau begonnen werden kann. – Zeit für einen Blick zurück in die Vergangenheit.

Praterstraße um 1900

Die etwa einen Kilometer lange Praterstraße, die bis 1862 den Namen Jägerzeile trug, wird von einer Vielzahl bedeutender historischer Gebäude gesäumt. Während etwa das berühmte Carltheater (erbaut 1847) nach Bombenschäden in den 1950ern abgerissen werden musste, zeugen Gebäude wie der Dogenhof und der Nestroyhof (beide erbaut 1898), die Johannes-Nepomuk-Kirche (1846), das Miethaus “Zum Füchsel” auf Nr. 10 (1834) und das Wenkheimpalais (1826-1835) vom alten Glanz dieser Straße. Bedingt durch die Zerstörungen des 2. Weltkriegs, die Zunahme des KFZ-Verkehrs, die bis in die 1990er-Jahre anhaltende Schrumpfung der Wiener Bevölkerung und zahlreiche Umbauten ist bis heute nur noch ein herber Charme geblieben.

Praterstraße 1954

Alte Straßenbeleuchtung entfernt

Auch die historischen Straßenlaternen – genannt “Bischofsstab” – und kleinere Leuchten wurden bei Umbauten in der 2. Republik demontiert und durch die allgegenwärtigen Hängeleuchten ersetzt (siehe Fotos unten). Von jenen in Wien früher stark präsenten kunstvollen Laternen gibt es – selbst in Form von Nachbauten – heute so gut wie keine mehr.

Durchblick vom Turmwagen, nächst dem Carltheater gegen den Praterstern.
Um 1935: Praterstraße mit Altbaubestand und kunstvollen Straßenlaternen (ÖNB)
Praterstraße 2019 (3)
2019: Viel Asphalt, viel Verkehr, keine alten Straßenlaternen, aber ein paar Bäume

Auch die Straßenbahnen, die seit dem 19. Jahrhundert Teil der Praterstraße gewesen waren, sind verschwunden. Mit dem Bau der U-Bahn zwischen Schwedenplatz und Praterstern wurden 1981 auch die Gleise entfernt. Die damit gewonnenen Flächen ermöglichten die Pflanzung von Bäumen, die indes beträchtliche Höhen erreicht haben. Und auch der motorisierte Individualverkehr erhielt mehr Raum.

Praterstraße um 1980

Was tun mit dem Verkehr?

Die Anforderungen und Wünsche an die Stadt und den öffentlichen Raum haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Spätestens seit dem Umbau der Mariahilfer Straße und den vielen daran anschließenden Begegnungszonen (bspw. Lange Gasse, Herrengasse, Schleifmühlbrücke) preschen immer mehr Parteien mit Forderungen nach Umgestaltungen bestehender Straßen vor – etwa für die Landstraßer Hauptstraße, Kettenbrücke, Otto-Bauer-Gasse und Gumpendorfer Straße.

So kommt auch die Praterstraße in den Blick, die in ihrer Gestaltung nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein scheint. Die Kritik vonseiten der Bevölkerung und politischer Parteien wird lauter. Im Zentrum steht die heikle Frage, wie viel Platz künftig dem Autoverkehr eingeräumt werden soll, der aktuell auf dem längsten Abschnitt sechs Spuren für sich beansprucht – vier Fahrspuren und zwei Parkspuren. Nachdem es sich größtenteils um bloß durchfahrenden Verkehr handelt, ergeben sich für den Bezirk und seine Bewohner noch mehr Nachteile.

Praterstraße, Hintergrund der Praterstern um 1905 Straßenbahnzüge der Tpye G, D1 und Beiwagen f3,
um 1905: "Begegnungszonen" Praterstraße und Praterstern mit hübschen Straßenlaternen und gepflastertem Bodenbelag (Wikipedia Commons)

Autoverkehr nimmt auf vielen Straßen ab

Der zweite Bezirk ist einer jener Bezirke Österreichs mit den wenigsten KFZ pro Einwohner. 2017 kamen hier 310 Autos auf 1000 Einwohner, während es etwa im nördlichen Waldviertel doppelt so viele sind. Dass die Zahl der PKW in absoluten Zahlen in einigen (aber nicht allen) Wiener Bezirken trotzdem zunimmt, ist dem starken Bevölkerungswachstum geschuldet.

Nichtsdestoweniger geht der PKW-Verkehr auf vielen Straßen langsam zurück. Beispielsweise waren in der Lassallestraße, die die Praterstraße Richtung Donaustadt verlängert, im Jahr 2015 um 6000 Autos pro Tag weniger unterwegs als noch 1995 – trotz stark gestiegener Einwohnerzahl. Die Fahrgastzahlen der Wiener Linien wuchsen im selben Zeitraum um über 36%.

Grüne wollen Umgestaltung

Bereits 2015 sprachen sich die Grünen im 2. Bezirk für eine Umgestaltung aus. Im Zentrum der Überlegungen stand und steht ein Rückbau der KFZ-Fahrspuren und eine Attraktivierung für Fußgänger und Radfahrer. Grünen-Verkehrssprecher Rüdiger Maresch regte 2016 eine Reduktion der Fahrspuren von vier und zwei an, was der damalige Bezirksvorsteher Karlheinz Hora (SPÖ) jedoch gemeinsam mit FPÖ und ÖVP ablehnte. Hora befürchtete ein Verkehrschaos und eine Verlagerung des durchfahrenden Verkehrs auf die Seitengassen.

Dass ein Rückbau von Fahrspuren nicht zwangsläufig zu Problemen führen muss, könnte ein Vergleich mit dem Jahr 2008 nahelegen: Im Rahmen der Fußball-EM wurde damals ein Teil der Ringstraße für einen Monat komplett gesperrt und zu einer Fanmeile umfunktioniert. Zu dem befürchteten Zusammenbruch des Verkehrs ist es nicht gekommen. Überdies sprechen sich in Österreich selbst zwei Drittel der Autofahrer für Verkehrsberuhigung in Städten aus, wie in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden worden ist.

Die von der FPÖ angefochtene und daraufhin wiederholte Bezirkswahl drehte 2016 die Machtverhältnisse in der Leopoldstadt: Noch vor der seit 1945 dominierenden SPÖ wurden die Grünen stimmenstärkste Partei. Mit Uschi Lichtenegger wurde eine Spitzenkandidatin Bezirksvorsteherin, die sich klar für eine Neugestaltung der Praterstraße stark macht. Sie sieht einen klaren Wunsch in der Bevölkerung nach einer Beruhigung des Verkehrs.

Praterstraße Gehsteig 2019
2019: graue, asphaltierte Gehsteige mit dem typischen Wiener "Fleckerlteppich"

Studie: Weniger Fahrspuren und weniger Tempo möglich

Den Forderungen der Bezirksvorsteherin geht eine Studie der technischen Universität Wien voraus, in der die Möglichkeiten und Auswirkungen einer Verkehrsberuhigung analysiert wurden. Die derzeit von etwa 21.000 Fahrzeugen pro Tag befahrene Praterstraße könnte demnach so adaptiert werden, dass je eine Fahrspur pro Richtung entfällt, ohne dass die Erreichbarkeit für den KFZ-Verkehr abnimmt. Damit würde Platz für Fußgänger und Radfahrer geschaffen.

Gemäß der Studie ließe sich auch die Reduktion von Ladezonen “durch Einrichtung von Ersatzladezonen in Nebengassen bzw. durch die Staffelung von Lieferzeiten kompensieren.” Auch seien die bestehenden Parkgaragen in der Lage, die durch den Entfall der Kurzparkplätze benötigen Stellplätze zur Verfügung zu stellen.

Den Autoren der Studie, Ulrich Leth und Harald Frey, scheint zur “Hebung der Verkehrssicherheit und Minderung der Lärmbelastung eine Tempo 30-Beschränkung auf der gesamten Strecke zweckmäßig.” Die grüne Bezirksvorstehung hat eine Reduktion der Geschwindigkeit zumindest in der Nacht auf 30 km/h angeregt, was auf starke Ablehnung bei anderen Parteien und den Autofahrerklubs gestoßen ist.

Gesundheitsrisiken durch Lärm und Unfälle

Dass es auf der Praterstraße nicht unbedingt leise zugeht, ist bekannt. Mit einer Belastung von über 70 Dezibel werden die laut Weltgesundheitsorganisation für Wohngebiete empfohlenen Höchstwerte erheblich überschritten. Bei dauerhaft hoher Lärmbelastung soll u.a. das Risiko für Herz-Kreislaufstörungen signifikant erhöht sein, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Wissenschaftlich verbürgt sind die Vorteile von Tempo 30 in Bezug auf Verkehrssicherheit und Lärm: “Bei beiden Aspekten wissen wir, dass Tempo 30 deutliche Verbesserungen bringt”, so Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt zum ORF. “Es ist zum Beispiel so, dass (…) schwere Unfälle mit Todesopfern bei Kindern um die Hälfte zurückgegangen sind durch die Umstellung von Tempo 50 auf Tempo 30.” Auch komme es bei der Senkung der Geschwindigkeit von 50 auf 30 km/h fast zu einer Halbierung der wahrgenommenen Lärmbelästigung. Eine Verringerung des Schadstoffausstoßes dürfte es bei einer Reduktion auf Tempo 30 jedoch nicht geben.

Praterstraße Nestroyplatz 2019
2019: Viel Verkehr, viel Asphalt, keine Bäume (im unteren Straßenabschnitt)

Opposition will Fahrspuren erhalten

Scharfe Kritik an einer möglichen Neuordnung des Verkehrs kommt von der FPÖ, die befürchtet, “dass es am Ende des Tages nicht bei der derzeitigen Anzahl der Fahrspuren bleiben wird. Und das wäre eine echte Katastrophe für alle Verkehrsteilnehmer”, wie Bezirksparteiobmann Wolfgang Seidl vermutet. Er befürchtet eine Schikane für die Wiener Autofahrer und eine Einschränkung für Pendler.

Skeptisch ist auch die Leopoldstädter ÖVP, die eine Spurverengung auf der Praterstraße für nicht tragbar hält. „Die Praterstraße ist eine wichtige Verbindungsstraße zwischen den Bezirken. Hier (…) eine Fahrspur wegzunehmen und eine 30er Beschränkung einzuführen, ist absolut inakzeptabel und würde eine massive Verdrängung in die benachbarten Wohngrätzl bedeuten“, so Bezirksparteiobfrau Sabine Schwarz.

Auch der ÖAMTC hält den Wegfall eines Fahrstreifens für nicht vorstellbar und fordert den Verkehrsfluss zwischen Innenstadt und Praterstern unbedingt zu erhalten.

Ein alternativer Vorschlag kommt von den NEOS, die zwar alle vier Fahrspuren erhalten wollen, stattdessen aber Umgestaltungen angrenzender Gassen und Plätze durch Begegnungszonen favorisieren. Auch plädiert die Partei für einen breiten Zweirichtungsradweg auf einer Straßenseite. Was mit den Parkplätzen geschehen soll und ob die Partei eine Temporeduktion befürwortet, geht aus Presseaussendung und Webseite aber nicht hervor.

Praterstraße 2019: Fotoreise zum Praterstern

Erste Planungsdetails werden demnächst vorgestellt

Laut Bezirksvorsteherin Lichtenegger wurde 2018 eine Verkehrszählung in der Praterstraße durchgeführt. Anhand der – noch nicht veröffentlichen – Ergebnisse soll sich dann entscheiden, ob eine Fahrspur entfallen kann oder nicht. “Noch in diesem Frühjahr werden die ersten Vorschläge der Bevölkerung präsentiert und breit diskutiert”, kündigten Grüne und SPÖ an. Für Lichtenegger ist der Wegfall einer Fahrspur – nicht mehr zwei, wie noch 2015 – eine Option, um die schmalen Radwege zu verbreitern, ohne die Gehsteige verkleinern zu müssen.

Gerade im Vergleich mit der Vorkriegszeit wird deutlich, wie sehr die Praterstraße von einer Neugestaltung profitieren könnte. Vielleicht lassen sich auch einige der folgenden Überlegungen umsetzen:

  • Der graue Asphalt auf den Gehsteigen könnte durch farblich ansprechende Platten oder Steine ersetzt werden.
  • Durch eine Reduktion von Parkplätzen im südlichen Straßenabschnitt ließe sich Raum für andere Verkehrsteilnehmer und Bäume schaffen.
  • Die Senkung der Höchstgeschwindigkeit wäre für die ansässige Bevölkerung und für die vielen Unternehmen und Lokale bestimmt eine spürbare Entlastung.
  • Eine Aufwertung des kaum als solchen wahrnehmbaren Nestroyplatzes durch Schaffung von Begegnungszonen beim Galaxy Tower und vor dem Nestroyhof birgt gerade aus wirtschaftlicher und touristischer Sicht enormes Potential.
  • Ob Fahrspuren entfallen können oder nicht, das können Verkehrsexperten wahrscheinlich besser beurteilen als um Wählerstimmen buhlende Bezirksparteien. Es wäre schade, würde die Politik sich einer möglichen positiven Veränderung einfach aus Prinzip verschließen.
  • Und wenn noch ein Wunsch frei ist: Warum nicht auch gleich die hübschen Straßenlaternen rekonstruieren?

Ob die Praterstraße doch noch einmal richtig schön wird? Man ja wird noch träumen dürfen.

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