Otto-Bauer-Gasse: Begegnung mit Blech

2019 wurde die Otto-Bauer-Gasse im 6. Bezirk zur Begegnungszone umgebaut. In der beliebten Seitengasse der Mariahilfer Straße gibt es seither weniger Verkehr, eine helle Pflasterung und neue Bäume.

Und doch will sich das Gefühl einer gleichberechtigten Nutzung nicht so richtig einstellen: Trotz rückläufigem PKW-Bestand in Mariahilf gibt es selbst in dem kurzen umgebauten Abschnitt immer noch viele Parkplätze. Immer noch sind Fußgänger z.T. an den Rand zwischen parkenden Autos und Hauswänden gedrängt. Und die Mitte der Straße gehört meist immer noch dem motorisierten Individualverkehr. War die Umgestaltung den Aufwand wirklich wert?

Otto-Bauer-Gasse nach dem Umbau zur Begegnungszone, viele PKW, Wien-Mariahilf
Otto-Bauer-Gasse nach dem Umbau: Schöne Pflasterung, viele Parkplätze

Wien entdeckt den öffentlichen Raum

Es ist etwas in Bewegung gekommen. 2015 wurde die größte Einkaufsstraße Wiens, die Mariahilfer Straße, verkehrsberuhigt. Zahlreiche Umgestaltungen folgen, z.B. die Herrengasse, Rotenturmstraße und Lange Gasse. Sogar die Wiener Wirtschaftskammer fordert jetzt mehr Verkehrsberuhigung in allen Bezirken.

Schönheit erlaubt!

Die Aufwertung der Mariahilfer Straße ließ die angrenzenden Straßen und Gassen bald alt aussehen: Grauer Asphalt, viele Parkplätze, keine Bäume, wenig Platz für Fußgänger. Erst im Vergleich fällt auf, wie der öffentliche Raum in vielen Bezirken trotz aller Bekundungen der Politik immer noch stiefmütterlich behandelt wird – sogar in prominenten Lagen (Beispiel: Ballhaus- und Heldenplatz).

Umgestaltungen können viele Vorteile bringen:

  • Eine helle Pflasterung reduziert die Probleme mit sommerlicher Hitze.
  • Jeder neue Baum spendet Schatten, Feuchtigkeit und verringert die Temperaturen im Sommer.
  • In verkehrsberuhigten Straßen sind mehr Fußgänger unterwegs. Der belebtere öffentliche Raum kann für Geschäfte und Lokale ein (finanzieller) Vorteil sein.
  • Die Verkehrssicherheit ist deutlich höher.
  • In der dichten Stadt gibt es nur wenige Freiflächen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Autos pro Einwohner ab. Jeder Raum, der nicht für Parkplätze genutzt wird, steht dann für alle zur Verfügung. So kommt auch ein sozialer Aspekt hinzu.
  • Eine hochwertige Gestaltung des öffentlichen Raum ist auch einfach schön anzusehen.

Mariahilf: Alle Parteien wollen Umgestaltung

2017 wurde ein Antrag von SPÖ (die den Bezirksvorsteher stellt) und Grünen für eine Umgestaltung von Otto-Bauer-Gasse, Königsegggasse und Loquaipark mit den Stimmen aller Parteien im 6. Bezirk angenommen.

verkehrsberuhigte Straßen im 6. Bezirk
Begegnungs- und Fußgängerzonen in Mariahilf (©ViennaGIS, bearbeitet)

Während ein kurzer Abschnitt der Königsegggasse (siehe Artikel auf wienschauen.at) zur Fußgängerzone umgestaltet wurde, blieb es bei der Otto-Bauer-Gasse bei einem Kompromiss:

  • Ein kleiner Teil der Gasse wurde 2019 zur Begegnungszone, ist also theoretisch für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt nutzbar.
  • Die Durchfahrt zur Mariahilfer Straße ist für PKW gekappt.
  • Einige Parkplätze wurden weggenommen.
  • Bäume wurden eingesetzt.
  • Statt grauem Asphalt gibt es jetzt eine helle Pflasterung.

So hat sich die Otto-Bauer-Gasse verändert

Die folgenden Fotos sind vor bzw. nach der Umgestaltung entstanden und zeigen, was sich verändert bzw. nicht verändert hat.

Bäume und Pflasterung statt grauer Asphaltfläche

Weiterhin viel Platz für parkende Fahrzeuge

Neue Bäume

1 Parkplatz = ca. 12 m² Begegnungszone weniger

Viele Parkplätze sind geblieben

Bäume statt Parkplätze

Attraktiverer öffentlicher Raum

Ganze Gasse auf einem Höhenniveau

Engstellen für Fußgänger bleiben

Viele Parkplätze trotz Umgestaltung

Moderate Veränderung

70kg vs. 1400kg

Aufgewerteter öffentlicher Raum

Schöne Pflasterung statt grauem Asphalt

Weniger Autos, neue Bäume

"Auto-Bauer-Gasse"

So stellt sich die Umgestaltung in der Praxis dar:

  • Durch die immer noch zahlreichen Parkplätze ist für Fußgänger kein gleichberechtigter Raum entstanden.
  • Die Zufahrt ist für alle möglich, nicht nur für Anrainer. Die Folge: Viele PKW-Lenker fahren in die Gasse hinein, nur um dann wieder umzudrehen, da die Sackgasse anfangs nicht bemerkt wird.
  • Die Pflasterung ist zwar optisch ansprechend, doch wäre Naturstein, wie traditionell in Wien üblich, wahrscheinlich schöner und langlebiger.
  • Fußgänger finden sich oft immer noch zwischen parkenden Autos und Hausmauern wieder – genauso wie vorher.
  • Ansprechende Straßenlaternen, die sich an der gründerzeitlichen Architektur orientieren, wurden nicht aufgestellt.

Die zentralen Fragen sind: War die Umgestaltung den Aufwand wert? Stehen die 1,15 Mio. Euro Baukosten wirklich im Verhältnis zu dem Ergebnis? Ist die neue Begegnungszone für den 6. Bezirk mit seiner hohen Bevölkerungsdichte, den geringen Freiräumen und spärlichen Grünflächen eine spürbare Verbesserung?

Und vor allem: Wäre eine Fußgängerzone mit Zufahrt für Anrainer (die hier Garagen haben) nicht eine bessere Lösung gewesen?

Es scheint, als habe die SPÖ-geführte Bezirksvorstehung der Mut verlassen, die Otto-Bauer-Gasse nachhaltig umzugestalten. Und beim überwiegenden Teil der Otto-Bauer-Gasse ist ohnedies alles beim Alten geblieben:

Otto-Bauer-Gasse 7, VHS Veranstaltungszentrum, SPÖ Mariahilf, viele parkende Autos
Der untere Teil der Otto-Bauer-Gasse ist nicht umgestaltet worden

Wie selbst im 6. Bezirk immer noch der fahrende und ruhende PKW-Verkehr de facto bevorzugt wird, zeigt der folgende Abschnitt.

Mariahilf: Wenig Platz für viele Bewohner

Kaum Grünflächen

Mariahilf gehört zu den kleinsten Bezirken Wiens. Etwas über 30.000 Menschen leben auf einer Fläche, die über 70 Mal in die Donaustadt – den größten Bezirk – hineinpasst. Zugleich ist der 6. Bezirk einer der am dichtest bevölkerten Bezirke Österreichs. Hier leben zwölfmal so viele Einwohner pro Quadratkilometer wie in der Donaustadt.

Mit der enormen Dichte geht auch ein starker Druck auf den öffentlichen Raum einher – und der ist vielfach unattraktiv gestaltet: Weite Asphaltflächen, Parkplätze und Fahrbahnen dominieren. Ansprechende, helle Pflasterungen für Gehsteige sind selten. In vielen Straßen und Gassen gibt es nur wenige oder überhaupt keine Bäume. Nur etwa zwei Prozent des 6. Bezirks sind Grünflächen, während es in der Donaustadt über 50% sind.

Viele Fahrbahnen, wenige Fußgängerzonen

Der öffentliche Raum im 6. Bezirk wird zu einem Großteil für Fahrbahnen und Parkplätze genutzt. Nur 3,4 Prozent der gesamten Verkehrsfläche sind Fußgängerzonen.

Wenige Autos

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag: Es gibt in Mariahilf vergleichsweise wenige PKW. In kaum einem anderen Bezirk Österreichs ist der Motorisierungsgrad niedriger als zwischen Mariahilfer Straße und Wienzeile.

Trotzdem ist der öffentliche Raum fast überall auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet. Parkende Fahrzeuge neben immerhin bis zu 15 m² öffentlichen Raum ein und sind rund 23 Stunden am Tag “Stehzeuge”.

Mehr Einwohner - weniger PKW

Seit Jahren sinkt die Zahl der PKW im 6. Bezirk, während die Bevölkerung gleichzeitig wächst. Die zentrale Lage und die gute Erreichbarkeit mit der U-Bahn dürften Gründe dafür sein, warum immer mehr Bezirksbewohner auf ein eigenes Auto verzichten. Auch das geänderte Mobilitätsverhalten jüngerer Menschen kommt wohl in dieser Statistik zum Tragen.

Teures Wohnen, günstiges Parken

Der öffentliche Raum in Wien ist fest in der Hand der PKW. Breite Fahrbahnen, flaniert von Parkspuren, bilden den unangefochtenen Standard. Selbst in den wenigen Begegnungszonen wie in der Otto-Bauer-Gasse, teilweise aber auch in der Rotenturmstraße, gibt es Parkplätze auf öffentlichem Grund. Dabei haben 45% der Wiener Haushalte überhaupt kein Auto.

Im Verhältnis zum Wohnen ist das Abstellen privater Fahrzeuge auf öffentlichem Grund geradezu billig. Hier eine sehr vereinfachte Rechnung:

  • Rund 12 m² öffentlichen Raum benötigt ein abgestelltes Fahrzeug.
  • Umgerechnet 83 Cent pro Monat kostet der Quadratmeter öffentlicher Raum für das Abstellen von Fahrzeugen (pro Monat kostet das Parkpickerl 10 Euro).
  • Wohnen in Mariahilf kostet durchschnittlich rund 16 Euro pro Quadratmeter pro Monat.
  • Das Parken ist im 6. Bezirk rund 19 Mal so billig wie das Wohnen.
  • Nur jeder dritte Bewohner des 6. Bezirks besitzt ein Auto.
Otto-Bauer-Gasse, Vergleich zwischen Quadratmeterpreisen für Wohnen und Parken, Wien
So viel kosten eine Wohnung bzw. das Parken im öffentlichen Raum pro Monat im 6. Bezirk (vereinfacht)

Zudem gilt für die Otto-Bauer-Gasse:

  • Auf nur 125 Metern Länge wurde eine Begegnungszone eingerichtet.
  • Fast zwei Drittel der Gasse sind gar nicht umgestaltet worden. 
  • Das Straßennetz im 6. Bezirk hat eine Gesamtlänge von 19.591 Metern.
  • Die Begegnungszone in der Otto-Bauer-Gasse macht nur 0,6% des gesamten Mariahilfer Straßennetzes aus.

Otto-Bauer-Gasse 21: Aus Geschäft wird Garage

Die große Bedeutung, die das eigene Auto für viele Menschen in Österreich hat, wird vielleicht auch an folgendem Beispiel deutlich: Im Haus Otto-Bauer-Gasse 21 war lange Zeit eine Änderungsschneiderei. Das Geschäft gibt es jetzt nicht mehr. Stattdessen wurde das Erdgeschoß zu einer Garage umfunktioniert.

Klimawandel: Es wird ungemütlich

Wien ist eine jener Städte Europas, in denen die Durchschnittstemperatur am meisten ansteigen wird. Extrem heiße Sommer sind künftig Normalität. Auf der Karte unten ist zu sehen, dass der 6. Bezirk schon jetzt überdurchschnittlich stark von Hitze betroffen ist.

Hitzekarte für Wien, 6. Bezirk hervorgehoben
Hitzekarte: Rot = Abkühlung am dringendsten nötig

So, wie der öffentliche Raum derzeit überwiegend gestaltet ist, sind wir auf die nächsten Jahrzehnte nur schlecht vorbereitet: Der allgegenwärtige dunkle Asphalt versiegelt die Böden und speichert die Hitze, sodass es nachts keine Abkühlung mehr gibt. Die Anzahl der Tropennächte steigt, die negativen gesundheitlichen Folgen werden größer.

Durch mehr Grünflächen („Entsiegelung“), helle Pflasterungen und mehr Bäume können die Auswirkungen des Klimawandels zumindest abgemildert werden.

Nächster Schritt: Gumpendorfer Straße?

Königsegggasse und Otto-Bauer-Gasse sind fertig. Als nächstes könnte die Gumpendorfer Straße an der Reihe sein. In der durch den ganzen Bezirk verlaufenden Geschäfts- und Lokalmeile beherrschen einmal mehr Asphalt und motorisierter Individualverkehr den öffentlichen Raum. Bäume und Grünflächen gibt es nahezu überhaupt keine. Auch der Lärmpegel ist vergleichsweise hoch, denn die dichte Bebauung und zum Teil schmalen Straßenquerschnitte reflektieren den Schall. Und dauerhafter Lärm kann krankmachen.

Verkehr auf der Gumpendorfer Straße, 6. Bezirk, Wien
Gumpendorfer Straße: Transitroute durch den 6. Bezirk

Allzu einfach dürften die Diskussionen und Planungen zu einem Umbau nicht werden, denn der ehrgeizige Plan der Grünen, die Straße auf ganzer Länge zu einer Begegnungszone umzugestalten und den Durchfahrtsverkehr einzudämmen, stößt auf starken Widerstand bei den anderen Parteien. Die SPÖ, die den Bezirksvorsteher stellt, präferiert ein Beteiligungsverfahren mit der Bevölkerung, ebenso die NEOS. Die ÖVP spricht sich klar für den Erhalt der „zentralen Verkehrsader“ aus. Wer immer sich am Ende durchsetzen wird, eines ist klar: Der öffentliche Raum war und ist eine umkämpfte Zone.

Kontakte zu Stadt & Politik

www.wien.gv.at
post@bv06.wien.gv.at
+43 1 4000 06110

Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen und weitere Infos

  • Laut Presseaussendung hat der Umbau der Otto-Bauer-Gasse 1,15 Mio. Euro gekostet.
  • Der 6. Bezirk ist 145,5 Hektar (1,455 km²) groß, der 22. Bezirk 10.229,9 Hektar (102,299 km²). Siehe die Infos über die Wiener Bezirke.
  • 70,3-mal passt der 6. Bezirk in den 22. Bezirk (in Bezug auf die Fläche).
  • 2019 wohnten 31.864 Personen im 6. Bezirk und 191.008 im 22. Bezirk (Bevölkerung nach Bezirken).
  • Daraus errechnete Bevölkerungsdichte: 21.900 (6. Bezirk) und 1.867 Einwohner pro Quadratkilometer (22. Bezirk).
  • Die Bevölkerungsdichte im 6. Bezirk ist etwa 11,7-mal höher als in der Donaustadt.
  • In Mariahilf gibt es 3 Hektar Grünflächen (Stadtgebiet nach Nutzungsklassen, Zahlen von 2018). Das sind 2% der Gesamtfläche des Bezirks. 5.607,7 Hektar der Donaustadt sind Grünflächen (54,85% der Gesamtfläche).
  • Der angegebenen Verteilung der Verkehrsflächen liegen Daten von 2018 (also vor der Umgestaltung der Königsegggasse) zugrunde.
  • Die Zahl der PKW pro Einwohner ist beim VCÖ und der Statistik Austria finden.
  • Die für die Berechnungen herangezogenen Flächen der Bezirke Baden und Waidhofen an der Thaya sind von aeiou.at entnommen, die Bevölkerungszahlen von citypopulation.de.
  • Mietpreise: Im 6. Bezirk kostet ein Quadratmeter durchschnittlich 16 Euro pro Quadratmeter (Februar 2020, siehe immopreise.at).
  • Das Parkpicklerl im 6. Bezirk kostet pro Jahr 120 Euro (siehe: Kurzparkzonen).
  • Bei den Berechnungen Mietpreise vs. Parkgebühren sind zusätzliche Kosten (Versicherung, Sprit, Anschaffungskosten, Nova bzw. Versicherung für die Wohnung, Kosten für Strom und Heizung, Öffi-Preise, Kosten für Dinge des täglichen Bedarfs usw.) nicht berücksichtigt.
  • Die Otto-Bauer-Gasse ist etwa 350 Meter lang (Berechnung via Flächenwidmungsplan). 35% davon (125 Meter) sind Begegnungszone.
  • Wien wird z.B. laut ORF stark vom Klimawandel betroffen sein.
  • Zu den Reaktionen auf die Umgestaltungspläne der Grünen für die Gumpendorfer Straße siehe Kurier vom 22.1.2020.
  • Zur Kritik der ÖVP an den Plänen zur Gumpendorfer Straße siehe Presseaussendung vom 22.1.2020.

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