Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Leiner-Haus: Verpasste Chance

Der “Leiner” in der Mariahilfer Straße steht vor dem Abriss – trotz erst 2018 verschärftem Gesetz gegen Hausabbrüche. Ein neues Kaufhaus nach Plänen eines weltberühmten Architekturbüros soll gebaut werden. Dabei hätte das traditionsreiche Gründerzeitgebäude alles, was es für ein spannendes Wiener Kaufhaus braucht. Doch die Chance, dem Leiner-Haus seinen alten Glanz wiederzugeben, wird nicht genutzt.

Das "Leiner-Haus" im Wandel der Zeit: Um 1900 vs. 2019

Immo-Imperium schlägt zu

Signa kleckert nicht. Binnen weniger Jahre hat der Tiroler Investor René Benko ein riesiges Immobilienunternehmen aufgebaut und die Grenzen Österreichs dabei schon längst überschritten. Hierzulande ist vor allem die Übernahme des KaDeWe breit rezipiert worden. Das legendäre Berliner Kaufhaus des Westens ist auch Vorbild für den geplanten Einkaufstempel in der Mariahilfer Straße. Doch anstatt einer Renovierung, wie beim deutschen KaDeWe, soll das alte Wiener Gebäude weichen. Signa hat die riesige Immobilie erst 2017 erworben – mit tatkräftiger Unterstützung von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Justizminister Josef Moser, beide damals frisch im Amt, wie Addendum und zackzack berichteten.

Leiner-Haus: Innen und außen renoviert

Tradition per Abrissbirne

Für die Mariahilfer Straße hat Signa hochschießende Pläne: Ein “innovatives Traditions-Warenhaus”, eine “Begegnungsstätte mit Mix aus Shopping, Gastronomie, Hotel und konsumfreien Zonen” soll entstehen. Auf dem Dach sieht der Entwurf des Architekturbüros O.M.A von Pritzker-Preisträger Rem Koolhaas einen großen öffentlich zugänglichen Garten vor. Zudem sind zwei neue monumentale Eingänge geplant und vielleicht sogar ein Durchbruch zum Museumsquartier. Das neue “Landmark” soll alle Stücke spielen. 400 Millionen Euro lässt sich Signa den Neubau kosten. Politik und Medien jubeln.

Doch bedeuten die Neubaupläne vor allen auch eines: Den Abriss des alten Leiner-Hauses. Obwohl explizit von einem neuen “Traditions-Warenhaus” gesprochen wird, soll das vorhandene historische Gebäude nahezu restlos demoliert werden. Lässt sich Tradition so einfach aus dem Boden stampfen?

So soll das neue Kaufhaus aussehen (Rendering © O.M.A.)

Hinter den von Architekturbüro und Eigentümer präsentierten Superlativen verbirgt sich im Wesentlichen ein riesiger Klotz aus Glas, der die ortsübliche Häuserbreite und Materialität (verputzte Fassaden) gekonnt ignoriert. Ob Signa-Geschäftsführers Stadlhuber mit seinem “Anliegen, dass sich der Entwurf des Gewinner-Architekten gut in das Stadtbild integriert”, recht behalten wird? Immerhin wird die Fassade fast ausschließlich aus gewölbten Glaselementen bestehen, auch wenn die Visualisierung mehr an Naturstein denken lässt.

Doch wie innovativ und modern sind Glasfassaden, wo doch schon seit vielen Jahrzehnten oftmals uniforme Wolkenkratzer im rundum glänzenden Mantel hochgezogen werden? Wie nachhaltig ist es, ein solches Gebäude zu heizen und vor allem in den immer heißeren Sommern zu kühlen? Und wie sieht es mit der Langlebigkeit aus? Lassen sich solche Glashäuser in einigen Jahrzehnten überhaupt wirtschaftlich sinnvoll renovieren, oder werden sie dann gleich wieder abgerissen, wie so viele Bürogebäude der 1960er bis 80er heute?

Und könnte der geplante Neubau nicht genauso in jeder anderen beliebigen Stadt stehen?

Leiner-Haus erhaltenswert?

Bei Abrissen alter Gebäude haben Stadt und Behörden etwas mitzureden. Einerseits fällt das Leiner-Haus durch sein Alter (Baujahr 1895) unter das erst 2018 verschärfte Gesetz zum Schutz historischer Gebäude. Andererseits befindet sich das Haus in einer Schutzzone, die das für Wien typische Stadtbild vor Abbrüchen schützen soll. Erst wenn kein “öffentliches Interesse” am Erhalt besteht, dürfen die Abbruchbagger auffahren. Dieses öffentliche Interesse bezieht sich im Wesentlichen auf den Zustand und die Bedeutung der Fassade. Hier kommt der kritische Punkt: Die Fassade des Leiner-Hauses ist nicht mehr ganz im Originalzustand. Anders als das alte Stiegenhaus im Inneren wurde das Äußere im Laufe der Zeit verändert. Trotzdem ist die Bausubstanz noch weitgehend original und sogar frisch renoviert. Auch die alte Gliederung der Fassade ist nach wie vor deutlich zu erkennen.

Abriss kann verhindert werden

Die Behörden können auch bereits fix eingeplante Abrisse durchaus verhindern. So wurde 2018 der Abbruch des Gründerzeithauses Liechtensteinstraße 100-102 (Foto unten links) untersagt. Dieses Gebäude bleibt erhalten und wird derzeit saniert.

Doch beim Leiner-Haus wird es schwieriger: Stadtregierung und Opposition befürworten den Neubau. Dass sich nun einige Magistratsbeamte – zuständig ist die zu Vizebürgermeisterin Birgit Hebein gehörende MA 19 – gegen die Rathauskoalition stellen und die Zustimmung zum Abriss verweigern, erscheint wenig wahrscheinlich, müssten sie doch quasi gegen ihre direkten Vorgesetzten agieren. Der daraus resultierende politische Druck wäre entsprechend hoch, zumal ein Unternehmen mit einem Immobilienvermögen von rund 14 Milliarden Euro, das seit neuestem auch Miteigentümer von Kurier und Krone ist, hinter den Neubauplänen steht.

Trotz allem ist es rein rechtlich möglich, dem Abbruch die Zustimmung zu verweigern. Und das ließe sich auch durchaus begründen, wurden doch schon wesentlich stärker veränderte und umgebaute Häuser neu in die Schutzzone aufgenommen, um sie langfristig vor Abbrüchen zu schützen.

In dubio pro destructione

In dieser Hinsicht ist ein ähnlicher Fall interessant, ebenfalls in der Mariahilfer Straße: Das sogenannte “blaue Haus“, ein Gründerzeithaus aus dem späten 19. Jahrhundert, wurde 2019 abgerissen (Foto oben rechts) um Platz für ein Möbelhaus zu schaffen. Die Basis dafür bildete ein privates Gutachten, das dem Haus seine Erhaltungswürdigkeit absprach. Die Magistrate folgten diesem Gutachten, welches übrigens aus der Feder eines Architekturbüros stammte, das die Stadt Wien wiederholt zu seinen Auftragnehmern zählt(e). Wie auch beim Leiner-Haus standen Stadtregierung und Opposition hinter dem Abriss. Hätte sich eine kleine Magistratsabteilung wirklich gegen die Übermacht von Stadtregierung und Eigentümer IKEA stellen können?

So scheint das Schicksal des Leiner-Hauses fast schon besiegelt. Nur ein kleiner Teil der Fassade an der Mariahilfer Straße 12-16 wird definitiv bestehen bleiben (Fotos unten), der Rest soll weg.

Rekonstruktion statt Abriss!

Im frühen 20. Jahrhundert war Wien eine Stadt der Kaufhäuser. Von den Traditionshäusern ist bis heute nicht viel übrig, woran der 2. Weltkrieg, der Nationalsozialismus und die Enteignungen der oftmals jüdischen Eigentümerfamilien einen großen Anteil haben. Einer der wenigen verbliebenen Namen ist Gerngross, wenngleich es das prachtvolle Kaufhaus von 1904 (Architektur: Fellner & Helmer) in dieser Form heute nicht mehr gibt.

Längst vergessen ist das Warenhaus Zur großen Fabrik von Stefan Esders. Und doch steht das Gebäude noch – nämlich als “Leiner”. Geht es nach den Plänen von Signa, wird auch dieses alte Wiener Kaufhaus bald Geschichte sein. Doch ist ein Totalabriss wirklich nötig? Ist nicht noch genug alte Bausubstanz vorhanden, um einen anderen Weg gehen zu können? Könnte das Haus nicht nach historischen Plänen wiederhergestellt werden?

Dass Rekonstruktion funktioniert, beweist das Beispiel Berlin, wo ein ganzes Schloss wiederhergestellt wird. Auch in FrankfurtDresden und Warschau werden Altstädte von Grund auf rekonstruiert. Über die Sinnhaftigkeit des Wiederaufbaus ganzer Stadtteile wird sich streiten lassen, doch wäre das im Fall des Leiner-Hauses auch gar nicht nötig. Nur ein wenig Fassadenschmuck und fertig ist das neue alte Haus. Und zweifellos günstiger als ein kompletter Neubau. Renoviert ist es ohnehin schon. Wäre also nicht ein Kompromiss zwischen Alt und Neu denkbar, anstatt einfach alles niederzureißen?

Ein Vorschlag: Die prominente Front zur Mariahilfer Straße ist für das Stadtbild von besonderer Bedeutung und könnte nach den Originalplänen rekonstruiert werden. Dafür würde sich der lange Gebäudeteil in der schmalen Seitengasse für einen Neubau eignen. Der geplante Dachgarten wäre weiterhin möglich, ebenso die großen neuen Eingangsportale. Dann ließe sich auch das gut erhaltene Stiegenhaus im Inneren retten. So würde Signa wirklich an eine Alt-Wiener Tradition anknüpfen.

Politik: Kein Interesse am Erhalt

In den 1980ern hat Bürgermeister Helmut Zilk den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Gebäudes Schwarzenbergplatz Nr. 3 nach alten Plänen durchgesetzt. Eine solche Initiative ist heute weit und breit nicht zu erkennen. Die Stadtregierung scheint sich der Option einer Rekonstruktion nicht einmal bewusst zu sein. Und so bleibt wohl auch die Chance, dem Leiner-Haus seinen ursprünglichen Glanz zurückzugeben, ungenutzt. 2020 dürfte des Abriss beginnen. Trotz Schutzzone und trotz erst 2018 verschärftem Gesetz zum Schutz alter Gebäude.

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