Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Ein Jahr wohnen ohne Dach

Juni 2018: Eine beispiellose Abrisswelle rollt über Wien. Das “Sperl-Haus” im 4. Bezirk wird abgerissen. Ein historisches jüdisches Bad in der Leopoldstadt fällt der Abrissbirne zum Opfer. Ein riesiger Historismus-Bau am Gürtel verschwindet. Unzählige weitere Häuser werden binnen Tagen zu Schutt. Der absolute Höhepunkt: Der teilweise Abbruch eines bewohnten Hauses im 3. Bezirk. – Ein Rückblick auf einen spektakulären Fall von Spekulation, der bis heute nicht ausgestanden ist.

Teilabriss 2018: Radetzkystraße 24-26 (3. Bezirk)
Radetzkystraße 24-26 im 3. Bezirk (erbaut 1847-1849)

Seltenes Schmuckstück in neugotischem Baustil

Das alte Wohnhaus im 3. Bezirk an der Kreuzung Radetzkystraße/Dampfschiffstraße, gleich bei der Franzensbrücke, sticht ins Auge: Heute durch ein hohes Gerüst, das den Bewohnern den Ausblick erschwert. Und bis zum Juni letzten Jahres durch den markanten Turm, der durch den Abriss zum Teil demoliert wurde.

Die auffällige Fassade verweist auf den frühen Historismus des 19. Jahrhunderts und damit auf die beginnende Gründerzeit, die Wien bis heute so maßgeblich prägt. Architekt Josef Kastan (1795-1861) gestaltete das große dreiseitige Zinshaus im Stil der Neugotik – ein Baustil, in dem auch das Wiener Rathaus und das Palais Ferstel errichtet wurden. Geboren in Böhmen als Sohn eines Maurermeisters kam Kastan Anfang des 19. Jahrhunderts nach Wien, wo er erst Bauzeichner, dann Baumeister wurde und Pläne für zahlreiche Wohnhäuser lieferte, von denen viele noch erhalten sind.

Nicht mehr erhalten ist das Kaffee Urania, das sich bis 2016 im Erdgeschoß des Gebäudes in der Radetzkystraße befand. Seit dem Tod des langjährigen Betreibers steht das Lokal leer.

Spekulation bahnt sich an

Mehrmals wurde das Gebäude in den letzten Jahren um Millionenbeträge verkauft. Dabei musste jedem neuen Eigentümer bewusst gewesen sein, dass in dem Haus Personen mit unbefristeten Mietverträgen wohn(t)en und ein Abriss daher nicht ohne weiteres möglich sein würde. Da viele Wohnungen leer standen (und stehen), wäre eine Sanierung mit Dachausbau und anschließendem Verkauf der Wohnungen ohne Probleme möglich gewesen. Doch die Pläne dürften anders ausgesehen haben.

2015 sollen erstmals Bewohner zum Auszug gebracht worden sein, wie eine Mieterin gegenüber den Grünen schilderte. Auch habe ein Eigentümer Personen gezielt neu einquartiert, um den verbliebenen Mietern das Leben schwerzumachen. Auch die Polizei sei vor Ort gewesen.

Schon 2017 war “das Haustor defekt und trotz mehrmaliger Urgenz bei der Hausverwaltung wurde dieses nicht repariert. Fremde konnten sich im Haus aufhalten und es kam auch zu einem Gewaltdelikt im Stiegenhaus. Die BewohnerInnen fühlen sich in ihrem sicheren Wohnen eingeschränkt”, wie auf der Webseite der Grünen zu lesen ist. Bereits damals war das Haus monatelang eingerüstet. Eine Maßnahme um das Haus zu “entmieten”?

Radetzkystraße 24-26 - 18.6.2018
Radetzkystraße 24-26 (rechts) vor dem Teilabriss

Kein Schutz gegen Abriss

Geschützt vor dem Abriss war das Haus lange Zeit nicht: Bedingt durch Kriegsschäden und vereinfachten Wiederaufbau erfüllte es die strengen Auflagen des Denkmalschutzes nicht. Auch in die Schutzzone, die historische Gebäude langfristig erhalten kann, wurde es nicht aufgenommen: “2016 hat die MA 19 [Magistratsabteilung für Architektur] die vom Bauausschuss verlangte Eingliederung des Objektes in die Schutzzone abgelehnt”, erklärte Bezirksrat Alfred Strasser (FPÖ) gegenüber der Bezirkszeitung.

Der Grund ist wohl, dass der Schutzzonen-Paragraph bis zu einer Gesetzesänderung 2018 zu restriktiv formuliert war, um auch das Haus in der Radetzkystraße berücksichtigen zu können. So mussten über Jahrzehnte hinweg viele Häuser in ganz Wien ohne Schutzzone bleiben – mit verheerenden Folgen.

Radetzkystraße Schutzzone
Radetzkystraße 24-26: Nicht in der Schutzzone

Totale Eskalation im Juni 2018

Im Frühjahr 2018 kündigte die rot-grüne Rathauskoalition an, das Gesetz zum Schutz historischer Gebäude zu verschärfen. Die Ankündigung führte zu hektischen Abrissen in ganz Wien, da Immobilienunternehmen noch schnell ihre Altbauten abreißen wollten, um der Gesetzesänderung zuvorzukommen.

Auch der Eigentümer des Hauses in der Radetzkystraße wurde nervös: Binnen kürzester Zeit verschwand das Haus hinter einem hohen Gerüst. “Nun wird befürchtet, dass der Eigentümer schwer rückgängig zu machende Tatsachen schafft und vielleicht die Fassade am Eckturm demolieren will”, so die Initiative Denkmalschutz, die zusammen mit Bewohnern und Lokalpolitikern für den Erhalt des Hauses demonstrierte. Auch eine offizielle Petition gegen den Abriss wurde gestartet.

„Ich war geschockt, fand die Presslufthammer über meinem Kopf wie eine Körperverletzung. Selbst der Kranführer wundert sich, daß das Haus bewohnt ist“, berichtete eine Bewohnerin den Grünen. Da hatte der Abbruch längst begonnen.

In weniger als zehn Tagen wurden das Dach und ein ganzes Stockwerk demoliert – während darunter noch 25 Menschen wohnten (und wohnen). Die Fenster aller unbelegten Wohnungen wurden herausgerissen. Auch der historische Turm mit seiner aufwändigen Fassadengestaltung litt heftig unter dem Abriss. Teile der 170 Jahre alten Ornamente wurden komplett abgeschlagen und sind bis heute nicht rekonstruiert.

Der Abriss war nach damaliger Gesetzeslage übrigens legal möglich: „Es wurde ein Gesamtabriss eingereicht. Wohnen noch Menschen in dem Haus, dann darf nur so viel abgerissen werden, wie zumutbar ist“, hieß es aus dem Büro von Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal.

Neues Gesetz stoppt Abriss

Erst am 30. Juni 2018 – der Termin für die Gesetzesänderung wurde kurzerhand vorverlegt – endeten die Abbrucharbeiten. Das neue Gesetz gegen Abrisse historischer Gebäude war in Kraft getreten – mit den Stimmen von SPÖ, Grünen und FPÖ. ÖVP und NEOS stimmten dagegen.

“Mit dem Beschluss im Landtag stellen wir sicher, dass kein historisch wertvolles Gebäude ohne Prüfung durch die Stadt abgerissen werden kann, nur weil es nicht in einer Schutzzone steht“, so Stadträtin Maria Vassilakou (Grüne).

Teilabriss 2018: Radetzkystraße 24-26 (3. Bezirk)
Der neugotische Turm wurde sukzessive demoliert.

Gebäude erhaltenswert!

Schon wenige Tage später kam die Erleichterung: Die Magistratsabteilung für Architektur hält das Gebäude für erhaltenswert. Das neue Gesetz zeigte Wirkung. Der weitere Abbruch wurde untersagt, doch das war erst der Anfang unzähliger Klagen, u.a. vonseiten der Mietervereinigung.

Auch im Landstraßer Bezirksparlament gingen im September 2018 die Wogen hoch: Die Grünen forderten eine Schutzzone für das Gebäude. Die FPÖ wiederum verlangte Aufklärung darüber, warum das Haus 2016 nicht in die Schutzzone aufgenommen wurde.

Haus ohne Dach

In den Monaten nach dem gestoppten Abriss kam es immer wieder zu massiven Probleme wegen des fehlenden Daches. Wasser trat ein und verursachte Schäden an Zwischendecken und Mauern: „Es ist schrecklich, das Wasser kommt runter, die Mauer ist feucht (…) Es tropft die ganze Nacht“, wie ein Mieter gegenüber dem ORF schilderte.

Auch in der Wohnung einer 94-jährigen Frau kam das Wasser durch die Decke. Die Feuerwehr musste verständigt werden. Die Mieterhilfe versicherte, dass die Erhaltungspflicht für den Eigentümer immer noch gelte und eingefordert werde. Erst viele Monate später war das Haus wieder dicht und gegen Regen geschützt.

“Organisierte Altbauvernichtung”

Der Fall Radetzkystraße war auch Anlass für eine parlamentarische Anfrage von Ruth Becher (SPÖ). Unter dem Titel “Organisierte Altbau-Vernichtung” führte die SP-Bautensprecherin eine Reihe von Liegenschaften an, die alle ganz oder teilweise demselben Eigentümer gehören. In mehreren Fällen ist der Bauträger nach dem Muster Abriss mit anschließendem Neubau vorgegangen – etwa in der Baumgasse im 3. Bezirk und in der Moissigasse in Kaisermühlen (Fotos unten). Die Frage, ob Ermittlungen im Sinne einer “Kriminellen Vereinigung” laufen, verneinte der damalige Innenminister Herbert Kickl (FPÖ).

Gesetz und Behörden streng genug?

Noch im Jänner 2019 erklärte die Baupolizei gegenüber dem ORF, dass noch nicht einmal klar ist, ob das Haus in der Radetzkystraße nicht doch noch abgerissen werden könnte. Inwiefern die Baupolizei wirklich über Mittel verfügt, Abrisse effektiv zu verhindern und einen guten Erhaltungszustand einzufordern, erscheint fraglich.

So sind bei Übertretungen der Bauordnung maximal 100.000 Euro Strafe vorgesehen. Bei einem Quadratmeterpreis von über 6000€ für Wohnungen im 3. Bezirk entspricht dieser Strafrahmen – vereinfacht gesagt – knappen 17 m² verkaufter Wohnfläche.

Zum anderen ist unklar, inwieweit die laut Bauordnung geltende “Erhaltungspflicht” exekutiert wird bzw. werden kann. Die Erhaltungspflicht sieht vor, “dass die Bauwerke in gutem, der Baubewilligung und den Vorschriften dieser Bauordnung entsprechendem Zustand erhalten werden.“ Trotzdem darf beispielsweise die historische Kinderklinik des AKH allmählich verfallen, obwohl sie noch genutzt wird.

Insofern dürfte es vor allem der rechtlich stark verankerte Mieterschutz sein, der das Wohnhaus in der Radetzkystraße letztlich retten könnte. In jedem Fall braucht es weiterhin öffentliche Aufmerksamkeit, eine an der Altstadterhaltung interessierte Politik und eine aktive Zivilgesellschaft, damit Fälle wie in der Radetzkystraße künftig nicht mehr vorkommen. Daher muss auch das verschärfte Gesetz gegen Abrisse unbedingt bestehen bleiben – auch gegen Widerstände aus Immobilienwirtschaft und Teilen der Politik.

Wie könnte es weitergehen?

Ob und wann mit einer Sanierung zu rechnen ist und wie diese aussehen könnte – darüber ist bisher nichts bekannt. Unklar ist auch, ob die Behörden einen Wiederaufbau des Turms und seiner Fassade durchsetzen können. Die verbliebenen Bewohner müssen in der Zwischenzeit weiter ausharren.

Trotz allem dürfte die Liegenschaft immer noch einen hohen Wert haben: Viele Wohnungen stehen leer und können saniert und verkauft werden. Ein umfangreicher Dachausbau könnte weiteren Wohnraum schaffen. Ohnehin schnellen die Immobilienpreise Jahr für Jahr weiter in die Höhe. So ließe sich auch eine Rekonstruktion des Turms und seiner Ornamente finanzieren. Und angesichts der schweren Schäden, die die Abrissarbeiten hinterlassen haben, wäre es vielleicht an der Zeit, auf die ganz alten Pläne aus dem 19. Jahrhundert zurückzugreifen und dem Haus sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben. Als Ausgleich für den halben Abriss.

Hinweis: Ein Gerichtsbeschluss fordert, dass das Gebäude wiederhergestellt werden muss. Ob der Eigentümer Rekus anmeldet, ist noch nicht bekannt. (Aktualisiert am 7.7.2019)

Verschärftes Gesetz gegen Abrisse

Neu: Für Abrisse vor 1945 erbauter Häuser braucht es jetzt eine Zustimmung der Magistratsabteilung für Architektur (MA 19). Abrisse sind nur noch dann erlaubt, wenn kein “öffentliches Interesse” im Sinne des Stadtbildes besteht.

Früher: Vor Juni 2018 galt diese Genehmigungspflicht für Abrisse nur innerhalb von Schutzzonen. Dadurch sind über Jahre hinweg unzählige erhaltenswerte Häuser abgerissen worden, da es immer noch viel zu wenige Schutzzonen gibt.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Wie genau feststellt wird, wann ein Haus abgerissen werden darf und wann nicht, bleibt unklar. Beispielsweise wurde im Fall des “blauen Hauses” ein privates Gutachten akzeptiert, das dem Gründerzeithaus seinen Wert absprach. Es durfte zugunsten eines Möbelhauses abgerissen werden. Auch ist in vielen Fällen unklar, wie die Magistrate entscheiden, denn Bekanntgaben der als erhaltenswert und nicht erhaltenswert beurteilten Häuser gibt es nicht. Daher lässt sich auch nicht genau feststellen, welche Häuser durch das neue Gesetz gerettet werden konnten.

Schutzzonen beziehen sich auf eine Anzahl von Gebäuden, die im Sinne eines historischen Ensembles zusammengehören. Die Schutzzonen sollen das gewachsene Stadtbild vor der Zerstörung bewahren. Dieser Ensembleschutz ist rechtlich beim Bundesland Wien angesiedelt und kann daher auch von der Stadtregierung geändert werden. Die Schutzzonen ergänzen also den Denkmalschutz, der Bundessache ist.

Neu: Auch Gebiete mit heterogenem Baubestand – beispielsweise Mischungen von Gründerzeithäusern, Biedermeierhäusern und Neubauten – können jetzt in eine Schutzzone kommen. Vereinfacht wird somit auch der Schutz der Nachkriegsarchitektur. Schutzzonen sind von besonderer Bedeutung, da auch alle Ziergegenstände und Fassadenelemente gegen grobe Veränderung und Entfernung geschützt sind.

Früher: Bis Juni 2018 mussten Gebäude innerhalb von Schutzzonen stilistisch sehr ähnlich sein und in unmittelbarer Nähe zusammenstehen. Dadurch konnten viele Gebäude – auch das Haus in der Radetzkystraße – nicht in die Schutzzone kommen.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Auch bei rezenten Erweiterungen von Schutzzonen wurden etliche gut erhaltene Häuser nicht berücksichtigt (Beispiel: Kaisermühlen). Auch werden Häuser z.T. aus der Schutzzone wieder herausgenommen, etwa in Mariahilf oder Kalksburg. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Neu: Die sogenannte “technische Abbruchreife” wird verschärft. Das heißt: Erhaltenswerte Häuser dürfen nur noch dann abgerissen werden, wenn die Erhaltung unwirtschaftlich oder technisch unmöglich ist.

FrüherBislang ließen sich Gebäude – auch in Schutzzonen – oft mit dem Argument der “technischen Abbruchreife” abreißen. Laut Initiative Denkmalschutz genügten privaten Gutachten, um solche Abrisse durchzusetzen.

Verbesserungsbedarf und offene Fragen: Wie die Baupolizei im Einzelfall feststellt, ob ein Gebäude abbruchreif ist oder nicht, ist weiterhin nicht transparent. Neutrale Beobachter – beispielsweise NGOs – haben keine Parteienstellung bei Abbruchverfahren. Wie und wann die Baupolizei tatsächlich den Erhaltungszustand von Gebäuden kontrolliert und Bauaufträge erteilt, um die Abbruchreife abzuwenden, ist kaum feststellbar. Die Nichtdurchsetzung der Erhaltungspflicht führte bereits zu zahlreichen Abbrüchen. Beispiel: Das Gründerzeithaus Bauernmarkt 21 im 1. Bezirk konnte so lange verfallen, bis der Eigentümer es 2017 abreißen durfte – trotz Schutzzone und UNESCO-Weltkulturerbe.

Wie stimmten die Parteien ab?

Eingebracht von: SPÖ, Grüne

Dafür: SPÖ, Grüne, FPÖ

Dagegen: ÖVP, NEOS

Beschlossen am 28.6.2018 im Wiener Landtag. Details siehe Kasten oben.

Antrag eingebracht von: Grüne

Dafür: Grüne, SPÖ, FPÖ, Wien Anders

Dagegen: ÖVP, NEOS

Beschlossen in der Bezirksvertretung Landstraße am 28.9.2018. Hinweis: Es handelt sich noch nicht um die tatsächliche Festsetzung einer Schutzzone, sondern nur um den Wunsch des Bezirks. Damit eine neue Schutzzone eingerichtet werden kann, muss erst der Flächenwidmungsplan überarbeitet werden. Solche Vorgänge brauchen oft ein Jahr oder länger.

Eingebracht von: FPÖ

Dafür: FPÖ, SPÖ, Grüne, ÖVP, NEOS, Wien Anders (einstimmig)

Der Antrag der FPÖ in der Bezirksvertretung Landstraße bezieht sich auf eine Schutzzonen-Erweiterung im Jahr 2016, bei der das Haus in der Radetzkystraße 24-26 nicht berücksichtigt wurde. Wie oben angedeutet dürfte der bis zum Juni 2018 gültige, zu restriktiv formulierte Schutzzonen-Paragraph dafür verantwortlich sein. Da das Haus bedeutend älter ist als die umgebende Bebauung lag nach dem alten Gesetz wohl kein Ensemble für eine Schutzzone vor. Künftig sollte dieses Problem nicht mehr auftreten.

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