Vom Gasthaus zur Ruine, von der Ruine zum Schutthaufen

Das „Sperl-Haus“ im 4. Bezirk ist eines der prominentesten Opfer der Abrisswelle von 2018. Der Fall des in Windeseile demolierten Biedermeierhauses mit seinem Traditionsrestaurant führt vor Augen, wie hoch der wirtschaftliche Druck auf viele Altbauten inzwischen ist. Wenn schon in den Außenbezirken der Reihe nach historische Gründerzeithäuser durch Neubauten ersetzt werden, verwundert es kaum, dass in den Innenbezirken noch härteren Bandagen aufgezogen werden.

Die Karolinengasse – hier ist bzw. war das „Sperl“ – befindet sich ganz im Süden des 4. Bezirks. Die Lage könnte nicht besser sein: Hauptbahnhof, Schloss Belvedere, Karlsplatz – alles in Gehweite. Entsprechend entwickeln sich die Wohnungspreise. Häuser werden saniert, teure Dachausbauten entstehen, und wo es sich einrichten lässt, wird abgerissen.

Abriss des Biedermeierhauses Karolinengasse 13, ehemaliges Restaurant "Sperl", Wien-Wieden
Im Jänner 2019 ist vom "Sperl-Haus" (Karolinengasse 13) nicht mehr viel übrig.

Traditionsgasthaus schließt nach 93 Jahren

Schnell ist es gegangen. So schnell, wie es kaum jemand erwartet hätte. Am 18. Juni verkündet der Eigentümer des bekannten Restaurants das Aus. Vier Tage später ist die Gaststätte für immer geschlossen. Auf der Facebook-Seite des Restaurants verweist Inhaber Karl Sperl auf die Bürokratie, die ihm zu schaffen gemacht habe: Allergenverordnung, Raucher-Nichtraucher-Regelung, Lohnnebenkosten, strenge behördliche Auflagen und so weiter.

Gelohnt hat sich der Verkauf auf jeden Fall: Knapp 6 Millionen Euro soll eine Immobilienfirma für das Haus auf den Tisch gelegt haben.

Schon wenige Tage nach der endgültigen Schließung fahren die Abrissbagger auf und machen kurzen Prozess mit dem 1826 erbauten Biedermeierhaus. Auch eine Demonstration von Vize-Bezirksvorsteherin Barbara Neuroth (Grüne) mit Anrainern und Grünen-Bezirksräten kann nichts mehr dagegen ausrichten.

"Sperl-Haus" vor dem Abriss, 1040 Wien
Ein paar Tage vor Abrissbeginn (Juni 2018)

Hohe Bauklasse macht Abriss attraktiv

Das „Sperl-Haus“ ist bedeutend älter und somit auch niedriger als die meisten Gebäude in der Umgebung. Gerade das wurde dem Haus zum Verhängnis: Da die maximal erlaubte Bauhöhe nicht ausgereizt ist, wurde der Abriss erst so richtig attraktiv. Warum haben die Behörden bei der letzten Planüberarbeitung im Jahr 2002 also nicht Bauklasse und Geschoßzahl an das historische Gebäude angepasst? Warum wurde keine Schutzzone verhängt?

Laut Immopreise.at kosten Eigentumswohnungen im 4. Bezirk durchschnittlich fast 6500 Euro pro Quadratmeter – etwa gleich viel wie in Döbling und deutlich mehr als in den meisten anderen Wiener Bezirken. „Der große Erfolg des Stadtentwicklungsgebiets Hauptbahnhof hat dem lange Zeit eher beschaulichen Geschehen neuen Schwung verliehen und den Markt auf ein Preisniveau gebracht, das besonders hochwertige Projekte ermöglicht“, so der Zinshaus-Marktbericht für 2018 von EHL. Vereinzelt seien sogar Quadratmeterpreise bis zu 14.000 Euro erzielt worden.

Gerade im südlichsten Bezirksteil macht sich das bemerkbar. Unzählige Dachausbauten und etliche Abrisse waren in den letzten Jahren zu beobachten. Das alte Haus in der Karolinengasse ist ein trauriger Höhepunkt.

Baupolizei erzwingt Abrissstopp

Mit Inkrafttreten der Bauordnungsnovelle Ende Juni 2018 stoppt die Baupolizei alle Abrissarbeiten in ganz Wien. Ab sofort braucht es eine Genehmigung, um alte Häuser abzubrechen. Damit wird eine jahrelange Forderung von Denkmalschützern umgesetzt.

Auch beim „Sperl-Haus“ ruhen die Abrissmaschinen. Doch nur mehr eine Ruine ist übriggeblieben. Das Dach und viele Fenster fehlen. Eine halbe Hausfront ist demoliert. Trotzdem befindet die zuständige Abteilung der Stadt Wien, dass das Haus erhaltenswert ist. Der weitere Abriss wird untersagt.

Bei den Abrissgegenern kommt leise Hoffnung auf. Für den Eigentümer bedeutet der Stopp eine Verzögerung und dass die Ruine bleiben muss. Im Hintergrund arbeiten schon die Gerichte.

Abriss des Biedermeierhauses Karolinengasse 13, ehemaliges Restaurant "Sperl", Wien-Wieden
Nach erstem Abriss (Juli 2018)

Abriss wird plötzlich fortgesetzt

Sechs Monate später in einer Nacht und Nebel-Aktion. In aller Frühe am 14.1.2019 fahren plötzlich wieder die Abrissbagger auf. Jetzt geht es der Ruine an den Kragen. Als wenige Stunden später die Baupolizei eintrifft, ist fast nichts mehr von dem Gebäude erhalten.

Bezirksvorsteherin Lea Halbwidl (SPÖ) meint dazu im Standard: „Ich finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will.“ Grünen-Bezirksrat Manfred Itzinger stellt fest, dass „sogar die Gefährdung der Bevölkerung in Kauf genommen [wurde]. Der Schutt stürzte auf den Gehsteig, ohne entsprechende Sicherungsmaßnahmen“.finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gestopptIch finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gestopptIch finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gestopptIch finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gestopptIch finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gestoppt

Der Eigentümer beruft sich laut Standard auf einen Beschluss des Verwaltungsgerichts Wien. Laut Baupolizei liegt aber ein Formalfehler vor. Der Abriss sei illegal. Die Behörden kündigen an, strafrechtlich gegen den Eigentümer vorzugehen. Von hohen Bußgeldern und einem Entzug der Gewerbeberechtigung ist die Rede. Einmal mehr sind die Gerichte am Zug.

Strafen zu gering?

Die höchste zulässige Strafe für nicht genehmigte Abrisse beträgt 100.000 Euro. Ungeachtet dem aktuellen Fall ist anzuzweifeln, ob eine solche Summe tatsächlich wirkungsvoll abschrecken kann. Umgerechnet auf die durchschnittlichen Immobilienpreise des 4. Bezirks entspricht das – vereinfacht gesagt – einem etwa 15 Quadratmeter großen Zimmer. Die Strafen dürften also zu verkraften sein. finde es empörend, dass ein Bauherr hier Fakten schaffen will – derstandard.at/2000096163750/Abbruch-eines-Wiener-Gruenderzeithauses-wurde-erneut-gest

Abriss des Biedermeierhauses Karolinengasse 13, ehemaliges Restaurant "Sperl", Wien-Wieden
Jänner 2019: Aus dem Haus ist ein Schutthaufen geworden