Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Ottakring: Gesetz am Prüfstand

Der 16. Bezirk boomt. Überall wird gebaut, renoviert und aufgestockt. Zugleich kommen alte Häuser massiv unter Druck. Jetzt könnte einem schmucken Gründerzeithaus der Abriss drohen, obwohl das Gesetz zum Schutz historischer Gebäude erst 2018 verschärft wurde. Ist es schon ein Jahr später wirkungslos?

Lienfeldergasse 27: Vor Abriss? (Foto: Nina Kreuzinger)

Willkommen im Abrissbezirk

Seit Jahren kennen die Immobilienpreise in Wien nur eine Richtung: Steil nach oben. Während Eigentum in den Bezirken innerhalb des Gürtels für viele kaum noch leistbar ist, sieht es im alten “Arbeiterbezirk” Ottakring noch anders aus. Zahlreiche Immobilienentwickler haben das erkannt und investieren kräftig, was die Preise auch zwischen Brunnenmarkt und Gallitzinberg allmählich in die Höhe treibt.

Die vielen Bauprojekte verändern das Bild des Bezirks rasant. Alte Häuser erstrahlen in neuem Glanz, ehemals graue Straßenzüge wirken herausgeputzt, an allen Ecken und Enden werden neue Wohnhäuser hochgezogen. Immo-Werbungen und Rathaus-Medien zeichnen eine schöne Welt, blenden destruktive “Nebeneffekte” aber gekonnt aus: Der wachsende wirtschaftliche Druck auf Altbauten lässt Bauträger wenig zimperlich mit dem baukulturellen Erbe umgehen. Neue Stockwerke werden achtlos auf niedrige Häuser geklotzt. Unförmige Dachausbauten prangen hoch über historischen Fassaden. Und selbst reich geschmückte und aufwändig gestaltete Gründerzeithäuser müssen schlichten Neubauten weichen.

Weniger als 3% aller Ottakringer Häuser sind durch Schutzzonen gegen Abrisse geschützt.

Gegen Abbrüche erhaltenswerter Gebäude kann die Stadt Wien Schutzzonen festlegen. Obwohl bereits seit 1996 bekannt ist, dass weite Teile des 16. Bezirks potentiell schützenswert sind, liegen aktuell nur 2,3% aller Gebäude innerhalb solcher Schutzzonen. Alleine im Jahr 2018 sind drei Häuser bei der Thaliastraße und ein Jugendstilgebäude in der Heigerleinstraße der Abrissbirne zum Opfer gefallen – wegen fehlender Schutzzonen.

Abgerissene Häuser in Ottakring - Beispiele

Der von der Stadt Wien festgelegte Bebauungsplan erlaubt oft viel höhere Bauhöhen, als die alten Häuser tatsächlich hoch sind. Das begünstigt Abrisse und die Errichtung von Neubauten. Bauträger, Mieter und Wohnungskäufer dürften selbst schmucklose Fassaden mit grauem oder grell-orangem Anstrich und völlige Brüche mit der umgebenden historischen Architektur akzeptieren. Somit werden auch die lieblosen “Implantate” in den alten Straßenzügen immer mehr. Freier Markt und freie Preisgestaltung (i.e. nach oben offene Mieten) führen nicht automatisch zu verträglichen und ansprechenden Resultaten, wie die folgende Bilderstrecke vor Augen führt.

Neubauten in Ottakring - Beispiele

Altbau-Schutz ohne Wirkung?

„Wien verliert gerade wesentliche Teile seines Gesichts, seiner Atmosphäre.“ — Walter Krause, Kunsthistoriker

Das obige Zitat stammt aus einem “Falter”-Artikel von Nina Kreuzinger. 2018 hat die Journalistin das Abriss-Geschehen in Ottakring kritisch beleuchtet und festgestellt, dass “aufgrund der aktuellen Flächenwidmungspläne ein großer Teil des 16. Bezirks zum Abriss freigegeben” ist.

Auch die nur wenige Minuten von der U3-Station Ottakring entfernte Degengasse war im Artikel bereits Thema: Seit einigen Jahren ragt auf Nr. 49 ein Neubau in die Höhe, der sich so gar nicht in die Umgebung einfügen will. Weder die Farbe, noch die Anordnung der Fenster oder die Gestaltung des Erdgeschoßes machen auch nur kleinste Zugeständnisse an die gründerzeitliche Umgebung (siehe Foto unten).

Degengasse 49
Degengasse: Das Haus links neben dem Neubau ist gefährdet (Foto: Nina Kreuzinger)

Neben dem Neubau befindet sich ein zweigeschoßiger Altbau, der wohl im späten 19. Jahrhundert errichtet wurde. Genau dieses Haus (Lienfeldergasse 27) ist es, das jetzt womöglich vor dem Abbruch steht. Doch die historische Fassade ist original erhalten und sollte dementsprechend durch das erst 2018 verschärfte Gesetz gegen Abrisse geschützt sein. Eigentlich.

„Wien muss Wien bleiben. Gerade für eine moderne und wachsende Metropole ist es wichtig, dass wir unsere schönen und historisch gewachsenen Grätzl bewahren.” — Kathrin Gaal, Wohnbaustädträtin

Die Stadtregierung hat sich zum Erhalt der historischen Wiener Architektur bekannt: “Abbrüche von Gebäuden mit einem Baujahr vor 1945 [können] nur mit Zustimmung des Magistrats (MA19) erfolgen. Das gilt überall in der Stadt”, hieß es 2018. Auch in Ottakring?

Seit kurzem hängen die Banner einer Abbruchfirma. Einige Fenster sind herausgenommen und durch bloße Bretter ersetzt. Das Haus ist leer. Werden die Behörden den Altbau schützen (können)? Wird das Gesetz zum Schutz alter Häuser greifen? Oder darf die Abbruchfirma demnächst mit der Arbeit beginnen? Der Fall wird zum Prüfstein für das Versprechen der Stadtregierung, historische Gebäude und alte Grätzl vor dem Abriss zu bewahren.

Laut der zuständigen Abteilung im Rathaus wird das Gebäude als erhaltenswert gesehen. Ein Ansuchen auf Abriss ist noch nicht gestellt worden. (aktualisiert am 2.10.2019)

Verblüffend ähnlich ist die Lage übrigens auch bei einem Haus in der Gudrunstraße im 10. Bezirk (Foto unten rechts). Auch dort steht ein Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert seit kurzem leer und auch dort hat eine Abbruchfirma ihre Transparente gehisst. Wie auch immer die Zukunft für die beiden Häuser aussieht, eines ist klar: Wiens Altbauten sind heftig unter Druck.

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