Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Rasend durch die Rossau

Zwischen Schottenring, Votivkirche und Roßauer-Kaserne reiht sich Prachtbau an Prachtbau. Doch zwischen den Häusern sieht es mitunter trostlos aus: Grauer Asphalt, wenige Bäume, lärmender Verkehr. Eine Bürgerinitiative setzt sich seit Jahren für Verbesserungen in der stark befahrenen Hörlgasse ein. Jetzt kommt eine Umgestaltung.

Historismus plus Schnellstraßen-Feeling

Die Roßauer-Kaserne im 9. Bezirk. Von der backsteinernen Burg aus, nur wenige Schritte vom belebten Donaukanal entfernt, eröffnet sich eine beeindruckende Aussicht. Gesäumt von hohen Gründerzeithäusern erhebt sich die Votivkirche mit ihren beiden neugotischen Türmen. Die aufwändigen Fassaden, die schnurgerade Straße und als Krönung die 1879 erbaute Kirche wirken wie aus einem Guss. Die Hörlgasse, ein Musterbeispiel historistischer Baukunst, könnte locker in einem Wien-Reiseführer stehen.

Und doch spiegelt sich genau hier ein typisches Wiener Muster wider: Der öffentliche Raum steht in keinem Verhältnis zur Architektur der alten Häuser. Anstatt hoher Bäume, schöner Straßenlaternen und gemütlicher Schanigärten breitet sich eine weite Asphaltdecke über die gesamte Gasse aus. Ganze fünf Spuren sind für den fahrenden und parkenden Verkehr reserviert, obwohl es sich gar nicht um eine Hauptstraße handelt.

Die Verkehrsbelastung ist enorm: 25.000 Fahrzeuge, darunter 800 LKW, brausen Tag für Tag durch die Gasse. Die hohen Gebäude auf beiden Seiten reflektieren den Schall, entsprechend massiv ist das Lärmproblem. Mit über 70 Dezibel wird ein gesundheitsgefährdender Pegel erreicht, womit der WHO-Grenzwert für Wohngebiete (55dB) weit überschritten wird.

Anrainer fordern Umgestaltung

2014 wurde es einigen Anrainern zu viel. Sie schlossen sich zu einer Bürgerinitiative (“Allee Hopp“) zusammen und organisierten eine Demonstration. Eine nur wenige Minuten dauernde Blockade der Hörlgasse erzürnte so manchen Autofahrer – und ließ Medien und Politik aufhorchen.

Ein Mitglied der Bürgerinitiative erklärte gegenüber dem Kurier, dass die Schülerinnen und Schüler des nahen Gymnasiums die Fenster wegen des Lärms nicht mehr öffnen könnten. Zudem sei die Feinstaubbelastung spürbar hoch und auch an den Hausfassaden zu erkennen. Neben einer Senkung der Höchstgeschwindigkeit wünschen sich die Anrainer eine Neugestaltung der ganzen Gasse: Weniger Fahrspuren, weniger Asphalt, mehr Bäume und einen Radweg.

Tempo 30 kommt

Die Bezirksvorstehung Alsergrund reagierte prompt. Seit 2015 gilt Tempo 30 in der ganzen Hörlgasse. Was die Anrainer jubeln ließ, stieß bei den Autofahrerclubs auf Unverständnis. Der ÖAMTC zitierte eine vom KFZ-Verband beauftragte Studie, der zufolge der Schadstoffausstoß durch Tempo 30 höher sei als bei Tempo 50. Entsprechend wurde die Streichung von Tempo 30-Zonen in ganz Wien gefordert. Zu einem anderen Ergebnis kommt der VCÖ: Demnach werden bei Tempo 30 zwar nicht unbedingt weniger Schadstoffe durch die Motoren emittiert, doch ist der Reifenabrieb – eine weitere Schadstoffquelle – geringer.

Eine erwiesene Verbesserung bringt Tempo 30 bei der Lärmbelastung, die gegenüber höheren Geschwindigkeiten deutlich reduziert ist. Beispielsweise ist ein einzelnes Fahrzeug mit 50 km/h genauso laut wie vier Fahrzeuge mit 30 km/h.

Während die Grünen über Tempo 30 naturgemäß erfreut sind, warnt die FPÖ vor Staus. Ein Antrag zur Beibehaltung von Tempo 50 wurde jedoch nur von der FPÖ und Teilen der ÖVP unterstützt und fand somit keine Mehrheit.

Weniger Fahrspuren?

Seit 2016 liegen Studien der TU Wien vor, die zeigen, dass eine Reduktion von drei auf zwei Fahrspuren möglich ist, ohne dass es zu Einschränkungen für den Verkehr kommt. So könnte Platz für Bäume und einen Radweg gewonnen werden. In der Folge haben sich Grüne, SPÖ und NEOS für eine Umgestaltung der Hörlgasse und den Entfall einer Fahrspur ausgesprochen.

Die Frage, wie viel Platz für den Individualverkehr aufgewandt werden soll, ist bekanntlich ein Garant für lautstarke Diskussionen. Während auf der einen Seite Probleme wie Lärmbelastung, Schadstoffausstoß und der Klimaschutz angeführt werden, pocht die andere Seite auf Wahlfreiheit bei der Nutzung des Autos und die Notwendigkeit individuell-motorisierter Fortbewegung.

Welche Position auch immer eingenommen wird, ein Punkt ist gerade in Hinblick auf den öffentlichen Raum zentral: Ein PKW braucht eine Stellfläche von etwa 10-15 m², was im begrenzten innerstädtischen Bereich leicht zu Platzproblemen führt. Auch Fahrbahnen benötigen viel Platz, während andere Verkehrsteilnehmer oftmals an den Rand gedrängt werden. Eine Neuordnung des öffentlichen Raums kann auch als Anpassung an veränderte Bedürfnisse gesehen werden: Über 40% der Wiener Haushalte besitzen überhaupt kein eigenes Auto. Der 9. Bezirk, in dem die Hörlgasse liegt, ist jener Wiener Bezirk, in dem die Anzahl der PKW in den letzten Jahren am stärksten gesunken ist – trotz wachsender Bevölkerung. So wird auch der Wunsch der Anrainer nach einer Umgestaltung der Hörlgasse verständlich.

Bäume im Anmarsch

2019 hat das Rathaus zusätzliches Budget für neue Bäume zur Verfügung gestellt. Auch in der Hörlgasse sind Baumpflanzungen für 2020 geplant. Wie viele Bäume genau kommen werden, ist zwar noch nicht bekannt, aber der Vergleich zur parallellaufenden Kolingasse zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Dort zieht sich eine dichte Allee durch die gesamte Gasse (siehe Karte unten).

Grauer Wiener Standard

So geht es im 9. Bezirk also in Richtung Umgestaltung. Hätten nicht einige beherzte Anrainer auf die Situation erst aufmerksam gemacht, wäre wohl auch die nächsten Jahre alles beim Alten geblieben. Überhaupt scheint Wien in der Gestaltung des öffentlichen Raums seit Jahrzehnten zu schlafen. Erst langsam setzt ein Umdenken ein. Während der Umbau der Mariahilfer Straße von großem Widerstand begleitet war, werden rezentere Umgestaltungen vielfach begrüßt, beispielsweise in der Rotenturmstraße und Zieglergasse. Selbst die lange als kritisch bekannte Wirtschaftskammer fordert jetzt sogar neue Begegnungszonen in allen Bezirken.

Wie schon im Artikel über den südlichen 4. Bezirk angemerkt, dürfen einzelne Vorzeigeprojekte nicht vom Grundproblem ablenken: Nach wie vor ist per Verordnung die Verwendung von Gussasphalt für Gehsteige vorgeschrieben. Verpflichtende Baumpflanzungen bei Umbauten im Straßenraum gibt es nicht. Und selbst in sensiblen historischen Umgebungen wie der Inneren Stadt, den historischen Ortskernen und den Gründerzeitvierteln ist die Straßenmöblierung (Lampen, Masten, Poller usw.) in erster Linie grau und schmucklos. Solange dieser “graue Wiener Standard” nicht grundlegend geändert wird, müssen Bürgerinnen und Bürger den Aufstand proben, um auf Probleme hinzuweisen.

Öffentlicher Raum in Wien: Beispiele

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Quellenangaben: Der Dezibel-Wert ist der Lärmkarte auf laerminfo.at entnommen. Der Vergleich der Laustärke von Fahrzeugen mit Tempo 50 vs. Tempo 30 ist in der “Lautschrift” des Lebensministeriums zu finden. Für Details zum Autobesitz in Wien siehe VCÖ. Autobesitz in Wien-Alsergrund laut VCÖ (2018). Die Angaben zur Anzahl der Fahrzeugen, die pro Tag durch die Hörlgasse fahren, stammen von der MA 46.

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