Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Währinger Bad: Schützt Gesetz vor Abriss?

1898 erbaut, 1995 generalsaniert – und 2019 abgerissen? Die Bezirkspolitik hat einstimmig beschlossen: Das alte Währinger Bad muss zusperren. Jetzt will die Bundesimmobiliengesellschaft das kunstvolle Gebäude aus der Gründerzeit abreißen. Werden Gesetze und Behörden das alte Haus vor dem Abbruch schützen?

Währinger Bad (Klostergasse 27): Kommt der Abriss?

Badehaus aus der Gründerzeit

Die Geschichte der Wiener Tröpferlbäder beginnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mitten in den Boomjahren der Gründerzeit. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung vervierfachte sich die Bevölkerung Wiens von über 500.000 im Jahr 1846 auf mehr als 2 Millionen 1910. Um die katastrophalen Wohn- und Hygieneverhältnisse zu verbessern, richtete die Stadt spezielle öffentliche Bäder ein. Das erste dieser sogenannten Volksbäder eröffnete 1887, bis 1914 folgten 18 weitere.

Das Währinger Bad, das direkt am Marie-Ebner-Eschenbach-Park liegt, ist eines dieser Volksbäder. 1898 wurde es unter Bürgermeister Karl Lueger eröffnet und ist seither durchgehend in Betrieb. Neben der aufwändigen Fassade ist auch das Stiegenhaus mit dem kunstvollen Geländer original erhalten. Eine Plakette im Inneren erinnert an den Bau (siehe unten). Architektonisch interessant ist der markante Mittelrisalit mit den großen, vielleicht schon Formen des Jugendstils vorwegnehmenden Fenstern. Im kleinen Türmchen ist ein reich verziertes rundes Fenster im obersten Geschoß eingebaut. Die Fassade folgt dem Historismus des späten 19. Jahrhunderts und ist entsprechend stark gegliedert und detailreich geschmückt.

Erst 1995 generalsaniert

Außen und innen präsentiert sich das Gebäude heute in ausgezeichnetem Zustand. Einen großen Anteil daran dürfte die erst 1995 unter Bürgermeister Michael Häupl durchgeführte Generalsanierung haben, wie auf einer weiteren Plakette zu sehen ist (Foto oben). Das Gebäude ist in den über 120 Jahren seines Bestehens weder massiv verändert noch beschädigt worden. Auch den 2. Weltkrieg hat es ohne Schäden überstanden.

Trotzdem steht seit September 2018 fest: Das alte Gründerzeitbad muss schließen. Es sei zu unrentabel geworden. Alle Währinger Bezirksparteien haben der Schließung zugestimmt. Aber wird jetzt auch das kunstvolle Gebäude, in dem es sich befindet, einfach abgerissen?

Neuer Eigentümer will Abriss

Die Stadt Wien hat das Gebäude an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) verkauft, die wiederum im Eigentum der Republik Österreich ist. Das Grundstück soll künftig als Erweiterung für das daneben befindliche Gymnasium dienen.

Doch der neue Eigentümer denkt offenbar nicht an den Erhalt des Gründerzeitgebäudes: “Anstelle des Währinger Bads planen wir den Bau eines Turnsaals für das Gymnasium Klostergasse”, hieß es im September 2018. Noch ist aber nicht um Abriss angesucht worden, wie die Initiative Denkmalschutz von der Baupolizei erfahren hat.

Wird das Gesetz das Gebäude schützen?

Ganz so einfach wird es mit dem Abriss aber nicht: Zum einen befindet sich das Gebäude in einer Schutzzone, die genau dazu da ist, historische Gebäude zu erhalten. Zum anderen wurde erst letztes Jahr ein besserer Abriss-Schutz für alte Häuser beschlossen. Laut Gesetz sind Abbrüche von Häusern in Schutzzonen nur dann erlaubt, wenn “an der Erhaltung des Bauwerkes infolge seiner Wirkung auf das örtliche Stadtbild kein öffentliches Interesse besteht”. (§ 62a Bauordnung Abs. 5a)

Robert Zöchling, Bezirksvorsteher-Stellvertreter der Grünen, sagt dazu: “Wenn das Gebäude stadtbildrelevant ist, ist es zu schützen.”

Am Zug ist jetzt die Magistratsabteilung 19 (Architektur und Stadtgestaltung), die zum Ressort von Maria Vassilakou (Grüne) gehört. Wenn die zuständigen Beamten den Abbruch untersagen, muss das Gebäude bleiben. Eigenartig erscheint, dass wohl bereits Planungen für den Neubau laufen, obwohl noch nicht einmal klar ist, ob der Abriss erlaubt wird oder nicht.

Dass bereits fix einkalkulierte Abrisse durchaus nicht genehmigt werden, zeigt ein Beispiel in der Liechtensteinstraße (9. Bezirk): Für den Bau eines Studentenheims sollte ein Gründerzeithaus abgerissen werden. Der Abriss wurde untersagt, das Haus bleibt.

„Wien muss Wien bleiben. Gerade für eine moderne und wachsende Metropole ist es wichtig, dass wir unsere schönen und historisch gewachsenen Grätzl bewahren”, sagte Stadträtin Kathrin Gaal (SPÖ) anlässlich des neuen Gesetzes gegen Abrisse. Auch Stadträtin Maria Vassilakou (Grüne) will sicher stellen, dass “kein historisch wertvolles Gebäude ohne Prüfung durch die Stadt abgerissen werden kann.”

Wiener Tröpferlbäder: Da waren’s nur noch vier

Von den historischen 18 Tröpferlbädern sind nur fünf als “Sauna- und Brausebäder” bis heute in Betrieb. Im Juni, wenn das Währinger Bad schließt, werden es nur noch vier sein.

Das allererste Tröpferlbad Wiens (Mondscheingasse 9) wurde wohl bereits in den 1930ern abgerissen. Auch das Volksbad in Mariahilf gibt es schon lange nicht mehr. Das alte Gebäude des Thaliabads in Ottakring traf die Abrissbirne 1993. Heute steht an seiner Stelle ein Neubau samt kleinem Brausebad.

Vom 1906 erbauten Bad in der Floridsdorfer Weisselgasse Nr. 5 erinnert zumindest noch ein kleiner Rest der alten Fassade. Das auf Pläne des Jugendstil-Architekten Friedrich Dietz von Weidenberg zurückgehende Gebäude wurde erst vor wenigen Jahren weitgehend abgerissen und durch Wohnungen ersetzt.

Mehr Glück hatte das 1926 erbaute Apostelbad im 3. Bezirk. Das architektonisch besonders interessante Bad ist bis heute in Betrieb und steht unter Denkmalschutz. Auch das Penzinger Bad (Baujahr 1905), das von außen stark an sein Währinger Pendant erinnert, ist immer noch geöffnet. Ebenfalls erhalten sind die Tröpferlbäder am Einsiedlerplatz und in der Hermanngasse 28.

Das Meidlinger Ratschkybad und das Volksbad Wieden gibt es heute zwar nicht mehr, doch die Gebäude stehen immer noch und werden anderweitig genutzt. Ob das auch beim Währinger Bad der Fall sein wird?

Hinweis: Ein guter Überblick über die Wiener Tröpferlbäder und ihre Geschichte findet sich in der Ausgabe Nr. 12 (S. 32-33) der Zeitschrift “Denkma(i)l” der Initiative Denkmalschutz.
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