Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Abriss und Neubau in Schutzzone – Optik egal?

Seit 2013 ist das Zentrum von Hernals um zwei Gründerzeithäuser ärmer. Jetzt sticht ein riesiger Neubau mit liebloser Architektur wie ein Fremdkörper zwischen den aufwändigen Fassaden der Jahrhundertwendehäuser hervor – und das mitten in der Schutzzone, die Abrisse eigentlich verhindern sollte.

“Wir wollten die Nutzfläche in Absprache mit den Investoren maximieren”, ist auf der Webseite des Bauträgers zu lesen. Man habe sich deshalb für einen Abriss in der Schutzzone und für einen kompletten Neubau entschieden.

Hernalser Hauptstraße: Gründerzeithaus (Baujahr 1900) neben Neubau (Baujahr 2016) nach Abriss

Hernalser Bezirkszentrum: Ein historisches Kleinod

Die meisten Häuser zwischen Elterleinplatz, Hernalser Hauptstraße und Jörgerstraße wurden in einer der aufstrebendsten Perioden Wiens erbaut. Mitten in den Boom der Gründerzeit fallen die Häuser mit ihren reichen Ornamenten, kunstvollen Erkern und stattlichen Balkonen. “Die heutige Bausubstanz entstammt zum überwiegenden Teil dem späteren 19. Jahrhundert. Teilweise sind jedoch noch bauliche Zeugnisse der hier einst beheimateten Etablissements erhalten geblieben”, schreibt die für Architektur zuständige Magistratsabteilung. Beispielsweise das bekannte Veranstaltungszentrum “Metropol”, das auch auf den Fotos unten zu sehen ist.

Die meisten Gebäude wurden innerhalb eines Zeitraums von nur etwa 30 Jahren erbaut, was die weitgehend einheitliche und harmonische Gestaltung des gesamten Grätzls erklärt. Das Hernalser Bezirkszentrum ist ein Musterbeispiel für ein historisches Häuserensemble.

Schutzzone gegen Abrisse: Die Theorie

Um solche historischen Ensembles langfristig zu bewahren, kann die Stadt Wien Schutzzonen festsetzen. In Schutzzonen sind Abrisse und grobe Veränderungen an Gebäuden nur ausnahmsweise erlaubt. “Es handelt sich um jene Bereiche, in welchen die Erhaltung des charakteristischen Stadtbildes zu gewährleisten ist”, heißt es bei der Stadt Wien. Auch in Hernals gibt es eine kleine Schutzzone (siehe Karte unten).

Schutzzone (gelbe Fläche), abgerissene Häuser rot markiert (©ViennaGIS, Stadt Wien)

Schutzzone gegen Abrisse: Die Praxis

Doch selbst in Schutzzonen sind erhaltenswerte Häuser nicht immer sicher. Unzählige Gebäude wurden in den letzten Jahren trotz Schutzzonen abgerissen. Beispielsweise in der Großen Sperlgasse 14 (erbaut Mitte 17. Jahrhundert) und Karmelitergasse 3 (erbaut im 18. Jahrhundert) im 2. Bezirk. Auch die Heurigengegenden im 18. und 19. Bezirk haben trotz Schutzzonen wertvollen Häuserbestand verloren.

Eigentümer können “durch von ihnen beigebrachte Gutachten als Nachweis technischer bzw. wirtschaftlicher Abbruchreife eine Abbruchbewilligung von der Baupolizei erwirken”, berichtet die Initiative Denkmalschutz. Nachdem es aber in der Wiener Bauordnung eine Erhaltungspflicht gibt, fragt sich, wie ein Gebäude überhaupt soweit verfallen kann, dass ein Abriss gestattet wird.

Generell lastet auf historischen Gebäuden oft hoher wirtschaftlicher Druck: Viele Grundstücke dürfen laut Bebauungsplan deutlich höher bebaut werden, als die Bestandsgebäude wirklich hoch sind. So lohnt sich ein Neubau umso mehr, zumal niedrige Raumhöhen mehr Geschoße ergeben und die Richtwertbegrenzung bei den Mieten wegfällt.

Hernalser Hauptstraße 59-61 vor dem Abriss

Ensemble um zwei Häuser ärmer

Die Gründerzeithäuser Hernalser Hauptstraße 59 und 61, beide errichtet Ende des 19. Jahrhunderts, waren integraler Bestandteil des historischen Bezirkszentrums. Das kleinere Gebäude auf Nr. 59 (siehe unten) ist sogar im Dehio, dem Handbuch der Kunstdenkmäler Österreichs verzeichnet. Es war im Stil des strengen Historismus erbaut worden – also jenem Baustil, der sich auch bei vielen Bauten an der Ringstraße findet.

Einst hatte es auch auf Nr. 63 ein historisches Gebäude gegeben. In diesem etwa aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Wohnhaus hatte der heute vergessene Volksdichter Ferdinand Sauter (1804-1854) gewohnt. Es dürfte wohl schon vor Jahrzehnten demoliert worden sein. Der kleine Bauplatz fand bis zum Abriss der Nachbarhäuser als Parkplatz Verwendung. Auf einer historischen Aufnahme sind noch alle drei Häuser zu sehen (siehe oben).

Hernalser Hauptstraße 59 (Foto links: Gebäudeinformation MA 19, Stadt Wien)
Hernalser Hauptstraße 59 (Foto links: Gebäudeinformation MA 19, Stadt Wien)

Keine Infos von der Baupolizei

Sang und klanglos ging der Abriss über die Bühne. Keine Bürgerinitiative, kein Aufschrei, keine mediale Berichterstattung. Ob die Häuser wirklich abbruchreif waren? Ob es unabhängige Gutachten gibt, die das belegen? Ob der Abriss verhindert hätte werden können? Eine Anfrage bei der Baupolizei blieb vergeblich; man wolle bzw. dürfe zu diesem Abbruch nichts sagen.

Dabei war der Abriss nicht von Vornherein ausgemachte Sache gewesen. Die Immobilienfirma, die hinter dem Neubau steht, hatte nach eigenen Angaben ursprünglich die Revitalisierung des Altbestandes in Betracht gezogen. Doch ein Neubau versprach mehr Fläche – also mehr Profit. Abriss und Neubau seien “trotz aller Auflagen, Verfahren und Amtswegen in enger Kooperation mit der MA 19 schlussendlich auch gelungen!”, heißt es auf der Webseite des Unternehmens.

Neubau: Modern? Effizient? Rücksichtslos?

Das Architekturbüro, das die Planung innehatte, sieht den Neubau in “prominenter Lage in Mitten einer Schutzzone” als “genau an die Gegebenheiten der bestehenden umgebenden Stadt- und Gebäudestruktur angepasst”.

Rein rechtlich sind die Architekten damit auf der sicheren Seite, denn in Schutzzonen ist beim Neubau nahezu alles erlaubt. Rücksicht auf die Umgebung muss nicht genommen werden. Für Neubauten in historischer Umgebung gilt daher de facto dasselbe wie für Neubauten auf der grünen Wiese oder am Rande von Industriegebieten. Wird aber doch einmal mehr in anspruchsvolle Ästhetik investiert, ist das einzig und allein dem guten Willen eines Bauträgers zu verdanken.

Die laissez-faire-Haltung der Stadt begünstigt Abrisse in Schutzzonen sogar noch: Da Neubauten ohne Mehraufwand, ohne Berücksichtigung des historischen Gefüges und ohne nennenswerte gestalterische Auflagen realisiert werden dürfen, rentiert es sich erst recht, Altbauten leer stehen und verfallen zu lassen.

Wie es anders gehen könnte

Hochwertige Gestaltung, die einer über Jahrhunderte gewachsenen Umgebung angemessen ist, könnte sich an historische Vorbilder anlehnen, um solche Brüche zu vermeiden. Doch auch eine moderne Interpretation fände bestimmt Zustimmung – wenn sie hochwertig und durchdacht ausgeführt wird. Eine kluge Material- und Farbwahl, Kleinteiligkeit, Symmetrie und Einfallsreichtum können zeitgenössischen Gebäuden das geben, was Gründerzeithäuser bis heute so grandios macht: Eine fast zeitlose Architektur kombiniert mit einer Flexibilität, die unterschiedlichste Nutzungen zulässt und damit Langlebigkeit garantiert.

Fälle wie in der Hernalser Hauptstraße lassen sich in Zukunft verhindern – wenn die Stadt das möchte. An vier zentralen Schrauben müsste gedreht werden: (1.) Die verstärkte Durchsetzung der Erhaltungspflicht durch die Baupolizei. (2.) Eine Höherdotierung des Altstadterhaltungsfonds, um die Renovierung historischer Gebäude zu fördern. (3.) Die Anpassung der maximal erlaubten Bauhöhen an die wirklichen Höhen der Häuser in Schutzzonen. (4.) Die Sicherstellung hochwertiger Gestaltung durch transparente Verfahren bei den Magistraten und eventuell eine Anpassung der Bauordnung.

Eine Reihe von Artikeln wird sich demnächst diesen umfassenden Themen widmen.

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