Seeparkquartier: Die Asphaltwüste in der Seestadt Aspern

Die Seestadt Aspern ist das vielleicht bekannteste Stadtentwicklungsgebiet Wiens. Einer der zentralsten Teile der Seestadt ist das sogenannte Seeparkquartier, das direkt bei der Endstelle der U-Bahn-Linie 2 liegt. Während etliche der neuen Gebäude einen zumindest passablen Eindruck machen, erwächst der öffentliche Raum zu einer mittleren Katastrophe. Warum wird die große Fußgängerzone mitten in einem der aufstrebensten Stadtteile Wiens eine schlichte „Asphaltwüste“?

Auch interessant: Der öffentliche Raum im Seeparkquartier ist tatsächlich das Ergebnis eines ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerbs, an dem 25 in- und ausländische Büros teilnahmen. Diesen Wettbewerb hat ausgerechnet das Ex-Büro eines Preisrichters gewonnen.

Fußgängerzone im Seeparkquartier, Simone-de-Beauvoir-Platz (Foto: August 2020)

Hinweis: Da das Seeparkquartier noch in Bau ist, wird dieser Artikel von Zeit und Zeit aktualisiert.

Seestadt Aspern

Über 20.000 Menschen sollten einmal in der Seestadt Aspern wohnen. Auch wenn bisher nur ein kleiner Teil des Projekts fertiggestellt ist, zeigt sich schon jetzt, wie riesig die Seestadt im Endausbau werden wird. Der Namensgeber ist ein etwa fünf Hektar großer See, der im Zentrum des Stadtentwicklungsgebiets liegt. Bisher sind zahlreiche architektonisch durchaus interessante Bauten entstanden, darunter ein 84 Meter hohes Holzhochhaus. Gebaut wird in der Seestadt seit 2009 quasi ununterbrochen.

Auch auf den öffentlichen Raum wird in der Seestadt großer Wert gelegt. Die Hälfte der Gesamtfläche des Areals ist für Straßen, Plätze, Gassen und andere Freiräume reserviert. So heißt es etwa auf der Webseite des Projektentwicklers:

Das Lebensgefühl einer Stadt entsteht zwischen den Gebäuden. Der öffentliche Raum ist Impulsgeber für wesentliche Funktionen in der Stadt – für Mobilität, Handel, Kultur sowie Freizeit und Naherholung. (…) Der Freiraum bildet das Rückgrat der Seestadt und macht sie zu einem Top-Standort für Unternehmen, die Wert auf ein hochwertiges Umfeld legen. Daher liegt auf der Planung und Gestaltung des öffentlichen Raums ein besonderes Augenmerk. Der hohe Anspruch, den die Seestadt an sich selbst als intelligente Stadt stellt, ermöglicht, dass hier Einzigartiges entstehen kann.

Bisher konnte dieser hohe Anspruch größtenteils eingelöst werden, denn im Gegensatz zu vielen anderen Plätzen und Straßen in Wien macht die Gestaltung des öffentlichen Raums in der Seeststadt einen guten Eindruck. Abwechslungsreiche Bodenbeläge, umfangreiche Begrünung und viel Platz für Fußgänger und Radfahrer sind in Wien eine Seltenheit – in der Seestadt aber der Standard. Doch nicht überall.

Seeparkquartier: Flanieren durch Asphalt

Eines der Filetstücke des Stadtentwicklungsgebiets ist das Seeparkquartier, das direkt an die U2-Endstelle grenzt. Hier stehen auch einige der bisher herausragendsten Bauten von Aspern, etwa das Hochhochhaus Hoho. Der zentrale Platz des Quartiers ist eine große Fußgängerzone, die sich bis zur U-Bahn-Station erstreckt und entsprechend stark frequentiert sein wird. Doch diese Fußgängerzone ist nichts anderes als eine durchgehende graue Asphaltfläche.

Fußgängerzone im Seeparkquartier (Foto: August 2020)

Die Fotos zeigen keine Baustelle oder eine noch nicht freigegebene Fahrbahn, sondern tatsächlich eine der wichtigsten Fußgängerzonen der Seestadt.

Simone-de-Beauvoir-Platz: Die Bauarbeiten sind fast abgeschlossen. (Foto: August: 2020)

Als Bodenbelag fungiert durchgehend grauer Asphalt, an den (z.T. noch in Bau befindlichen) Rändern ist Granit verlegt. Die Straßenlaternen sind grau, ebenso die Mistkübel. Zusammen mit den teilweise ebenfalls grauen Gebäuden entsteht trister Eindruck

Lydia-Sicher-Gasse, Fußgängerzone im Seeparkquartier (Foto: August 2020)

Auch etliche Bäume wurden bzw. werden noch gepflanzt. Die Optik kann dadurch bestimmt nur gewinnen. Ob einige Bäume den Gesamteindruck aber wirklich substanziell verbessern werden?

Simone-de-Beauvoir-Platz: Asphaltfläche vor einem mit Holz verkleideten Erdgeschoß (August 2020)

Auch in den Nebengassen beherrscht Asphalt den öffentlichen Raum. Haben die Planer nichts aus unattraktiven öffentlichen Räumen wie der Umgebung des Hauptbahnhofs gelernt?

Beatrix-Kempf-Gasse: eine fertige (!) Fußgängerzone in der Seestadt Aspern (Foto: August 2020)

Auch der (graue) Brunnen ist zum Zeitpunkt der Aufnahme (August 2020) noch nicht fertiggestellt. Dahinter sind in ebenfalls grauer Farbe gehaltene Sitzgelegenheiten zu sehen (auf dem Foto unten).

Öffentlicher Raum in der Seestadt Aspern: Simone-de-Beauvoir-Platz (Foto: August 2020)

Wie schön könnten diese Fußgängerzonen sein, wäre eine schöne Pflasterung verlegt worden, wie beispielweise bei der Mariahilfer Straße? Auch ein freundlicherer Anstrich der Laternenmasten hätte schon deutliche Verbesserungen gebracht.

Fußgängerzone Lella-Lombardi-Gasse, im Seeparkquartier (Foto: August 2020)

Die Asphaltierung wird sich mit der Zeit aufhellen, doch bleiben die Nachteile bestehen:

  • Die Bodenversiegelung ist hoch, was die Probleme mit Hitze verstärkt.
  • Bei Bauarbeiten entsteht mit der Zeit (durch Ausbesserung/Erneuerung des Belags) ein Fleckerlteppich, was unattraktiv wirkt.
  • Asphaltbelag ist bei solchen großen Flächen einfach nicht schön.
Lella-Lombardi-Gasse: Fußgängerzone mit Asphaltbelag im Seeparkquartier (Foto: August 2020)

Asphalt und Beton stehen in Wien hoch im Kurs. Dazu passt auch das Parkhaus, das direkt bei der Fußgängerzone liegt (Foto unten). Sichtbeton kombiniert mit silbergrauen Metallelementen – erbaut im Jahr 2017.

Parkhaus in der Sonnenallee 26, Baujahr 2017 (Foto: August 2020)

Kurios: Während Stadträtin Ulli Sima im August 2020 „Raus aus dem Asphalt!“ verkündete, wird in der Seestadt Aspern eine riesige neue Asphaltfläche verlegt.

Wangari-Maathai-Platz: Fußgängerzone in der Nähe der U-Bahn-Station "Seestadt" (Foto: August 2020)

Warum so hässlich?

Die Asphaltfläche im Seeparkquartier ist weder Zufall oder Willkür, sondern Ergebnis eines Planungswettbewerbs, an dem 25 Büros aus dem In- und Ausland teilgenommen haben. Sieger wurde das Schweizer Büro Rotzler Krebs Partner GmbH.

Das Preisgericht sagte über den Siegerentwurf:

Der Beitrag zeichnet sich durch einen subtilen und zeitlosen Entwurf aus, der mit wenig gut gesetzten Gestaltungsakzenten ein charakteristisches Quartier schafft. Ein urbaner Freiraum, der mit der notwendigen Offenheit auf die EG-Zone der benachbarten Wohnbauten, sowie  mit  der  notwendigen  Neutralität  auf  die  differenzierten  Fassaden  der angrenzenden Gebäude reagiert. (…) Das ruhige Materialkonzept wird besonders hervorgehoben. Als durchgängigen Belag wird Asphalt und Granit gewählt. (…) In die Belagsfläche aus Asphalt werden lange Granitbänke mit Holzauflagen eingestreut, sowie fünf sorgsam positionierte Brunnenobjekte (…) Eine Kombination aus schmalkronigen Platanen (…) sowie großkronigen Platanen (…) vervollständigt den Entwurf.

Die obigen Aufnahmen zeigen, wie dieser Entwurf in der Realität bisher aussieht. Demnächst werden die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Wer hat das entschieden?

Da ein Wettbewerb stattgefunden hat, gab es folglich auch intensive Überlegungen, wie der öffentliche Raum gestaltet werden soll. Fachpreisrichter waren (für Quellen siehe ganz unten im Artikel):

  • Stefan Rotzler (ein Landschaftsplaner, dessen ehemaliges Büro den Wettbewerb gewonnen hat)
  • Eine Soziologin der Hafencity Universität Hamburg
  • Ein Vertreter der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19)
  • Ein Fachmann für Landschaftsplanung und Landschaftspflege (entsandt von der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten)
  • Eine Vertreterin der Magistratsabteilung für Straßenverwaltung und Straßenbau (MA 28)
  • Der Bezirksvorsteher des 22. Bezirks
  • Der Vorstand der Wien 3420 Aspern Development AG (das zum Teil der Stadt Wien gehörende Unternehmen, das für die Planung und Entwicklung der Seestadt zuständig ist)

Ex-Büro von Preisrichter gewinnt Wettbewerb

Der springende Punkt ist: Einer der Preisrichter, Stefan Rotzler, arbeitete bis 2014 im Büro Rotzler Krebs Partner GmbH. Und eben dieses Büro hat den Wettbewerb 2015 gewonnen!

Das lässt einerseits Bedenken an der Fairness des Architekturwettbewerbs aufkommen, andererseits befeuert ein solches Vorgehen Spekulationen darüber, warum eben ein bestimmter Entwurf gewonnen hat und ein anderer nicht. Das wirft einige Fragen auf:

  • War es von vornherein das Ziel, möglichst billig zu bauen?
  • Musste aufgrund des Projektvolumens ein Architekturwettbewerb abgehalten werden und sollte zumindest der Anschein einer unabhängigen fachlichen Entscheidung gewahrt werden?
  • Wurde vielleicht zu diesem Wettbewerb u.a. ein Preisrichter bestellt, der auch den billigsten Entwurf zum Sieger küren würde?
  • Waren die Kontakte zu jenem Architekturbüro nützlich, um einen solchen Entwurf anzufertigen? Oder haben doch die Qualitäten des Entwurfs den Ausschlag für den 1. Platz gegeben?

Für Außenstehende lässt sich nichts sicher sagen und an dieser Stelle können auch nur Vermutungen angestellt werden. Vielleicht war es auch ganz anders, als oben gemutmaßt. In jedem Fall bleibt ein gewisser Beigeschmack zurück.

Was sagt der Entwickler dazu?

Der für die Seestadt zuständige Entwickler (eine Firma im teilweisen Besitz der Stadt Wien) sagte 2017 auf Anfrage zum Entwurf:

… Auch im Wettbewerbsverfahren gab es einige Teilnehmer, die Pflasterbeläge für das Seeparkquartier vorgesehen hatten, allerdings war es diesen Teilnehmern nicht möglich, die Einhaltung des Kostenrahmens zu gewährleisten. Das Siegerprojekt konnte die Jury vor allem dadurch überzeugen, dass der Belag an sich nicht im Mittelpunkt des Entwurfes steht, wie z.B. am Christian-Broda-Platz, sondern lediglich den Teppich darstellt, auf dem die hochwertigen Granit-Elemente platziert werden. Die Eyecatcher sind hier ganz klar die vertikalen Elemente – Bäume und Brunnen. (…)

Alles in allem ist der Entwurf von den Schweizer Landschaftsarchitekten „Rotzler Krebs Partner“ darauf ausgelegt gut zu altern. Sie werden sehen, je älter das Seeparkquartier wird, desto besser wird der öffentliche Raum aussehen: Der Asphalt verblasst, die Bäume wachsen und die Granitelemente sind in ihrer Masse nahezu für die Ewigkeit konzipiert. Was entsteht ist genau das lebendige, urbane Herz im Süden der Seestadt, das wir als Auslober gesucht haben.

Haben fachliche Argumente weniger stark gewogen als wirtschaftliche? Das würde für die oben geäußerte Vermutung sprechen, dass der Gestaltungswettbewerb vielleicht mehr Schein als Sein gewesen ist.

Das Zentrum des wichtigen Seeparkquartiers ist nun also in maximaler Sparvariante errichtet worden. Ob es aber auf lange Zeit gesehen wirklich die beste Entscheidung war, einen solch prominenten Ort einfach in eine Asphaltwüste zu verwandeln? Oder wird das Endprodukt doch besser aussehen als befürchtet?

Es wäre so einfach!

Angesichts des schon jetzt (Mitte August 2020) sichtbaren Resultats fragt es sich, ob die Wiener Magistrate nicht von selbst und mit etwas „Hausverstand“ die Gestaltung besser hingekriegt hätten. Beispielsweise so:

  • Das Zentrum des Platzes hätte durch eine helle wasserdurchlässige Pflasterung (u.U. mit Natursteinen) gebildet werden können.
  • An den Rändern wäre eine verfugte Pflasterung ideal (wegen der Barrierefreiheit).
  • In regelmäßigen Abständen hätten Bäume gesetzt werden können, jeweils mit umliegenden Bänken (Vorbild: Kärntner Straße).
  • Zur Beleuchtung hätten hübsche Straßenlaternen aufgestellt werden können, vielleicht sogar in historisierendem Design – als Kontrapunkt zur modernen Architektur. Und nicht unbedingt in grauer Farbe, sondern z.B. grün oder beige.
  • Wie schöne Brunnen gebaut werden, weiß man in Wien seit 200 Jahren. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden.

Um zu sehen, wie hochwertig öffentliche Räume gestaltet sein können, genügt ein kurzer Spaziergang weg vom Seeparkquartier hin in die schon etwas älteren Teile der Seestadt. Einige Beispiele:

Die Fotos oben zeigen, wie schöne und lebenswerte Freiräume aussehen können. Was erklärt aber den extremen Qualitätsabfall beim Seeparkquartier? Warum wurde nicht auf die guten Erfahrungswerte zurückgegriffen?

Stadt Wien rät von Asphalt ab - und verlegt ihn selbst

Die Planer bei der Stadt Wien wissen schon lange um die Probleme von dunklem Asphalt:

Der Einsatz von hellen und reflektierenden Oberflächenmaterialien (…) ist zu fördern. Besonders der in Wien häufig anzutreffende Gussasphalt führt zu einer ungünstigen lokalen (…) Überhitzung und sollte (…) vermieden werden.

Auch die Haltbarkeit – also die Lebensdauer – von gepflasterten Oberflächen ist höher (siehe Zitat unten). Zieht also das wirtschaftliche Argument (Asphalt = billiger) gar nicht?

Helle, gepflasterte Oberflächen tragen nicht nur zu einer höheren Gestalt- und damit Aufenthaltsqualität bei, sie sind auch aus ökologischer Sicht zu bevorzugen. Generell gilt, helle Flächen speichern weniger Wärme als dunkle Flächen. Studien zeigen, dass Wärmeabstrahlung und CO2-Fußabdruck von Beton- oder Natursteinpflaster weitaus geringer sind als von Asphaltflächen. Zudem verringern gepflasterte Oberflächen die Eisbildung im Winter. Auch haben sie eine längere Haltbarkeit. Ein nachhaltiger Umgang mit Niederschlagswasser und damit einhergehender natürlicher Verdunstung sind für das Kleinklima ebenfalls vorteilhaft. Daher sind wasserdurchlässige Befestigungen gegenüber versiegelten Flächen zu bevorzugen.

Trotzdem werden auch heute noch fast sämtliche Gehsteige und viele Plätze in Wien asphaltiert, nicht nur im Asperner Seeparkquartier. Beispiele:

Ob es nicht Zeit ist, die Gehsteigverordnung, die Gussasphalt für Gehsteige vorschreibt, endlich zu ändern? Und sollten bei der Planung und Errichtung von Fußgängerzonen und Plätzen nicht gewisse Mindestanforderungen gelten, damit so etwas wie in Aspern nicht mehr vorkommen kann?

Hinweis: Der Artikel wird aktualisiert, wenn die Bauarbeiten im Seeparkquartier weiter fortgeschritten sind.

Kontakte zu Stadt & Politik

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Zur Geschäftsgruppe Wohnen gehören u.a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Quellen und weitere Infos

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