Donaufelder Straße 193: Seltenes Gründerzeithaus abgerissen

Allzu viele gut erhaltene historische Gebäude gibt es im Wien jenseits der Donau nicht (mehr). Das hat auch mit dem jahrzehntelangem Desinteresse der Politik am Schutz alter Häuser zu tun. So durfte auch das stadtbildprägende Gründerzeithaus in der Donaufelder Straße 193 abgerissen werden.

Gründerzeithaus in Wien-Donaustadt, Donaufelder Straße, Jugendstil, vor Abriss
Donaufelder Straße 193: erbaut 1913, Abriss 2022 (Foto: 2019)

Haus mit Jugendstil-Elementen

Vereinzelt sieht man sie noch, die alten Häuser in der Donaufelder Straße. Nur noch hie und da zwischen hohen Wohnblöcken ragen sie hervor – und werden rasant weniger. Wie an der Adresse Donaufelder Straße 193. Auffällig bei diesem Haus war der Jugendstil-Dekor („Baumeister-Jugendstil“). Im Jahr 2014 schrieb Gerhard Jordan, damals Bezirksrat der Grünen in Floridsdorf, über das Haus:

Donaufelder Straße 193, errichtet 1913 von Karl Amlacher und Hans Sauer, die damals auch im Auftrag des Stiftes Klosterneuburg bauten.

Gründerzeithaus, Donaufelder Straße 193, Wien-Donaustadt, Fassade mit Jugendstil-Dekor
Donaufelder Straße 193 nach dem Teilabriss (Foto: 2019)

Teilabriss 2018

Erhaltenswerte historische Gebäude ließen sich in Wien die längste Zeit relativ unkompliziert abreißen. Nur in den ohnehin mehr schlecht als recht funktionierenden Schutzzonen waren Häuser einigermaßen sicher. 2018 tat die Rot-Grüne Stadtregierung einen Schritt in Richtung mehr Altbau-Schutz. Seither sind auch Häuser außerhalb von Schutzzonen besser geschützt. Kurz vor der Gesetzesreform kam es aber noch zu unzähligen hektischen Abrissen – auch in der Donaufelder Straße. 2018 berichtete der Kurier:

Das Dach des Jugendstil-Gebäudes in der Donaufelder Straße 193 ist zur Hälfte abgedeckt, die Rückseite teilweise abgerissen. Einzig an der Fassade ist der Prunk der Baukunst aus dem Jahr 1913 noch zu erkennen – und das dürfte die Rettung für das Gründerzeithaus bedeuten.

Das Gebäude wurde unter den neuen Gesetzesbestimmungen als erhaltenswert eingestuft, so die Bezirkszeitung:

Der Abriss des Gründerzeithauses auf der Donaufelder Straße 193 wurde im Juli in letzter Sekunde gestoppt (…) Die MA 19 für Architektur und Stadtgestaltung, hat das Gebäude nach eigenen Angaben wegen ihres „gut erhaltenen Fassadendekors“, wie etwa den „weiblichen Masken“ an der Vorderseite des Hauses als erhaltungswürdig eingestuft (…)

So sah das Haus nach dem Teilabbruch aus. Die Fassade war vollständig intakt:

Gründerzeithaus, Donaufelder Straße 193, Wien-Donaustadt
Donaufelder Straße 193 nach dem Teilabriss (Foto: 2019)

Gerhard Jordan von den Grünen schrieb 2018:

Bei dem 1913 (…) errichteten Mehrfamilienhaus in der Donaufelder Straße 193, dessen Mittelrisalit spätsecessionistischen Dekor aufweist, wurde die Demolierung von der Rückseite her begonnen. AnrainerInnen und die grüne Donaustädter Klubobfrau Heidi Sequenz verständigten die MA 37, und so konnte auch dieses Juwel vorerst gerettet werden.

Ein angrenzendes niedrigeres Gebäude und ein Teil des Gründerzeithauses waren demoliert worden:

Baustelle, Abriss, Donaufelder Straße, 1220 Wien
Donaufelder Straße 193 nach Teilabriss (Foto: 2019, Linie29, CC BY-SA 4.0)

Keine Sanierung

Zwei Jahre stand das Gründerzeithaus stand immer noch unverändert da. Die offenen Stellen an der Rückseite des Gebäudes waren – soweit erkennbar – nur mit Planen abgedeckt. Eine Sanierung erfolgte nicht. Offenbar war es von Anfang an das Ziel, das Haus doch noch niederzureißen. Konnte oder wollte die Baubehörde eine effektive Sanierung nicht durchsetzen?

Gründerzeithaus in der Donaufelder Straße, Jugendstil-Dekor, Baustelle, Kran
Donaufelder Straße 193 (Foto: 2020)

2022: Abriss wegen "Abbruchreife"

Knapp vier Jahre nach dem Abriss-Stopp wurde das Gebäude doch noch abgetragen. Erst verweigerte die zur Stadträtin Kathrin Gaál (SPÖ) gehörende Baupolizei nähere Auskunft, dann wurde „wirtschaftliche Abbruchreife“ als Grund angegeben. Es durfte also abgerissen werden, obwohl die für Architektur und Stadtgestaltung zuständige MA 19 das Gebäude als erhaltenswert eingestuft hatte.

Undurchsichtige Abbruchverfahren

Abrisse aus wirtschaftlichen Gründen sind seit langem ein Problem und zeigen die Lücken im Wiener Baurecht auf. Abbruchreife wird auf der Basis von privaten Gutachten (beauftragt und bezahlt von Bauträgern/Investoren) festgestellt. Bei der Berechnung werden de facto technische Neubaustandards an alte Gebäude angelegt. Das führt dazu, dass im Zweifelsfall fast jedes alte Haus als abbruchreif durchgehen kann. Wegen angeblicher Abbruchreife wurde u. a. folgende Gebäude abgerissen: Leopoldauer Platz 9 und 11 (21. Bezirk), Krieglergasse 12 (3. Bezirk), Kranzgasse 24 (15. Bezirk), Gudrunstraße 120 (10. Bezirk) und Kaiserstraße 31 (7. Bezirk). All das fällt in die Zuständigkeit und Verantwortung des Wohnbauressort, das seit jeher von der SPÖ geleitet wird (seit 2018 von Kathrin Gaál, davor von Michael Ludwig).

Transdanubien: Altbau-Schutz kam zu spät

Von der historischen Bebauung in Floridsdorf und Donaustadt sind abgesehen von den noch teilweise besser erhaltenen Ortskernen nur noch spärliche Reste vorhanden. Besonders in der Wagramer und Donaufelder Straße wurde viel abgerissen (siehe Artikel zu Kagran). Die Initiative Denkmalschutz kritisierte bereits 2014 die „Untätigkeit von Gemeinde und Bezirk“, denn …

… diese beiden Institutionen haben es nämlich verabsäumt sich zeitgerecht für den Schutz der historisch wertvollen Häuserzeile an der Donaufelderstraße einzusetzen. 2004/05 wäre der richtige Zeitpunkt dafür gewesen. Damals wurde der aktuell gültige Flächenwidmungs- und Bebauungsplan im Gemeinderat beschlossen.

Schon lange davor war bekannt, dass viele Häuser im 21. und 22. Bezirk erhaltenswert sind (bzw. waren – da viele indes abgebrochen wurden):

Bereits 1996 hat die Stadt Wien im Rahmen ihres Schutzzonenmodells Gebiete definiert, die „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ als schutzzonenwürdig eingestuft werden konnten, darunter waren auch die betroffenen Häuser. Geschehen ist leider – wie man sieht – nichts.

Die Folgen: Hausabrisse. Zum Beispiel in der Donaufelder Straße:

Grüne forderten Schutzzonen bereits 2011

Dem Erhalt historischer Bausubstanz schenkte die Politik lange Zeit nur wenig Aufmerksamkeit. Das ist in Bezirken, in denen es ohnehin nicht viel vor 1945 erbaute Häuser gibt, besonders tragisch. Selbst die wenigen erhaltenen historischen Bauten wurden nicht geschützt. Eine Partei, die sich aber immer wieder für den Erhalt stark gemacht hat, waren bzw. sind die Grünen. Gerhard Jordan, damals Bezirksrat, schrieb 2017 auf dem Blog GrünRaum Donaufeld:

Der 22. Bezirk hatte Jahrzehnte hindurch kaum Ortsbild-Schutzzonen, was dazu führte, dass immer wieder gründerzeitliche Bausubstanz abgerissen wurde – das spektakulärste Beispiel war sicher das „Hopf-Haus“ in der Donaufelder Straße. Grüne und DenkmalschützerInnen setzten sich daher für die Schaffung von Schutzzonen ein. Ein wichtiger Schritt wurde im April 2017 gesetzt, als der Gemeinderat Bausperren über mehrere Gebiete, vor allem ehemalige Ortskerne, verhängte. Kurz vorher kam es leider, z.B. in Alt-Kaisermühlen, aus Spekulations-Erwägungen zu Abrissen erhaltenswerter Gebäude. 

In Floridsdorf brachten die Grünen bereits 2011 einen Antrag für eine Schutzzone im Bezirkszentrum ein:

Der Abriss des „Hopf-Hauses“ (…) führte 2014 zu heftigen Protesten. Mangels Denkmalschutz oder Schutzzone war die Zerstörung nicht zu verhindern. Damit Ähnliches nicht auch im historischen Zentrum von Floridsdorf, um den Spitz, passiert, kämpfen die Grünen seit Jahren für eine Ortsbild-Schutzzone. Bereits im Februar 2011 wurde ein diesbezüglicher Vorschlag im Bezirksbauausschuss eingebracht, 2014 ein neuerlicher Antrag.

Nun [2015] kam endlich der Durchbruch: Im Auftrag der MA 19 (Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung) wurde von einem Experten der TU Wien (…) ein Konzept erstellt, und der Bezirks-Bauausschuss beschloss einstimmig die Unterstützung desselben.

2022: Keine Schutzzone für Brünner Straße

Fehlende Ortsbild-Schutzzonen sind immer wieder ein Grund für Abrisse. Es ist also sinnvoll, dass bei jeder Änderung des Bebauungsplans auch alle entsprechenden Häuser durch Schutzzonen erfasst werden. Eine Änderung des Bebauungsplans gab es auch bei der Brünner Straße in Floridsdorf. Doch der Entwurf der Behörden sah für einige erhaltenswerte Häuser aber keine Schutzzone vor. Das rief die Initiative Denkmalschutz auf den Plan:

Immer wieder kommt es bei Umwidmungen vor, dass klar erhaltenswerte Altbauten nicht als Schutzzone gewidmet werden (…) So passiert es im aktuellen Umwidmungsverfahren in der Brünner Straße: Die zwei Gründerzeithäuser Brünner Straße 59-61 sowie die 1930-31 erbaute Wohnhausanlage Brünner Straße 63-65 sollen keine Schutzzonenwidmung erhalten (…) Unser Verein Initiative Denkmalschutz fordert diesen auf, die drei Gebäude noch als Schutzzonenwidmung aufzunehmen und einen entsprechenden Beschluss für den Gemeinderat vorzubereiten.

In der Floridsdorfer Bezirkspolitik bestand kein Interesse an einer Schutzzone:

Die örtlichen Bezirksvertretungen beschließen zwar nicht die Umwidmungen, doch sie geben eine Stellungnahme zu den Planentwürfen ab, die wesentlichen Einfluss auf den rechtsgültigen Beschluss im Gemeinderat hat. In diesem Fall hat unser Verein Initiative Denkmalschutz zeitgerecht den Floridsdorfer Bauausschuss auf das oben erwähnte Problem hingewiesen, doch in der Stellungnahme der Bezirksvertretung wurde diese Anregung unverständlicher Weise nicht aufgenommen.

Gemeinderat: Grüne für Schutzzone - Regierung dagegen

Im Juni 2022 wurde über den oben erwähnten Bebauungsplan für die Brünner Straße im Gemeinderat abgestimmt. Heidi Sequenz (Grüne) forderte eine Schutzzone und erwähnte dabei auch das Haus in der Donaufelder Straße 193 als Negativbeispiel für mangelnden Ortsbildschutz. Doch selbst das half nichts: Der Plan mit der fehlenden Schutzzone wurde trotzdem beschlossen.

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Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.

+43 1 4000 81261
 
Vizebürgermeisterin und Stadträtin Kathrin Gaál untersteht die Geschäftsgruppe Wohnen. Zu dieser gehören u. a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im November 2020.)

Quellen

WienSchauen.at ist eine unabhängige, nicht-kommerzielle und ausschließlich privat finanzierte Webseite, die von Georg Scherer betrieben wird. Ich schreibe hier seit 2018 über das alte und neue Wien, über Architektur, Ästhetik und den öffentlichen Raum.

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