Das “Blaue Haus” ist Geschichte

IKEA baut ein neues Möbelhaus beim Wiener Westbahnhof. Doch dafür musste ein riesiges Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert weichen. Nach wochenlangen Abrissarbeiten ist das “Blaue Haus” jetzt zur Gänze abgerissen – ein Schicksal, das auch dem historischen “Leiner-Haus” droht.

Blaues Haus in Wien wird für eine IKEA-Filiale abgerissen, Rudolfsheim-Fünfhaus
Das "Blaue Haus" in der Mariahilfer Straße 132 wurde abgerissen (Foto: Juni 2019).

Monumentalbau der Gründerzeit

So groß wie ein ganzer Häuserblock war das Blaue Haus in der äußeren Mariahilfer Straße. Auch wenn das ehemalige Bürohaus der ÖBB zuletzt eher einen Charme der Nachkriegszeit versprühte, handelte es sich tatsächlich um ein altes Gebäude aus der Gründerzeit. Die strenge Anordnung der Fenster, die hohen Räume und die mächtigen Risalite verwiesen auf eine ungeahnt prachtvolle Vergangenheit. Erbaut worden war das monumentale Gebäude – ehedem Administrationsgebäude oder k.k Staatsbahn-Direction genannt – etwa zwischen 1880 und 1890.

Verhängnisvolle 1950er

Im 2. Weltkrieg wurden der alte Westbahnhof und über 40.000 andere Gebäude in Wien beschädigt oder zerstört. Nicht so das Blaue Haus, das den Krieg ohne irreparable Schäden überstanden hatte, wie die Aufnahmen unten zeigen.

Verhängnisvoller für das stattliche Gründerzeithaus gestaltete sich die Zeit nach dem Krieg: 1955 wurden die kunstvollen Stuckverzierungen bei einer Renovierung einfach abgeschlagen. Hunderte Wiener Altbauten büßten damals ihre aufwändigen Ornamente auf diese Weise ein, was bis heute im Stadtbild sichtbar ist und vielen alten Häusern ein vergleichsweise nüchternes Aussehen verleiht. Mit der Entfernung der Stuckfassade wurde auch gleichsam der erste Schritt zum Abriss des Blauen Hauses gelegt.

IKEA kommt, Altbau muss weg

Noch bis vor wenigen Jahre wurde das Blaue Haus von der Bahn genutzt. 2016 erwarb der Möbelkonzern IKEA das Gebäude, um “am Wiener Westbahnhof ein innovatives Einrichtungshaus mit viel Platz für die Menschen in der Umgebung [zu] errichten.” “Ein freundlicher urbaner Treffpunkt mit viel Platz für Pflanzen und Bäume”, “begrünte Fassadenelemente” und “helle Schaufensterflächen” verspricht der bekannte Möbelgigant. Allein ein Detail fehlte: Das Blaue Haus.

Abriss trotz verschärfter Bauordnung

2018 hat die Wiener Stadtregierung eine langjährige Forderung der Initiative Denkmalschutz umgesetzt: Ab sofort wird bei Abrissen vor 1945 erbauter Häuser geprüft, ob sie architektonisch bzw. historisch erhaltenswert sind. Erst, wenn das nicht der Fall ist, darf mit dem Abbruch begonnen werden. Die Verschärfung der Wiener Bauordnung ist die wohl effektivste Maßnahme zum Schutz des alten Wien seit der Einführung der Schutzzonen im Jahr 1972. Eine breite Mehrheit von SPÖ, Grünen und FPÖ stimmte dieser Verschärfung zu.

Auch das Blaue Haus fiel durch sein Alter unter die neuen Bestimmungen. Doch die nicht mehr original erhaltene Fassade besiegelte letztlich sein Ende: Ein privates Gutachten, das erst durch eine Anfrage im Gemeinderat öffentlich bekannt wurde, sprach dem Haus seine Erhaltungswürdigkeit ab. Die Magistrate der Stadt Wien folgten dem Gutachten. So stand dem Abriss nichts mehr im Weg.

Vertane Chance?

Im Juni 2019 begannen die Abbrucharbeiten. Seit Oktober ist nichts mehr von dem alten Haus übrig. Doch hätte es nicht eine Alternative zum Abriss gegeben? Hätten sich Alt- und Neubau nicht verbinden lassen? Hätte die Fassade nicht nach alten Plänen rekonstruiert werden können, beispielsweise in Kombination mit einem modernen Dachausbau?

Die Chance einer Rekonstruktion ist für immer verloren. Ob auch das neue Gebäude die Nutzungsoffenheit und Langlebigkeit eines Altbaus haben wird? Wird es in 130 Jahren (etwa so alt war das Blaue Haus) überhaupt noch existieren?

Seit über einhundert Jahren ist die Gründerzeit vorbei und doch erweisen sich die damaligen Gebäude auch heute noch als geradezu zeitlos modern: Immer wieder neue Nutzungen – Wohnungen, Büros, Geschäfte, Hotels – sind in den geschichtsträchtigen Gemäuern möglich. Hinter den oft aufwändigen historischen Fassaden verbergen sich erstaunlich flexible Grundrisse.

Im Gegensatz dazu sind viele heute und in den letzten Jahrzehnten gebaute Häuser nur eingeschränkt veränderbar: Einmal Wohnhaus, immer Wohnhaus. Und selbst verhältnismäßig junge Bürogebäude sind zuweilen kaum für andere Zwecke geeignet, was Abrisse begünstigt. Nachhaltig und ressourcenschonend ist das nicht.

Nächster Abriss: Leiner-Haus

Ein Prachtbau war das Blaue Haus zuletzt gewiss keiner. Doch es hätte wieder einer werden können. Während neben dem Westbahnhof die Bauarbeiten für den Neubau bereits begonnen haben, droht nur zwei U-Bahn-Stationen stadteinwärts der nächste Großabriss: Das alte Leiner-Haus in der Mariahilfer Straße soll einem Neubau weichen.

So wird sich die Geschichte des Blauen Hauses aller Wahrscheinlichkeit nach wiederholen. Wieder fehlt eine klare Ansage der Politik zum Umgang mit der Altbausubstanz. Wieder geht die Möglichkeit verloren, einem alten Haus seinen ursprünglichen Glanz wiederzugeben. Und weder Stadtregierung noch Opposition haben sich für den Erhalt des alten Gebäudes ausgesprochen – genauso wie beim Blauen Haus.

Leiner, Mariahilfer Straße, ehemaliges Warenhaus "Zur großen Fabrik" von Stefan Esders, Wien-Neubau
Vor Abriss: Leiner-Haus

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