Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Verfall im Schatten von Wien Mitte

Wer heute “Wien Mitte” hört, denkt wahrscheinlich an ein großes Einkaufszentrum und den Bahnhof, der sich darunter befindet. Viele werden auch noch die einigermaßen triste Markthalle in Erinnerung haben, die bis 2008 hier geöffnet hatte. Weniger bekannt ist vielleicht, dass es an diesem Ort einst einen historischen Bahnhof und riesige Markthallen aus der Gründerzeit gab. Ein letzter Rest des alten Bahnhofs ist bis heute erhalten – und schier hoffnungslos heruntergekommen.
Verfällt: Rest des Bahnhofs Hauptzollamt in der Unteren Viaduktgasse 4a

Bahnhof aus der Gründerzeit

Blick zurück ins 19. Jahrhundert. Mit dem Bau der ersten Eisenbahnstrecken in der Monarchie wurde auch der Grundstein zum Bahnhof Hauptzollamt gelegt, dem Vorläufer von Wien Mitte. Der Bahnhof lag am damals weitgehend unbebauten Gelände zwischen dem Wienfluss und der Landstraße, die zu der Zeit gerade Teil der Stadt wurde (Eingemeindung 1850). Bereits ab 1860 herrschte durchgehender Fahrbetrieb, zwei Jahrzehnte später verkehrten schon regelmäßig Züge zwischen Meidling und Landstraße.

Historische Markthallen

Einige Jahre nach dem Bau des Bahnhofs Hauptzollamt wurde die Großmarkthalle (Architekt: Friedrich August von Stache) errichtet. Durch die unmittelbare Nähe zum Bahnhof konnten landwirtschaftliche Produkte nun direkt mit der Bahn in die Stadt transportiert werden, was auch 150 Jahre später noch sehr fortschrittlich erscheint. Zwei weitere Hallen an der nahen Invalidenstraße folgten – 1899 die Neue Fleischhalle und 1906 die Viktualienhalle. Noch in den 1930ern wurde ein Erweiterungsbau errichtet.

Radikalabriss in der Zweiten Republik

Wie alle Bahnhofsareale hatten auch der Bahnhof Hauptzollamt und seine Umgebung stark unter den Luftangriffen des 2. Weltkriegs zu leiden. Trotzdem überdauerten sie bis weit in die Zweite Republik. Der Bahnhof wurde in den 1960ern abgebrochen. In den 1970ern war auch für die Markthallen endgültig Schluss. Anstelle der Großmarkthalle ragen heute das Hilton-Hochhaus, eine Bankzentrale und ein Kinokomplex in die Höhe.

Neubauarchitektur: Funktional, schnörkellos, kurzlebig

Das Einkaufszentrum, die Detailmarkthalle und der Busbahnhof wurden in den 1970ern gebaut – und überlebten nur knapp 40 Jahre. Statt des “Ratzenstadls” (O-Ton Michael Häupl) steht hier seit 2012 ein riesiges Bürohaus mit integriertem Einkaufszentrum (“The Mall”). Während in anderen Städten – beispielsweise im niederländischen Rotterdam – neue Markthallen gebaut werden, gibt es in Wien Mitte nun überhaupt keine mehr.

Auch in der nahen Vorderen Zollamtsstraße 13 zeigt sich die Kurzlebigkeit: Direkt gegenüber der alten Station Hauptzollamt öffnete 1905 das Bürgertheater seine Pforten (siehe Foto oben), doch wurde es bereits 1960 wieder abgerissen und durch ein Bürohaus ersetzt. Dieses wiederum wurde 1988-1992 und dann erneut 2012 grundlegend umgebaut und umgestaltet.

Solch kurze Zeitspannen können sich mit den Dimensionen der Gründerzeit, die nun schon ein Jahrhundert zurückliegt, kaum messen. Was wäre wohl, stünden die alten Markthallen und der historische Bahnhof heute noch? Die kulturelle und touristische Bedeutung lässt sich erahnen.

Wien Mitte wird neu – aber der Altbau verfällt

So ist vom alten Bahnhof Hauptzollamt also nur ein kleines Verwaltungsgebäude – vielleicht die Fahrdienstleitung – übrig geblieben, das auch in der Denkmalliste des Bundesdenkmalamts aufscheint. Während der Planungen für den Neubau von Wien Mitte hatte niemand daran gedacht, auch für das historische Relikt Sorge zu tragen. Der Bürokomplex samt “The Mall” wurde 2015 um eine geschätzte halbe Milliarde Euro an einen internationalen Investor verkauft. Für das über 100 Jahre alte Verwaltungsgebäude in der Unteren Viaduktgasse fiel davon kein Cent ab. Es dürfte einzig dem Denkmalschutz zu verdanken sein, dass es nicht schon längst dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Angesichts des traurigen Bauzustandes könnte die Einschätzung aufkommen, dass sich eine Renovierung nicht lohnen würde. Dass ohnehin schon fast alles vom alten Bahnhof weg ist. Und dass das Haus ja nicht “schön” sei. – Doch genau solche Überlegungen könnten auch in den 1960ern und 1970ern vorgeherrscht haben. Entsprechend verheerend war das Resultat für den alten Bahnhof und die Markthallen.

Abriss oder Sanierung?

Das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, gehört immer noch den ÖBB. Laut ÖBB wurde ein Baurechtsvertrag mit einem privaten Wiener Immobilienunternehmen geschlossen. Ein Baurechtsvertrag sieht vor, dass das Grundstück selbst zwar nicht verkauft wird, das darauf befindliche Gebäude aber schon. Da das private Immobilienunternehmen ein denkmalgeschütztes Gebäude erworben hat, wird ein Abriss nicht so einfach möglich sein.

Zwar ist schon vorsichtig von einer geplanten Sanierung zu hören gewesen, nähere Informationen oder ein offiziell angekündigtes Projekt gibt es aber noch nicht. Nach Weltkriegen und Abrisswellen wird das alte Haus hoffentlich noch einige Zeit ohne Renovierung durchhalten – selbst im hohen Alter von über 100 Jahren.

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