Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Der nächste “AKH-Skandal”?

Die Aufregung ist groß, seit das Wiener AKH den Abriss zweier historischer Kliniken angekündigt hat. Betroffen sind die I. Medizinische Klinik und die Kinderklinik, zwei Großbauten aus der Spätzeit der Monarchie, entworfen vom berühmten Ringstraßen-Architekten Emil von Förster. Die 1913 fertiggestellten Gebäude sind in ihrer Monumentalität und der Verbindung aus Historismus und Jugendstil in dieser Form einzigartig in Wien. Doch warum werden sie nicht renoviert, wie die nahen Frauenkliniken, die sogar noch älter sind?

AKH: Akut gefährdete I. Medizinische Klinik (links), renovierte Frauenkliniken (rechts)

Klinik kurz vor Abriss?

Seit Frühjahr 2019 wachsen die Sorgen um die historischen AKH-Kliniken, doch jetzt drängt die Zeit. Eines der beiden Gebäude steht womöglich schon kurz vor der Demolierung – sollte die Stadtregierung nicht noch rasch einschreiten. Ein Ansuchen auf Abriss der I. Medizinischen Klinik (Foto unten) ist schon gestellt worden, obwohl die für Architektur zuständige Magistratsabteilung das Gebäude als erhaltenswert einstuft und dem Abbruch nicht zustimmt. Die technische Leitung des AKH zeigt sich unbeeindruckt: “Ein Abriss wird bei vorliegendem Bescheid erfolgen.”

Längerfristig soll auch ein weiteres historisches Gebäude abgerissen werden: Die Kinderklinik (Foto unten). Scharfe Kritik kommt von der Initiative Denkmalschutz, die auf den teilweise schon seit Jahren schlechten Bauzustand hinweist und eine Renovierung fordert.

Einen klaren Widerspruch sieht auch Journalistin Rosa Winkler-Hermaden im Standard“Auf der einen Seite hat sich die Stadt Wien vorgenommen, historische Gebäude zu schützen (…) auf der anderen Seite lässt sie historische Kliniken auf dem Areal des AKH in Wien seit Jahren verfallen – mit dem offensichtlichen Ziel, einen Zustand der Gebäude zu erreichen, der sie nicht mehr erhaltenswert macht.”

Das AKH und die Stadt Wien planen den Neubau eines Forschungszentrums. Rund 340 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Doch was der Neubau von Spitälern und öffentlichen Gebäuden in Wien mitunter bedeuten kann, ist hinlänglich bekannt: Der Bauskandal um den – heute wohl schon sanierungsbedürftigen – AKH-Neubau in den 1980ern ist in die jüngere Geschichte eingegangen. Mit der damals exorbitanten Kostenüberschreitung kann selbst das jüngste Beispiel Krankenhaus Nord nicht mithalten: Die Floridsdorfer Klinik, einst als “modernstes Spital Europas” gepriesen, ist wohl fast eine Milliarde teurer geworden als versprochen. Selbst der fast 100.000 Euro teure esoterische “Schutzring” konnte die Kostenexplosion nicht verhindern.

Hier renoviert – dort demoliert?

Als nächstes sollen die Bagger also im Schatten der riesigen Bettentürme auffahren, doch ist dort noch die historische I. Medizinische Klinik im Weg. Sie sei zu alt für eine zeitgemäße Nutzung und entspreche nicht mehr den klinischen Anforderungen, so die technische Leitung des AKH in der Bezirkszeitung.

Unerwähnt bleibt, dass Forschung – und um die geht es hier, nicht um regulären Spitalsbetrieb –  auch in alten Gebäuden einwandfrei möglich ist. Der Beweis liegt nur wenige Meter entfernt: Die ehemaligen Frauenkliniken (Foto unten). Die kostbaren Jugendstil-Pavillons wurden erst vor wenigen Jahren grundlegend renoviert und werden nun von der Medizinischen Universität genutzt. Ein Abriss wäre heute undenkbar.

Frauenkliniken - 29.9.2019 (15)
Renoviert und neu genutzt: Ehemalige AKH-Frauenkliniken

Renovierung statt Demolierung, Umbau statt Abriss – genau das fordert auch eine offizielle Petition, die von allen Personen mit Wiener Hauptwohnsitz unterschrieben werden kann.

Die Stadtregierung und namentlich Sozialstadtrat Peter Hacker haben es jetzt in der Hand, den Erhalt der Gebäude sicherzustellen. Kontakte zu den zuständigen Politikern und Magistraten finden Sie am Ende dieses Artikels. Weitere Details zu den nun gefährdeten Kliniken sind hier. Im Folgenden gibt es Infos über die Geschichte und die beeindruckende Architektur der renovierten Frauenkliniken.

Prachtbauten im Jugendstil

Wien um 1900: Gründerzeit, Industrialisierung, rapides Bevölkerungswachstum, überbelegte Wohnungen, katastrophale hygienische Verhältnisse. Das alte AKH – heute renoviert und ein Uni-Campus – platzte schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus allen Nähten. Um die medizinische Versorgung zu gewährleisten, errichtete die Stadt eine Reihe von Neubauten am Gelände des neuen AKH, darunter auch die Frauenkliniken.

AKH heute (Baujahre in Klammern) (©ViennaGIS, bearbeitet)
AKH heute (Baujahre in Klammern) (©ViennaGIS, bearbeitet)

Die Frauenkliniken liegen genau zwischen altem und neuem AKH. Auf dem Foto unten sind die Bettentürme des 1980er-Neubaus (links) und die renovierten Frauenkliniken (rechts) zu sehen.

In der Architektur der Frauenkliniken kündigt sich schon eine neue Zeit an. Der in Wien so präsente Historismus ging zu Ende, der Jugendstil kam auf.

Architekt der Frauenkliniken war Franz Berger, ein Spezialist für Krankenhausbauten, der auch Pavillons des Wilhelminenspitals, ein Gebäude des Kaiserin-Elisabeth-Spitals, sowie die Semmelweis-Frauenklinik entwarf.

Der Baudekor der oberen Fassadenteile besteht aus dunkelgrünen Fliesenbändern und geschwungenen Metallgittern. Die Flachdächer dienten dem Aufenthalt von Patientinnen und Personal.

“Die Säle der Frauenkliniken beherbergten bis zu 23 gynäkologisch Kranke oder Schwangere und bis zu 24 Wöchnerinnen mit ihren Säuglingen”, berichtet die Kunsthistorikerin Monika Keplinger, die sich in ihrer Dissertation eingehend mit den Kliniken befasst hat.

Zusätzlich zu den fast 600 Krankenbetten waren auch zwei Hörsäle für jeweils rund 200 Studierende integriert. Auf den Fotos unten sind die großen Fenster der Hörsäle zu sehen.

“Mit den funktionalistischen Planungsprinzipien kombinierte [Architekt Franz] Berger eine schlichte Gliederung der Fassaden, die eher an mehrstöckige Zinshausbauten denn an repräsentative Palais erinnert”, so Keplinger. Ihre Arbeit ist mittlerweile im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.

Zwischen den Pavillons erstreckt sich eine frei zugängliche Parkanlage mit zum Teil sehr alten Bäumen.

Anfang der 2000er-Jahre wurden die An- und Umbauten aus den 1960ern entfernt und der ursprüngliche Zustand der Gebäude weitgehend wiederhergestellt. Im Gegensatz zu den jetzt akut vom Abriss bedrohten Gebäuden stehen die ehemaligen Frauenkliniken unter Denkmalschutz.

Gynäkologie und Geburtshilfe sind zwar schon längst ausgezogen, doch der schöne Park und die beeindruckende Architektur aus dem frühen 20. Jahrhundert sind geblieben. Genutzt werden die Gebäude heute von der Medizinischen Universität Wien und der Krankenhausverwaltung.

Ob die jetzt akut gefährdeten Kliniken in Zukunft auch in einem solchen Glanz erstrahlen werden? Die Wiener Stadtregierung hat es in der Hand, denn alle AKH-Gebäude stehen im Eigentum der Stadt Wien. Viel Zeit für die Rettung bleibt nicht mehr.

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Hinweis: Die Euro-Beträge zum Krankenhaus Nord sind der Tageszeitung “Die Presse” entnommen. Siehe Artikel vom 21.2.2008 und 12.1.2018.

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