Fotos und Text © Georg Scherer, 2018-2019

Gürtel: Historische Kuppel demontiert!

Ein rasanter Wandel vollzieht sich am Wiedner Gürtel. Während der Verkehr lautstark über die bis zu acht Spuren breite Straße brettert, werken im angrenzenden 10. Bezirk seit Jahren die Bauarbeiter: Der Hauptbahnhof, die Zentrale der Erste Bank, neue Bürohäuser und Hotels, Hochhäuser, ein Einkaufszentrum und immer noch jede Menge Baustellen. Der triste Charme des alten Südbahnhofs ist passé. Heute geben Stahl, Glas und kühler Rationalismus den Ton an.

Diese Entwicklung ist auch an der “alten” Seite des Gürtels – hier liegt der 4. Bezirk – nicht spurlos vorübergegangen. Beispielsweise an der Ecke Argentinier Straße, wo seit kurzem ein großvolumiger Dachausbau ein altes Gründerzeithaus förmlich erdrückt. Ganz nebenbei wurde dabei auch ein altes Türmchen entfernt (siehe Fotos unten).

Wiedner Gürtel 18

Viele Gründerzeithäuser im Krieg zerstört

Der Wiedner Gürtel ist bzw. war ein Musterbeispiel für die Architektur der Gründerzeit: Aufwändige Fassaden, Ornamente, Erker, formschöne Kuppeln, und im Erdgeschoß Geschäfte und Lokale. Die meisten Gebäude stamm(t)en aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Um 1900: Wiedner Gürtel im Originalzustand der Gründerzeit, rechts Wiedner Gürtel 18 mit Kuppel (Foto: Privatbesitz G.S.)

Heute ist nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Bebauung vorhanden. Bedingt durch die Nähe zum alten Südbahnhof waren hier im Verlauf des 2. Weltkriegs besonders viele Bombentreffer zu verzeichnen. Zahlreiche Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Historische Kuppel demontiert

Von diesem Schicksal blieb das alte Eckhaus am Wiedner Gürtel 18 verschont. Fast 140 Jahre hatte es sich weitgehend in seinem Originalzustand erhalten – bis 2018. Denn beim Bau eines kürzlich fertiggestellten Dachgeschoßausbaus wurde die historische Kuppel einfach demontiert. Wie das ganze Haus stammte sie noch aus dem Jahr 1876.

Dezember 2017: Kuppel vor der Demontage (rechts)

“Ästhetischer Totalschaden”

Der riesige Dachausbau ist nicht unbemerkt geblieben. Als “ästhetischen Totalschaden” bezeichnete der Journalist Bernhard Baumgartner das Projekt auf seiner Facebook-Seite. “Schöner kann man zu Wien nicht „Geh scheißen!“ sagen. Wieso so etwas genehmigt wird ist mir schleierhaft”, so Baumgartner weiter.

Die für Architektur zuständige Magistratsabteilung antwortete der Tageszeitung Heute zu diesem Fall: “Das Projekt hält die Vorgaben des Bebauungsplans ein und liegt in keiner Schutzzone.” Das Stadtbild werde durch den Dachausbau nicht gestört.

Haben die Behörden also die Entfernung der Kuppel genehmigt? Oder gab es keine rechtliche Handhabe, um die Demontage zu verhindern?

Die vielleicht wichtigere Frage ist aber, warum Eigentümerfirmen auf solch grobe Weise mit ihren Häusern umgehen. Zählt einzig und allein die Flächenmaximierung? Gibt es nicht eine gewisse Verantwortung gegenüber dem baukulturellen Erbe?

Jänner 2019: Kuppel weg, Dachausbau da

Keine Schutzzone

Die Stadt Wien kann historische Gebäude durch Schutzzonen vor Abriss und groben Veränderungen bewahren. Trotzdem wurden bei der letzten Planänderung im Jahr 2007 am Wiedner Gürtel keine Schutzzonen gewidmet. Lediglich das alte Gebäude der k.k. Südbahngesellschaft (Wiedner Gürtel 12) liegt in einer Schutzzone – was gar nicht notwendig wäre, steht es doch ohnehin unter Denkmalschutz. Zu spät kam ein ÖVP-Antrag auf mehr Ensembleschutz im Dezember 2017. Trotz breiter Zustimmung in der Bezirksvertretung ließ sich das Türmchen am Eckhaus nicht mehr retten.

Hohe Bauklasse setzt Gründerzeithäuser unter Druck

Die Anzahl der vorhandenen bzw. maximal erlaubten Geschoße entscheidet maßgeblich, wie viel eine Liegenschaft wert ist. Steht ein kleineres Gebäude auf einem Grundstück, an dem eigentlich höher gebaut werden darf, wird es zu wirtschaftlichem Druck kommen. Genau das ist am Wiedner Gürtel mehrfach passiert. Zwei Gründerzeithäuser (Wiedner Gürtel 16 und 22) fielen in den letzten Jahren den Abrissbaggern zum Opfer. Eines davon befand sich dort, wo heute ein neues Hotel mit riesigen runden Fenstern und spiegelglatter Fassade für den vielleicht größtmöglichen stilistischen Bruch sorgt (siehe Foto unten).

Jänner 2019: Dachausbau statt Kuppel (Mitte), Hotelneubau statt Gründerzeithaus (rechts)

Auch der Dachausbau am Haus Wiedner Gürtel 18 ist der hohen Bauklasse geschuldet. Eine rechtzeitige Anpassung des Bebauungsplans an die historischen Gebäude hätte die Abrisse und die massive Aufstockung wahrscheinlich verhindert. So ist zu befürchten, dass es das gegenüberliegende Eckhaus auf Nr. 20 als nächstes treffen könnte. Zumindest eine Kuppel kann dabei nicht demoliert werden – das dürfte schon der 2. Weltkrieg erledigt haben.

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