Hundert Jahre Familienbetrieb
Die Geschichte des Karolinenhofs im Floridsdorfer Bezirksteil Jedlesee beginnt im frühen 20. Jahrhundert. In den letzten Jahren der Monarchie, als gegenüber noch eine Kaserne stand, wurde das Gebäude errichtet. Schon in der Anfangszeit war eine Gastwirtschaft im Haus untergebracht, die Vermietung von Fremdenzimmern nahm aber erst langsam seinen Lauf.
Ein großer Aufschwung kam mit dem Bau des großen Karl-Seitz-Hofes, wie der Nachfahre des Gründers, Franz Nahrada, schildert:
Im Jahr 1925 war es dann so weit: die alten Baracken [der Kaserne] waren verschwunden und die Stadt Wien entschied sich für eine Wohnhausanlage und gegen ein Spital. Hier sollte ein richtiges Ortszentrum entstehen, mit Geschäften, Theater, ein “Superblock” des roten Wien (…)
Hunderte Arbeiter am gewaltigen Bau speisten jeden Tag in drei Schichten bei uns. Im Keller entstanden modernste Bier- und Fleischkühlräume, die neuen Bewohner der Gartenstadt nahmen das Lokal und den wunderschönen Gastgarten gut an, bei Jedleseer Bier und gutem Wein genossen sie das Essen, in der Küche werkten bis zu 5 Frauen an einem 1926 angeschafften, modernen “Restaurations-Gasherd” und die Auswahl war reichlich.
Der Hotelbetrieb setzte in der zweiten Republik ein und blühte in den 1980er-Jahren:
In den achtziger Jahren begann Wien touristisch zu boomen, und der Karolinenhof fand eine neue Zielgruppe in Busgruppen die in zwei oder drei Wochen Europa durchquerten, mit Menschen aus allen fünf Kontinenten. So traf ich immer neue Menschen aus Brasilien, Indien, Kanada und viele mehr.
Doch unmerklich kündigten sich wieder die Vorboten einer Veränderung an. Immer mehr internationale Hotelketten investierten in Wien, und eines Tages begann die Regelmäßigkeit der Busse nachzulassen. Die Viersternhotels im Zentrum begannen mit einem Preiskampf zur Füllung ihrer Überkapazitäten. Die PSK Bank [im Erdgeschoß des Gebäudes] begann laut über die Frage des Standorts nachzudenken, überall machte sich ein neuer Geist des verschärften Wettbewerbs breit (…)
Fast einhundert Jahre gingen in der Jedleseer Straße Nr. 75 die Gäste ein aus ein. 2011 musste das Hotel aber aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Neben der gestiegenen Konkurrenz und den beträchtlichen behördlichen Auflagen hat bestimmt auch die periphere Lage das ihre dazu beigetragen. Zurück blieb ein wichtiges Zeugnis der späten Gründerzeit – nämlich das Gebäude selbst.
Dekorierte Fassade bis zuletzt erhalten
Zur Architektur des ehemaligen Hotels schrieb Gerhard Jordan, lange Zeit Bezirksrat der Grünen im 21. Bezirk:
Der Entwurf stammte von Franz Aubrecht, einem der Vertreter des sogenannten „Baumeister-Jugendstils“ der Spätgründerzeit in Floridsdorf. Von ihm gibt es im 21. Bezirk eine große Anzahl von späthistoristischen Wohnhäusern, oft mit secessionistischem Dekor, die von 1910 bis 1914 entstanden (…)
Noch bis kurz vor dem Abriss war der Fassadendekor erhalten, wie das Foto unten zeigt.
Keine Schutzzone eingerichtet
Unter Denkmalschutz stand das Gebäude nicht. Das Denkmalschutzgesetz ist in Österreich zu limitiert, um im Verhältnis nur eher durchschnittliche Gebäude wie den Karolinenhof zu schützen. Aber es hätte trotzdem eine Möglichkeit gegeben, den Erhalt zu sichern: Im Jahr 1998 hat die Stadt Wien für die Gegend um die Jedleseer Straße einen neuen Bebauungsplan beschlossen. Dabei hätte eine Schutzzone verhängt werden können, womit ebenfalls ein langfristiger Schutz vor einem Abbruch erreicht worden wäre. Aber die Wiener Behörden und Politiker haben das verabsäumt.
Hotel Karolinenhof wird abgerissen
2017 berichtete die Bezirkszeitung über den bevorstehenden Abriss des Karolinenhofes:
Das Grundstück wurde verkauft, das Eckhaus wird abgerissen und weicht einem Wohnbau (…) Das Konzept sieht einen modernen Wohnbau mit Loggien und einer Garage für eine gehobene Wohnqualität vor. Die bestehende Bauklasse bleibt erhalten.
Mehr Geschoße auf derselben Fläche – das ist wohl der Grund gewesen, warum der neue Eigentümer einen Abriss bevorzugt hat. Da die Stadt sich nicht rechtzeitig um eine Schutzzone und eine genau angepasste Höhenwidmung gekümmert hatte, ließen sich diese Pläne nicht beeinflussen.
Nach nur 105 Jahren kam dann das Ende für das alte Gebäude. 2018 wurde es restlos abgerissen. Nur einige Monate bevor die Wiener Bauordnung verschärft wurde (die einen Abriss vielleicht verhindert hätte). Die Initiative Denkmalschutz zeigte sich empört:
Das markante Gründerzeitgebäude mit späthistoristischer Fassadengliederung sowie secessionistischen Stilanklängen (Architekt: Franz Aubrecht) bildet gemeinsam mit dem gegenüber liegenden Karl-Seitz-Hof (bedeutender Gemeindebau der Zwischenkriegszeit) ein wertvolles Ensemble in Jedlesee (…)
Zum x-ten Male und seit vielen Jahren muss unser Verein auf die vielerorts verschleppten Schutzzonenwidmungen verweisen, denn spätestens seit 1996 muss der Stadt Wien die Notwendigkeit großzügiger Schutzzonenerweiterungen bewusst sein. Damals wurde ein eigenes Schutzzonenmodell (MA 19) ausgearbeitet und der Bereich beim Karl-Seitz-Hof als “mit hoher Wahrscheinlichkeit” schutzzonenwürdig ausgewiesen (…)
Wohnhaus folgt auf Hotel
Seit dem Abriss erinnert nichts mehr an das schmucke Jugendstilgebäude. Auch die Bezeichnung Karolinenhof (das Haus war nach der Frau des seinerzeitigen Gründers benannt) ist weg.
Der Bauherr wirbt unter dem Titel Daheim in Jedlesee für den Neubau:
In der Jedleseer Straße 75 steht unser Neubauprojekt mit 49 freifinanzierten Eigentumswohnungen.
Auch die Ensemblewirkung mit dem gegenüberliegenden Haus (am Foto unten links) ist seit dem Abriss passé.
Haben die Architekten das Gestalten verlernt?
Besonders der Vergleich von Altbau und Neubau führt vor Augen, wie sich die Architektursprache in den letzten einhundert Jahren verändert hat. Während der Wohnkomfort sicherlich im Vergleich zu manch alten Häusern deutlich gestiegen ist, spielt der Faktor Ästhetik heute oft nur eine untergeordnete Rolle.
Was sich mit dem Neubau verändert hat
Natürlich stehen die allerwenigsten Häuser viele Jahrhunderte lang und ein allmählicher Wandel in Häuserbestand und Stadtbild ist auch völlig normal. Die zentralen Fragen sind aber: Wie geht dieser Wandel vonstatten und bringt das neue Gebäude eine Verbesserung in Form und Funktion? Wird die Stadt durch das neue Gebäude aufgewertet oder nicht?
Transdanubischer Dekor
In der späten Gründerzeit entstanden in den inneren Bezirken aufwendige Wohnhäuser, manchmal üppig-floral geschmückt, manchmal schon sehr sachlich (z. B. Gumpendorfer Straße 82). Diese Entwicklung strahlte bis an den Stadtrand aus. In den damals noch viel dünner besiedelten Außenbezirken nahmen sich Baumeister und Architekten die Häuser im Stadtzentrum zum Vorbild. Der „Baumeister-Jugendstil“ ist bis heute in Floridsdorf und Donaustadt gegenwärtig. Um den Schutz dieser Bauten hat sich die Politik aber kaum gekümmert, sodass zahlreiche Häuser aus jener Zeit bereits abgerissen worden sind (u. a. das 1913 errichtete Hopf-Haus).
Karl-Seitz-Hof
Einige Jahrzehnte später finden wir uns in der Zwischenkriegszeit wieder. Die Bautätigkeit jener Zeit ließ Floridsdorf und Donaustadt weiter wachsen. Der gegenüber dem abgerissenen Karolinenholf gelegene Karl-Seitz-Hof mit seinen über tausend Wohnungen und vielen begrünten Höfen gehört zu den bekanntesten Gemeindebauten der Ersten Republik. Das Architektenlexikon sagt zum ursprünglich Gartenstadt Jedlesee genannten Hof:
Paradigmatisch demonstriert hier die weit ausladende halbrunde Hauptfassade, die einen großen Platz umfasst, den expressiven Pathos der Gemeindebauarchitektur der 20er Jahre, und ein hoch über die Dächer aufragender Uhrturm erinnert an die signifikanten Aufbauten bei [Architekt Hubert] Gessners Fabriken der Vorkriegszeit. Im Hof hingegen bedient sich Gessner mit der Ausbildung von Rundtürmen und Rundbogenarkaden allerdings durchaus wiederum einer romantisierenden Gestik, um wohnliche Geborgenheit und gemeinschaftliche Idylle zu evozieren.
Entworfen wurde der Karl-Seitz-Hof von Hubert Gessner, der …
… zu den bedeutendsten Architekten [zählt], die aus der Wagner-Schule hervorgegangen sind. Seine Leistung besteht insbesondere darin, dass er als Architekt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei für „seine“ Klientel, die Arbeiterklasse, neue architektonische Lösungen schuf. Indem er nicht nur funktionale, sondern auch repräsentative, ästhetisch ansprechende Industriebauten gestaltete, ästhetisierte er gleichsam auch die Tätigkeit der Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiteten. Die selbstbewusste Gestik der Fabriksbauten setzte am Beginn des 20.Jahrhunderts aber auch einen wesentlichen Impuls für eine Neubewertung von Arbeitsstätten insgesamt.
Quellen und weitere Infos
- Karolinenhof in Jedlesee: Herber Verlust für das Stadtbild (Initiative Denkmalschutz, 24.08.2017): initiative-denkmalschutz.at/berichte/karolinenhof-in-jedlesee-herber-verlust-fuer-das-stadtbild-24082017/
- Karolinenhof steht vor dem Aus (Bezirkszeitung, 23.8.2017): meinbezirk.at/floridsdorf/c-lokales/karolinenhof-steht-vor-dem-aus_a2219546
- Karolinenhof: Wohnungen statt Traditionshotel (ORF, 28.8.2017): wien.orf.at/v2/news/stories/2862735/
- Infos über die Familie Nahrada und das Hotel Karolinen-Hof: dorfwiki.org/wiki.cgi?Jedlesee/JedleseerGeschichte/FamilieNahrada#100JahreKarolinenhofdiekurzeillustrierteFassung
- VCÖ: Pkw-Stellplatzverpflichtung verteuert das Wohnen (2018): vcoe.at/presse/presseaussendungen/detail/stellplaetze-wohnkosten
- Karl-Seitz-Hof: wienerwohnen.at/hof/241/Karl-Seitz-Hof.html
- Architekt Hubert Gessner: architektenlexikon.at/de/166.htm
- Foto Jedleseer Straße 75 (2018): VIEX – Ernest Niedermann, Hotel Mahrada 1.0, CC BY-SA 4.0
- Foto Donaufelder Straße 241 (2014): Maclemo, Hopfhaus, CC BY-SA 3.0
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