Wien ist eine schöne Stadt. Oder nicht? Abseits einiger gepflegter Straßen und Plätze ist Österreichs Hauptstadt tatsächlich zum Teil alles andere als schön. Gesichtslose Neubauten, zugeparkte Straßen, grauer Asphalt und unattraktive öffentliche Räume prägen eine Stadt, der das Verständnis von Schönheit mit den Jahrzehnten abhandengekommen zu sein scheint.
Über den öffentlichen Raum, den Umgang mit Altbauten und die Architektur von Neubauten in Wien. Alles durchaus subjektiv und oberflächlich.
Dieser Artikel wurde im Oktober 2025 aktualisiert.
Wien hässlich? Kann das sein?
Die schönen Seiten Wiens sind bekannt. Aber es gibt auch die anderen, weniger schönen Seiten. Sie bleiben Touristen vielleicht verborgen, sind aber Alltag für viele Bewohner, denn abseits einiger Aushängeschilder der Stadt – Innere Stadt und Umgebung, Schönbrunn, die Naherholungsgebiete usw. – wirkt Wien teils erstaunlich heruntergekommen. Gemeint sind dabei vor allem der öffentliche Raum und die Ästhetik so mancher Neubauten.
Aber was ist eigentlich hässlich? Inwiefern ist das Gegensatzpaar hässlich vs. schön überhaupt sinnvoll und brauchbar? Warum ist etwas hässlich geworden? Wo sind konkrete politische Entscheidungen ursächlich wirksam, wo entspricht eine Entwicklung schlicht dem Zeitgeist? Sind manche noch heute beobachtbaren Phänomene die Auswirkungen des jahrzehntelangen Niedergangs der Stadt, was sich erst mit dem Bevölkerungswachstum ab den 1990ern umgekehrt hat? Oder ist man mit der Frage nach Schönheit von vornherein auf dem Holzweg?
Anstatt an dieser Stelle Versuche mit weitschweifigen Erklärungen und historisch-politischen Herleitungen herzustellen, sollen die Bilder für sich sprechen. Ohne jeden Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Vollständigkeit.
Asphalthauptstadt Wien
In Wien ist Asphalt allgegenwärtig. Fahrbahnen, Parkplätze und Gehsteige, historische Plätze und moderne Stadtviertel – fast überall ist Asphalt verlegt. Während der graue Belag bei Fahrbahnen und Radwegen praktisch ist, entsteht bei Gehsteigen und Plätzen ein unvorteilhaftes Erscheinungsbild. Zudem muss Asphalt bei Bauarbeiten immer wieder aufgestemmt werden, sodass mit der Zeit ein Flickenteppich entsteht.
Bei der Frage des Bodenbelags geht es nicht bloß um die Ästhetik. Asphalt trägt auch zur Erhitzung bei, da er die Wärme besonders gut speichert. Zudem ist Asphalt undurchlässig, sodass Straßenbäume kein Wasser bekommen, da Regen direkt in die Kanalisation fließt, anstatt zu den Wurzeln durchzusickern.
Der Bodenbelag im Städtevergleich:
Autogerechte Verkehrsplanung
Um 1900 war Wien eine Stadt der Straßenbahnen und Fußgänger. Ab den 1930ern wurde nach und nach auf eine autogerechte Stadt hin gebaut. Heute sind die allermeisten Straßen, Gassen und Plätze in erster Linie auf die Bedürfnisse des Automobils zugeschnitten. Selbst mitten im Stadtzentrum finden sich eine Vielzahl breiter, verkehrsreicher Straßen. Einstige Prachtstraßen und Boulevards sind zu unwirtlichen Orten geworden, Plätze und Straßenränder sind mit Autos verstellt.
Eine Gegenbewegung hin zu attraktiven und menschenfreundlichen öffentlichen Räumen hat zwar bereits in den 1970ern eingesetzt – ab dieser Zeit entstanden die ersten Fußgängerzonen, etwa am Stephansplatz. Auch in den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur wird seit etlichen Jahren investiert. Von einem durchgehenden Rückbau der überbordenden automobilen Infrastruktur ist Wien aber noch weit entfernt.
Zugeparkte Straßen und Gassen
Die Politik stellt Wien gerne als eine moderne und nachhaltige Stadt mit einem schönen Straßenbild dar. Davon kann in vielen Fällen aber keine Rede sein, wird doch ein großer Teil des öffentlichen Raums für Parkplätze hergegeben. Oftmals handelt es sich um Schrägparkplätze, die besonders viel Fläche einnehmen. Dieser Platz fehlt dann für andere Nutzungen: Bäume, Begrünung, breitere Gehsteige, Radwege und größere verkehrsberuhigte Flächen. Ein Umdenken findet statt, bislang aber erst punktuell.
Verunstaltete Prachtstraßen
Wien hat bzw. hatte eine ganze Reihe an prächtigen Straßen, allem voran die Ringstraße und Zweierlinie. Doch auch die Praterstraße, Alser Straße, Währinger Straße und die Straßen um den Donaukanal waren einst repräsentative Boulevards, ebenso der Gürtel. Von der alten Schönheit ist dort bis heute teils nicht viel geblieben. Die Straßen wurden nach und nach dem Autoverkehr untergeordnet, wichtige Details wie Straßenlaternen, Pflasterbeläge und andere Mikroarchitekturen wurden zerstört oder ohne Not entfernt.
Unattraktive Plätze
Italien ist bekannt für seine schönen und lebendigen Plätze. Wien nicht. Eine Platzkultur wie in anderen Städten fehlt hierorts. Doch selbst die Plätze, die Wien hat, sind teils so miserabel gestaltet und aufgeteilt, dass sie als Plätze kaum wahrnehmbar sind.
Unattraktive Bezirkszentren
Viele Wiener Bezirke sind größer als so manche Stadt. Dennoch fehlen den Bezirken attraktive, verkehrsberuhigte Zentren und Hauptstraßen. Viele Hauptstraßen sind so unfreundlich gestaltet und von Autoverkehr belastet, dass an einen angenehmen Aufenthalt nicht zu denken ist. Wo es aber doch einen zentralen Platz oder ein Zentrum in Form mehrerer Straßen gibt, sind diese teils so klein, dass das angesichts der Größe der Bezirke kaum ernst genommen werden kann.
Öffentlicher Raum: Grau in Grau
Wien ist eine graue Stadt: grauer Asphalt, graue Stangen für Verkehrszeichen, graue Poller, graue Straßenlaternen, graue Randsteine und silbergraue Radbügel runden das Gesamtbild ab.
Triste Detailgestaltung von Straßen und Plätzen
Die Gestaltung vieler öffentlicher Räume (Fokus auf die kleinen Dinge!) ist nicht gerade einladend. Folgende Vergleiche sollen das veranschaulichen:
Langweilige Straßenlaternen
Zahlreiche Straßen und Plätze in Wien glänzten einst mit kunstvoller Straßenbeleuchtung, wie es sie heute etwa noch in Prag gibt. Von diesen alten Laternen ist fast nichts erhalten, nur vereinzelt finden sich Nachbauten alter Modelle. In Wien regiert heute ein fader Funktionalismus.
Kabel in der Luft
Anders als in vielen anderen Städten der Welt wurden die Straßenbahnen in Wien nie gänzlich aufgelassen. Ein großes Glück, obschon das Straßenbahnnetz im Vergleich zur Zwischenkriegszeit über die Jahrzehnte deutlich geschrumpft ist. Einher mit der Straßenbahn gehen die unvermeidlichen Oberleitungen, die es zumindest bis zum Durchbruch in der Batterietechnik noch brauchen wird. In den Wiener Lüften hängen aber auch Laternen auf Seilen – und zwar genau in der Straßenmitte. So wird zwar die Fahrbahn ausgeleuchtet, nicht aber die Gehsteige.
Schaltkästen
Während beispielsweise für das Erscheinungsbild von Altbaufenstern behördliche Regelungen existieren, darf der öffentliche Raum mit technischer Infrastruktur offenbar ungehindert vollgestellt werden. Vorgaben für ansprechende Designs scheint es nicht zu geben.
Schlecht erhaltene Altbauten
Der Zweiten Weltkrieg hat Wien im Vergleich zu deutschen Städten nicht ganz so stark in Mitleidenschaft gezogen. Dennoch wurden rund 41% des Gebäudebestandes beschädigt oder zerstört. Ein originalgetreuer Wiederaufbau ist in vielen Fällen nie erfolgt, auch Jahrzehnte später gibt es kein Programm, um verlorene Häuser, Fassaden und Dächer wiederherzustellen. Nicht einmal die vielen unter NS-Herrschaft zerstörten Synagogen wurden wiederaufbaut.
Verheerend waren auch die „Modernisierungen“ historischer Fassaden in den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals wurde ohne Not historischer Dekor von Fassaden abgeschlagen. Tausende Häuser sind davon betroffen. Ein weiteres Problem ist das Mietrecht, das zwar mehr oder minder günstige Mieten schafft, jedoch in vielen Fällen zu wenige Einnahmen für nachhaltige Sanierungen zu generieren scheint.
Viele Abrisse
Was der Zweite Weltkrieg nicht geschafft hat, das hat die Politik im Wien der Zweiten Republik erreicht: die massenhafte Zerstörung von Bestandsbauten. In Wien fehlten über Jahrzehnte Gesetze zum Schutz historischer Bauten. Seit 1945 wurden so viele Altbauten abgerissen, dass sich die Zahl nicht einmal schätzen lässt. Erst seit 2023 besteht ein effektiver Abriss-Schutz im Wiener Baurecht.
Der Abriss von Altbauten wäre wohl weniger verheerend, würde danach ansprechende und ästhetisch hochwertige neue Architektur entstehen. Oftmals ist das aber nicht der Fall.
Selbst große Altbauten fielen der Abrissbirne mitunter schon zum Opfer:
Verunstaltete Gebäude
Bei Umbauten und Sanierungen kommt es nicht selten zu tiefgreifenden Veränderungen an alten und auch weniger alten Gebäuden. Dächer werden entfernt und durch zur Fassade nicht passende Aufstockungen ersetzt, Dekor wird abgeschlagen, Erdgeschoßfassaden werden durch Garageneinbauten zerstört.
Bei dem Gebäude auf den Fotos unten wurde der historische Dekor abgeschlagen und durch zweifärbige Platten ersetzt.
Beim Gebäude auf dem Foto unten wurde die Fassade aus dem 18. Jahrhundert zerstört:
Dachausbauten & Aufstockungen
Auf den Dächern vieler Gründerzeithäuser wachsen mitunter groteske Ausbauten, die keinerlei Rücksicht auf den Bestand nehmen. Rücksichtnahme ist auch nicht erforderlich, denn es gibt keine entsprechende gesetzliche Regelung. Verheerend sind oft auch die Aufstockungen mit ganzen Geschoßen, wo ebenfalls laut Baurecht kein Bezug auf die darunterliegenden Fassaden genommen werden muss. So werden auch die Wiener Altbauten immer unansehnlicher.
Zerstörungen durch Garageneinfahrten
Keine Erdgeschoßfassade in Wien ist sicher vor der Zerstörung – wenn es um den Einbau von Garageneinfahrten geht.
Gesichtslose Neubau-Architektur
Wien ist bekannt für seine vielen historischen Gebäude. Weniger bekannt außerhalb Wiens ist wahrscheinlich, in welch erbärmlichen Zustand die Neubau-Architektur der österreichischen Hauptstadt ist. Die Produktion „bestürzender Neubauten“ läuft unaufhaltsam weiter, denn effektive Qualitätskontrolle findet ganz offenkundig nicht statt. Liegt es an den Bauherren? An den Architekturbüros? An einer merkwürdigen Tradition, die sich immer weiter fortspinnt? Sind es Normen und Vorschriften, die das Bauen so teuer machen, dass kein Geld für ansprechende Architektur übrig bleibt?
Fade Fassaden
Viele neuere Gebäude in Wien wirken wie sanierte Bauten der 1960er-Jahre. Fassaden werden mit minimalem Aufwand hergestellt, allenfalls fungieren noch mehr oder minder wild gesetzte Fenster als Gliederung. Das verwendete Material – Putzfassaden mit Vollwärmeschutz – altert im Gegensatz zu hochwertigen Fassadenmaterialien wie Klinker (Sichtziegel), Stein oder Holz eher unvorteilhaft.
Monotonie
Die Kunst, große Gebäude durch Vor- und Rücksprünge, Dekor und auskragende Elemente zu gliedern und ihnen damit die Wucht zu nehmen, ist in Wien in Vergessenheit geraten. Seit der Nachkriegszeit entstehen teils elendig lange und/oder hohe Gebäude, die mit ihrer Monotonie negativ aufs Stadtbild wirken. Dass Bauherren möglichst billig bauen wollen, ist aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar. Weniger verständlich ist, dass die Wiener Stadtpolitik kein Interesse an hochwertiger und freundlicher Architektur hat und demnach auch keine effektiven Instrumente und Regelungen für die äußere Gestaltung von Neubauten existieren.
Harte Materialien
Metall, Blech und Sichtbeton sind bei etlichen Neubauten die prägenden Fassadenmaterialien. Was macht es mit einer Stadt, wenn Gebäude mit Fassaden glänzen, die an Straßeninfrastruktur, Lagerhallen oder Baucontainer erinnern?
Monochrome Farben
Wien ist nicht nur durch die vielen tristen öffentlichen Räume eine graue Stadt – auch die Architektur vieler neuer Gebäude ist in Grau, Weiß und Schwarz gehalten. Woher kommt die auffällige Angst vor Farben? Wollen sich Bauherren und Architekten nicht dem Spott der Kollegenschaft aussetzen, wenn sie freundliche und einladende Architektur produzieren? Und woher kommt die Tendenz, sich zwanghaft vom Alten abgrenzen zu müssen?
Farbliche Reinfälle
Der Sinn für Farben scheint weithin verloren gegangen zu sein. Während einerseits eine Mehrheit der neueren Gebäude wie einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen scheint, finden sich andererseits Bauten, bei denen in wunderliche Farbtöpfe gegriffen wurde.
Keine Rücksicht aufs Umfeld
Wer in Wien neu baut, darf das Umfeld getrost ignorieren. Ein unabhängiger Gestaltungsbeirat, der Qualität und Einpassung neuer Gebäude sicherstellt, existiert in Wien nicht. Es entstehen bezugslose Implantate, die zunehmend das Stadtbild prägen.
Tote Erdgeschoßzonen
Im 19. Jahrhundert, der Jahrhundertwende, der Zwischenkriegszeit und vereinzelt noch in der Nachkriegszeit galt: Das Erdgeschoß wird attraktiv gestaltet, oftmals mit nutzungsoffenen Flächen für Geschäfte, Lokale und Handwerksbetriebe. Das Erdgeschoß als Schnittpunkt zwischen öffentlichem Raum und privatem Gebäude belebt die Stadt und lässt eine Nutzungsmischung und -änderung zu. Die über die ganze Stadt verteilten Geschäftsflächen halten zudem die Wege kurz (Gegenteil: Einkaufszentren am Stadtrand).
Bei vielen Gebäuden sieht das Erdgeschoß ganz anders aus. Die Erdgeschoße schotten sich gegen die Straße hin ab, flexibel nutzbare Flächen gibt es nicht. Dahinter stehen einmal mehr fehlende gesetzliche Regelungen. Erdgeschoßzonen dürfen niedrig sein, dürfen sich abschotten und müssen keine nutzungsoffenen Flächen bieten. So verödet auch der öffentliche Raum.
Eine gesetzliche Regelung, die das Erdgeschoß betrifft, ist der Zwang, Stellplätze für Pkw errichten zu müssen, sprich: Garagen. Das Wiener Garagengesetz setzt die NS-Reichsgaragenordnung aus dem Jahr 1939 bis heute fort.
Wie es anders gehen könnte
Die oben angeführten Beispiele sollen nicht zum Defätismus verleiten, zumal in diesem Artikel bewusst die weniger schönen Seiten Wiens im Fokus stehen. Zwar können vorhandene Zerstörungen und nachteilige Entscheidungen der Vergangenheit nicht rückgängig gemacht werden. Nichts spricht aber dagegen, die Entwicklung durch geeignete regulatorische Maßnahmen langfristig in eine andere Richtung zu lenken.
Die folgende Auflistung kratzt nur an der Oberfläche, kann aber vielleicht erste Anhaltspunkte liefern. Letztlich wird es zu jedem Punkt eine eingehende Beschäftigung durch Expertinnen und Experten brauchen. Unabhängig davon wird nicht immer klar sein, was die beste Lösung sein soll. Oder ob jedes Problem, wie in diesem Artikel dargestellt, überhaupt als Problem aufgefasst wird. Die Komplexitäten von Stadt, Gesellschaft und subjektiven Einschätzungen sind nicht zur Gänze auflösbar.
Öffentlicher Raum
Bodenbelag
- Asphalt nur noch für Fahrbahnen und Radwege, Streichung von Gussasphalt aus der Gehsteigverordnung
- Verlegen von barrierefreiem Natursteinpflaster und Klinkerpflaster auf Gehsteigen
- Besondere Muster und Farben beim gepflasterten Bodenbelag auf allen wichtigen Straßen, Muster unterschiedlich je nach Bezirk
- Schwammstadtprinzip (wasserdurchlässiger Bodenbelag)
Verkehrsplanung
- Prüfung sämtlicher höherrangiger Straßen (Gürtel, Ring, Hauptstraßen), inwieweit Kfz-Fahrspuren reduziert werden können
- Erstellen von Verkehrsstudien für alle Bezirke – mit dem Ziel, den Kfz-Verkehr auf das Notwendige zu reduzieren
- Schaffung von Superblocks in allen dichten Bezirken (Superblock = mehrere Häuserblocks werden so zusammengefügt, dass im Inneren der Kfz-Verkehr stark reduziert und die Aufenthaltsqualität gesteigert und Platz für Baumpflanzungen, Fußgänger usw. geschaffen wird)
- Ausbau einer durchgehenden Fahrrad-Infrastruktur wie in den Niederlanden (mit attraktiver und intuitiver farblicher Kennzeichnung – rote Radwege usw.)
- Bau von Gartenstraßen bzw. Straßenparks in allen Bezirken
- Große Fußgängerzonen in allen Bezirken
Zugeparkte öffentliche Räume
- Entfernung von Parkplätzen von allen Stadtplätzen
- Umwandlung von Schrägparkplätzen in Längsparkplätze
- Durchführung einer Erhebung in jedem Bezirk, wie viele Oberflächenparkplätze tatsächlich benötigt werden (damit auch: Erfassung von Garagenplätzen)
Historisch bedeutende Straßen
- Entfernung von Dauerparkplätzen
- Reduktion der Kfz-Fahrspuren auf das Nötigste
- Rekonstruktion der „kleinen Dinge im öffentlichen Raum“ (Bänke, Laternen, Wartehäuser, Müllbehälter usw.) anhand des ursprünglichen historischen Zustandes
- Vorrang für Fußgänger-, Rad- und öffentlichen Verkehr
Plätze
- Entfernung aller Parkplätze
- Schaffung zusammenhängender autofreier Flächen, keine Fahrbahnen und Parkplätze zwischen Platzmitte und Rändern
- Aufstellen von Sitzbänken (konsumfreier Aufenthalt muss möglich sein)
- Typische Wiener Parkbänke statt klobiger Sitzmöbel
- Attraktive Pflasterung aus Klinker oder Naturstein, Schwammstadtprinzip (versickerungsfähiger Belag)
- Baumpflanzungen
- Keine großen Blumenbeete ohne Bäume (nehmen Platz von Fußgängern weg und bieten keinen Schatten)
- Historische Plätze: Detailgestaltung auch anhand historischer Aufnahmen wiederherstellen (Ziel: Kombination aus Alt und Neu)
Bezirkszentren
- Definieren von Zentren in jedem Bezirk, die verkehrsberuhigt und attraktiviert werden
- Eine oder mehrere Hauptstraßen für jeden Bezirk: mit maximal möglicher Reduktion des Kfz-Verkehrs, freundlicher Detailgestaltung (Pflasterung, schöne Laternen, viele Sitzbänke) und Begrünung (Allee)
- Charakteristische Pflasterung für jeden Bezirk (leicht unterschiedliche Farben, Verlegemuster usw. je Bezirk)
Farbe im öffentlichen Raum
- Bemalung aller Stangen, Poller, Gitter und dergleichen im öffentlichen Raum mit einer einheitlichen Farbe (beige oder dunkelgrün?)
- Ersetzung von Asphaltflächen durch Naturstein und Klinker
Detailgestaltung
- Definieren von Gebieten, in denen historisierende Modelle von Laternen, Pollern und Bänken verwendet werden
- Selektion von erkennbar zu Wien passenden Modellen für die übrige Stadt („maßvoll modern“), keine zwanghafte Anpassung an kurzzeitige Moden
- Beibehaltung und Ausbau der typischen Wiener Würfeluhren und besonderer Mikroarchitekturen der 2. Republik
Zu wenige Bäume
- Ermittlung von Gebieten in allen Bezirken, an denen möglichst kostengünstig im bebauten Raum neue Bäume gepflanzt werden können – dort mit Baumpflanzungen beginnen
- Auflassen von Parkplätzen für Baumpflanzungen
- Alleen als Ziel für alle Straßen
- Durchgehende Baumreihen auch in allen kleineren Gassen
Langweilige Straßenlaternen
- Rekonstruktion der Laternen-Modelle „Bischofsstab“ für Orte, an denen diese Laternen einst aufgestellt waren
- Laternen-Modell „Maiglöckchen“ als Standard für ganz Wien
Kabelgewirr in der Luft
- Allmähliche Umstellung von Hängeleuchten auf konventionelle Straßenlaternen und an Hauswänden befestigte Kandelaber
- Umstellung von Straßenbahn-Oberleitungen auf Akku-Betrieb, sobald technisch und wirtschaftlich sinnvoll
Alt- bzw. Bestandsbauten
Altbauten mit fehlendem Dekor
- Einrichtung einer Abteilung für Rekonstruktion von Fassadendekor – um Eigentümer bei der Sanierung zu beraten
- Prüfung, inwieweit durch Förderungen und dergleichen Rekonstruktion attraktiv gemacht werden können
- Fixierung eines Anteils der Ortstaxe für die Sanierung und Fassadenrekonstruktion von Altbauten
- Förderung des Anbringens von klassischen Fensterläden auf dekorlosen Altbauten – im Sinne des Sonnenschutzes für Bewohner und als Beitrag für das Stadtbild
Abrisse
- Änderung der Bauordnung: Verpflichtende Prüfung vor jedem Abbruch, ob das Gebäude erhaltenswert ist oder nicht (unabhängig vom Alter des Gebäudes)
- Kein Abbruch erhaltenswerter Gebäude
- Herausragende Gebäude aller Jahrzehnte müssen einen potenziellen Schutz bekommen (Prüfung vor Abbruch/Umbau) – denn nicht nur die alte Architektur ist erhaltenswert
- Hereinnahme des Faktors Ressourcen („graue Energie“) bei Abbruchverfahren – Erhalt von verbauten Ressourcen und Umbau/Sanierung statt Abriss/Neubau als Ziel
- Schutz des Inneren von besonders erhaltenswerten Gebäuden – dadurch auch: Schutz vor Entkernung (=Abriss bis auf die Fassade)
Verunstaltung von Bestandsbauten
- Schutz erhaltenswerter Architektur, inkl. Dekor, Erdgeschoßzone, ggf. Dach und anderer Details – auch bei jüngeren Gebäuden
- Im Zweifelsfall Hinzuziehen eines noch zu schaffenden Gestaltungsbeirats
Dachausbauten, Aufstockungen
- Gestaltungsbeirat als Qualitätssicherung bei wesentlichen Änderungen von Bestandsbauten
- Keine Zerstörung von erhaltenswerten Dachelementen bei Aufstockungen
- Aufstockungen: stilistische Anpassung an den Bestand
Erdgeschoßfassaden von Bestandsbauten
- Verbot nachträglicher Garageneinbauten bei Gebäuden mit erhaltenswerter Architektur
- Bestehende nutzungsoffene Flächen (Geschäftsflächen) im Erdgeschoß müssen bestehen bleiben
Neubauten
nattraktive Architektur
- Qualitätskontrolle: Unabhängiger und transparenter Gestaltungsbeirat für alle Neubau-Entwürfe: mit Expertinnen und Experten von außerhalb Wiens, externe Kontrolle, maximale wirtschaftliche Unabhängigkeit
- Gestaltungsbeirat entsprechend den Empfehlungen des Bundes Deutscher Architekten und der gängigen Praxis in niederländischen Städten
Monotonie
- Förderung von abwechslungsreicher Architektur durch verpflichtende Variation der äußeren Gestaltung auf der Basis von gründerzeitlichen Grundstücksgrößen
Berücksichtigung des (historischen) Umfelds
- Beim Neubau in und nahe von Schutzzonen: verpflichtende Berücksichtigung des Umfelds
- Orientierung an den stadtbildprägenden Gebäuden der Umgebung
Erdgeschoßzonen
- Verpflichtende Mindestraumhöhe für Erdgeschoße auf allen größeren Straßen
- Nutzungsoffenheit für einen gewissen Anteil der Erdgeschoße – zumindest auf allen größeren Straßen
Garagenzwang
- Problem: Wiener Garagengesetz erzwingt den teuren Bau von Stellplätzen unabhängig von der Nachfrage
- Lösung: Ende der Garagenpflicht für Neubauten (Umstellung auf Freiwilligkeit, Vorgabe von Maximalzahl von Stellplätzen) – dadurch Vergünstigung des Wohnbaus
Inspirationen für ein schöneres Wien
Öffentlicher Raum in den Niederlanden
Die Niederlande sind voll von freundlich gestalteten Straßen, Gassen und Plätzen. Orte, an denen nicht das Automobil im Zentrum steht, sondern Fußgänger und Radfahrer. Orte, die sich durch schöne und detailreiche Gestaltung auszeichnen.
Der Radverkehr nimmt vielerorts einen hohen Stellenwert ein. Die Infrastruktur ist entsprechend angepasst:
Positive Beispiele von Begrünung sind in vielen Städten und Gemeinden zu finden. Ein schmaler Streifen öffentlicher Raum vor den Häusern darf von den Bewohnern meist eigenhändig begrünt werden.
Interessant sind die Bodenbeläge, oft kommt Klinkerpflaster zum Einsatz. Eine völlig andere Ästhetik als im mehrheitlich asphaltierten Wien und zudem noch wasserdurchlässig.
Öffentlicher Raum in Prag
Prag ist eine viel besser erhaltene und überwiegend viel gepflegtere Stadt als Wien. Die Hässlichkeit, die das moderne Wien so fest im Griff hält, muss in Prag erst lange gesucht werden. Der öffentliche Raum in Tschechiens Hauptstadt ist an vielen Orten besonders liebevoll gestaltet.
Prag ist voller schöner alter Straßenlaternen. Handelt es sich noch um Originale? Sind es Nachbauten?
Anders als in Wien ist Asphalt auf Prager Gehsteigen eher die Ausnahme. Häufig zu sehen sind kunstvoll verlegte Muster, die teils an Plätze in Portugal erinnern.
Öffentlicher Raum in Barcelona
Öffentlicher Raum in Valencia
Öffentlicher Raum: Beispiele aus Wien
Dieser Artikel hat die weniger prächtigen Seiten Wiens im Fokus. Das soll aber nicht den Eindruck erwecken, als sei das in Wien überall so. Hier einige Beispiele, wie es auch anders gehen kann:
Architektur in den Niederlanden
Im Vergleich zu den Niederlanden ist die neuere Architektur in Österreich zum großen Teil ziemlich langweilig. Neben modernen Hochhäusern und dekonstruktivistischen Ikonen sind die Niederlande auch voll mit Architektur, die Alt und Neu harmonisch vereint. Historische Formen werden aufgenommen, hochwertige Fassadenmaterialien wie Klinker eingesetzt.
Die Fotos unten sind aus dem Stadtentwicklungsgebiet Leidsche Rijn in Utrecht.
Die nächste Fotostrecke zeigt Aufnahmen aus dem Stadtentwicklungsgebiet Nieuw Delft.
Fotos
- Bibliotheek (2020): Nanda Sluijsmans, CC BY-SA 2.0
- Parijsboulevard (2020): Nanda Sluijsmans, CC BY-SA 2.0
- Spaandammerhart (2022): Nanda Sluijsmans, CC BY-SA 2.0
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