Villa Beer: Meisterwerk der Moderne

Die Villa Beer ist ein ikonisches Gebäude der Zwischenkriegszeit, das vom berühmten Architekten Josef Frank entworfen wurde. Nach umfassender Restaurierung erstrahlt das Gebäude in neuem Glanz. Unbedingt vor Ort ansehen!

Nähere Infos auf der Webseite der Villa Beer.

Zimmer mit Couches und rundem Fenster
Die Villa Beer wurde von 1929-1930 errichtet und von 2024-2026 umfassend restauriert. (Foto: 2026)

Formen der Freiheit

Die Villa Beer ist ein Gebäude, wie es in Wien kein Zweites gibt. Die von 1929 bis 1930 nach Plänen von Josef Frank und Oskar Wlach erbaute Villa fällt in die letzte Zeit, in der Wien zu den architektonisch innovativsten und führenden Städten der Welt zählte. Sie ist ein Werk der seinerzeitigen Avantgarde, zu der auch die Villa Savoye von Le Corbusier und die Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe gehören.

Das für die Familie Beer entworfene repräsentative Wohnhaus gilt als Schlüsselwerk der Moderne und erinnert nicht zufällig an die Villen von Adolf Loos und die Wohnbauten der Werkbundsiedlung. Nach dem Architekturkritiker Friedrich Achleitner ist die Villa Beer „wohl das bedeutendste Beispiel der Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit“.

Seit 2026 ist das Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich. „Das Haus soll vor allem erlebbar machen, welche Kraft gute Architektur hat – das ist es, was in der Villa Beer unmittelbar spürbar ist“, so Eigentümer Lothar Trierenberg. Wer die Villa als Wohnhaus hautnah erleben möchte, kann in dem Gebäude sogar übernachten. Dafür wurde im Dachgeschoß ein Wohnbereich mit drei Gästezimmern geschaffen.

Offen- und Verborgenheit

Während sich die Villa mit weiten Mauerflächen gegen die Straße stellt, öffnet sie sich mit großen Fenstern und Freiflächen zum Garten hin. Friedrich Achleitner lobt die intensive Innen-Außenraum-Beziehung, die sich „in zahlreichen Terrassen auf verschiedenen Ebenen und Punkten des Hauses“ ausdrückt.[4]

Bäume vor einem Haus der klassischen Moderne
Rückseite und Garten (Foto: 2026)

„Was straßenseitig wie ein schlichter abweisender Quader auftritt, mit Rundfenster und verspieltem Torbogen, in dem sich einst der Dienstboteneingang befand, mutiert, sobald man den Garten betreten hat, zu einem dreidimensionalen Verschachtelungs-Kompositum von allerhöchster Güte“, wie der Architekturpublizist Wojciech Czaja schildert.[2]

Im Innenraum der Moderne

Die weiße, dekorlose Fassade findet im Inneren ihre Fortsetzung. „Franks Wände sind weiß, bilden den neutralen Hintergrund für die sich frei entfaltende und ändernde Möblierung“, so Achleitner.[4] Für Frank ist „ein gut organisiertes Haus (…) wie eine Stadt anzulegen mit Straßen und Wegen, die zwangsläufig zu Plätzen führen, welche vom Verkehr ausgeschaltet sind, so daß man auf ihnen ausruhen kann.“[6]

Im Zentrum des Gebäudes steht die Stiege: „Sie ist so geführt, dass sämtliche Wohnräume auf verschiedenen Zwischenpodesten liegen.“[9] Von hier aus wird das ganze Haus erreicht, in dem man sich mühelos zurechtfindet: „Ein gut angelegtes Haus gleicht jenen schönen alten Städten, in denen sich selbst der Fremde sofort auskennt und, ohne danach zu fragen, Rathaus und Marktplatz findet“, erläutert Josef Frank.[6]

Josef Frank und das moderne Wien

Für den Zeitgenossen Max Eisler war Josef Frank mit der Villa Beer der „Führer der neuen Baukunst in Wien“. „Gedanke, Empfindung und Form gehen hier vollkommen zusammen.“[10] Franks geschicktes Spiel mit der Anordnung der Quader und der Verzicht auf jedwede Schnörkel, wie im seinerzeitigen Expressionismus der Gemeindebauten noch gängig, heben die Villa aus der Masse heraus. „Das Haus stellt in seiner Gesamtkonzeption eine Meisterleistung in den Beziehungen von Regel und Freiheit dar“, so Achleitner: „Streng ist jedoch Frank mit den Proportionen der Mauerflächen verfahren, die durchwegs auf dem Quadrat und dessen Teilung aufbauen.“ [4]

Frank, der in seinem Werk zur „Synthese der Argumente von Adolf Loos und Josef Hoffmann“ wird, sah Stillosigkeit als eines der Hauptkennzeichen moderner Architektur.[7] Modernismus war für ihn „eine Befreiung von den Beschränkungen durch den Stil.“[8] Moderne Architektur unterscheide sich ihm zufolge „prinzipiell von jeder historischen Architektur.“[12]

Zimmer in der Villa Beer mit zwei Sitzmöbeln
Wohnzimmer (Foto: 2026)

Frank, jener „Pionier ohne Pathos“[7], positionierte sich zugleich kritisch gegenüber dem neuen deutschen Bauen, „das er wegen mancher technischer Leistungen zwar bewunderte“, aber „die Werke des Bauhauses und anderer Architekten als ‚leblos‘, als zu rational normiert und geplant betrachtete.“ [11] Er suchte „nach einer lebensfähigen Moderne, die die Welt menschengemäß, behaglich und bewohnbar erhielte.“[8]

Zimmer in der Villa Beer mit langen Vorhängen, Einbauschrank und Fenster
Speisezimmer (Foto: 2026)

„War bei Mies van der Rohe alles teutonisch präzise, forderte Frank eine gewisse Unordnung geradezu heraus und ließ seinen Bauherren mehr Freiheit als sein Landsmann Adolf Loos, dessen Villen bis ins kleinste Detail durchmöbliert sind. Franks Häuser wollen benutzt und bewohnt werden“, so der Architekturpublizist Maik Novotny.[3] Für Frank hat das Wohnhaus nach eigenen Worten „durch sein Dasein die Menschen zu beglücken und in jedem seiner Teile zu deren Vergnügen beizutragen.“ [5]

Vorhänge, Parkettboden, Fenster, Terrasse, Heizkörper
Speisezimmer (Foto: 2026)

Villa wiederhergestellt

Eine gewaltige Herausforderung stellte die Sanierung dar. Die seit 1987 unter Denkmalschutz stehende Villa wurde von Lothar Trierenberg und der Villa Beer Foundation in Zusammenarbeit mit dem Architekten Christian Prasser detailgerecht restauriert. Die Projektkosten betrugen rund 10 Millionen Euro, wobei kleinere Förderungen von der Stadt Wien und vom Bundesdenkmalamt kamen.

Gebäude der Moderne hinter Bäumen und Sträuchern, davor zwei Autos
Villa Beer vor der Sanierung (Foto: 2011, Stadt Wien)

Das Gebäude wurde bei der Sanierung in den Zustand von 1930 rückgeführt. Original erhalten sind noch viele Böden, die Einbaumöbel und die Fenster. Lichtschalter und Steckdosen wurden nach Originalen nachgebaut. Während die alten Radiatoren noch erhalten sind, wurde das dahinterstehende Heizsystem gänzlich auf heutigen Stand gebracht – Wärmepumpe und Photovoltaik inklusive.

„Im Kellergeschoss wurde ein Josef-Frank-Archiv installiert, die ehemalige Garage dient als Empfangshalle, einer der Kellerräume wurde zum Vortragssaal umfunktioniert. Im zweiten Obergeschoss wurden in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Ausstatter Svenskt Tenn, für den Frank einst seine berühmten, lebensfrohen Stoffe entwarf, drei Hotelzimmer eingerichtet“, so Wojciech Czaja.[1]

Gebäude mit Geschichte

Errichtet wurde die Villa als repräsentatives Wohnhaus für Julius Beer und seiner Frau Margarethe. Die Familie Beer stammte aus Südmähren. 1904 wurde die Firma „Sigmund Beer & Söhne“ gegründet, ein Kommissionswarenhandel mit Schuhen und Schuhteilen. Das Glück des dem liberalen Judentum zugehörigen Ehepaars währte aber nur kurz. Julius Beer erlitt Anfang der 1930er-Jahre wirtschaftliche Rückschläge und konnte in der Folge die Kreditraten für das Haus nicht mehr bedienen. 1932 musste die Familie bereits wieder ausziehen.[13]

Weder die jüdische Fabrikantenfamilie Beer noch [Architekt Josef] Frank hatten viel Zeit, sich am Haus zu erfreuen, sie alle emigrierten schon 1934, Frank nach Schweden in die Heimat seiner Frau, wo er für das Kaufhaus Svenskt Tenn weiter am Ideal der „Schönheit für alle“ arbeitete und heute als geistiger Vater von Ikea verehrt wird. [3]

Plan der Villa Beer
Grundrisspläne der Villa Beer (Foto: MAK Inv.nr. KI 23126-36)

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland wurde die Villa Beer versteigert und schließlich von einem Textilunternehmer erworben, dessen Familie das Haus bis 2008 besaß.[13] 2021 entdeckte Lothar Trierenberg das Gebäude bei Forschungen über Josef Frank. Er erwarb die Villa und ließ sie aufwendig sanieren. Seit März 2026 ist das Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich. Infos zu Gebäude und Eintritt sind hier zu finden.

Plan der Villa Beer
Straßen- und Gartenansicht (Foto: MAK Inv.nr. KI 23497-364)

Quellen

  • [1] Wiederbelebung eines Baujuwels. Zur Generalsanierung der Villa Beer in Wien (Wojciech Czaja, BauNetz, 5.3.2026)
  • [2] Villa Beer in Wien-Hietzing wurde in minutiöser Millimeterarbeit saniert (Wojciech Czaja, Der Standard, 31.1.2026)
  • [3] Ein Haus kommt nach Hause: Die Villa Beer in Wien-Hietzing (Maik Novotny, Der Standard, 11.7.2021)
  • [4] Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III/2, Wien: 13.-18. Bezirk, 1995
  • [5] Josef Frank: „Architektur als Symbol. Elemente deutschen neuen Bauens“ (1931)
  • [6] Josef Frank: „Das Haus als Weg und Platz“, in: Der Baumeister (Jahrgang 29, 1931, Heft 8)
  • [7] Otto Kapfinger/Maria Welzig: „Pionier einer undogmatischen Moderne“, in: „Josef Frank. Architektur“ (Bergquist, Mikael; Michelsen, Olof (Hrsg), 1995)
  • [8] Christopher Long: „Josef Frank und die Moderne“, ebd.
  • [9] Josef Frank, zitiert in: „Ein Wohnhaus von Josef Frank und Oskar Wlach, Wien“, in: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst (1932)
  • [10] Max Eisler: „Ein Wohnhaus von Josef Frank und Oskar Wlach, Wien“, ebd.
  • [11] „Endziel“ Wohnzimmer (Bernhard Widder, Wiener Zeitung, 30.4.2016)
  • [12] Josef Frank, ebd.
  • [13] Robert Bouchal, Johannes Sachslehner: „Wiener Villen und ihre Geheimnisse“ (2023)
  • Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind alle Fotos auf dieser Webseite © Georg Scherer / wienschauen.at

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