Verplant hinterm Hauptbahnhof: Neues Landgut

Nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt wird ein riesiges neues Stadtviertel gebaut. Am “Neuen Landgut” sollen künftig 4000 Menschen leben. Im März ist der Plan vorgestellt worden.

Doch dieser Plan wirkt nicht recht durchdacht: Die im Zentrum liegenden historischen Hallen sind nicht gegen Abrisse geschützt. Vorgaben für die Gestaltung der Neubauten gibt es nicht. Der öffentliche Raum droht zu veröden, denn Platz für Geschäfte und Lokale ist nicht eingeplant. Und die Straßen rundherum werden noch breiter – und wohl auch lauter.

– Ein Artikel über die Schwachstellen eines Plans und wie mit einigen Änderungen doch noch ein beeindruckendes Grätzl entstehen könnte.

Neues Landgut während des Abrisses eines ÖBB-Bürohauses, Wien-Favoriten
Neues Landgut: Nach den Abrissen soll hier gebaut werden

An sich hat das Neue Landgut alles, was es für ein erfolgreiches neues neues Viertel braucht: Eine exzellente Öffi-Anbindung, einen “historischen Kern” und viel Platz für Wohnraum und Grünflächen.

Es ist eine der letzten unbebauten Flächen nahe dem Hauptbahnhof. Umso sorgsamer muss also jede Planung erfolgen, denn eine solche Chance bietet sich kein zweites Mal.

Plan mit Schwächen

Seit März 2020 ist bekannt, wie der Flächenwidmungsplan für das Neue Landgut aussehen soll. Dieser Plan legt fest, was wo und wie hoch gebaut werden darf, wo die Straßen und Gehwege verlaufen und ob alte Häuser gegen Abrisse geschützt werden oder nicht.

Was in diesem Planentwurf steht, ist weniger das Problem. Vielmehr ist auffällig, was alles darin nicht vorkommt. Einige der markantesten Probleme des Entwurfs (und darüber hinaus):

  • Altes in Gefahr: Für die historischen Hallen soll keine Schutzzone gegen Abrisse gelten.
  • Konzeptloses Zentrum: Auch ein langfristiges umfassendes Nutzungskonzept für die Hallen fehlt.
  • Charmelose Gestaltung: Ein gemeinsamer gestalterischer Rahmen für die Neubauten ist nicht vorgesehen.
  • Plattenbau reloaded: Der geplante Wohnbau an der Laxenburger Straße wirkt monoton und unattraktiv.
  • Ödes Erdgeschoß: Verpflichtende Raumhöhen und Flächen für belebte Erdgeschoße (Geschäfte, Lokale etc.) finden sich im Entwurf nicht.
  • Keine Hochhäuser: Trotz optimaler Lage am Hauptbahnhof wird kein Hochhaus errichtet.
  • Überbreite Straßen: Laxenburger Straße und Landgutgasse sollen noch breiter werden.
  • Schlecht für die Ohren: Auf den Straßen in der Umgebung ist es sehr laut.
  • Auf Hitze gehen: Die Gehsteige in der direkten Umgebung werden wohl wieder mit dunklem Asphalt ausgeführt, was die Probleme mit sommerlicher Hitze verstärkt.
  • Unleistbares Ziel: Der von der Stadtregierung verkündete Zwei-Drittel-Anteil von günstigen Wohnungen wird nicht erreicht.
  • Minihotellerie: Es soll keine Wohnzone gelten – also keine Beschränkung für die gewerbliche Zimmervermietung an Touristen (Airbnb und co).

(Eine Kurzfassung aller Lösungsvorschläge zu den oben genannten Punkten steht am Ende dieses Artikels.)

Neues Landgut startet mit Abrissen

2018 hat die Stadt Wien versprochen, alte Häuser besser gegen Abrisse zu schützen. 2020 rollen die Abrissbagger heran und reißen einen Großteil des Altbestandes am Neuen Landgut ab:

  • Ein 1910 erbautes Gründerzeithaus gegenüber dem Columbusplatz
  • Ein historisches Backsteingebäude
  • Ein großes ÖBB-Bürogebäude aus der Nachkriegszeit – architektonisch kaum schützenswert, doch wie nachhaltig kann es in puncto Ressourcen sein, ein intaktes Gebäude einfach abzubrechen? War ein Umbau wirklich unmöglich?

Die beiden historischen Gebäude durften abgerissen werden, weil das Ansuchen auf Abbruch schon vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes gestellt wurde. Auf Anfrage teilte die zuständige Magistratsabteilung zudem mit, beide Gebäude seien nicht als erhaltenswert erachtet worden.

Altes in Gefahr: Keine Schutzzone für historische Hallen!

Auch die beiden historischen Hallen hätten ursprünglich abgerissen werden sollten – doch änderten die Verantwortlichen bei der Stadt Wien ihre Meinung (anders als bei der Nordbahnhalle). Jetzt bleiben die Hallen zwar erhalten, doch wie lange, ist unklar: Eine Schutzzone für die historischen Backsteinbauten ist nicht vorgesehen. Die Hallen könnten künftig also massiv umgebaut oder sogar abgerissen werden.

Warum sind die Entwickler des Areals – die ÖBB und die Stadt Wien – gegen den Schutz der alten Hallen?

Konzeptloses Zentrum: Was kommt in die Hallen hinein?

Die Gösserhalle wurde in den vergangenen Jahren für kulturelle Zwecke genutzt, etwa im Rahmen der Wiener Festwochen. Doch für die Zukunft fehlt ein umfassendes Nutzungskonzept.

Dass die Hallen künftig für Kunst und Kultur genutzt werden, ist möglich – aber keineswegs sicher. Theoretisch könnten sie z.T. auch als Lager oder Büroräumlichkeiten dienen und somit der Öffentlichkeit dauerhaft entzogen sein.

Neubau-Architektur: Paradigm lost?

Die historische Wiener Architektur gehört zu den berühmtesten der Welt. Wohl nur die wenigsten aller in jüngerer Zeit errichteten Gebäude können da mithalten. Zumindest scheint sich in den letzten Jahren langsam ein Wandel hin zu attraktiverer Gestaltung zu vollziehen, besonders in Stadtentwicklungsgebieten.

Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Verträglichkeit von Neubau-Architektur gibt es vonseiten der Stadtregierung und Magistrate nur wenige. Wer in Wien ein neues Gebäude errichten will, hat weitgehend freie Bahn:

  • Für Neubauten gibt es keine gestalterischen Rahmenbedingungen oder auch nur Empfehlungen. So sind auch einige “bestürzende Neubauten” entstanden.
  • Selbst in Schutzzonen darf völlig beliebig gebaut werden. Rücksicht auf die historische Umgebung ist nicht nötig (siehe Beispiele in Mariahilf und Hernals).
  • Der Bebauungsplan legt fest, wie hoch gebaut werden darf – anstatt z.B. eine maximale Anzahl von Geschoßen anzugeben. Die Folge: Die Räume in Neubauten sind meist niedrig und lassen sich später nicht für andere Nutzungen adaptieren. Die Flexibilität von Gründerzeithäusern bleibt also nach wie vor unerreicht.
  • Auch der Bau langer, monotoner Gebäude ist erlaubt und wird oft sogar ausdrücklich von den Behörden so gewidmet. Variation, Kleinteiligkeit und Vielfalt sind für das Stadtbild enorm wichtig – werden aber weder von Bauordnung noch Bebauungsplan eingefordert.

Diese Punkte kommen jetzt auch beim Neuen Landgut zum Tragen.

Einige Neubauten in Wien

Charmelose Gestaltung?

Mit den historischen Hallen hat das Neue Landgut zwei identitätsstiftende Gebäude in seiner Mitte. Geht es nach dem aktuellen Plan, wird die Backsteinarchitektur bald hinter dem typischen Wiener Neubau (weiß, grau, schmucklos, riesig?) verschwinden.

Doch warum nicht auf vorhandenen Stärken aufbauen? Warum nicht Alt und Neu verbinden? Die Backsteinarchitektur der historischen Hallen bietet sich als Bezugspunkt an.

Der Stadtplaner Reinhard Seiß nannte als Beispiele die Hamburger Hafencity, das Münsterland und Gemeinden in Westösterreich, wo Farben und Materialität der Fassaden für Neubauten genau vorgeschrieben sind.

Soweit müsste man beim Neuen Landgut gar nicht gehen. Aber könnten nicht zumindest 50% der Fassaden aller Neubauten mit Backstein, Klinker oder zumindest entsprechenden Fliesen ausgeführt werden? Backstein-Optik als gemeinsames gestalterisches Element? Lässt sich eine solche Bestimmung in den Bebauungsplan aufnehmen?

Sichtziegelfassaden können ja auch richtig modern aussehen (siehe das Beispiel aus dem 3. Bezirk auf dem Foto unten).

Plattenbau reloaded?

Der nördliche Teil der Laxenburger Straße ist nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt. Also wird alles, was hier gebaut wird, für viele Menschen weithin sichtbar sein. Umso bedauerlicher ist, dass gerade an dieser exponierten Lage ein Wohnhaus mit stellenweise monotoner Architektur gebaut werden soll.

Teil dieses Projekts ist ein über 90 Meter langer Riegel, der ein wenig an einen Plattenbau erinnert. Renderings gibt es auf der Homepage des planenden Architekturbüros (hier in Großaufnahme) und im offiziellen Leitbild (S. 7). Zum Vergleich eine typische “Wohnmaschine” aus den 1970ern.

Der gesamte Gebäudekomplex an der Laxenburger Straße ist sogar über 200 Meter lang. Das könnte zu einem massiven Bruch mit der Umgebung führen, denn im nördlichen Favoriten ist die Bebauung verhältnismäßig abwechslungsreich. Die Gebäude auf der anderen Straßenseite sind jeweils rund 20 Meter breit.

Ödes Erdgeschoß?

Beliebte Stadtviertel haben funktionierende Erdgeschoßzonen: Geschäfte, Lokale, Supermärkte, Handwerksbetriebe, Künstlerateliers und soziale Einrichtungen bieten nicht nur die nötige lokale Infrastruktur für Anrainer, sondern ziehen auch Menschen aus anderen Gegenden an und beleben den öffentlichen Raum.

Wird bei der Planung auf die Erdgeschoßzonen vergessen, lässt sich das nachträglich nicht mehr ändern. Der öffentliche Raum verödet und wird zum bloßen Transitort – zu sehen etwa in der Umgebung des Hauptbahnhofs.

Hohe, belebte Erdgeschoßzonen lassen sich auch im Neubau verwirklichen. Ursprünglich sollte auch das Neue Landgut vielseitig nutzbare Erdgeschoße bekommen (im Leitbild auf S. 15). Doch davon ist im Entwurf nichts mehr zu lesen. Eine Mindesthöhe für das Parterre und Bestimmungen zur Nutzung (z.B. für Geschäfte, Lokale) gibt es nicht. Die Verödung des öffentlichen Raums und eine u.U. mangelhafte Versorgung der Bewohner drohen.

Keine Hochhäuser: Ungenutztes Potential in bester Lage?

Der Hauptbahnhof ist umgeben von Hochhäusern. Auch wenn ÖBB-Hauptquartier und “Icon” (je 88 Meter hoch) sicher keine Wolkenkratzer sind, zeigt die Stadt Wien doch, dass an zentralen Lagen auch hohe Gebäude zulässig sein können.

Anders ist das am Neuen Landgut, wo kein einziges Hochhaus in Planung ist. Daraus folgt letztlich, dass die hier nicht gebauten Flächen quasi anderswo entstehen werden. In Summe wird mehr Boden verbraucht und u.U. das sogar der PKW-Verkehr gefördert, denn nicht jeder Bauplatz ist öffentlich so gut angebunden wie das Neue Landgut.

Auch wenig verständlich: Andernorts in Favoriten (am Laaer Berg) durfte ein 110 Meter hohes Hochhaus errichtet werden, obwohl es dort keine U-Bahn, keine S-Bahn und keine Straßenbahn in der Nähe gibt. Hingegen untersagt der Entwurf für das Neue Landgut ausdrücklich den Bau von Hochhäusern – trotz exzellenter öffentlicher Verkehrsanbindung. Siehe Karte unten.

Neues Landgut vs. Laaer Berg: Per pedes zu den Öffis

Würde sich der nordöstliche Bauplatz des Neuen Landguts nicht für ein einzelnes schmales Hochhaus eignen? Gleichsam als weithin sichtbares Wahrzeichen des neuen Grätzls? Vielleicht sogar nutzungsoffen, also mit hohen Räumen und flexiblen Grundrissen?

Öffentlicher Raum: Straßen, Lärm, Asphalt

Überbreite Straßen als Barriere

Das Neue Landgut ist umgeben von Bahngleisen und breiten Straßen. Der Entwurf der Stadt Wien sieht vor, die beiden Straßen noch breiter zu machen. Die Laxenburger Straße soll sogar eine neue Fahrspur für den PKW-Verkehr samt neuen Parkplätzen bekommen. Die möglichen Folgen:

  • Durch die breiten Straßen wird das neue Viertel vom übrigen Bezirk förmlich abgeschottet, besonders für Fußgänger.
  • Breite Straßen laden zu schnellem Fahren ein. Mehr Lärm und erhöhte Unfallgefahr sind die Folge.

Einerseits gibt die Stadt Wien vor, Rad-, Fußgänger- und öffentlichen Verkehr zu fördern. Andererseits wird in der Praxis oft der motorisierte Individualverkehr bevorzugt. Wie passt das zusammen?

Laxenburger Straße in Wien-Favoriten
Eine PKW-Fahrspur mehr: Die Laxenburger Straße soll noch breiter werden

Schlecht für die Ohren: Gesundheitsgefahr Lärm

Es ist laut im nördlichen Favoriten. Laut offizieller Lärmkarte werden in der Laxenburger Straße die höchsten Pegel (über 75 Dezibel) erreicht. Über 15.000 Fahrzeuge brettern Tag für Tag durch die breite Straße, die den Gürtel mit dem Wiener Umland verbindet. Zugleich reiht sich hier Wohnhaus an Wohnhaus.

Die WHO-Grenzwerte für Wohngebiete (55 Dezibel) werden deutlich überschritten. Mit der geplanten Verbreiterung werden Verkehr und Lärm wohl noch zunehmen (“induzierter Verkehr”).

Lärmkarte des nördlichen Favoriten, Laxenburger Straße mehr als 75 Dezibel, Landgutgasse mehr als 70 Dezibel, Wien
Extrem hohe Lärmpegel im Norden von Favoriten (dunkler=lauter, Karte: laerminfo.at)

Warum nicht Tempo 30?

Obwohl es sich mehrheitlich um ein Wohngebiet handelt und obwohl Lärm gesundheitsschädlich ist, gilt in der Umgebung kein entsprechend reduziertes Tempo. Dabei hat Tempo 30 viele Vorteile:

  • Deutlich weniger Lärm
  • Weniger Gefahr durch Unfälle
  • Flüssigerer Verkehr
  • Positive Effekte für den öffentlichen Raum (Geschäfte und Lokale)
  • Kostengünstige Umsetzung
Laxenburger Straße beim Columbusplatz, Hotel Kolbeck, Wien-Favoriten
Die Laxenburger Straße ist laut Lärmkarte sehr laut

Ist eine Absenkung des Fahrgeschwindigkeit auch in der Laxenburger Straße realistisch? Während Tempo 30 in einigen Bezirken auf starke Ablehnung gestoßen ist (z.B. Praterstraße im 2. Bezirk), ging es andernorts ganz schnell: Nach einer Initiative von Anrainern setzte der 9. Bezirk Tempo 30 in der gesamten Hörlgasse durch.

Da zumindest die Laxenburger Straße zum höherrangigen Verkehrsnetz gehört, wird es wahrscheinlich nicht so einfach, hier ein niedrigeres Tempo durchzusetzen. Doch könnte wenigstens eine Debatte darüber angestoßen werden, wie langfristig mit stark befahrenen Straßen im dichtbesiedelten Raum umgegangen werden soll.

Auf Hitze gehen: Dunkler Bodenbelag

Die Planer bei der Stadt Wien wissen schon lange um die Probleme von dunklem Asphalt:

Der Einsatz von hellen und reflektierenden Oberflächenmaterialien (…) ist zu fördern. Besonders der in Wien häufig anzutreffende Gussasphalt führt zu einer ungünstigen lokalen (…) Überhitzung und sollte (…) vermieden werden.

Trotzdem wird immer noch auf fast allen neuen Gehsteigen dunkler Asphalt verlegt, selbst auf prominenten Plätzen wie dem Ballhausplatz. Darunter leidet auch die Optik. Auch die Gehsteige um das Neue Landgut werden wohl wieder asphaltiert.

Warum nicht helle Platten bzw. Pflastersteine zum neuen Standard machen? Warum nicht die Gehsteigverordnung ändern? Der öffentliche Raum könnte so schön sein:

Wer wird hier wohnen?

Das Neue Landgut ist eines der letzten Stadtentwicklungsgebiete in zentraler Lage und eine der letzten noch unbebauten Flächen in direkter Nähe zum Hauptbahnhof. Die Stadt Wien möchte das neue Viertel überwiegend für Wohnraum nutzen. Flexible und nutzungsoffene Gebäude mit hohen Räumen à la Gründerzeit soll es nicht geben.

Nachdem also Wohnen das Ziel ist, wird es sinnvoll sein, auch dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen hier leistbaren Wohnraum finden. Gerade dahingehend ist der Entwurf nicht ganz ausgereift:

  • Es werden weniger leistbare Wohnungen errichtet, als im Gesetz von 2018/2019 angekündigt.
  • Schutz vor kommerzieller Zimmervermietung an Touristen gibt es nicht.

Unleistbares Ziel: Weniger sozialer Wohnbau als versprochen

2019 hat die Stadtregierung ein wohl europaweit einzigartiges Gesetz für mehr leistbare Wohnungen verabschiedet:

Die Stadt Wien hat die Widmung “Geförderter Wohnbau” beschlossen, die seit 21. März 2019 in Kraft ist. Überall, wo Flächen in Wohngebiet umgewandelt werden, sind nun zwei Drittel für den sozialen Wohnbau vorgesehen.

Was Wohnungssuchende freut, bedeutet für private Entwickler eine markante Einschränkung. Erstaunlich ist nun aber, dass der Zwei-Drittel-Anteil von sozialen Wohnungen am Neuen Landgut nicht kommt. Stattdessen sollen nur die Hälfte aller Wohnungen “gefördert” sein – und das, obwohl die ÖBB und die Stadt Wien das Areal gemeinsam entwickeln.

Im Beschluss der Stadtentwicklungskommission vom Februar 2019 sind für das Plangebiet mit Ausnahme der Bereiche Laxenburger Straße und Bildungscampus mindestens 50 % gefördertes Wohnen vorgesehen. Dieser Wert liegt unter dem in den Planungsgrundlagen zur Widmung »Gebiete für geförderten Wohnbau« vorgesehenen Standardanteil von zwei Dritteln.

Minihotellerie im Anmarsch?

Viele Städte haben der privaten gewerblichen Zimmervermietung den Kampf angesagt. Airbnb und co sind hierzulande zwar noch nicht so verbreitet wie in Tourismus-Hotspots wie Barcelona und Paris, aber auch in Wien werden immer mehr Wohnungen und z.T. ganze Wohnhäuser rein an Urlauber vermietet.

Läuft dieses Geschäftsmodell in großem Maßstab, kann es zu Problemen kommen: Das Wohnungsangebot sinkt, da Vermietung an Touristen lukrativer ist. Den Hotels fehlen in der Folge die Einnahmen.

Für die Zimmervermietung an Touristen besonders hoch im Kurs sind zentrumsnahe Lagen und Gegenden um Bahnhöfe. Genau das trifft auf das Neue Landgut zu.

Die Hälfte der Wohnungen am Neuen Landgut ist gefördert, wodurch kommerzielle Vermietung an Touristen illegal ist. Bleiben also noch die übrigen 50%. In diesen 50% wäre die Vermietung an Touristen ohne weiteres möglich, denn eine Wohnzone ist im Entwurf nicht vorgesehen. Nur in Wohnzonen ist diese Art der Kurzzeitvermietung verboten.

Die entscheidende Frage ist: Warum beschließt die Stadtregierung 2019 ein Gesetz, um Airbnb und co in Wohnzonen zu verbieten, wenn sie nur ein Jahr später solche Wohnzonen in einem künftig extrem begehrten Viertel nicht einrichtet? Wie soll das Gesetz so zu Anwendung kommen?

Neues Landgut v2.0: Es kann auch anders gehen

Noch ist nichts gebaut. Noch ist kein endgültiger Plan fixiert. Noch lassen sich alle in diesem Artikel angesprochenen Probleme lösen:
  • Altes erhalten: Schutzzone für die historischen Hallen
  • Neues Zentrum: Historische Hallen sollten u.a. für Kunst, Kultur und Gastronomie genutzt werden
  • Grätzl mit Charme: Klinker/Backstein als gemeinsames gestalterisches Element für alle Neubauten
  • Schönes Wohnhaus: Bebauungsplan ändern, um die Monotonie des geplanten Gebäudes an der Laxenburger Straße zu verhindern
  • Lebendiges Viertel: Hohe, flexible Erdgeschoßzonen per Bebauungsplan vorschreiben
  • Landmark: Schmales Hochhaus am nordöstlichsten Bauplatz
  • Zusammenwachsen statt trennen: Laxenburger Straße nicht noch breiter machen!
  • Gut für die Ohren & sicher unterwegs: Tempo 30 auf allen Straßen der Umgebung
  • Cool bleiben: Helle Pflastersteine statt dunklem Asphalt für alle Gehsteige
  • Günstig wohnen: Zwei Drittel aller Wohnungen gefördert/leistbar
  • Keine Hotels: Wohnzone abschnittsweise einrichten, um Airbnb & co zu bremsen

Der Verfasser dieses Artikels hat sich in einer eingehenden Stellungnahme an die Bezirksvorstehung Favoriten und alle Bezirksparteien gewandt (Kontakt siehe unten). Auch die zuständige Magistratsabteilung ist frühzeitig informiert worden.

Parteien in Favoriten können Verbesserungen fordern

Eine wichtige Position kommt jetzt den Favoritner Bezirksparteien zu: Werden sie den Entwurf mehrheitlich annehmen oder ablehnen? Werden sie Änderungen fordern oder nicht?

Spricht sich der Bezirk für den Entwurf ohne Änderungen aus, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass alles genauso kommt, wie jetzt geplant. Einschließlich aller Schwächen.

Planungsressort kann eine Überarbeitung einleiten

Die letzte Entscheidung obliegt den Behörden (Magistratsabteilung 21) und dem Planungsressort im Rathaus (Vizebürgermeisterin Birgit Hebein).

Noch besteht die Chance, den Plan zu verbessern. Es braucht nur den Willen, das auch wirklich zu tun.

Kontakte zu Stadt & Politik

+43 1 4000 10111
 
Die Bezirksvorstehungen sind die politischen Vertretungen der einzelnen Bezirke. Die Partei mit den meisten Stimmen im Bezirk stellt den Bezirksvorsteher, dessen Aufgaben u.a. das Pflichtschulwesen, die Ortsverschönerung und die Straßen umfassen.
Die Bezirksvertretungen sind die Parlamente der Bezirke. Die Parteien in den Bezirksvertretungen werden von der Bezirksbevölkerung gewählt, meist gleichzeitig mit dem Gemeinderat. Jede Partei in einem Bezirk kann Anträge und Anfragen stellen. Findet ein Antrag eine Mehrheit, geht er als Wunsch des Bezirks an die zuständigen Stadträte im Rathaus. Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Sitze in der Bezirksvertretung im September 2019.
+43 1 4000 81671
 
Der Vizebürgermeisterin und amtsführendenden Stadträtin untersteht die Geschäftsgruppe Stadtentwicklung (siehe unten).
+43 1 4000 81261
 
Zur Geschäftsgruppe Wohnen gehören u.a. die Baupolizei (kontrolliert die Einhaltung der Bauvorschriften u. dgl.), Wiener Wohnen (Gemeindewohnungen) und der Wohnfonds (Fonds für Neubau und Sanierung).

(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Quellen und weitere Infos

  • Der erwähnte Artikel von Reinhard Seiß ist im Februar 2020 in der “Wiener Zeitung” erschienen.
  • Beispielsweise gibt es in der Tiroler Gemeinde Alpbach genaue gestalterische Vorschriften, wie sich neue Gebäude in den Bestand einfügen müssen.
  • Auf breiteren Straßen wird häufig schneller gefahren als erlaubt: Artikel auf orf.at
  • Zu den Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit siehe umweltbundesamt.at
  • Die WHO-Grenzwerte für Lärm sind 55 dB tagsüber und 45 dB bei Nacht.
  • Zu den Vorteilen von Tempo 30 siehe diesen Artikel im “Standard” und laerminfo.at
  • Zum Thema Tempo 30 in der Praterstraße: “Die Presse“, orf.at
  • Das Zitat zum geförderten Wohnbau findet sich auf dieser Seite der Stadt Wien.
  • Laut Verkehrszählung von 2015 (S. 28) sind in der Laxenburger Straße beim Südtiroler Platz täglich über 15.000 Fahrzeuge unterwegs, stadtauswärts bei der Raxstraße sogar über 22.000.
  • Das Zitat zum dunklen Asphalt ist dem Strategieplan Urban Heat Islands entnommen.
  • Alle Karten und Satellitenfotos, die den Grafiken in diesem Artikel zugrundeliegen, sind ©ViennaGIS.

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