Die historische Spitalskirche der Klinik Ottakring ist zum Abriss vorgesehen. Das Bauwerk aus den 1930er-Jahren wurde von der Architekturbehörde als „nicht erhaltenswert“ eingestuft. Aber warum will der Wiener Gesundheitsverbund die Kirche überhaupt abreißen?
Alte Kirche verschwindet aus Plan
Die Klinik Ottakring – ehemals Wilhelminenspital – wird zum großen Teil neu errichtet. „Mit dem Umbau wird in der Klinik Ottakring die veraltete Pavillon-Struktur von modernen und für den Klinikbetrieb optimierten Zentralbauten abgelöst und zukunftsfit gemacht“, so die Webseite der Stadt Wien. Dabei werden auch zahlreiche alte und noch nicht so alte Gebäude abgerissen. Während die Stadt Wien sonst den Schutz von Altbauten und die Ressourcenschonung durch Sanierung statt Abriss betont, werden im Fall der Klinik Ottakring in großem Maßstab Bestandsgebäude abgebrochen.
Die untenstehenden Pläne zeigen die gewaltige Veränderung, die auf das alte Spital zukommt. Während die denkmalgeschützten Pavillons erhalten bleiben (müssen), wird sonst offenbar alles abgerissen und neu gebaut. Geplant ist auch der Abriss der Spitalskirche, ein Bau aus den 1930er-Jahren. Das Gebäude ist auf jenem Plan, der den Endausbau zeigt, nicht mehr eingezeichnet.
In einem Dokument der Stadtentwicklungskommission (STEK) von 2023 heißt es:
Der Erhalt jener Bestandsobjekte, bei denen aktuell ein Abbruch geplant ist, wird im Sinne der Ressourcenschonung in den einzelnen Bauphasen überprüft. Die Nachnutzung der Bestandsobjekte stellt keinen Widerspruch zum Zielbild dar. [3]
Eine Hoffnung für die Kirche? Nein, denn laut Wiener Gesundheitsverbund bleibe die Kirche nur noch bis 2032 erhalten und werde dann abgerissen.
Behörde: Kirche nicht erhaltenswert
Seit 2018 können die Wiener Behörden vor 1945 errichtete Gebäude vor dem Abbruch schützen – unabhängig vom Denkmalschutz. Geschützt werden können sowohl Einzelbauten als auch Gebäude innerhalb von historischen Ensembles. Auch wenn der Schutz immer noch lückenhaft ist, etwa im Fall der Manner-Villa, besteht seither zumindest ein Instrument, um die gröbsten Zerstörungen zu unterbinden. Was aber, wenn die Behörden den Erhalt gar nicht einfordern?
Die Entscheidung über Abriss vs. Erhalt von Altbauten liegt zuallererst bei der MA 19, der Behörde für Architektur und Stadtgestaltung. Zuständig für diese Behörde ist das Ressort von Stadträtin Ulli Sima (SPÖ). Auf Anfrage erklärte die MA 19, dass kein öffentliches Interesse am Erhalt der Kirche bestehe. Das heißt: Einem Abriss steht nichts im Weg.
Diese Entscheidung steht im Widerspruch zum sonstigen Handeln der Behörde. Während sonst mitunter bei durchschnittlichen Altbauten zumindest ein Erhalt der Fassade erzwungen wird, gibt es im Fall eines städtischen Krankenhauses die Zustimmung zum Abriss eines ganzen historischen Bauwerks.
Wandbild und Figur geschützt
Laut einem Dokument der Stadt Wien stehen von der Kirche das Wandbild „Christus als Weltenrichter“ und die Madonnenfigur unter Denkmalschutz. „An der Erhaltung der Spitalskirche selbst besteht mangels Dokumentationsfunktion kein öffentliches Interesse“.[1]
Dass eine unauffällige Kirche der 1930er-Jahre in ihrer Gesamtheit die Kriterien des Denkmalschutzgesetzes – ein Bundesgesetz – nicht erfüllt, ist nicht weiter verwunderlich. Es ist Aufgabe des Denkmalschutzes, besondere Einzelbauwerke und herausragende Ensembles zu schützen, nicht die Masse an historischen Gebäuden. An dieser Stelle sollte eigentlich der Ortsbildschutz einspringen, der Sache der Bundesländer ist.
Zuständig für den Schutz wäre eigentlich die Stadt Wien. Einerseits handelt es sich um ein städtisches Krankenhaus, womit die Kirche in die politische Zuständigkeit von Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) fällt. Zum anderen hat die Stadt mit ihrer Bauordnung einen Schutz für jene Altbauten geschaffen, die zwar erhaltenswert sind, deren Bedeutung für den Denkmalschutz aber nicht ausreicht. Warum wird dieser Schutz nicht angewandt und die Kirche in das neue Krankenhausareal integriert? Musste sich die MA 19 dem Druck der Politik beugen?
Kirche aus den 1930er-Jahren
Geplant wurde die Spitalskirche vom Architekten Heinrich Anton Paletz (1885-1970). Aus dem Architektenlexikon:
Heinrich Paletz erhielt den Auftrag, Pläne für eine Kirche, die Platz für 200 Menschen bieten sollte, zu erstellen. Paletz plante eine Hallenkirche, die an der Hauptfassade einen mittig situierten, übergiebelten Turmaufsatz mit Rundbogenfenster und eine offene polygonale Eingangshalle mit Betonstützen erhielt. Die Seitenfronten sind durch Rundbogenfenster und jeweils einer Apsis mit Kapellen gegliedert, der Chor gerade abgeschlossen. Für damalige Zeiten sehr fortschrittlich war die Warmluftbeheizung des Kirchenraums, für deren Installierung die gesamte Kirche unterkellert wurde.
Obwohl sich Paletz mit dem Einsatz des modernen Materials Beton und im Verzicht auf Dekor der sachlich funktionalen Gestaltungsweise der 1930er Jahre bedient, zeigt sich, dass er bei der schwierigen Aufgabe, eine zeitgemäße Kirche zu errichten, nicht auf traditionelle Topoi, wie Turm, Rundbogenfenster oder Apsiden verzichten wollte. [2]
Auf der Webseite der Kamillianer findet sich ein Bericht aus dem Jahr 1937:
Der 30. Oktober 1936 war ein großer Festtag für das Wilhelminenspital. Die neu erbaute Spitalskirche wurde von Sr. Eminenz Kardinal Dr. Theodor Innitzer mit großer Feierlichkeit benediziert, der Hauptaltar konsekriert und dem heiligen Kamillus, dem Patron der Kranken, der Spitäler und des gesamten Pflegepersonals, geweiht.
In der Fassade der Westseite wurde eine Engelfigur, drei Meter groß, aus Stein gemeißelt, angebracht. Der Engel hat die Hände zum Gebet gefaltet, gleichsam Gott um Schutz bittend für das Krankenhaus. Die ganze Kirche wurde unterkellert für die Anlage der Warmluftheizung. Auf die Rückwand des Presbyteriums wurde ein Fresko gemalt: Christkönig mit den fünf Wundmalen, in doppelter Lebensgröße, der die ganze Kirche beherrscht, umgeben von einer Engelaureole, zur Rechten die beiden Diakone Stephanus und Laurentius, die ersten Kranken- und Armenväter, der hl. Rochus als Patron der Pestkranken und die hl. Notburga, Patronin des Dienstpersonals, zur Linken der Kirchenfürst Kardinal Karl Borromäus, der hl. Kamillus mit einen Kranken und die hl. Franziska von Chantal. Diese sieben Heiligen wurden ausgewählt aus der ganzen Kirchengeschichte und aus allen Ständen als Patrone der Kranken und Armen. (…)
Mögen der hl. Kamillus, dem hiermit die erste Kirche in Wien geweiht wurde, und Maria Heil der Kranken ihre mächtige Fürbitte den von Kamillianerpatres hier betreuten Kranken allzeit angedeihen lassen. [4]
Mix aus Tradition und Moderne
Die Kirche liegt einen kurzen Fußweg vom Eingang in der Montleartstraße entfernt und ist durch ihre traditionelle Architektursprache – Turm, Schiff, Portal, Fenster – sofort erkennbar. Dennoch handelt es sich um einen für damalige Verhältnisse modernen Bau, bei dem durchgängig auf Beton zurückgegriffen wurde. Das vergleichsweise nüchterne Äußere ist charakteristisch für die 1930er-Jahre.
Im Inneren der Kirche scheint sich noch alles im ursprünglichen Zustand zu befinden. Das Gebäude macht einen renovierten Eindruck.
Quellen
- [1] Klinik Ottakring Neu. Transformation im Rahmen der Modernisierung der Wiener Kliniken. Qualitätssicherndes städtebauliches Verfahren. September 2023
- [2] Heinrich Anton Paletz im Architektenlexikon des Architekturzentrums
- [3] 16., Klinik Ottakring Neu. 65. STEK, 12.09.2023, S. 12
- [4] Weihe der Kamilluskirche im Wilhelminenspital in Wien (kamillianer.at)
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