Der Siebenbrunnenplatz im 5. Bezirk soll neu gestaltet werden. Das ist auch an der Zeit, denn die abweisende Asphaltfläche ist schon längst nicht mehr zeitgemäß. Öffentliche Pläne oder Visualisierungen gibt es aber noch keine. Eine „Befragung“ der Bevölkerung („Werkstätten“ mit 90 Personen) fand 2019 statt.
Asphaltplatz
Der Siebenbrunnenplatz liegt in der Mitte des 5. Bezirks, direkt an einer seiner wichtigsten, aber jahrzehntelang vernachlässigten Einkaufsstraße, der Reinprechtsdorfer Straße. Der überwiegende Teil des Platzes ist eine unattraktive Asphaltfläche.
Erdgeschoßzonen & Platzmitte
Im Gegensatz zu vielen Straßen und Plätzen in Wien finden sich am Siebenbrunnenplatz noch funktionierende Erdgeschoßzonen mit Geschäften und Lokalen. Das belebt den Platz und trotzt der harten Ästhetik.
Einen freundlichen Gegenpol zur grauen Asphaltfläche bildet der kleine Platz um den alten Brunnen, der von Bäumen, Bänken und schöner Pflasterung umgeben ist.
Öffentlicher Raum im Umbruch
Bei der Gestaltung von Straßen, Gassen und Plätzen war Wien über Jahrzehnte hinweg wahrlich kein Meister. Viel mehr als Asphalt und ein wechselndes Arsenal aus mehr oder minder attraktivem Straßenmobiliar – Bänke, Lampen, Poller usw. – war da nicht. Ähnlich problematisch verhielt es sich mit der Flächenverteilung: viel Platz für den Autoverkehr, wenige autofreie Straßen und Plätze, schlechte Radinfrastruktur.
Seit etlichen Jahren gewinnt der öffentliche Raum aber an Bedeutung. Der Klimawandel erzwingt ein Umdenken, Begrünung wird wichtiger, die Anforderungen an den Straßenraum steigen, etwa durch den zunehmenden Radverkehr. Vielleicht zeigt sich an dieser Stelle auch ein Mentalitätswandel: Das Leben verlagert sich mehr draußen, was durchaus auch mit der Erwärmung des Klimas, der Zuwanderung nach Wien und dem Bevölkerungswachstum zu tun haben kann. Darauf muss die Stadtpolitik reagieren und die Verteilung und Gestaltung des öffentlichen Raums auf ein neues Niveau bringen.
Während viele Wiener Straßen und Plätze in den letzten Jahren erneuert wurden, tut sich beim Siebenbrunnenplatz noch nichts. Dabei hat der Platz sogar das Potenzial zu einem Bezirkszentrum: er wird von der Bevölkerung durchaus angenommen, einige Geschäfte und Lokale beleben den öffentlichen Raum und in der Mitte befindet sich ein schöner alter Brunnen. Weitere Stärken: die zentrale Lage und vor der nahtlose Übergang zur Reinprechtsdorfer Straße.
Mit der Verlängerung der U-Bahn-Linie 2 und den entsprechenden Bauarbeiten im Bezirk ergibt sich die Chance, den öffentlichen Raum grundlegend umzugestalten und neu aufzuteilen. 2023 wurde bereits ein Teil der angrenzenden Reinprechtsdorfer Straße umgebaut. Während die neuen Bäume, die Sitzgelegenheiten und die helle Pflasterung die Einkaufsstraße aufwerten, ist die Umgestaltung in anderen Punkten weniger geglückt: nach wie vor viel Platz erhält der Autoverkehr, der Transit durch den Bezirk ist immer noch ein Problem. Diese Schwachstellen können noch beseitigt werden, zumal ein Großteil der Straße erst auf einen Umbau wartet.
Wie umgestalten?
Der Siebenbrunnenplatz ist bereits eine Fußgängerzone. Es geht also bei einer Neugestaltung nicht mehr vordergründig um Verkehrsberuhigung, sondern um Begrünung, Detailgestaltung und die Attraktivierung der Erdgeschoßzonen im Umfeld. Ideen und Wünsche der Bevölkerung wurden in einer winzigen Aktion gesammelt: „Bei 2 Werkstätten im Herbst 2019 brachten 90 Anrainer*innen 80 Wünsche und Ideen ein“ – so die Webseite der Stadt Wien. Gewünscht wurden: mehr Sitzmöglichkeiten, konsumfreie Räume, mehr Grünflächen und der Erhalt des offenen Charakters des Platzes (für Feste und Veranstaltungen).
Hier einige darüber hinausgehende Ideen:
- Maßvolle Entsiegelung: keine zu großen offenen Rasenflächen, Flächen für Büsche und dergleichen – um den Platz für Fußgänger und Veranstaltungen nicht zu verkleinern
- Mehr Bäume, Freihalten der Platzmitte, keine bloßen Blumenbeete (Grünflächen ohne Bäume)
- Einheitliche Pflasterung des Platzes mit hellen Natursteinen; versickerungsfähiger Belag, um Regenwasser zu den Bäumen zu leiten (Schwammstadtprinzip)
- Radverkehr: baulich ausgeführter Radweg an der Hinterseite des Platzes (bei der Kohlgasse)
- Sitzbänke: typische Wiener Parkbänke statt klobiger Sitzmöbel
- Erhalt der bestehenden Straßenlaternen
- Erhalt des alten Bodenbelags um den Brunnen
- Entfernung/Versetzung/Verkleinerung der großen Schaltkästen
- Stopp des Transitverkehrs: Vergrößerung des autofreien Platzes in die östliche Siebenbrunnengasse hinein, die abschnittsweise zur Fußgängerzone werden könnte. Dazu Teilung der Reinprechtsdorfer Straße für den Kfz-Verkehr (Durchfahrt nur für Busse).
- Bürgerbeteiligung: War das Abfragen der Ideen und Wünsche von 90 Personen im Jahr 2019 ausreichend und aussagekräftig? Braucht es einen Neustart bei der Beteiligung?
Platzgestaltung anderswo
Soll der öffentliche Raum neu gestaltet werden, muss das Rad dabei nicht neu erfunden werden. Es reicht ein Blick hin auf andere Bezirke und über die Landesgrenzen hinweg. Aus vielen Best-Practice-Beispielen können gut funktionierende Elemente herausgepickt und neu angeordnet werden. Relevant sind u.a. diese Fragen:
- Ist genug Platz für Fußgänger?
- Ist der Platz barrierefrei (ohne hohe Gehsteigkanten usw.)?
- Inwieweit ist Begrünung und damit Beschattung gegeben?
- Ist der Platz stark kommerzialisiert (z.B. durch Gastgärten) oder mit Autos zugeparkt?
- Wie sieht es mit der Nutzung der Erdgeschoße der angrenzenden Häuser aus?
- Gibt es genügend Sitzplätze und wie ist das Design der Bänke?
- Wie sehen Bodenbelag und Straßenbeleuchtung aus?
- Passt das Design des Platzes zu den umgebenden Häusern?
Hier einige Inspirationen aus Wien:
Kopenhagen ist als lebenswerte und moderne Stadt bekannt. Auch der öffentliche Raum spiegelt das wider:
Bei der Gestaltung historischer Plätze bietet Italien eine Fülle an Beispielen:
Die Stadt Valencia (Spanien) hat viele freundliche Plätze zu bieten:
Einige Impressionen aus Brüssel:
In der Begrünung, Gestaltung und Verteilung des öffentlichen Raums nehmen die Niederlande eine Vorreiterrolle ein:
Fotos
- Plaça del Mercat (2022): RdA Suisse, CC BY 2.0
- Gråbrødretorv (2019): Jens Rost, CC BY 2.0
- Rue du Vieux Marché aux Grains (2014): Chris Yunker, CC BY 2.0
Alle nicht gekennzeichneten Fotos sind (c) Georg Scherer/wienschauen.at
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