Historische AKH-Kliniken: Petition gegen Abriss

Zwei historische Kliniken des Wiener Allgemeinen Krankenhauses sind vom Abriss bedroht. Mit einer offiziellen Petition setzen sich WienSchauen.at, Initiative Denkmalschutz, die Österreichischen Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege und viele Bürger/innen und für den Erhalt der Kliniken ein. Anfang Februar 2020 wurden die erforderlichen Unterschriften erreicht (Link zur Petition). Jetzt ist das Anliegen in Bearbeitung. Sobald es Antworten der zuständigen Abteilungen gibt, wird dieser Beitrag aktualisiert.

Trotz starker Kritik sind die Abrisspläne leider weiterhin aktuell. Immer noch ist die historische I. Medizinische Klinik (Foto unten) akut bedroht. Im Folgenden gibt es alle Infos zu den Kliniken.

I. Medizinische Klinik, historisches Klinikgebäude des Wiener AKH, Architekt: Emil Förster, eröffnet 1913
Dunkle Wolken über der I. Medizinischen Klinik: Der Abriss droht

Verfall seit vielen Jahren

Die beiden historischen Kliniken gehören zu den letzten noch erhaltenen Altbauten am Gelände des neuen AKH. Zwar haben sie die Abrisswellen in den 1960ern und den frühen 2000ern überstanden (mehr Infos weiter unten), doch sind sie seit vielen Jahren augenscheinlich dem Verfall ausgesetzt. Doch anstatt sich um eine Sanierung und neue Nutzung zu kümmern, wollen AKH, Medizinische Universität und damit auch die Stadt Wien die beiden Gebäuden abreißen lassen.

Alle Infos in Kürze

Welche Gebäude sollen abgerissen werden?

Zum Abriss vorgesehen sind die I. Medizinische Klinik und die Kinderklinik. Beide wurden zur selben Zeit (1909-1911) und im gleichen Baustil errichtet und gehen auf die Pläne desselben Architekten zurück (Emil von Förster). Die I. Medizinische Klinik könnte schon unmittelbar vor der Demolierung stehen, denn auf Abriss wurde schon angesucht.

Wo sind die Gebäude?

Die historischen AKH-Kliniken befinden sich zwischen den Bettentürmen (AKH-Neubau) und dem Alten AKH (Campus der Uni Wien), im 9. Bezirk, bei der Lazarettgasse bzw. Spitalgasse.

Die rot eingezeichneten Gebäude sollen abgerissen werden (Karte: ©ViennaGIS, bearbeitet)

Warum will das AKH die historischen Kliniken abreißen lassen?

AKH und Medizinische Universität Wien planen die Errichtung eines Forschungszentrums anstelle der historischen Gebäude. Doch anstatt die vorhandenen Gebäude zu sanieren und adaptieren, wie auch beim Alten AKH, soll es zu einem Totalabriss kommen.

Kann der Abriss noch verhindert werden?

Ja. Noch ist es zu keinen Abbrucharbeiten gekommen. Da die Gebäude im Eigentum der Stadt Wien stehen, kann die Stadtregierung die Abrisspläne sofort stoppen und eine Sanierung in die Wege leiten. Ein Machtwort von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker ist jetzt dringend vonnöten.

Stehen die Gebäude unter Denkmalschutz?

Nein. Der lange Zeit bestehende Denkmalschutz wurde in den 1980ern aufgehoben, wodurch die Kliniken jetzt weniger gut vor einem Abriss geschützt sind. Jedoch sind Umbau und Sanierung dadurch auch viel einfacher und günstiger – was wiederum für den Erhalt der Gebäude spricht.

Gibt es ein Gesetz, das den Abriss verhindern kann?

Ja, seit 2018 gilt in Wien für alle vor 1945 errichteten Häuser ein verbesserter Abriss-Schutz, wenn die Gebäude erhaltenswert sind. Auch die historischen AKH-Kliniken fallen unter diese Gesetzesnovelle.

Sind die Kliniken erhaltenswert?

Ja. Die Magistratsabteilung für Architektur (MA 19) hält die Kliniken für erhaltenswert und hat dem Abbruch folglich nicht zugestimmt. Trotzdem versucht die technische Direktion des AKH weiterhin die I. Medizinische Klinik (Foto unten rechts) abreißen zu lassen. Die Entscheidung der MA 19 soll quasi “umgangen” werden, indem die Klinik als abbruchreif eingestuft wird. Letztlich wurde durch die anscheinend über Jahre laufende Vernachlässigung der Gebäude dieser Zustand gleichsam herbeigeführt oder zumindest nicht verhindert. Jetzt ist die Baupolizei am Zug, die letztlich den Abbruch bewilligt oder nicht.

Warum sollten die Gebäude erhalten werden?

1) Die vorhandenen Gebäude lassen sich für neue Zwecke adaptieren: Unzählige Beispiele zeigen, dass auch Altbauten für moderne Nutzungen geeignet sind (Fotos weiter unten). Forschen, Arbeiten und Wohnen finden in Wien zum großen Teil in Gebäuden statt, die vor den 1950ern erbaut wurden. Warum also nicht auch bei den historischen AKH-Kliniken?

2) Schutz für Altbauten muss auch für Gebäude im Eigentum der Stadt Wien gelten: Seit 2018 gelten strengere gesetzliche Regeln zum Schutz alter Häuser in Wien. Private Eigentümer können nun nicht mehr so einfach ihre erhaltenswerten Altbauten abreißen lassen. Die Stadtregierung hat versprochen, Verfall und Abriss alter Häuser einzudämmen, um das schöne Wiener Stadtbild zu erhalten. Sollte die Stadt also nicht mit gutem Beispiel vorangehen und auf ihre eigenen Gebäude besonders achtgeben, anstatt sie einfach niederzureißen?

3) Ein bedeutender Wiener Architekt hat die Gebäude geplant: Emil von Förster hat zahlreiche bedeutende Gebäude in Wien geplant. Neben dem für Förster typischen monumentalen Historismus finden sich bei den AKH-Kliniken auch Jugendstil-Elemente.

4) Die Kliniken sind wichtige Zeugnisse der Medizingeschichte: Große Persönlichkeiten wie Theodor Escherich (Entdecker des E. coli-Bakteriums), Clemens von Pirquet (prägte den Begriff Allergie) und Karel Frederik Wenckebach (bahnbrechende Forschungen im Bereich Kardiologie) haben in den Kliniken gewirkt und waren auch an den Planungen der Gebäude beteiligt.

5) Erhalt ist ressourcenschonend: Beim Abriss eines alten und dem Bau eines neuen Gebäudes werden beträchtliche Ressourcen verbracht. Die Baumaterialen, die in der Gründerzeit verwendet wurden (Ziegel, Holz, Bleche) sind heute oft kaum noch wiederverwendbar und meist ein Fall für die Mülldeponie. Bei Sanierung eines bestehenden Gebäudes können nicht nur Rohstoffe eingespart werden, sondern auch durch behutsamen Aus- und Aufbauten neue Flächen gewonnen werden, ohne die umliegenden Bäume und Grünflächen zu reduzieren. Was wäre Wien heute, hätte nach 1945 einfach das Prinzip Abriss und Neubau regiert? Stünden die Prachtbauten der Ringstraße heute noch?

Können historische Gebäude auch zeitgemäß genutzt werden?

Ja, eine zeitgemäße Nutzung ist einwandfrei möglich, sogar in denkmalgeschützten Gebäuden. Beispiele:

Was sagen die Medien dazu?

Es steht der Vorwurf im Raum, dass die Kliniken abbruchreif gemacht wurden. Sprich: Das AKH sei der Erhaltungspflicht nicht nachgekommen. – Der Standard, März 2019

Denkmalschützer protestieren [gegen den Abriss], handelt es sich doch um über 100 Jahre alte Gebäude, die I. Medizinische Klinik und die ehemalige Kinderklinik, nach den Entwürfen des Ringstraßenarchitekten Emil von Förster. Kritisiert wird außerdem, dass die Gebäude absichtlich nicht gepflegt und instand gehalten worden seien. – Der Standard, April 2019

Es ist ein Widerspruch: Auf der einen Seite hat sich die Stadt Wien vorgenommen, historische Gebäude zu schützen, und deshalb 2018 eine Novelle der Bauordnung beschlossen, wonach jeder Abriss von Häusern, die vor 1945 errichtet wurden, eigens genehmigt werden muss. Auf der anderen Seite lässt sie historische Kliniken auf dem Areal des AKH in Wien seit Jahren verfallen – mit dem offensichtlichen Ziel, einen Zustand der Gebäude zu erreichen, der sie nicht mehr erhaltenswert macht. – Der Standard, April 2019

Wer war der Architekt der Kliniken?

Beide Kliniken sind Spätwerke des Wiener Ringstraßenarchitekten Emil von Förster (1838-1909), der auch die Pläne für das Palais Dorotheum (1. Bezirk), das heutige Hotel Regina (neben der Votivkirche) und das abgebrannte Ringtheater lieferte. Weitere Beispiele siehe unten.

Gab es schon früher Abrisse am AKH?

Ja, die allermeisten alten Gebäude sind bereits abgerissen. Die riesige “Landesirrenanstalt am Brünnlfeld” war ein Prachtbau aus dem Jahr 1852. In den 1960ern wurde das Gebäude gesprengt und restlos zerstört. Heute befinden sich hier die beiden Bettentürme. Auch das historische Portal gibt es heute nicht mehr.

Auch in jüngerer Zeit gab es noch Abbrüche: Die Universitätsklinik für Kehlkopf- und Nasenkrankheiten und der ein Trakt der Kinderklinik wurden Anfang der 2000er-Jahre abgerissen. Sie waren nach Plänen Emil von Försters gebaut worden.

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(Die Reihung der Parteien orientiert sich an der Anzahl der Mandate im Dezember 2019.)

Quellen und weitere Infos

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